Nikos erzählt… „Im Cretan Family Restaurant“.

Kleine Geschichten von Kreta

Kreta ist für Jung und Alt, für Reiche und weniger Betuchte, für Männlein und Weiblein oder irgendetwas dazwischen. Kreta hat für Jeden etwas zu bieten. Da ich nun nicht unbedingt der Gruppe der Jugendlichen zwischen 18 und 25 angehöre, habe ich bisher erfolgreich vermieden, Urlaub in Malia zu machen. Malia ist der Partyort auf Kreta und wer Essen, Trinken, und das Dritte im Bunde als Urlaubswünsche ausgesucht hat, für den ist Malia gerade richtig. Die allabendliche Party beginnt kurz nach Mitternacht und endet mit den ersten Sonnenstrahlen. Kollateralschäden sind die eine oder andere Alkoholleiche, meist junge Leute mit britischem Pass.

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in Malia

Aber es gibt auch das andere Malia, und das erlebten wir, als der Hunger wieder meine Sinne benebelte und wir an einem Grill mit brutzelndem Lamm vorbeifuhren, ja aber nur hundert Meter vorbei, um wieder zurück zu kommen zu dem Speiselokal Cretan Family, in dem uns ein freundlicher Mensch empfing. Er sprach uns zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch an, um uns schließlich, als wir ihm auf Griechisch antworteten, in seiner Heimatsprache willkommen zu heißen. Als am Nebentisch ein russisches Paar bezahlte und einen Abschieds-Raki erhielt, sagte ich, bei uns in Deutschland gibt es einen Willkommens-Raki. Sekunden später war eine Eineinhalb Literflasche von eben diesem Getränk samt drei Gläsern auf dem Tisch zu finden.

„Willkommen, trinkt so viel ihr wollt“, sagte der Wirt, schenkte uns und sich selbst reichlich ein und wir prosteten uns zu. Ich überspringe die Zeremonie des Bestellens, des Verspeisen der Köstlichkeiten und komme zu etwas, was es sicherlich nur auf Kreta bzw. Griechenland geben kann. Als ich zur Toilette wollte, sah ich durch ein Fenster in die Wirtstube und sah ein Bett, in dem ein alter Mann um die neunzig lag und mir den Rücken zu streckte. Zurück an unserem Tisch erzählte ich es meiner Frau, und der Wirt meinte, dass es sein Vater wäre, „O Kirios Nikos“.

„Das trifft sich gut“, sagte ich, „ich heiße auch so“. „Darauf trinken wir noch einen Raki“ meinte der Wirt, „mein Sohn“, dabei zeigte er auf einen etwa zehnjährigen Jungen, der um die Ecke kam, „der heißt auch Nikos“. Die Tatsache, dass der Hof des Restaurants voller Gäste und wie üblich im Sommer die Wirtsstube leer war, und der alte Herr Nikos in seinem Bett machten mich schwermütig. „Ich gehe Deinen Vater begrüßen,“ sagte ich zum Wirt. Dieser, sichtlich erfreut, nickte zustimmend.
Der alte Herr Nikos erhob sich, als ich kam, und setzte sich auf sein Bett.

„Bleiben Sie, bleiben Sie“, sagte ich, “ich wollte Sie nur begrüßen.“ Ich erzählte ihm, dass wir in Deutschland leben und einige Tage auf Kreta verbringen. Ich sagte ihm, dass sein Essen sehr köstlich sei, was ihn sichtlich stolz machte. Er bat mich, ihm aufzuhelfen und führte mich in den Hinterhof. Dort war eine Art Baracke, darin hingen zwei Lämmer. „Hier, fass mal an, das ist frisches Fleisch, bei uns gibt es nur frisches Fleisch!“ Er nahm meine Hand und ich hatte die Freude, das kühle, rohe Fleisch anfassen zu müssen!

„Ich habe vor vierzig Jahren das Lokal eröffnet und das hier ist mein Leben. Am späten Abend gehe ich heim, aber tagsüber bin ich hier.“ Wir waren inzwischen zurück und er legte sich erschöpft wieder hin. Er nahm meine Hand in seine beiden Hände und bedankte sich herzlich bei mir. Als ich mit seinem Sohn den fünften oder sechsten Abschieds-Raki trank, wünschte ich ihm und seinem Vater ein langes Leben. „Der alte Mann und sein Lokal haben mich beeindruckt“, sagte ich später zu meiner Frau. „Er lebt mittendrin und ist glücklich. Er ist dabei und nicht abgeschoben.“

Wie sagt mein Cousin Kostas: Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben, danke dass ich es als Grieche leben darf.

Euer Niko


streamplus.de

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4 Kommentare

  1. danke für die schöne wahre Geschichte-hat mich sehr berührt und nachdenklich gemacht
    deshalb komme ich immer wieder zurück nach Griechenland-echo nostalgia….

  2. In 3 Wochen werden auch wir bei Jorgos und Aris und natürlich Papa essen gehen.
    Leider war der Papa im Mai sehr krank, schön um hier zu lesen, dass er wieder zu Hause ist!
    Danke auch für den positieven Bericht aus Malia und von unserer Kreta Familie! Malia ist nicht nur Partymeile (wir kommenseit 15 Jahren) sondern hat auch das flair von Kreta mit seinen stolzen Kretensern!

  3. Leider habe ich gestern die traurige Nachricht bekommen, dass der liebe Nikos in der letzten Woche gestorben ist.
    Er wäre wahnsinnig stolz auf diesen Beitrag gewesen.

Kommentare sind geschlossen.