Paleochora: Die Geschichte des Kastells.

 

Gute Quelle: Das Buch „Paleochora (Ein Rückblick in die Vergangenheit)“, von Nikolaos Pyrovolakis.

1210 wurde ganz Kreta den Venezianern unterworfen, damals war „Chandaka“ (Heraklion) die Hauptstadt.  Es war nur natürlich, dass sie sich direkt mit der Befestigung der „Megalonissos“ (der großen Insel – megalos = groß, nisi = Insel) beschäftigt und die Küsten hauptsächlich gegen jede feind- und räuberischen Überfälle absicherte. 

Den alten Burganlagen fügten sich neue hinzu und setzten unter der Aufsicht von Aufsehern, den sog. Kastellanen, Wächter ein. Nach diesen kleinen Befestigungen wurden auch die Kastellanien, d.h. die Provinzen der Insel genannt, deren Namen bis heute erhalten sind, z.B. Miarbello, Malewisi, Monofazi, Kenurion, Pirjotissa, Selino usw. Das kretische Volk hat sich diesen europäischen Eroberern nicht ohne zurückzuschlagen, nicht kampflos, gestellt. Von Zeit zu Zeit gab es einige lokale Aufstände, die das Werk der Venezier beträchtlich erschwerten. 

Rund um Paleochora

Da wir uns hier allerdings auf die Gegebenheiten des Bezirks rund um Paleochora beschränken und uns diesmal ausschließlich mit der hiesigen Geschichte beschäftigen, muss erwähnt werden, dass der Aufstand der „Chortatsis“ (1273-1277) in Chandaka – dem heutigen Heraklion – vorausging. 

Nach der Niederschlagung dieser ernstzunehmenden Revolte, befestigten die Venezier einige wesentliche Küstenorte der Insel. Zu dieser Zeit erbauten sie auch die Burg, von der hier die Rede ist, die sie dann zum Zentrum  und Stützpunkt „gegen die Widerstände und Revolten der Heinheimischen“ machten, wie der Historiker Wassilis Psilakis meint. 

Selino Kasteli Karte

In früherer Zeit, d.h. bevor das Kastell erbaut wurde, wurde der Bezirk um Paleochora auch „Orina“ (= gebirgig) genannt – entsprechende Bezeichnungen findet man heute auch in venezianischen Schriften, so z.B. gemäß dem Professor für venezianische Geschichte G. Gerola die folgenden: Orna, Arna, Narna. Diese Bezeichnungen, die alle im engeren oder weiteren Sinne „gebirgig“ ausdrücken,  trifft auf die Topografie und Bodenbeschaffenheit der Gegend außerordentlich gut zu.

Die aufständischen und mutigen Bewohner dieses Gebietes wurden auch nach der Zerschlagung des o.g. Aufstandes der „Chortatsis“ nicht friedlicher. Überhaupt wurde die venezianische Herrschaft in den gebirgigen, abgelegenen Regionen des Südwestens der Insel nicht sehr akzeptiert – an allen Revolten (und derer gab es viele!) nahmen fast alle Einwohner der betreffenden Orte aktiv teil und blieben auch noch aufständisch, als das übrige Kreta bereits schon wieder friedlich war, so der Geschichtsprofessor Stefanos Xanthoudidis

Aus diesem Grund richteten die Venezier ihr Augenmerk und Handel natürlich ganz besonders auf diesen Teil der Insel – und nachdem sie ihn dann mit Gewalt unterworfen hatten, erbauten sie in den Jahren 1280-1282 das sog. „Selino“, unser heutiges „Kastell“.

Gewöhlich übernahmen die Venezier die einheimischen Ortsbezeichnungen, statt eine Festung, ein Dorf, eine Siedlung oder gar eine Stadt umzubenennen. In diesem Kastell setzten sie Wächter und „Kastellana“ (Aufseher) ein, um die kriegerischen und Aufständischen Einwohner der Gegend zu beaufsichtigen und leichter unter Kontrolle zu haben. Nach dem Kastell – der Burg – wurde später der ganze Bezirk genannt: Selino. 

Selino Kasteli
Das Kastell in Paleochora.

Die Burg wurde im Norden der Akropolis (Felserhöhung) auf der südlich von Paleochora gelegenen Landzunge erbaut. Bei seiner ersten Erbauung hatte sie eine riesige Flächenausdehnung. Sie war viereckig, aber asymmetrisch und die längste Seite erstreckte sich über mehr als 200 m. Der sie umgebende Wall war 9 m hoch, mit 2 Türmen an der Südseite und einem größeren in Richtung Norden.

