Obst und Gemüse – Exportschlager aus Griechenland

Von Jahel Mielke, Tagesspiegel.de

„Von Krise ist bei uns nichts zu spüren“, sagt Nektarios Marathakis, der stolz neben Paletten seiner biologisch angebauten Zucchini, Gurken und Paprika steht. Mehr als 3000 Kilometer hat er von der griechischen Insel Kreta zurückgelegt, um auf der Fruchthandelsmesse Fruit Logistica in Berlin Händler und Kunden von seinen Waren zu überzeugen. Marathakis ist Mitbegründer der Erzeugervereinigung Aspersa, die Obst und Gemüse von rund 140 kretischen Biobauern vermarktet. „Während in Griechenland gerade viele Betriebe durch die Krise pleitegehen, hatten wir im vergangenen Jahr ein Umsatzwachstum von 35 Prozent“, erzählt Marathakis, der von der Westseite der Insel stammt.

Grundlage für den Erfolg der Landwirte ist der Export – vor allem nach Österreich und Deutschland. „Mittlerweile verkauft Aspersa knapp 70 Prozent der produzierten Biowaren ins Ausland, 2013 sollen es 80 Prozent werden“, sagt Marathakis. Über Zwischen- und Großhändler landen seine kretischen Biokürbisse oder Zucchini bei deutschen Supermarktketten wie Rewe, Edeka, Aldi oder Metro.

Eigentlich wollte Marathakis gar nicht Landwirt werden. Er verließ als junger Mann den Hof seiner Eltern, ging nach Athen, um sich als Bauingenieur ausbilden zu lassen. Später arbeitete er im Marketing verschiedener internationaler Konzerne, etwa beim Nahrungsmittelkonzern Pepsico und dem Versicherer Alico. 1998 entdeckte er auf einer Landwirtschaftsmesse einen Stand für Bioobst und -gemüse, das zu der Zeit in Griechenland noch wenig verbreitet war. „Das war eine Marktlücke, das fand ich spannend“, sagt er. Marathakis kehrte zurück nach Kreta und begann 1998 mit einem Schulfreund, das Land der Eltern biologisch zu bewirtschaften: zehn Hektar Felder und Gewächshäuser im Nordwesten der Insel bei Kissamos. Zunächst verkauften sie ihre Waren nur in den Nachbardörfern, dann auf der ganzen Insel. Als das Geschäft gut lief, mieteten sie ein Packhaus, um Obst und Gemüse in die Supermärkte auf dem Festland zu bringen.

Mit der Zeit folgten ihnen auch andere Bauern im Umfeld und stellten auf Bioanbau um. So gründete Marathakis mit seinem Schulfreund die Erzeugergemeinschaft Aspersa. „Durch das Netzwerk schaffen wir viele Synergien, von der Verpackung bis hin zur Vermarktung“, sagt er. Zudem gebe es strenge Richtlinien für die Produktion von Bioprodukten, hier bräuchten manche Familienbetriebe Unterstützung. Allerdings ist gerade wegen der kleinbäuerlichen Struktur die Umstellung auf Bio auf Kreta leichter als in vielen anderen Regionen, wo es industrielle Landwirtschaft gibt. „Auch unsere Eltern haben schon in gewisser Weise Biolandwirtschaft betrieben, ohne es so zu nennen“, sagt Marathakis.

Die Biobauern kommen gut durch die Krise: Ihre Waren sind in Deutschland und Österreich gefragt.

Generell bietet das ganze Land gute Bedingungen für den Bioanbau. „Es gibt wenig Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden, weil es kaum Großindustrie gibt“, erklärt der deutsche Agraringenieur Johannes Eisenbach. Er siedelte sich Mitte der 90er Jahren in Kalamata auf dem griechischen Festland an, um dort biologische Lebensmittel anzubauen. Auch er vernetzte sich mit anderen Biolandwirten und gründete zu Beginn des Jahrtausends das Exportnetzwerk Omen. Mittlerweile haben sich rund 800 Landwirte und acht Erzeugerverbände dem Netzwerk angeschlossen, auch Aspersa gehört seit 2006 dazu. „Die meisten Biolandwirte sind kleine Familienbetriebe, die für den Export einen unverhältnismäßig hohen Aufwand betreiben müssten“, erklärt Eisenbach. Zudem könnte jeder für sich die Mengen, die die Händler suchten, gar nicht aufbringen. Omen verhandelt im Namen der Erzeuger in Deutschland, Österreich und Dänemark mit den Einkäufern, hilft bei dem Aufbau von Packhäusern und kümmert sich auch um die Logistik. Die Bauern im Netzwerk setzten 2012 zehn Millionen Euro mit dem Export um – 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Dass die Logistik besonders problematisch sein kann, weiß auch Landwirt Marathakis zu berichten. Denn auf Kreta sind die Straßen kaum ausgebaut, die bergige Landschaft sorgt für lange Transportwege und schließlich verlässt das Gros der Waren per Schiff die Insel. Manchmal, so erzählt der Kreter, streiken die Fährarbeiter. Dann stapelt sich das Obst und Gemüse am Hafen. Erst kürzlich marschierten rund hundert Bauern aus den Bergen in die Hafenstadt Heraklion, um die Fährarbeiter zu bitten, ihren Streik zu beenden.

Auch wenn das Geschäft gut läuft, klagt Marathakis über die Sparmaßnahmen in Griechenland. „Ständig gibt es neue Sondersteuern, die Banken geben kaum noch Kredite und unser Einkauf ist viel teurer geworden.“ Er hofft, dass die Belastungen nicht weiter steigen. Schließlich ist der Preisdruck in der Landwirtschaft hoch, besonders seit auch Großerzeuger wie Brasilien und Argentinien stärker auf Bioproduktion setzen.

Am Messestand in Berlin erzählt Marathakis, wie er die Krise im Alltag spürt. Denn die Lage in Griechenland spitzt sich immer stärker zu. In dieser Woche lieferten sich in Athen rund 5000 Menschen Rangeleien um Obst und Gemüse, das Bauern umsonst auf der Straße verteilten. Früher verarbeiteten die Landwirte auf Kreta Waren, die nicht der EU- Norm entsprachen – krumme Gurken oder verwachsene Tomaten – zu Tierfutter. „Heute“, erzählt Marathakis, „kommen täglich arme Familien und bitten um Ausschussware.“ Auch im Packhaus wird häufig nach Jobs gefragt, erzählt er. Manche Arbeitssuchende könnten bald Erfolg haben: Aspersa baut derzeit eine neues Packhaus, unterstütz von der EU, weil die alte Halle wegen der hohen Nachfrage nicht mehr ausreicht. Noch in diesem Jahr soll sie in Betrieb genommen werden, und dann entstehen in Kissamos rund 50 neue Jobs.

Mehr Infos hier: Biozeus.gr


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