Reihe: Griechenland gibt es nicht mehr

Bestandsaufnahme eines Niedergangs

Von Asteris Kutulas, JungeWelt.de. 30.11.2013, ein Auszug.

Am 05.12.2013 lud die Tageszeitung junge Welt in Kooperation mit exantas Berlin e.V zu einem Abend der griechischen Literatur. Mit dabei waren die Autorinnen und Autoren: Peter Geist, Birgit Hildebrand, Gregor Kunz, Ina Kutulas, Thanassis Lambrou, Michaela Prinzinger, Theo Votsos. Der folgende Beitrag von Asteris Kutulas eröffnete eine vierteilige Reihe von Texten griechischer Autorinnen und Autoren u.a. Christos Ikonomou und Nikos Panajaotopoulos, die wöchentlich bei Junge Welt erscheint. 

Griechenland ist nicht nur wirtschaftlich bankrott, es steckt in einer tiefen kulturellen und politischen Identitätskrise. Große Teile der Bevölkerung, vor allem der Jugend, sind desorientiert, verelenden zunehmend und haben Zukunftsängste. Drei Jahre nach Ausbruch der aktuellen Krise ist jeder vierte Grieche arbeitslos, fast jeder dritte lebt unter der Armutsgrenze, mehr als 25000 Menschen sind ohne Obdach, über 100000 mittlere und kleine Betriebe und Geschäfte gingen in Konkurs oder mußten schließen, die Selbstmordrate schnellte dramatisch in die Höhe, 60% der Jugendlichen unter 25 finden keine Arbeit mehr, weswegen Zehntausende von ihnen das Land verlassen und ihr Glück in Australien, Deutschland, den USA und anderswo versuchen. Viele Ökonomen und Politiker sind inzwischen der Meinung, daß eine klare Insolvenz und die Rückkehr zur Drachme für Griechenland die einzige wirkliche Chance ist, wieder auf die Beine zu kommen. Da das aber nicht so günstig für die großen EU-Länder und die USA wäre, läßt man Griechenland einfach nicht bankrott gehen. Dennoch: ob mit dem Euro oder mit der Drachme, ob mit oder ohne Hilfe – das Land ist am Ende.

Millionen von Betroffenen stellten seit 2009 immer wieder drei ganz einfache Fragen: Wie konnte es zu diesem totalen Niedergang der griechischen Gesellschaft kommen? Wer ist schuld daran? Wie geht es weiter?

Der Verlust der Zukunft

Vizepremier Theodoros Pangalos (r.) beschimpfte seine demonstrierenden Mitbürger als »Kommunisten, Faschisten und Wichser«. Foto: Dimitri Messinis/AP Photo
Lange vor dem ökonomisch-wirtschaftlichen war der gesellschaftliche Niedergang Griechenlands deutlich zu erkennen und sein Ausmaß wurde schlagartig offenbar, als es im Dezember 2008, ein Jahr vor Ausbruch der Krise, zu einem gewaltsamen Aufstand der Jugend kam. Die innere Unzufriedenheit mit dem Status Quo der Elterngeneration, der Frust über die soziale Kälte des Staates und insbesondere die als existenzielle Bedrohung empfundene Perspektivlosigkeit entluden sich in einer bisher noch nicht da gewesenen explosionsartigen Protestwelle, die das ganze Land in ein Pulverfaß verwandelte. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als die gesamte Generation der 17- bis 30jährigen Griechenland als ein Land ohne Zukunft wahrnahm, ein Land, das im Hinblick auf seinen Wohlstand, seine Kultur, seine soziale Entwicklung dem Untergang geweiht war.

Anlaß dieses Aufstandes war der Tod des 15jährigen Alexis Grigoropoulos am 6.12.2008, der nach Zeugenaussagen von einem Polizisten kaltblütig erschossen, nach Angaben der Polizei allerdings durch einen Querschläger aus der Waffe eines Polizeibeamten tödlich getroffen wurde. Alexis Grigoropoulos wurde zur Symbolfigur einer ausgestoßenen Generation. Ein emphatisches Dokument dieser Sinnkrise und Ausdruck der Auflehnung gegen eine vollkommen kommerzialisierte Alltagskultur ist der folgende Brief von Alexis’ Freunden, den sie bei seiner Beerdigung verteilten:

»Wir wollen eine bessere Welt! Helft uns! Wir sind keine Terroristen, Vermummten … WIR SIND EURE KINDER! … Wir haben Träume – Tötet sie nicht. ERINNERT EUCH! Ihr wart auch mal jung. Und jetzt rennt Ihr nur noch Eurem Geld hinterher, interessiert Euch nur noch für Äußerlichkeiten, seid fett und glatzköpfig geworden, habt VERGESSEN!

Wir dachten, Ihr würdet uns unterstützen; wir dachten, es würde Euch kümmern,

dachten, daß auch Ihr uns mal stolz machen würdet. VERGEBENS!

Ihr lebt ein falsches Leben, laßt den Kopf hängen, habt die Hosen runtergelassen und wartet auf den Tag, an dem Ihr sterbt. Ihr fantasiert nicht mehr, verliebt Euch nicht mehr, kreiert nicht mehr. Nur kaufen und verkaufen könnt Ihr noch. ÜBERALL NUR MATERIELLES. NIRGENDWO LIEBE – NIRGENDWO WAHRHEIT. Wo sind die Eltern? Wo sind die Künstler? Wieso treten sie nicht hervor, uns zu schützen? MAN TÖTET UNS! HELFT UNS!

EURE KINDER

PS: Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.«

Asteris Kutulas (geb. 1960) arbeitet als Musikproduzent, Publizist, Übersetzer und Filmemacher (u.a. zusammen mit dem griechischen Komponisten Mikis Theodorakis). Seit 1986 ist er im europäischen Konzertmanagement tätig. 1998 veröffentlichte Kutulas in Athen das Theodorakis-Werkverzeichnis. 2010 erschien sein Buch: Mikis Theodorakis. Ein Leben in Bildern. Schott Music, Mainz. Im Sommer 2013 wurde sein Film »Recycling Medea« in Athen uraufgeführt. Gemeinsam mit Ina Kutulas gibt er Band 249 der Zeitschrift die horen heraus: »Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt …« Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land. 14 Euro.

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