Zoniana: „Unser Dorf hat sich NIEMALS besetzen lassen“

ZONIANA. Ein menschenleerer Platz, Krämerläden, zwei Kaffeehäuser, Tristesse. Zoniana strahlt eine für Griechenland eher ungewöhnliche Atmosphäre aus: Den Besucher beschleicht ein Gefühl der Vorsicht, ja, der Angst. Und nicht ohne Grund: Das 1500-Seelen-Dorf in Kretas Bergen, auf halbem Weg zwischen Heraklion und Rethymno, ist eine Hochburg des Drogenanbaus. Und es wird hier schnell und scharf geschossen.

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42 Männer des Ortes stehen seit April in Athen vor Gericht: Sie haben sich mit Polizeisondertruppen ein schweres Gefecht geliefert. Drogenhandel, illegaler Waffenbesitz und Mordversuch lauten einige Anklagepunkte. Doch die vermeintlichen Ziegenbauern können sich teure Staranwälte wie Alexandros Lykourezos leisten. Selbst der glaubt nicht, dass es je einen Prozess gegen die Drogenbarone gegeben hätte, wäre da nicht jener 5. November 2007 gewesen.

Da wagte sich die Polizei erstmals seit Jahren ins Dorf. Klar wusste jeder, dass man hier Haschisch anbaut (nach Schätzungen im Wert von jährlich 80 Millionen Euro) und mit Koks dealt und dass das Dorf vor Waffen strotzt. Inwieweit die Behörden gar schützend die Hand darüber gehalten haben, wird wohl nie geklärt werden.

Jedenfalls bekam man in Zoniana von der Razzia Wind; zuvor war ein Dealer aus dem Dorf verhaftet worden. Man empfing die 40 Beamten der Sondereinheit „Ekam“ mit über 1000 Schüssen. Dass es „nur“ drei Verletzte gab, hilft Stathis Lazaridis nicht: Der junge Polizist liegt seither im Koma.

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Sturmangriff mit Panzern

Zwei Tage später stürmten 400 Antiterrorpolizisten das Dorf, mit Panzern und Hubschraubern. Sie fanden tonnenweise Drogen und Waffen, aber nur Frauen, Kinder und Alte. Die „kampffähigen“ Männer waren weg – und wurden erst später allmählich aufgegriffen.

Maria Kouroupi, Frau des Opfers und Mutter eines Kindes, hat ihre Zivilklage gegen die Täter zurückgezogen. „Nein“, sagt sie zaghaft, „ich werde nicht bedroht.“ Sie wolle nicht, dass ihr Kind für immer verfolgt werde. Von wem? Alle im Athener Gerichtssaal wissen es, keiner sagt es. Ein Anwalt sagt, sein Mandant (23) sei unschuldig und teile mit, dass „in Zoniana Blut fließen werde“, sollte das Urteil nicht „entsprechend ausfallen“. Vor Tagen brach ein Zeuge im Saal zusammen, als er seine Aussage wiederholen sollte: Ein Angeklagter habe ihn nach dem Gefecht angerufen und verkündet: „Wir haben ihn erledigt.“

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MG-Geknatter im Idyll

In einem Café von Zoniana zeichnet Dorfvorsteher Kostas Parasyris ein Idyll: Er wisse nichts über den Wahrheitsgehalt der Anklage, und während er vom friedlichen Hirtenleben spricht, rattert irgendwo ein MG. Unverkennbar. Schweigen in der Runde – dann hat der Pope eine Erklärung: „Das sind Knaller, die vom Osterfest übrig sind.“ Es hörte sich aber eher wie eine Drohung an: Keine schlechte Presse!

Das Kafenion gegenüber ist voll mit jungen Männern. Es ist Vormittag, sie sind stark alkoholisiert und geben jedem einen aus, der vorbeikommt. Das ist Sitte auf Kreta, Gastfreundschaft, auf die man stolz ist. Doch nicht der traditionelle Schnaps Tsikoudia wird pausenlos nachgeschenkt, sondern Whisky.

Dem Gast wird erklärt, wie das Leben zu sein hat. „Bei uns muss eine Frau viele Kinder kriegen, deshalb brauchen wir auch viel Geld, aber der Staat kümmert sich nicht um uns“, sagt Manolios (24), Vater von vier Kindern. Da müsse man sich das halt beschaffen.

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Von Freiheit und echten Männern

Mit Drogen? Manolios gießt nach, alle stimmen in sein vielsagendes Gelächter ein. Manoussos, mit 52 der Älteste in der Runde, will das Gespräch woandershin lenken. „Wir lieben die Freiheit; unser Dorf ließ sich nie besetzen, weder von den Türken noch den Deutschen.“ Im Klartext: Auch die Polizei lassen wir nicht rein, wir, die „Palikaria“ – „echte Männer“, ein Mix aus wildem Kämpfer und edlem Ritter.

Es stimmt: Die Kreter haben ihre Traditionen, Berge, Familien immer tapfer verteidigt. Die jungen Männer Zonianas verteidigen aber eher ihren kriminell finanzierten Müßiggang, der aus stolzer Freiheitsliebe Rowdytum macht.

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In Athen zieht sich derweil der Prozess dahin, deutlich länger als erwartet. Ein Urteil werde es erst nächstes Jahr geben, heißt es.

CORINNA JESSEN (Die Presse)

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2 Kommentare

  1. Ich selbst komme aus Zoniana. Der Beitrag ist zwar realitaetsnah aber ziemlich einseitig. Es werden lediglich nur die Symptome eines durch und durch korrupten Systems dort aufgezeigt… aber nicht die wahren Ursachen! Glauben sie etwa, dass… einfache Hirten so ein internationales Drogennetz aufbauen koennten? Recherchieren Sie ruhig weiter.. vielleicht treffen Sie auf hochrangige Politiker u.a. „Persoenlichkeiten“ auf.. Dass man ein ganzes Dorf verdammt ist einfach.. Diese selbstgenannten „Palikaria“ sind nicht die einzigen Zonianer.. sie sind die „Opfer“ ihrer eigenen Ungebildheit, Habsucht, und missverstandener „Maennlichkeit“.. Sie sind ziemlich leicht manipulierbar, glauben Sie nicht? Nun, es gibt viele andere Seiten dieses Dorfes, andere Mentalitaeten… Ich fordere Sie auf sie zu entdecken… und glauben Sie mir.. Sie werden erstaunt sein..
    Mit Respekt, Maria Nikiforou

  2. Danke Maria für den Kommentar. Dies wird sicherlich zum Nachdenken anregen. Und gerne kommen wir zum Entdecken. Gruß vom Radio Kreta Team.

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