Ein wenig Politik: Die „idiotes“ igeln sich ein

Von Patrick Spät

Die Idioten igeln sich ein

Nicht in der sinkenden Wahlbeteiligung liegt eine Gefahr – sondern im Rückzug ins Private.

Stell dir vor, es sind Wahlen – und jedem sind sie schnurzpiepegal. Jedem? Nicht ganz. Eine aktuelle Studie der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung kommt zu einem klaren Ergebnis: „Aktuell sagen 68 Prozent aus der oberen Schicht, dass sie bei der Bundestagswahl in jedem Fall wählen werden. In der unteren Schicht sind es dagegen nur 31 Prozent.“

Laut der Studie sei dafür nicht der Frust, sondern die pure Gleichgültigkeit verantwortlich. Tja, umso besser für Mutti Merkel, die als sorgsame Glucke ihre wohlgenährten Küken der oberen Schicht zu umgarnen weiß. Konstante 40 Prozent in den Umfragen sprechen für sich.

Aber was sind schon Wahlen? Die fünf Meinungen, die uns CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP und Die Linke per vierjähriger Kreuzchensetzung vor die Nase setzen, sind laut Grundgesetz demokratisch – und in der Praxis diktatorisch. „Zuletzt aber ist es gleichgültig, ob der Herde eine Meinung befohlen oder fünf Meinungen gestattet sind“, schrieb Friedrich Nietzsche. Die Interessen der Menschen perlen an der politischen Klasse ab wie heiße Butter an Teflon. Wir leben in einem Land der Idioten. Mit dem vormals wertfreien Begriff „idiotes“ bezeichnete man im antiken Griechenland Privatpersonen, die sich nicht am politischen Leben beteiligen (durften). Arbeiter, Bettler, Handwerker, Soldaten hatten in der „Wiege der Demokratie“ nichts zu melden.

Heute schaut’s nicht anders aus. Die idiotes sind wohlbemerkt nicht dumm, sie werden für dumm verkauft. Viele idiotes entladen ihren Protest nicht in der Wahlkabine, sondern bei Bloccupy und Co. Der Rest der idiotes aber versackt tatsächlich in der Gleichgültigkeit und zieht sich zurück ins Private. Und genau hier, nicht in der sinkenden Wahlbeteiligung, liegt die Gefahr.

Gleichgültigkeit wird zur Totenstarre

Überall um uns herum sehen wir, wie sich die Menschen zunehmend einigeln; die Begeisterung fürs Kochen und Wohnungseinrichten birgt eine politische Dimension. Kochbücher haben derzeit einen Marktanteil von 40 Prozent, das Lebensart-Magazin „Landlust“ hat eine Rekordauflage von über einer Million, Esoterik-Ratgeber sind die neuen Bibeln der Sinnsuchenden, im Fernsehen zappen wir zwischen Koch- und Einrichtungssendungen – und gucken dabei zu, wie Leute in der Scripted Reality eine neue Wohnung suchen, während in der Unscripted Reality die Menschen auf der Straße betteln. Doch selbst auf der Straße mutieren die idiotes zu rein körperlichen Hüllen, während ihr Geist in die Virtual Reality ihrer Smartphones abgleitet. Auf deutschen Bahnsteigen sieht man Zeigefinger auf Displays tatschen – aber keine zum Protest geballte Faust.

Der Frust der gleichgültigen idiotes entlädt sich schweißtreibend in den Fitnessstudios, wo Frauen danach trachten, wie Heidi Klum auszusehen – und Männer das perfekte Abbild von Arno-Breker-Statuen abgeben wollen. Eskapismus allerorten. Während die Welt in Flammen steht, dekorieren die Gleichgültigen ihr trautes Heim mit neuen Teelichtern. Doch wer nicht Anzeige erhebt gegen die Politik unserer Zeit, der hat den Prozess schon verloren.

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem politischen Leben kann schon bald zu einer Totenstarre führen. Die idiotes verkrümeln sich in ihre neuen Schrebergärten, um Gürkchen anzubauen. Wenn sie sich weiter verstecken, bleiben die Straßen leer. Stell dir vor, es gibt eine Demo und keiner geht hin. Dann sitzen die Idioten in ihren Kleingartenlauben, streicheln abwechseln ihr Smartphone und ihren Bizeps, haben kaum noch was zu futtern – und kochen mit angesagten Promi-Rezepten ihre Gürkchen.

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