Nikos erzählt…. „Vom Liebeswahn auf Kreta“.

Nikos erzählt „Vom Liebes-Wahn“

Letzten Sommer machten wir einen Trip nach Kato Asites und Ano Asites. Hier findet man auch das berühmte Kloster Gorgolaini. Die beiden Dörfer mit ca. 3500 Einwohner liegen am Osthang des Psiloritis auf ca. 480m Höhe.

Aus Ano Asites stammt der vielleicht berühmteste Kapetanios (Führer einer Andartes-Gruppe) Emmanouil (Manolis) Bandouvas. Er rekrutierte viele Andartes aus der Region. „Der Anführer des nationalen Widerstands in Kreta“ lautet seine Biographie*, die auch auf Deutsch übersetzt ist.

Liebe auf Kreta

Es war Mittagszeit und wir saßen in einer kleinen Taverne, als wir das Gesprächsthema am Nachbartisch mitbekamen und schließlich nach dem vierten Raki mitsprachen. Es waren Antonis und Georgios, die uns von der betagten Paraskevoula berichteten. Sie, inzwischen zweiundsiebzig, liebte den Dorfpopen Nektarios, der wiederum ihre Liebe ignorierte, da er, inzwischen auch weit in den Siebzigern, seit fünf Jahren Witwer, seiner lieben Frau auch nach ihrem Tod treu bleiben wollte.

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Geschichten von Kreta: Nikos und Helga in Kato Asites.

Der Pope war exakt vierzig Jahre mit seiner Frau verheiratet gewesen. Man berichtete uns, dass die liebestolle Rentnerin, die sehr viele Äcker, Weideflächen und Olivenhaine besaß, eine gute Partie wäre, sie jedoch nie geheiratet hatte, weil sie nur ihren Jugendfreund Nektarios wollte.

Liebe im Sauerland

Es lag an der Natur der Sache, dass jeder seinen Senf zu diesem Thema gab und ich eigentlich die Geschichte auch vergaß, bis mir in einer Tageszeitung ein Artikel auffiel. Dort war zu lesen, dass in einer saurländischen Kleinstadt eine Seniorin seit 15 Jahren einem Pastor nachstellt. Das Ganze endete vor dem Landgericht und die Seniorin wurde aufgrund von nicht vorhandener Zurechnungsfähigkeit vom Stalking-Vorwurf freigesprochen.

Weiter war zu lesen, dass der Geistliche befürchtet, dass er weiter täglich Anrufe und SMS bekommt, Rosen vor dem Pfarrhaus findet, Luftballons in Herzform an seiner Tür hängen und Reizwäsche sowie Phallus-Symbole in seinem Vorgarten liegen werden. Im Urteilsspruch stand, dass es für die Rentnerin zum Sinn ihres Lebens geworden war, dem Pastor ihre Liebe zu bekunden. In der Begründung war weiterhin zu lesen, dass sich vermutlich erst dann etwas ändern wird, wenn die Frau körperlich nicht mehr dazu in der Lage sei, sich dem Liebes-Wahn so massiv zu widmen. Als ich gestern Abend mit Kosta telefonierte meinte er:

Να μου το πεις το σ‘ αγαπώ και πάλι,
Να μου το πεις, η αγάπη είναι ζάλη

Bitte sag mir, daß Du mich liebst
Sag mir, dass die Liebe duselig macht

Ich gebe es zu, die Übersetzung ist nicht ganz korrekt, aber Kosta hatte recht. Die Worte Liebe und duselig kennen keine Grenzen. Dieser Liebeswahn ist auf Kreta wie auch im Sauerland zu finden. Kostas fuhr fort: „Lieber Gott, wir haben doch nur ein Leben. Danke, dass ich es als Grieche leben darf“.

Euer Niko


streamplus.de

* Antonis Sanoudakis hat 1977 die Biographie von Bandouvas dokumentiert. Das Buch ist auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Kapitän Manolis Panduwas – Der Anführer des nationalen Widerstands in Kreta – seine Erinnerungen an den Kampf“, in der Übersetzung von Inge van Meerendonk 1984 beim Knossos-Verlag Athen erschienen.

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