Qualitätstourismus: Was ist das eigentlich?

Qualitätstourismus ist in aller Munde.

Für Kostas Normalgrieche bedeutet Qualitätstourist = „guter“ Tourist = viel Geld. Für Banken und Politik bedeutet Tourismus nur Umsatz und Gewinn in Milliarden. Qualität hin oder her.

Für meine Freundin Chrisoula aus Plakias bedeutet es etwas ganz anderes. Da schreibt sie uns hier in einem Brief.

Der Tourist 2018

„Das Thema ausufernder Tourismus ist hier mittlerweile wohl zu einem wunden Punkt geworden. Wie „Anna Chronisti“ es bereits in einem Artikel beschrieben hat, kann ich mich dem Ausspruch „Gott bewahre uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind“ nur anschließen. Aber es sind ja nicht nur die Deutschen.

Der Durchschnittstourist kommt mit ein oder zwei riesen Rollkoffern plus Handgepäck angereist. Bedauerlicherweise hat er aber darin weder seinen Anstand, sein Benehmen, seine Moral, noch seinen Respekt vor der Bevölkerung des Landes, in dem er zu Gast ist, eingepackt.

Sonne, Wärme, Meer – was braucht man mehr um die Freiheit des Urlaubs zu genießen? Mit anderen Worten: man schert sich nun einfach mal einen Dreck um alles.

Der Tourist ist meist mit Badehose oder Bikini bekleidet. In diesem Outfit geht man auch mal eben in den Supermarkt, ist ja sooo warm. Frage: macht Ihr das zu Hause auch? Wenn nein, warum denn dann hier? Und warum geht Ihr in Badebekleidung in eine Taverne? In Australien heißt es: no shirt, no service; auch in den Beach-Bars.

Es ist nicht schön, wenn im Restaurant am Nebentisch jemand seine haarige Brust und seinen haarigen Rücken zur Schau stellt, während man selber vor seinem Teller sitzt und einem der Appetit bei diesem Anblick vergeht. Ein gut gemeinter Rat: zieht Euch was über!

Auf dem Weg zur Taverne: Prost Mahlzeit.

Eine andere Angewohnheit des Touristen ist es, sich in den Städten, die Herren mit freiem Oberkörper und die Damen mit Bikinioberteil über knappen Shorts, zu bewegen. Da frage ich mich doch: was habt Ihr in Euren riesigen Koffern, die Ihr mir Euch rumschleppt und warum zieht Ihr das nicht an? Macht Ihr das zu Hause auch so?

Wohl aus dem Gefühl der grenzenlosen Freiheit heraus entledigt sich der Tourist auch gerne mal an sämtlichen möglichen und unmöglichen Stellen seiner kompletten Bekleidung und exhibitioniert sich jedem, der das alles gar nicht sehen möchte. Bestes Beispiel Souda bei Plakias. Frage: macht Ihr das zu Hause auch? Schon mal einen Griechen gefragt, was er von dem Anblick Eurer Genitalien hält?

Nacktbaden ist hier eben verboten, aber es gibt Strände, an denen es toleriert wird. Also geht doch bitte dort hin! Das sollte mal ein Schwarzafrikaner oder Araber im einem Freibad oder Stadtpark in Mitteleueropa machen! Frage: würdet Ihr in diesem Fall auch die Toleranz zeigen, die Ihr hier von allen erwartet? Der Tourist nimmt sich das hier, mit einer ganzen Menge Respektlosigkeit (oder nur Dummheit?), einfach heraus.

Der Tourist bleibt auch gerne mit seinem Mietwagen genau an der Stelle stehen, von der aus er einen guten Blick auf die bezaubernde Landschaft hat. Vorzugsweise meist hinter einer Kurve. Er macht eine Vollbremsung, reißt die Türen auf, klaubt seine Kamera aus dem Gepäck und läuft mit dem Auge an der Linse fasziniert davon.

Frage: könnt Ihr vielleicht ein wenig an die Seite fahren und die Türen schließen? Wenn die Strassen auch nicht sehr belebt sind, so gibt es doch immerhin noch einige andere Verkehrsteilnehmer. Und, Ihr werdet es nicht glauben, gibt auch hier Verkehrsregeln; z.B. Einbahnstrassen, internationale Verkehrsschilder und mitunter auch Ampeln. Das alles wird doch zu Hause auch beachtet, warum nicht hier?

Der Tourist hat auch keinerlei Bezug mehr zu sozialem Verhalten. Selbst am Strand ist es jetzt wohl für den Touristen üblich, seine Lieblingsliegen – und Schirme und auch den Lieblingsplatz mit seinem Handtuch zu kennzeichnen. Frage: wie asozial ist das denn? Glaubt Ihr wirklich, daß Ihr ein persönliches Recht auf einen bestimmten Platz am Strand habt?

Es hat so den Anschein, als ob der Tourist tatsächlich glaubt, daß er mit seinem Billigflug oder seiner Pauschalreise sämtliche Rechte erworben und meint hier das Sagen zu haben. Ein ganz persönliches Erlebnis hatten wir letzten Oktober: ein Gast unserer Nachbarn plärrte 3m vor unserem Haus herum und so drehten wir das Radio mit schöner kretischer Musik an, um das Geplärre nicht hören zu müssen.

Kurz darauf klingelte es Sturm und ballerte gegen die Haustür. Besagter Touri schrie uns an: was wir uns denn einbilden würden, an einem Sonntag Eisenstangen in den Boden zu schlagen (es musste eine Tomatenpflanze befestigt werden) und diese Musik anzustellen.

