Nikos erzählt…. Anruf aus Australien.

Nikos erzählt…. Anruf von Karlheinz.

Karlheinz, mein alter Kumpel, der nach Australien ausgewandert ist, meldete sich nach einigen Wochen Stillstand.

Dank modernster Technik sitzt er in seinem Wohnzimmer in Australien und ich in der Nähe von Pforzheim und wir reden nicht nur miteinander, wir können uns auch noch sehen. Klar sage ich ihm nicht, dass er sichtlich gealtert war. Wir sind gleichaltrig und ich habe Angst von einer Retourkutsche.

„Was ist denn in Deutschland los?“ fragte er mich.

„Hier in den australischen Medien und auch auf Twitter wie auf Facebook wird zitiert, dass die Kanzlerin Merkel sich eine braune Bluse angezogen hat und einen Staatsstreich in Griechenland plante, und ihr Finanzminister wird als Sensenmann gesehen. Menschen in aller Welt lassen ihrer Abscheu gegen den deutschen Politiker freien Lauf. Zwar gibt es 19 Euro-Länder, doch das Meiste bekommt Deutschland ab. In einer italienischen Zeitung konnte man von „ EU-Reichsführer Merkel“ lesen.

„Du hast recht“, sagte ich zu Karlheinz. „Die deutschen Politiker haben sich nicht mit Ruhm bekleckert, aber ich möchte doch deutlich davon Abstand nehmen, wenn Bilder von KZ- Häftlingen in Verbindung mit der Bundeskanzlerin zu sehen sind. Überall ist zu lesen, dass Deutschland ein Kredithai sei, der versucht, Griechenland kaputt zu machen. In Spanien wurde sogar zum Boykott auf deutsche Waren aufgerufen. Die Worte des Ökonomen Jeffrey Sachs sind nicht zu überlesen, der in der New York Times schrieb: Griechenland mag inkompetent sein, aber die Führer der deutschen Regierung sind grausam. Es sei besser, Deutschland scheidet aus der Eurozone aus als Griechenland.

Der Nobelpreisträger Paul Krugmann schrieb sogar: Der Forderungskatalog der Euro-Gruppe ist Wahnsinn. Die Verbindung zu Karlheinz wurde für wenige Sekunden gestört, dann war er wieder deutlich zu hören und zu sehen.

flag-pins-australia-greece„Tsipras tappt doch auch in jedes Fettnäpfchen,“ meinte Karlheinz. Ok, ich darf in Griechenland nicht wählen und kann aus der Distanz sicherlich vieles differenzierter sehen. Tsipras, der Politneuling, dachte, dass ein kleines Land wie Griechenland den mächtigen Wirtschaftsbossen Paroli bieten könne. Er hat es versucht und hat Mut bewiesen. Mut, die Wahrheit auszusprechen. Mut, aufzustehen und die Wahrheit zu wiederholen. Weil Wahrheit das Einzige ist, was man mit Geld nicht kaufen kann. Für kurze Zeit allemal, jedoch nicht auf Dauer. Er hat es geschafft, dass in unzähligen europäischen Städten Menschen auf der Straße mit griechischen Fahnen demonstrierten und „Wir sind Griechenland“ riefen. Er hat es geschafft, die Saat der Gerechtigkeit zu säen und mit Geduld und Behutsamkeit wird diese Saat zur großen Macht gedeihen.

Ob Tsipras erpresst worden sei, höre ich von allen Seiten. Aber ich weigere mich, das zu glauben, schließlich dementiert das die Bildzeitung und die muss es ja wissen.

Auf einmal war die Verbindung zu Karlheinz abgebrochen, aber ich sah auf dem Bildschirm, dass Kostas online war. Ich wählte ihn an und ich sah das Banner, das bei ihm im Wohnzimmer hängt:

„Lieber Gott, wir haben nur ein Leben, danke dass ich es als Grieche leben darf.“

Euer Niko


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