Wie wir verlernt haben, das Leben zu genießen

Eine neue Studie zeigt: Die Deutschen können nicht genießen. Vor allem junge Menschen können sich aus ihrer zwanghafter Mäßigung kaum mehr befreien. Wir sollten öfter über die Stränge schlagen.

Von Sabine Menkens

„Wir dürfen niemals vergessen: Unsere vornehmste Aufgabe ist es zu leben.“ Diese Erkenntnis gewann der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533–92) aus den Wirren seiner Zeit.

Damals tobten in Frankreich die Religionskriege; es herrschte eine enorme Kindersterblichkeit (de Montaigne verlor fünf seiner sechs Töchter im Säuglingsalter). Gut möglich also, dass der Philosoph seinen Satz zunächst sogar wörtlich gemeint hat.

„Wir mäßigen uns maßlos“

Im übertragenen Sinne jedenfalls liegt bis heute eine berückende Wahrheit darin. Denn das Leben zu leben, es zu genießen mit all seinen kleinen Glücksmomenten, das scheint ausgerechnet in unserer Wohlstandsgesellschaft immer schwieriger zu werden.

Ein denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage überhaupt, nämlich die nach dem guten Leben, praktisch unstellbar gemacht, schreibt der Wiener Philosoph und Kulturtheoretiker Robert Pfaller in seinem viel beachteten Buch „Wofür es sich lohnt, zu leben“.

„Wir mäßigen uns maßlos. Das ist das Merkmal unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom. Statt zu fragen, wofür wie leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben.“ Der Rausch, der Exzess, die rituelle Ausschreitung blieben bei diesem ökonomistischen Ansatz auf der Strecke – und oft genug sogar der Sinn für die kleinen Freuden: mit Freunden ein Bier trinken, in einem zärtlichen Moment die Aussicht genießen, beim Kaffee eine Zigarette rauchen, Ballspielen an einem Sommerabend.

Wir verlernen das Genießen

Zu einem ähnlichen Befund kommt die Studie „Die Unfähigkeit zu genießen – die Deutschen und der Genuss“ des Instituts Rheingold Salon. Im Auftrag von Diageo und Pernod Ricard untersuchten die Kölner in einer repräsentativen Umfrage und 60 tiefenpsychologischen Gesprächen, wie es um die Genussfähigkeit der Deutschen bestellt ist.

Der erschütternde Befund: Das Wohlstandsland Deutschland ist auf dem besten Wege, das Genießen zu verlernen. Zwar macht der Genuss für 91 Prozent der Menschen das Leben erst lebenswert.

Aber ganze 46 Prozent haben den Eindruck, dass es ihnen im stressigen Alltag immer seltener gelingt, wirklich etwas zu genießen – bei den Jüngeren sogar 55 Prozent. Als Grund werden vor allem berufliche, aber auch familiäre Belastungen angegeben.

„Obgleich das Angebot an Genussmöglichkeiten immer größer wird, hat man das Gefühl, immer weniger genießen zu können“, sagt Ines Imdahl, Geschäftsführerin des Rheingold Salons.

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Eine preußische Haltung zum Schönen

Gesellt sich zu diesem „Genuss-Druck“ dann auch noch „Genuss-Neid“, weil alle anderen vermeintlich auf dem Sonnendeck sitzen und Eis schlecken, während man selbst im Maschinenraum schwitzt, ist der Teufelskreis perfekt: Genuss wird zu etwas Zwanghaftem – und verliert schon deshalb an Wert.

Ohnehin haben die Deutschen eine eher preußische Haltung bei der Frage, wann sie sich etwas Schönes gönnen. Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen: Diese alte Weisheit hat nicht nur bei den Älteren, sondern auch bei den Jüngeren uneingeschränkte Gültigkeit.

Für 81 Prozent der Menschen verlangt Genuss nach einer Legitimation durch zuvor erbrachte Leistungen, nur ein Prozent der Befragten hatte nicht das Gefühl, sich Genuss „verdienen“ zu müssen. Zudem verhalten sich die meisten Deutschen selbst in Genussmomenten noch kontrolliert. Am ehesten gönnen sie sich noch einen Moment bewusster Entspannung wie einen Saunabesuch oder einen Gang ins Restaurant – ein geplanter, rationaler Genuss.