Die Wallmauern wiesen der Länge nach Stellungen und Schießscharten für Gewehre und Kanonen auf. Im Inneren befanden sich die üblichen Armeebauten, feste Behausungen für die Offiziere, die unabdingbare Kirche, Waffenlager und eine Zisterne für frisches Wasser. Die Vertiefung, die sich noch heute in der Mitte des ehemaligen Burghofes befindet, wurde von den Veneziern aller Wahrscheinlichkeit nach als Getreidespeicher genutzt. 

Von diesem ehemals so großartigen Bau ist heute an der Nordseite nur noch eine 35m lange  Mauer mit venezianischen Schießscharten übrig, die erst kürzlich von der Gemeinde Paleochora wieder aufgebaut wurde. Es sind auch noch an verschiedenen Stellen im Umkreis der alten Anlagen Ruinen erhalten, sowie die Grundmauern dieser alten, riesigen Burg. 

Nach dem Venezier Marinos Gradenillos, der im Jahre 1277 als hoher Beamter mit 3 Kriegsschiffen, jeder Menge Proviant und einem gut ausgebildeten Heer nach Kreta gekommen war, wurde Wlasios Tenos zum Kommissar von Kreta benannt.

1332 startete Alexios Kallergis einen wilden Aufstand auf der Insel. Hier im Südwesten wurde dieser von Warda Kallergi weitergeführt. An ihm nahmen rund 5.000 Sfakioten, „Risiten“ (vom Fuß der Madares Berge), Kissamiten und viele Selinobewohner teil, denn die Bewohner dieser Gebiete waren sehr unzufrieden mit dem ausländischen Eroberer und auch verbittert, denn der Herzog erlegte den Christen eine zusätzliche hohe Steuer auf, um in seinem Verwaltungsgebiet eine sichere und wirksame Verteidigung zu gewährleisten – vor allem natürlich, um sich selbst in seinem einträglichen Amt zu halten.

Und – Überraschung! – die als ungerecht empfundene Steuereintreibung und der Missbrauch der Gelder durch die zuständigen Beamten, führten verständlicherweise zu Aufständen und Unruhen in vielen Teilen der Insel. Hat sich ja nicht viel geändert seit damals….

Wardas Kalligeris, besagter Nachfolger des Alexios Kallergis, schaffte es mit einem mutigen und gut organisierten Anschlag, das Kastell Selino einzunehmen und sowohl den Oberbefehlshaber Ermolao Welenio incl. dessen Familie und seiner kleinen Garde zu töten. Kallergis, der einer der „echtesten“, treuesten und einflussreichsten Familie Kretas angehörte, wurde während dieser Unruhen allerdings ermordet. Die Venezier köpften ihn nämlich und schickten seinen Kopf ihrem Anführer, dem Herzog. 

Nach vielen weiteren Protesten sahen die Venezianer offensichtlich doch ein, dass die Unterdrückung durch den Feind und die im Allgemeinen ungerechte Behandlung vor allem der Bergbevölkerun, unmenschlich waren – diese Einsicht mag auch daher gekommen sein, dass gerade die Bewohner der abgelegenen und schwer zugänglichen Regionen eher unnachgiebig und nicht zu weiteren Kompromissen bereit waren.

Die Zentralregierung sah sich gezwungen, Verbotsschreiben bezgl. überhöhter Steuern und unverhältnismäßiger Strafen an die Aufseher dieser Gebiete zu versenden. Somit beruhigte sich die Lage in unserer Provinz weitgehend und dadurch fanden die Venezier auch im Jahre 1334 wieder Gelegenheit, nicht nur die Burg, sondern auch die gesamte Siedlung um diese herum wieder aufzubauen. 

Diese Siedlung ist unter dem Namen „Bourgo“ bekannt geworden und deckte damals sowohl die Bedürfnisse der Burgbewohner wie auch die der Arbeiter, Händler und Handwerker der Ortschaft ab. Noch heute wird Bourgo als die erste Siedlung Paleochoras bezeichnet. Jahre und Jahre vergingen in relativem Frieden, allerdings hielt auch hier das Schicksal neue Leiden und neues Unheil bereit, und zwar in Form von einfallenden Türken (1453), einem starken Erdbeben mit ca. 30.000 Toten (1508) und der Pest, die 1523 in Chandakas tobte und rund 26.000 Tote forderte.