Er beschimpfte und beleidigte uns, forderte meinen Freund auf, heraus zu kommen, um sich zu prügeln und als Sahnehäubchen obendrauf drohte er uns noch an: wenn ich Euch das nächste Mal irgendwo treffe, dann seid Ihr dran!

Wie bitte? Frage: was glaubt Ihr wer Ihr seid? Mir persönlich ist es unerklärlich, wie ein Touri so viel Frechheit besitzen kann, ein ansässiges Rentnerpaar zu bedrohen.

Der Tourist stört sich natürlich auch gerne an den bösen Rauchern. Obwohl zu dieser Jahreszeit die Tavernen sämtliche Fenster geöffnet haben und sich der gastronomische Betrieb hauptsächlich draußen abspielt, gibt es doch immer wieder Leute, die auch im Freien den anderen Gästen das Rauchen untersagen wollen.

Erstens mal liegt diese Entscheidung beim Wirt – wenn dort geraucht werden darf, wird dort geraucht, basta! Der Kreter läßt sich ungern etwas verbieten.

Zweitens: das Nichtraucherabteil ist drinnen! Auch im Sommer, auch hier! Also beschwert Euch nicht, die Ihr mit Euren SUVs in den Innenstädten fahrt und Eure Kinder in einem Anhänger am Fahrrad auf Auspuffhöhe transportiert, und lass die Raucher in Ruhe. Euer übermäßig aufgetragenes Parfum kann auch für einen Raucher extrem störend sein.

In diesem Sinne: mal etwas über den Tellerrand schauen und benehmt Euch. Wir sind alle Gast in diesem Land. Schönen Urlaub.“

Eure Chrisoula

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9 Kommentare

  1. Moin und Kalimera, über die riesigen Rollkoffer muss ich auch immer schmunzeln. Ist auch mir immer wieder schleierhaft wie viel Klamotten einige Touris für 1-2 Wochen Urlaub brauchen.

    Was mich richtig nervt, wenn Touris ihren Müll in der Natur, am Strand liegen lassen.

    vg, kv

  2. Wir wurden aus 100 m Entfernung von einem adipösen 2 m im Wasser befindlichen älteren Deutschen (vermutlich Nichtschwimmer) angepöbelt, was Hunde im Mittelmeer zu tun hätten.

  3. Super Bericht genau so ist es, wir regen uns auch immer über diese Sachen auf !!!!!!LG aus Lefkogia

  4. Nun ja – bei vielen Sachen stimme ich zu – Einige benehmen sich wie die Axt im Walde – ich glaube jedoch, dass tun die zu Hause auch. Leider ist die Moral bei einigen Einheimischen aber auch den Bach hinunter gegangen: nervige Gaststättenwerber besonders an der Nordküste, und zum Thema Entkleiden: wird auf der einen Seite die nasse Kleidung, wenn überhaupt, verschämt unter dem Handtuch getauscht, werden z.B. ganz locker mal Riesenpenisse als Flaschenöffner an der Hauptpromenade z.B. in Chania verkauft. Also nicht immer mit dem Holzhammer auf alle (deutschen) Touristen 😉
    PS: sehr informative Seite – Danke dafür!

  5. die Holz-oder Plastikattrappen, stammen wohl aus der minoischen Kultur, sind ja noch ganz witzig. Da hängt wenigstens nicht der scherbäuchige, unästhetische Besitzer noch dran.

  6. Süße Idee mit den Minoern, aber diese Attrappen stammen maximal aus der „chinesischen Kultur“, die gibt es nämlich überall da, wo Touristen ein albernes Mitbringsel suchen. Also auch auf den Balearen, auf den Kanaren und vermutlich sogar in der Karibik. Aber immer wieder schön zu lesen, wer darüber entscheidet, ob ein Mensch ansehnlich ist oder nicht. Diese Ästhetikpolizei macbt dir Welt auf jeden Fall zu einem besseren Ort.

    Ansonsten frage ich mich, wie man einen so selbstgefälligen Text veröffentlichen kann. Diese herablassende Art befeuert die aktuelle Stimmung auf der Welt mindestens genauso, wie die Respektlosigkeit mancher Touristen. Und da ist es nach meiner Erfahrung auch vollkommen egal, wo sie herkommen, Menschen ohne Anstand gibt es leider überall auf der Welt, und tatsächlich auch auf dem wunderschönen Kreta.

    Ich ärgere mich auch häufig über rücksichtslose Touristen UND Einheimische, aber deswegen eine solche pauschalisierende Brandrede ins Internet zu pusten ändert genau gar nichts am Problem.

    Abschließend noch die Frage: Wie darf man denn am Strand die Liege, für die man bezahlt hat, kennzeichnen, wenn nicht mit einem Handtuch? Und muss man seine persönlichen Dinge beim Schwimmen mit ins Wasser nehmen, damit nicht eine Welle des Hasses über einen hereinbricht? Und mit welchem Gepäckstück darf man wie viel transportieren, damit man am besten gar nicht erst wahrgenommen wird, wenn man sein Geld in die Kassen Griechenlands spült? Ohne Rechnunh versteht sich, wer will denn schon so kleinlich sein.

    In diesem Sinne: der Tellerrand krümmt sich auch in die andere Richtung.

  7. Das mit dem Gepäck kann ich nachvollziehen. 3 Hemden, 5 Unterhosen und 5Paar Socken sind auch nach 41 Jahren genug. Auspülen, morgens trocken. Niemand stinkt da, ausser vielleicht Fernsehopfer, die den Gestank sowieso mitbringen. Parfüm ohne Ende.

    Grüsse an meinen Freund Sarkis

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