Nikos erzählt… der alte Esel.

Geschichten von Kreta

Im antiken Griechenland war der Esel das Symbol für Faulheit und Starrsinn. In den USA haben ihn die Demokraten als Maskottchen und bei den Gebrüdern Grimm spuckt ein Esel vorne und hinten Goldstücke aus.

Wir befinden uns auf Kreta in einem kleinen Dorf auf der Lasithi- Hochebene. Ein alter Esel, festgebunden im Niemandsland, fällt uns auf. Wir hatten gehört, dass alte Esel, die nicht mehr arbeiten können, ausgesetzt werden. Viele werden über Klippen gestürzt, andere an einem Baum festgebunden, viele landen in italienischen Schlachthöfen. Die Alarmglocken schlugen in uns an. Das ist bestimmt so ein armer, alter, kranker Esel, der gerettet werden muss. Einige Tage zuvor sind wir beim „Donkey Sanctuary“ in Lefkogia vorbeigefahren und haben uns wirklich positiv überraschen lassen, dass hier für herrenlose, alte Esel, die von ihren Besitzern verstoßen werden, ein Heim gegründet wurde.

Was tun?

In unser kleines Mietauto passte der Esel nicht rein. Dank der Elektronik -sie lebe hoch- haben wir von der Stelle, an der der arme, kranke total ausgehungerte Esel festgebunden war, mit Hilfe unseres Smartphones Längen- und Breitengrade festgestellt und fuhren zum nächsten Ort, keine fünf Kilometer entfernt.

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Nico: „Der alte Esel“.

„Viele der Esel werden geschlagen, ihre Gelenke sind von der harten Arbeit kaputt. Manche können bei ihrer Ankunft in der Station kaum stehen oder gehen. Aber auch ihre Seele ist kaputt,“ sagte man uns im Donkey Sanctuary. Schließlich bin ich ein geborener Grieche und kenne mich in der Tierwelt aus, und deshalb habe ich das Tier nicht angefasst, habe lediglich versucht, es zu beruhigen, indem ich ihm Worte zurief wie: „Ist ja gut Alter“, bald hast du es besser Eselchen“. Weiter hörten wir, dass Esel intelligent und sensibel sind und wer ihr Vertrauen gewinnt, dem zeigt der Esel seine wunderbare Seele.

Ungefähr 400 Euro kostet im Monat das Tierfutter für die ganze Eselsfarm und dazu kommt noch die medizinische Versorgung. Esel können bis zu 40 Jahre alt werden, aber die meisten verenden nach dreißig Jahren, weil die Winter auf Kreta feucht und kalt und die Tiere sehr geschwächt sind.

Inzwischen waren wir, es war Mittagszeit, ins Dorf gefahren. Die meisten Dorfbewohner hatten ihre Mittagspause begonnen, wir fanden jedoch einen jungen Vater, der mit seinen zwei Töchtern im Vorgarten Wassermelone aß. Davor war ein Dreirad mit Anhänger zu sehen, für uns das optimale Gefährt, einen Esel auf die Eselsfarm zu verfrachten. Wir begrüßten die Familie, inzwischen kam auch die Mutter nach draußen, als sie Stimmen hörte. Wir stellten uns vor und berichteten von dem alten, kranken Esel und dass wir den Mann bitten würden, ihn zu der besagten Eselsfarm zu bringen, es würde sich ja verstehen, dass die Benzinkosten von uns getragen würden. Er fragte uns, wo der Esel sei, wir versuchten es ihm zu erklären. Entweder wollte er uns nicht verstehen, oder meine Navigationsbeschreibung war unzureichend. Schließlich einigten wir uns, dass er fünfzig Euro bekommen solle. Er stieg auf sein Gefährt, wir in unser Auto und fuhren zurück, um nach wenigen Minuten wieder beim Esel zu sein.

Als wir anhielten, sahen wir, wie die zwei Mädchen, sie mussten so acht und zehn Jahre alt sein, zu dem Esel sprangen, ihn herzten und streichelten. Der alte, kranke Esel freute sich regelrecht über die Streicheleinheiten und den Apfel, den ihm das kleinere Mädchen vor die Nase hielt. Ich möchte meine Schmach hier abkürzen. Dieser alte, kranke Esel war gerade mal drei Jahre alt, sehr gut ernährt und war keineswegs ausgesetzt, sondern stand, zwar festgebunden, auf der Weide, die dem Großvater gehörte. „Das ist Manos“, sagte uns der Mann. „Kommen Sie ruhig näher, er lässt sich gerne streicheln.“

OK, hier ist jetzt der Punkt gekommen, nicht als Entschuldigung, sondern zur Erklärung, um zu sagen, dass ich vorher nicht viele Hausesel gesehen hatte. Andere in übertragenem Sinn jedoch genügend.

Kostas, mein Cousin, hat sich später köstlich über diese Geschichte amüsiert und sagte: „Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben, danke dass ich es als Grieche leben darf.“

Euer Nico


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