Die ersten Siedlungen verfielen, ganze Gegenden verödeten und wurden damit zum Ziel und Opfer wilder und oft unorganisierter Überfälle. So zerstörte der algerische Pirat Chairedin Barbarossa unsere Gegend in einem Angriff – danach war es nicht mehr leicht, die ehemalige Glorie wiederzuerlangen. 1595 baute der Adelige von Chania, Benetto Dofin, erneut auf – allerdings nicht so, dass sie feindlichen Angriffen dauerhaft standhalten konnte. 

1645 gelang es dann den Türken, sich im ganzen Kreis Chania auszubreiten und griffen, nachdem sie sich 8 Jahre später hier in Sicherheit fühlten, vom Land und Wasser her die seliniotische Burg an und schafften es auch, sie zu erobern. Dabei ging es ihnen weniger um die ziemlich verfallene Festung, als vielmehr deren wichtige Lage, die wesentlich zur Absicherung und Vorherrschaft in diesem Gebiet beitrug.

Deshalb fing man anfänglich eher provisorisch mit der Ausbesserung der Burg an und nutzte die Räumlichkeiten, die weitestgehend unzerstört geblieben waren, für ihre eigenen Bedürfnisse. Den Getreidespeicher der Venezier funktionierten sie beispielsweise in eine Zisterne um – und da sie bekanntermassen ja nun mal viele Jahre dort blieben, unternahmen sie später auch Erweiterungen und Veränderungen.

Nach dem berühmten Aufstand von 1866-1869 bauten die Türken auch noch einen militärischen Festungsturm an, erreichten noch weitere Anlagen und huben viele Gewölbe aus, in denen sie Kriegsmaterial wie Dynamit und Waffen lagerten. Besagter Festungsturm, auf dessen Spitze selbstverständlich die türkische Flagge wehte, diente nicht nur der Verteidigung, sondern auch der Überwachung und Nachrichtenübermittlung an andere Wachposten, da man immer mit der Gefahr eines Piratenüberfalls bestand.

Die Türken unterhielten die Burg bis in´s Jahr 1897, als sie (endlich) unser Gebiet verließen. Dennoch gingen noch weitere 16 Jahre in´s Land, bis Kreta offiziel befreit und mit dem übrigen Griechenland vereint wurde. In diesen 16 Jahren und noch weitere 30 Jahre darüber hinaus blieb die Festung unbesetzt – und auch ohne jegliche Bestimmung. 

Die deutsche Fahne

Aber am gleichen Mast, an dem vormals die türkische Flagge im Wind flatterte, wurde 1941 die deutsche Fahne gehisst – und wieder mal wurde man von ausländischen Feinden besetzt und unterdrückt. Die Deutschen hatten natürlich auch schon sehr früh die wichtige strategische Lage des Kastells erkannt und nutzen diesen Ort – genau wie die vorherigen Eroberer – hauptsächlich zur Überwachung der Südwestküste der Insel.

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Während der gesamten Dauer der deutschen Besatzungszeit spielte die Festung und die sie umgebende Gegend, eine bedeutsame Rollle in den Plänen und Zukunftsphantastereien der deutschen Eroberer. Nachdem Deutschland seinen General Rommel mit dem Ziel, Ägypten einzunehmen nach Libyen ausgeschickt hatte, begann Paleochora eine entscheidende, strategische Rolle  an der Südküste zu spielen. Ende 1941 begannen die Deutschen jetzt systematisch mit der Befestigung und ganz allgemein mit der Erschließung des ganzen Gebietes um die Fortezza.

Dazu zwangen sie die Bewohner von Paleochora und der übrigen Gemeinden der Provinz, sich jeden Tag über einen langen Zeitraum hinweg, an diesem Ort einzufinden. Verpflichtet zur Zwangsarbeit wurden alle Bewohner im Alter von 16-70 Jahren (ca. 200 Menschen/Tag), erst mal jeweils für 10-15 Tage, bis sie dann noch weitere Male an der Reihe waren.

Wie oft das vorkam entsprach dem Bedarf bei der Befestigung von Bauwerken oder der Erschließung der Gegend. Sich zu widersetzen zog fürchterliche Folgen und Auflagen nach sich. Wenn man z.B. aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten konnte, war man gezwungen, sich direkt von jemandem mit persönlicher Haftung ersetzen zu lassen.

