Paleochora11

Pit erzählt: Flüchtlinge – Menschen – Freunde.

Pit erzählt:

Flüchtlinge – Menschen – Freunde

Schöne Matakis (Verschlußdeckel einer Meeresschnecke) haben wir am Strand von Paleochora gesammelt und vielen Menschen damit ein Geschenk gemacht, feine Erinnerungen und Glücksbringer. Herrlich, wenn uns beim ausgiebigen Strandgang das Meerwasser die Füße umspülte und wir bei ablaufendem Wasser wieder ein Mataki erspähten. Es war für uns ein Gesundlaufen am Meer.

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Nun sind wir wieder zu Hause auf festerem Boden, aber Matakis haben wir auch hier stets in der Tasche. Heute habe ich meinen drei syrischen Schülern je einen Glücksbringer geschenkt und ihnen an einem Schneckenhaus die Aufgabe des Verschlußdeckels demonstriert.

Ja, Glück sei ihnen jetzt vergönnt hier in Deutschland, meinen drei syrischen Freunden Kaled, Abed und Ali. Im letzten Oktober haben wir uns kennengelernt.

Wie kam es eigentlich dazu?

Meine Frau und ich wohnen in einer hessischen Kleinstadt an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, am Fuße des Westerwaldes.

Vor unserer letztjährigen Oktoberreise nach Paleochora hatte ich mich in unserem Rathaus in eine Liste als ehrenamtlicher Helfer für Flüchtlingsarbeit eingetragen. Als Nr. 101 würde ich wohl nicht berücksichtigt werden. Da hatte ich mich aber sehr geirrt. Schon nach wenigen Tagen in Paleochora erreichte mich eine mail meiner Schwägerin: „Pit wird gesucht. Flüchtlinge sind angekommen; kann er ihnen Sprachunterricht erteilen?“
Ich habe sofort zugesagt, eine wunderbare Aufgabe für einen seit 13 Jahren pensionierten Lehrer. Es gibt nichts Schöneres, als im Alter noch eine Aufgabe zu haben und gebraucht zu werden.

Nach unserer Rückkehr habe ich dann sofort mit meiner so gewohnten und geliebten Tätigkeit begonnen. Neben afghanischen Flüchtlingen, mit denen ich mich auf englisch von Beginn an gut verständigen konnte, waren mir vor allem drei syrische Flüchtlinge anvertraut worden. Das seien Analphabeten, ob ich es mir zutrauen würde? Ich habe es mir zugetraut, und es ist überaus erfolgreich. Bald hatte ich gemerkt, dass nur Ali zum ersten Mal in seinem Leben das Schreiben und Lesen erlernte. Kaled und Abed konnten arabisch schreiben und lesen. Auf englisch konnten wir uns nicht verständigen.

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Also haben wir von Anfang an mit den von mir vorbereiteten Buchstabenkärtchen gearbeitet und zunächst das deutsche Alphabet erlernt. Dafür hatte ich einige Tüten Russisch Brot mitgebracht, und bei jedem richtig geratenen Buchstaben durfte dieser dann auch gegessen werden. Bald danach hatte ich bei meinen Freunden in ihrer Buchhandlung ein arabisch-deutsches Bildwörterbuch entdeckt, wobei mir die Lautschrift dazu verhalf, dass ich mir Wörter und kleine Sätze in arabisch zusammenstellen konnte. So ging es Schritt für Schritt weiter.

Meine Schüler sind überaus fleißig, und heute kommen sie schon gut mit der deutschen Sprache zurecht, eine Unterhaltung beim gemeinsamen Kaffeetrinken ist möglich. Überrascht waren meine Frau und ich, als Kaled und Abed bei uns anriefen und sich wegen eines Behördentermins für die nächste Unterrichtsstunde auf deutsch entschuldigten.

So haben wir uns in den vergangenen Monaten kennen und schätzen gelernt. Wir sind Freunde geworden und besitzen jetzt viele praktische Hilfsmittel zur Kommunikation. Neulich habe ich einen Text auf Abeds Handy gesprochen und eine angenehme weibliche Stimme hat ihn umgehend auf arabisch vorgetragen. Ja, Siri macht es möglich!

Für meine Freunde bin ich sowohl Lehrer als auch Kumpel und vor allem Freund.

Das erste deutsche Wort, das Abed vor einiger Zeit mit den Wortkärtchen zusammensetzte, war „Mutter“. Da habe ich schon schlucken müssen.

Ich weiß, dass ich meinen drei Freunden, Kaled 40 Jahre, Ali 28 und Abed 24 Jahre, viel gebe, aber ich bekomme es verstärkt zurück. Sie sind auf der Balkanroute nach Deutschland gekommen und haben an Schlepper für die Bootsüberfahrt von der Türkei nach Griechenland 1000 bzw. 1100 $ (Dollar) bezahlt.

Für mich waren es zunächst unbekannte Flüchtlinge, Menschen auf der Flucht, dann besondere Menschen und zuletzt vertraut gewordene Freunde. Sie haben mein Leben bereichert.

So kann ich etwas von dem weitergeben, worüber wir oft mit unseren Freunden in Paleochora gesprochen haben. Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Toleranz und Solidarität sollten unsere gemeinsamen Werte in Europa sein.

Menschen aus vielen Nationen in ihrem friedlichen Miteinander haben mir in Paleochora gezeigt, dass es möglich ist.

Yassas, Euer Pit.


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Ein Kommentar

  1. Damit die EU nicht an der Flüchtlingskrise zerbricht und die Reisefreiheit im Schengenraum weiterlebt, gibt es nur einen Ausweg: eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise. Mit einem wirksamen Schutz der europäischen Außengrenzen. Mit einer gerechteren Verteilung von Flüchtlingen und der Option, dass die unwilligen Länder sich anfangs freikaufen können. Und mit mehr europäischem Engagement in Syrien und an anderen Krisenorten.

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