Warum sind kretische Ortsschilder so oft zerschossen?

Dank unserer treuen Leser und aufmerksamen „Fans“ gehen uns die Themen einfach nie aus – wir bekommen unsere Anregungen für Beiträge und Artikel nicht nur aus der lokalen Presse und dem „richtigen Leben“ hier, sondern durchaus auch von unseren Lesern – von Euch. Und dafür sind wir sehr dankbar und freuen uns immer, Euch gewisse Fragen vielleicht sogar beantworten zu können.

So hat mich gerade gestern wieder eine Mail erreicht, die ein Thema anschneidet, über das wir schon längst mal berichten wollten – und es heute dann auch endlich tun. Besagte Mail liest sich wie folgt:

„Hallo Su,
wir sind gerade aus Kreta zurück und haben bisher noch keine Erklärung für die zerschossenen Schilder gefunden. Gibt es dort nun das gleiche Problem wie auf Korsika?
Liebe Grüße aus Bayern
Sigi“

Nun wissen wir zwar nicht, worin das korsische Problem besteht – dafür kennen wir aber einige Erklärungen zum kretischen „zerschossene-Ortsschilder“-Phänomen. Es gibt derer vier uns bekannte und von Kretern erklärte Gründe, die wir gerne mit Euch teilen wollen.

1.) Früher waren die Ortsschilder ausschließlich in griechischer Schrift verfasst. Als dann per Gesetzeserlass die Ortsnamen außer in griechischen auch noch in lateinischen Buchstaben auf den Ortsschildern erschienen, platzte dem einen oder anderen Kreter der Kragen – man äußerte seinen Unmut durch Beschuss besagter zweisprachiger Schilder. Und tut es auch heute noch.

2.) Nicht zu unterschätzen ist auch ein gewisser Neid, den die Nachbardörfer gegeneinander hegen und pflegen. „Wie jetzt? Euer Dorf soll toller, besser, schöner sein, als unseres? Pfffffffffffft!“ Und – Bäng! Oder auch Bäng-Bäng. Oder Bäng-Bäng-Bäng…. Kleine Nachbarschaftsstreitereien ohne Verletzte – außer dem Ortsschild. Eine weitere Unmutsäußerung.

3.) Und mit Unmut hat auch die dritte unserer Erklärungen zu tun. Nämlich mit dem Unmut gegenüber der Obrigkeit, die mit den zweisprachigen Schildern sowieso schon ein Tabu gebrochen hat. Und jetzt will uns irgend so ein phlegmatischer Beamter aus Chania, Heraklion oder gar Athen sagen, wo unser Dorf anfängt und aufhört? Die haben ja gar keine Ahnung, das Schild gehört mindestens einen Kilometer weiter nach hinten (nach vorn, nach rechts, nach links…) – akzeptieren wir nicht, wird beschossen.

4.) Und die sicher unspektakulärste, deswegen aber nicht weniger wahrscheinliche Erklärung ist einfach jugendlicher Übermut, der sich in Schießübungen äußert. Und da man ja – zumindest im Normalfall – ungerne auf was Lebendes schießt, bieten sich die Ortsschilder quasi an.

Glücklicherweise wird bei dieser Ortsschilder-Ballerei meist niemand verletzt, außer dem Ortsschild selbst, logo. Anders geht es da oft leider bei zu anderen Anlässen verballerten Kugeln zu, denn der Kreter an sich gibt seiner Freude z.B. anlässlich einer Hochzeit oder Taufe ja gerne mal durch Pistolen- oder Gewehrschüsse Ausdruck. Und da gab und gibt es durchaus immer mal wieder Verletzte und sogar Tote – meist natürlich unbeabsichtigt und im blödesten Fall auch „nur“ durch Querschläger, aber dennoch… Also aufgepasst!

Und noch ein guter Buchtipp zum Thema: Jedes Dorf ein Königreich.

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