Auch das einfache Ausbleiben einer Person zog harte Strafen nach sich, u.a. die Abgabe einer großen Menge an Naturalien, allmähliche Beschlagnahmung des Besitzes oder gar die Zerstörung – gerne durch Sprengung – des Hauses des Betreffenden. Die Wachsoldaten gingen äußerst grob mit den zu den harten körperlichen Arbeiten gezwungenen, hungrigen und gepeinigten Sklaven um. 

Dies konnte alles passieren, weil jeder deutsche Soldat ungestraft brandstiften und töten, Tiere und Ernte stehlen, jegliches Haus incl. Mobiliar beschlagnahmen, Zwangsarbeit auferlegen und Massenstrafbefehle erlassen konnte. Die neue „deutsche“ Festung hatte nur ein einziges Tor, das rund um die Uhr bewacht wurde und nachts geschlossen war.

Um den Hügel herum waren 6 Luftabwehrgeschütze aufgestellt – um die Lufthoheit zu kontrollieren, hatte man ein für die damalige Zeit hochmodernes, 40 m hohes Radargerät installiert, das von den Einheimischen bezeichnenderweise „Schwarzer Teufel“ genannt wurde. Im Inneren der Burg dienten unterirdische Bunker zur Lagerung von Kampfmaterial – es gab auch Maschinengewehrstellungen. 

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Bei all dem Leid, das diese Maßnahmen über die Einwohner der Gegend brachte, gelang es den findigen Kretern aber natürlich auch, ihren kleinen Nutzen zu ziehen, denn das tägliche Versammeln der Zwangsarbeiter am immer gleichen Platz bot selbstverständlich auch Gelegenheiten zur geheimen Verständigung.

Dadurch konnte sich eine recht effektive Widerstandsbewegung organisieren, die mit kleineren Sabotageakten von Einzelnen oder in kleinen Gruppen durchgeführt wurden. Nützliche Informationen wuden geheim zum Wachpunkt in den „Madare“ und von dort in den mittleren Osten der Insel weitergeleitet. 

Nach und nach begannen die Deutschen dann auch unruhig zu werden, mussten sie doch dauernd von hier nach da hetzen, um die telefonischen Verbindungen wieder herzustellen, deren Drähte und Kabel ein „unsichtbarer“ Feind immer wieder durchschnitt. Gerne auch wurden Mahlzeiten von Sirenen unterbrochen, weil mal wieder eine Explosion oder Sprengung stattgefunden hatte.

Einen Kreter macht man nun mal nicht ungestraft zum Sklaven!

Aber da gab es ja auch noch die Alliierten, die den Kretern während der Besatzungszeit oft zur Seite standen und gar Seite an Seite mit ihnen gegen die verhassten Deutschen kämpften. Sie sicherten den Inselbewohnern oft die modernen Möglichkeiten der Kommunikation wie Funk und Radio, die diesen bis dato völlig unbekannt waren.

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Diese alliierten Mitstreiter waren oft angesehene Gäste in kretischen Häusern, auch wenn die Angst groß und der Tod bei Entdeckung sicher war – trotzdem oder grade deswegen ließen sich die tapferen Kreter auch in dieser Situation ihre traditionelle Gastfreundschaft, ihre Filoxenia, nicht nehmen – mehr noch: sie galt sogar als patriotische Pflicht!

Und heute? Was stellt diese Burg „Selino“ heute für den Einzelnen dar? Nun, das geharnischte, kriegerische Anssehen der Burg hat sich komplett verändert, die friedliche und so gar nicht mehr kriegerische Atmosphäre zieht jeden Besucher in ihren Bann – nicht zuletzt wegen der beeindruckenden Aussicht auf die vormals militärisch, heute bestenfalls noch von Touristen umkämpfte Südküste von der Landzunge „Krios“ im Westen bis hin zur „Messara weit östlich von dort. An klaren Tagen kann man tatsächlich die beiden dem Küstenort Agia Galini vorgelagerten Inseln „Paximadia“ mit dem bloßen Auge erkennen!

Mit all diesen historischen Hintergründen über das Kastell Selino, das – zwar als Ruine, aber dennoch – auch heute noch über Paleochora wacht, haben wir selbst mal wieder den kleinen Aufstieg zur Burg absolviert und alles, was wir bereits kannten nun mit ganz anderen Augen gesehen.

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