Schülerproteste wegen Lehrermangels in Paleochora.

Vielen Schülern, Eltern und Lehrern des Gymnasiums und Lyzeums in Paleochora ist nun der Kragen geplatzt: am vergangenen Mittwoch, dem 22.11. legten sie gemeinsam Vorhängeschlösser an die Schule, um gegen den chronischen Lehrermangel zu protestieren.

Schule Paleochora
Protest in Paleochora.

Ihre Hauptforderung ist die direkte und sofortige Einstellung von Lehrern in mindestens sieben (!!!) Fachrichtungen für das Gymnasium und drei für das Lyzeum, die sich beide auf landesweite Fächer beziehen. Seit Beginn des Schuljahres bleiben Kernfächer wie Chemie, Informatik, Englisch und Sekundarstufe für Gymnasialschüler unbesetzt, soll heissen: fallen aus.

Schüler, Eltern und Lehrer bringen ihre Entrüstung zum Ausdruck, indem sie die Schulen in der Region für unzugänglich erklären, weil sie, wie sie sagen, nur so das Problem der chronischen und massiven Unterrichtsausfälle lösen können.

Soweit die Reportage von Vicky Papadogiannaki aus Paleochora in NeaKriti vom 22.11.17.

Hier einige Hintergründe zum griechischen Schulsystem

(Dank an den Griechenlandblog, Danke, Tommy!):

Oberflächlich betrachtet ist das griechische Schulsystem recht unkompliziert: Sechs Jahren Grundschule folgen für alle Schüler 3 Jahre am Gymnasium. Hier ist das Pflichtprogramm zu Ende. Jedoch besuchen fast alle Jugendlichen anschließend noch drei Jahre entweder ein Lyzeum, das ihnen den Zugang zur Uni ermöglicht. Oder sie wechseln auf eine Berufsschule, um eine Berufsausbildung zu beginnen, auch wenn der Terminus „Ausbildungsberuf“ hier eine ganz andere Bedeutung hat, als im Rest Europas.

Der Lehrplan

Griechische Schüler sind einer ziemlich hohen Belastung ausgesetzt. Denn sie sollen einerseits einem modernen, an andere europäische Länder angeglichenen Lehrplan folgen. So stehen neben den klassischen natur- und geisteswissenschaftlichen Unterrichtsfächern auch solche der modernen Technologie auf dem Stundenplan. Andererseits müssen sie auch die Altgriechische Sprache, Literatur und Philosophie beherrschen. Die Odyssee und andere Klassiker des Altertums sind Pflichtlektüre für alle Schüler und sogar eigene Unterrichtseinheiten (Fach „Odyssee“, Fach „Ilias“ etc.).

Fremdsprachen sind ein Muss

Fünf Stunden pro Woche beschäftigen sich Schüler der 8. Klasse beispielsweise mit dem Studium des Altgriechischen, demgegenüber stehen gerade mal zwei Stunden Englisch. Weil aber Fremdsprachen gerade in Griechenland von größter Bedeutung sind, besuchen die meisten Kinder ab der zweiten Grundschulklasse am Nachmittag eine Fremdsprachenschule. Nicht selten beginnen sie später noch eine zweite Fremdsprache, so dass den 7 Schulstunden täglich 1,5 bis 2 Nachmittagsstunden zugefügt werden. Plus Hausaufgaben und Vorbereitungszeit auf entsprechende Prüfungen, denn die Bescheinigung über eine bestandene Prüfung ist enorm wichtig für den späteren Lebenslauf.

Die Abschlussprüfung

Mit Eintritt in die Oberstufe beginnt dann die Vorbereitung auf die „Panhellenischen Abschlussprüfungen“ die nach der aktuellen Reform jeweils am Ende der drei letzten Schuljahre abgelegt werden. Diese sind der Stressfaktor Nummer 1 für Griechenlands Jugend und normalerweise nicht ohne private Nachhilfe zu bestehen. Wer ehrgeizige Ziele hat, lernt den ganzen Tag: Vormittags in der Schule, nachmittags im Nachhilfeinstitut oder mit einem Privatlehrer und abends wird für den folgenden Tag gebüffelt. Und am Wochenende für die kommende Woche…

Bevorzugte Lehrmethoden

Moderne Formen der Methodik und Didaktik sucht man in griechischen Schulen immer noch vergeblich. Der Frontalunterricht ist nach wie vor die bevorzugte Unterrichtsmethode der griechischen Lehrer. Nicht selten „rasen“ die Lehrenden durch die Bücher, denn nicht nur aufgrund der langen Ferien, sondern auch wegen Unterrichtsausfall muss der durch das Bildungsministerium vorgegebene Lehrplan in der verbleibenden Zeit „durchgezogen“ werden. Den Schülern bleibt nichts anderes übrig, als dem zu folgen und zu versuchen, den Stoff zu Hause aufzuarbeiten. 

Oder – um nicht das Handtuch werfen zu müssen – eben mal kollektiv die Schule absperren und gemeinsam mit Eltern und den paar verbliebenen Lehrern auf die Barrikaden gehen.

Anm.d.Red.: In der Tat sieht man seit Ende der Sommerferien zur besten vormittäglichen Kaffeezeit gegen elf/halb zwölf überraschend viele Schüler im Dorf, ebenfalls Kaffee trinkend, Snacks knabbernd und mehr oder weniger fröhlich miteinander plaudernd. Was sollen sie auch schon tun, wenn nun mal kein Unterricht stattfindet? Sich auf das nachmittägliche „Frontistirio“ – die Nachhilfe – vorbereiten – und das halt möglichst entspannt.

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