Nikos erzählt…. „Einmal noch“.

Nikos erzählt…. von einem Abend in Heraklion

Wir saßen an einem Juli Abend in unserem Hof in Heraklion, tranken Raki und ließen den Tag Revue passieren. Wir waren zunächst zu viert, als Manos und seine Frau dann doch noch gekommen sind obwohl er bis weit nach 21:00 Uhr hat arbeiten müssen. Lefteris Schicht bei Quick endete auch um diese Zeit, so dass er einige Pita-Brote mit Souvlaki und Bifteki brachte und wir somit auch die richtigen Mezedes zum Schnaps hatten.

Der Tag war durch die Nachricht eines schweren Busunglücks geprägt. Über zwölf Tote, und mehrere Verletzte kämpften noch im Venzelio Krankenhaus und in der Uni-Klinik um ihr Leben. „Wir helfen uns gegenseitig. Das ist es doch, was einen Menschen ausmacht,“ sagte Tante Filareti und Eleni wie auch manch anderer in der Runde nickte zustimmend.

„Aber wenn ich noch einmal könnte,“ fuhr Filareti fort, „dann möchte ich noch einmal mit meinem Tasso, Gott hab ihn selig, die Akropolis besuchen.“ Manos meinte daraufhin, dass wenn er etwas noch einmal erleben möchte, dann wäre es der Blick von Tenia, als er ihr den Heiratsantrag machte. Bald war jeder dabei, einen Wunsch auszusprechen und die waren so unterschiedlich wie diese Runde in unserem Hof.

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Die Festung Koules in Heraklion.

Da waren Aussagen wie:

– Einmal noch sollte mir dieses Stifado gelingen, von dem meine Schwester nach dreißig Jahren immer noch spricht.

– Einmal noch möchte ich, dass die Kinder so klein sind, dass ich ihnen den Hintern wieder einmal richtig kneifen kann.

– Einmal noch möchte ich Casablanca sehen und mich mit nassen Augen nach Ingrid Bergmann sehnen.

– Einmal noch möchte ich am Koules bis ganz zum Schluss gehen und danach bei „Ligo Krasi“ einen Liter Retsina trinken.

– Einmal noch möchte ich Dimitra sagen, dass ich sie sehr liebe und das Hania und Iraklion keine Welten voneinander entfernt sind.

– Einmal noch möchte ich das Konzert von Maheritsas im Kalimarmaro erleben und dabei in der ersten Reihe sitzen.

– Einmal noch möchte ich im Stadion sitzen und unser Mittelstürmer soll den entscheidenden Elfmeter links oben in die Maschen knallen.

– Einmal noch würde ich gerne ein Schulkind sein und mit meinem heutigen Wissen Klassenarbeiten schreiben.

Kein einziger in der Runde äußerte den Wunsch, im Lotto zu gewinnen oder eine unerwartete Erbschaft zu erhalten. Es sind die kleinen Wünsche, die einem helfen, das Leben zu meistern. Wünsche und Sehnsüchte, Begehren und Hoffnungen.

An diesem Abend, als wir alle im Hof saßen und die traurige Nachricht des Busunglücks verarbeiteten, gab es keine Eifersüchteleien und Kleinkriege, es gab keine Missgunst und Demütigungen. Bis dato hatte jeder etwas gesagt, nur Kostas meinte: „Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben. Danke dass ich es als Grieche leben darf“.


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