Taenzer Paleochora

Pit erzählt: von Wohlfühlorten.

Wohlfühlorte – eine ganz persönliche Erzählung, von Pit Tönnemann.

Oft fühle ich mich an Worte von Joachim Ringelnatz erinnert:

„Erwirb dir viel und gib das meiste fort.
Viel zu behalten, hat den Wert von Sport.
Behalte Dinge, die du innigst liebst,
bis du sie gern an Freunde weitergibst“

Dinge, die mich berührt haben, die ich besonders lieb gewonnen habe, sind mit ganz speziellen Orten und Personen verknüpft. Gern habe ich diese Erfahrungen an Freunde weitergegeben.

Angefangen hat es vor genau 50 Jahren. Im Internationalen Studienlager des Roten Kreuzes in Lisno bei Prag hatte ich Freundschaft mit einem jungen Medizinstudenten aus Brünn geschlossen. Ein Jahr später hat mich sein Vater bei einem Besuch umarmt und gesagt, dass er jetzt noch einen weiteren Sohn habe.

Mein Freund hat nach der Promotion als Chirurg am Krankenhaus in Valtice begonnen. Noch heute betreut er dort Patienten und leitet die chirurgische Ambulanz.

Auch für mich und meine Familie wurde Valtice in Südmähren zu einem besonderen Ort. Die Verhältnisse des Kalten Krieges zwischen Ost und West, Unfreiheit und letztlich auch Fluchtgedanken, haben unsere Freundschaft in besonderem Maße geprägt und uns immer ein Schlupfloch („Ein Loch im Zaun“) für Hilfe und Unterstützung gelassen.

Ich weiß heute, dass für mich immer ein Zimmer im Haus meines Freundes frei ist!

Ein 74jähriger Chirurg und ein 76jähriger Realschullehrer sind schließlich zu Brüdern geworden. Über diese wunderbare Freundschaft in einer unruhigen Zeit habe ich ein sehr persönliches Buch geschrieben. Valtice ist ein besonderer Ort in meinem Leben, an dem ich nach schweren Schicksalsschlägen meine Seele immer wieder auffrischen konnte.

Körper und Geist zu regenerieren, das haben wir in vielen Sommerwochen auch an der Jammerbucht in Nordwestjütland geschafft. Lönstrup in Nordwestjütland ist ebenfalls ein besonderer Ort. „Gamle Skole Vennebjerg“ hatten wir in einem Prospekt gelesen und uns spontan für dieses Feriendomizil entschieden. Die „Alte Schule“ machte ihrem Namen alle Ehre und wurde von fünf liebenswerten Menschen bewohnt, mit denen uns bald eine innige Freundschaft verbunden hat.

Karsten war Kunstmaler und vom Verkauf seiner Bilder hat die Familie gelebt.

Feriengäste waren da sehr willkommen. Wir haben uns in den schon in die Jahre gekommenen Gemächern mit den alten und oft abgenutzten Möbeln sehr wohl gefühlt, und für die Kinder war der verwilderte ehemalige Schulgarten ein herrlicher Abenteuerspielplatz. Das tägliche Schwimmen im Meer und die salzhaltige Luft an der auch im Sommer oft rauhen Nordseeküste haben uns jeweils für die kalten und häufig regnerischen

Wintertage zu Hause abgehärtet.

Der Geruch von Ölfarbe und Firnis in den Räumen der Gamle Skole ist mir noch heute in der Nase. Einige der farbenprächtigen, an Edvard Munk erinnernde Ölgemälde hängen bei uns zu Hause, dazu die vielen von Lizzy angefertigten Keramiken.

Wohlfühlorte sind aber nicht immer nur Ausruhorte, da kann einem auch schon einmal etwas abverlangt werden. Hinterher ist man dann stolz auf das Vollbrachte – auch das ist Wohlgefühl. Ich denke hierbei an Wolkenstein im Grödnertal und einige riskante Skiabfahrten rund um das Sella-Massiv. Sogar an extremen Bergscharten haben wir vor vielen Jahren unser Können getestet. Stolz und Wohlgefühl machten sich breit, wenn wir wieder im Tal angekommen waren.

Wenn nun jeweils im Dezember Weltcuprennen aus Südtirol übertragen werden, dann ist auch uns der Streckenverlauf noch in bester Erinnerung. Im Familienverbund haben wir die Sella Ronda mehrmals auf Skiern befahren, und darum ist Wolkenstein im Grödnertal für uns ein besonderer Wohlfühlort. Nun ist es jedoch mit solch extremen Touren vorbei. Unserem Alter gemäß lassen wir es jetzt ruhiger angehen. Leichte Wanderungen, Schwimmen, Gymnastik, Pflanzenexkursionen und Treffen mit Freunden, ansprechende Unterhaltungen und gegenseitiges Respektieren bestimmen nun den Wert des Ferienortes.

Und da ist Paleochora der absolut richtige Ort.

Hier habe ich nach langer Krankheit wieder Kraft getankt, äußerlich und innerlich wurde ich runderneuert, und eine für mein Alter neu gewonnene Aktivität hat mich viele Projekte angehen lassen. Ich schreibe Geschichten, habe ein Buch geschrieben, lese viel, unterrichte Flüchtlinge und bin politisch sehr wachsam. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die Flüchtlingskrise und der Rechtsschwenk in Europa bewegen mich sehr. In unserem kleinen Hotel in Paleochora sind wir ein Häuflein Gleichgesinnter. Das gibt Mut, diese Gedanken weiter zu tragen, und darum ist Paleochora ein absoluter Wohlfühlort.

Abgerundet wird meine Erzählung nun mit einem Besuch bei meinen Freunden in ihrer urgemütlichen Buchhandlung in einem schön restaurierten Fachwerkhaus, verborgen am Hüttenplatz in Dillenburg. Wilhelm von Oranien, der Befreier der Niederlande, wurde in Dillenburg geboren.

Ruebezahl

Besondere Merkmale der Buchhandlung Rübezahl sind die tiefhängenden Decken, die verwinkelten Räumlichkeiten, die Holzbalken, unzählige gefüllte Bücherregale und ein einladender runder Tisch, verborgen hinter einem Pfeiler. Hier steht eine stets gefüllte Kaffeekanne auf dem Tisch und es trifft sich täglich eine illustre Schar, Freunde und Bekannte mit unterschiedlichen Gaben und Interessen. Dementsprechend sind die Unterhaltungen. Langweilig wird es nie. Herrlich, eine solche Runde!

An diesem runden Tisch kann ich entspannen, mit diskutieren oder einfach nur zuhören und Kaffee trinken. Ein Wohlgefühl per excellence!

Solche Orte müssen unbedingt erhalten bleiben. Das gilt auch für Paleochora. Nicht alles darf der Moderne geopfert werden.

Unverständlich ist uns, wenn an der Promenade die alten Pergolen und Überdachungen abgerissen werden. Gerade sie haben den Charme von Paleochora geprägt. Hoffentlich wütet der Neugestaltungswahn nicht zu sehr!

Das wünscht Euer Pit

Und zuletzt noch das Fazit: Das Wohlgefühl kommt nicht von alleine, man muss auch offen dafür sein und selbst
etwas einbringen.


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