Nur zehn Prozent konnten sagen, dass sie häufig Genussmomente erleben, wenn sie etwas Verrücktes oder Egoistisches tun: den Kavaliersstart an der Ampel, einen unvernünftigen Spontankauf in der Boutique oder ähnliche sinnlich-provokante Erlebnisse jenseits des sozial Akzeptierten – nach denen sich aber 66 Prozent der Befragten zumindest gelegentlich sehnen.

Man muss loslassen können

Noch seltener stellt sich der echte Hochgenuss ein; ein ganzheitlicher, überwältigender, berauschender Glücksmoment des totalen Einsseins mit sich und der Welt: die perfekte Welle. Ein solches Erlebnis kann man nicht planen. Es passiert – wenn man dafür bereit ist.

Denn eine der wichtigsten Voraussetzungen für wahren Genuss ist Hingabe und Loslassen-Können – eine Fähigkeit, die den Deutschen immer mehr abhanden kommt. 51 Prozent der Befragten gaben an, dass es ihnen schwer fällt, einmal ganz loszulassen – auffällig mehr Jüngere als Ältere.

Gleichzeitig sehnen die Menschen sich danach, einmal alles um sich herum vergessen zu können. Häufig hörten die Psychologen die Aussage: „Früher habe ich das genossen. Heute kann ich das nicht mehr.“

Das Fazit aus derlei Tristesse kann eigentlich nur lauten, ab und an beherzt über die Stränge zu schlagen, das Maß zu überschreiten, sich im Augenblick zu verlieren. Auch mal unvernünftig zu sein!

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Bier ohne Alkohol, Kneipen ohne Rauch

Eine Empfehlung, die sich auch Philosoph Pfaller zu eigen gemacht hat. Er wird nicht müde, vor der Maßlosigkeit der Mäßigung zu warnen, die unsere Gesellschaft befallen hat – mit Kneipen ohne Rauch, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, virtuellem Sex ohne Körperkontakt.

Sein Fazit: „Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.“

Kommentare (4)
Echtzeitaktualisierung ist pausiert(Fortsetzen)
  • hicks1

    Wohin der „Genuss“ führt, für den vorher nicht gearbeitet wurde… – das sehen wir gerade bei Griechenland.

  • Diskutant

    Gerne viel Sex, fette Sahne und jede Menge Bier, aber sich ein Teufelsgift wie Nikotin in die Gefäße zu ziehen um sich Herz und Lunge zu zerstören, darauf sollte man verzichten.
    Weil Cigaretten machen das Leben keinen Deut schöner.

  • der irre von chaillot

    Der Überschrift stimme ich zu. Regierung und Medien(Werbung) arbeiten ständig daran uns das Leben ungeniessbar zu machen.

  • EinQuantumMob

    Früher war der Energiefilter voll und man hat über die Stränge geschlagen.
    Heutzutage ist der Scheißefilter voll und man schlägt über die Stränge, so einfach ist das.
    Die Lebensbedingungen in einem Land werden von den Mächtigen bestimmt.
    Also liebe Publikationsmitarbeiter, redet mit denen.

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Ein Kommentar

  1. Typisches Generationen-Missverständnis. Viele „genießen“, indem sie z.B. auf USA-Reisen sämtliche am Wege liegenden malls abklappern und mit einem Koffer voller neuer Schuhe etc. nach Hause fliegen, viele junge Menschen hier in Berlin genießen, wenn sie mit der Ringbahn an einem Nachmittag möglichst viele Einkaufszentrum ansteuern können, die Öffnung einer Primark-Filiale löst bei facebook eine Welle von Einträgen aus, ein Schüler von mir lebte während einer USA-Reise von power-bars (Kompaktnahrung für Bergsteiger), kaufte sich aber einen i-pod für mehrere hundert Dollar. Eine Schülerin ging auf eine solche Reise mit 11 Paar Schuhen – wenn das kein Genuss ist.
    Es scheint so zu sein, dass für viele (das nicht selbst mitgebrachte) abendliche Glas Rotwein an einem belebten Hafen nichts mehr bedeutet, das 89. Paar Schuhe und das 142. T-Shirt aber sehr viel. man genießt anders.
    Ich selbst genieße übrigens rauchfreie Kneipen sehr, kenne niemanden, dem es nicht ebenso geht. Unvorstellbar, in einem britischen oder irischen rappelvollen Pub voller Rauch sein Bier zu trinken.

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