„Stadtflucht“ oder „Zurück zur Scholle“

Heute in der Badischen Zeitung ge- und als interessant befunden und hiermit auch bei Radio Kreta veröffentlicht:

landwirtschaft-kreta„Viele Griechen ziehen wieder zurück aufs Land
Immer mehr Griechen, die in den Städten keine Chance auf einen Job sehen, wandern in die Dörfer zurück, widmen sich der Landwirtschaft und der Fischerei.

ATHEN. Seit Jahrzehnten gab es in Griechenland einen klaren Trend: Die Menschen zogen aus der Provinz in die Städte. Jetzt, wo das Land in der tiefsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs steckt, ein Unternehmen nach dem anderen dichtmacht und die Arbeitslosenzahlen steigen, hat sich die Binnenmigration umgekehrt. Immer mehr Griechen, die in den Städten keine Chance auf einen Job sehen, wandern in die Dörfer zurück, widmen sich der Landwirtschaft und der Fischerei.

Stergios Manos ist in Astros geboren, einer Kleinstadt an der Ostküste des Peloponnes. Als Zehnjähriger zog er 1982 mit seinen Eltern nach Athen, wo er zuletzt als Geschäftsführer einer Großhandelsfirma arbeitete. Doch im vergangenen November ging das Unternehmen in die Insolvenz. „Ich habe nicht lange nachgedacht“, sagt Stergios. Statt Monate oder womöglich Jahre lang nach einem neuen Job zu suchen, zog der 39-Jährige zurück in seinen Geburtsort. Dort besitzt die Familie noch ein kleines Ferienhaus und drei Hektar Land. Bisher lag es brach. Jetzt bewirtschaftet Manos mit seiner Frau die Felder und einen kleinen Olivenhain. „Wir haben unsere Entscheidung keinen Tag bereut“, sagt Manos. „Wir genießen die Nähe zur Natur, und der Athener Großstadtstress fehlt uns nicht.“

Viele Griechen machen es wie das Ehepaar Manos. Sie fliehen vor der Rezession und der Arbeitslosigkeit aufs Land, besinnen sich auf ihre Wurzeln. Etwa jeder zweite der heute vier Millionen Athener ist vom Land zugewandert. Auch andere griechische Großstädte wie Thessaloniki im Norden, Patras im Westen oder Heraklion auf Kreta verdankten ihr Bevölkerungswachstum seit den 60er Jahren vor allem der Landflucht. Die Städte lockten mit besseren Bildungsmöglichkeiten, mehr Freizeitoptionen und, vor allem, lukrativen Jobs. So zogen Millionen vom Land in die Ballungsräume. Die Verbindung zu den Heimatdörfern besteht aber meist fort.

Zu Ostern oder in den Sommerferien fährt man aufs Land, in „sein Dorf“, auf „seine Insel“. Aber viele Felder lagen brach, weil die Besitzer in den Städten arbeiteten. Jetzt, wo immer mehr Jobs in Industrie, Handel und Tourismus wegfallen, erinnern sich viele Griechen daran, dass sie in ihrem Heimatdorf noch ein paar Hektar Land besitzen.

Brachliegende Ländereien werden neu bewirtschaftet. Städter, die ihr Land bisher verpachteten, beackern jetzt die Felder selbst. Nach einer Statistik des griechischen Bauernverbandes haben in den vergangenen zwei Jahren fast 40 000 Landwirte neu angefangen. Während die Arbeitslosenquote 2010 landesweit von zehn auf fast 15 Prozent stieg, wuchs im gleichen Zeitraum die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft um 6,1 Prozent. In manchen Gegenden hat die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft in den vergangenen zwei Jahren überproportional zugenommen, vor allem in der Altersgruppe zwischen 14 und 44 Jahren: Auf den Inseln der südlichen Ägäis stieg sie um 55 Prozent, auf Kreta um 31 Prozent und auf den ionischen Inseln um 20 Prozent. 95 Prozent der Neulinge widmen sich dem Ackerbau und der Viehzucht, fünf Prozent der Fischerei. Die meisten Neubauern müssen ihren künftigen Beruf erst noch erlernen. Der Bauernverband erhält deshalb immer mehr Anfragen: Was kann ich wo anbauen, wie muss ich mit dem Dünger umgehen, welche Feldfrüchte versprechen die besten Erträge?

Viele Neubauern betreiben Bio-Landwirtschaft oder spezialisieren sich, etwa auf die Schneckenzucht, die Gewinnung von Trüffeln, den Anbau von Granatäpfeln, oder sie betätigen sich als Imker. Die Stadtflüchtlinge seien motiviert und lernfähig, sagt ein Funktionär des Bauernverbandes. Überdies hätten sie gegenüber vielen alteingesessenen Landwirten einen Vorsprung: Fast alle können mit einem Laptop umgehen.“

Radio Kreta – Zurück zur Natur!

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