Am Gedenkstein für  ein Husarenstück.

Die abenteuerliche Entführung des Nazi-Generals Kreipe ist auf Kreta unvergessen, doch für die wenigsten deutschen Touristen ein Grund, den Spuren der Gewaltherrschaft ihrer Großväter nachzugehen. Die Gastfreundlichkeit der Kreter macht es ihnen freilich auch leicht.  Ein Reisebericht von Andreas Schäfler

Zum Auffrischen der fremden Sprache sind die Ortsschilder in Griechenland enorm hilfreich.Jedes noch so kleine Dorf präsentiert seinen Namen sowohl in griechischen als auch in lateinischen Lettern, und auf Griechisch sind die Ortsbezeichnungen sogar mit Akzenten versehen, was ihre korrekte Betonung erleichtert. Rodákino zum Beispiel hat rein gar nichts mit Kino zu tun, sondern heißt übersetzt: Pfirsich. Hier wird man mittels zusätzlicher Schilder auch noch zweisprachig begrüßt, auf Griechisch und Englisch, in Áno-, also  Ober-Rodákino »freundlich willkommen«  geheißen und hinter Káto-, also Unter-Ro dákino von der lokalen Community »mit besten Wünschen für eine gute Fahrt« wieder entlassen. 

Dabei hat die an einen fruchtbaren Steilhang der kretischen Südküste gekauerte Gemeinde außer ihrem schönen Namen, einem geschlossenen und einem offenen Kafenion  mit »Mini-Market« für Durchreisende nicht wirklich etwas zu bieten. Wer jedoch genau zwischen den beiden Ortsteilen auf das asphaltierte Sträßchen abzweigt, das in ein paar Serpentinen zum Meer hinunterführt, findet eine Viertelstunde später drei Paradiese zur Auswahl vor: kleine Badestrände mit ebensolchen Tavernen und Pensionen und zuhinterst, wo der Asphalt endet, die  geschichtsträchtige Bucht namens Peristére, die so aussieht, als habe sie nur auf einen gewartet. 

An einem schönen Frühlingswochenende fahren aber, wie sich bald zeigt, auch gern ein paar Städter aus Réthymnon von der Nordküste hierher und lassen es sich in der erfrischenden Brandung, an den schattigen  Tischen der »Kantina tou Manoli« oder unter einem der zehn Gratis-Sonnenschirme am Strand gutgehen. Weiter hinten an der ausgedehnten Bucht frönen gänzlich unbehelligt auch noch einige Camper ihrer Out door-Passion. Und wer von den Anwesenden noch nicht wissen sollte, was es mit der Geschichtsträchtigkeit dieses Fleckchens Erde auf sich hat, wird von der griechisch-englischen Inschrift eines prominent plazierten Gedenksteins darüber informiert. Denn exakt hier hat am 15. Mai 1944 ein britisch-kretisches Kommando den entführten deutschen Wehrmachtsgeneral Heinrich Kreipe in ein englisches Motorboot verfrachtet und  nach Ägypten überstellt. 

Ob sich die berühmte Kreipe-Entführung, die zunächst schwer nach Räuberpistole klingt, auf so blumige Weise zugetragen hat, wie im Nachgang oft beschworen und verschiedentlich literarisiert, sei dahingestellt. Doch schon der nackte Sachverhalt, der kurz und bündig zusammengefasst sogar im kompetenten Kreta-Reiseführer des Mi chael-Müller-Verlags steht, hebt sie in den Rang eines veritablen Husarenstücks. 

Als Oberbefehlshaber der »Festung Kreta« war Kreipe zweifellos ein hohes Tier, gehörte jedoch keineswegs zur NS-Prominenz. Und tatsächlich war einer der Entführer schon damals die wesentlich illustrere Person: Der schriftstellernde Abenteurer Patrick Leigh Fermor, auf Kreta als britischer Offizier verdeckt hinter den deutschen Linien im Einsatz, fungierte als Cheflogistiker des Coups. Zusammen mit seinem Landsmann William Stanley Moss und einer Hand voll kretischer Partisanen setzte er den Plan um, der ursprünglich Generalleutnant Friedrich-Wilhelm Müller, Kreipes berüchtigtem Vorgänger, gegolten hatte. 

Am 26. April 1944 stoppten Fermor und  Moss in deutschen Uniformen die Karosse des Generals auf der nächtlichen Rückfahrt vom deutschen Hauptquartier in Áno Archánes zu Kreipes privater Residenz, der Villa  Ariadne von Knossos-Ausgräber Sir Arthur Evans, nahe Heráklion. Kreipe wurde überwältigt, sein Fahrer von einem kretischen Helfer betäubt und kurz darauf erschossen. Mit dem im Fond versteckten General setzte man die Fahrt fort, passierte unbehelligt eine Reihe deutscher Kontrollpunkte und stellte den Wagen auf halber Strecke nach  Réthymnon an Kretas Nordküste ab, um so vorzutäuschen, Kreipe sei auf ein U-Boot gebracht worden. Im Wagen hinterließ man die  Botschaft, das englische Entführungskommando werde dem deutschen Oberbefehls haber kein Haar krümmen und ihn sicher nach Ägypten verbringen. Tatsächlich aber ging es in entgegengesetzter Richtung zu Fuß weiter, und die nachfolgende dreiwöchige Zickzack-Tour über Stock und Stein hinunter zur Südküste bedeutete insbesondere für den fülligen Deutschen alles andere als einen Spaziergang. 

Kreipe, gerade erst zum lokalen Oberbefehlshaber ernannt, hatte sich auf Kreta noch nichts zuschulden kommen lassen. Und als Person war er Patrick Leigh Fermor durch aus nicht unsympathisch, ja in der dünnen  Höhenluft des Gebirges wurde es einmal sogar regelrecht gefühlig zwischen den beiden. Wir hatten uns zwei Tage lang, durch Schnee und dann Regen, über das Ida-Massiv gequält.  

Über das Tal auf diesen nun leuchtenden Bergkamm blickend, murmelte der General zu sich selbst: ›Vides ut alta stet nive candi dum …‹ Das war eine der Oden von Horaz, die  ich kannte«, vermerkte der feine Herr Fermor mit ordentlich Pathos in seinem Journal. »Ich fuhr fort, wo er abgebrochen hatte:  ›nec iam sustineant onus …‹ und so weiter, die fünf verbleibenden Strophen bis zum Schluss. Die blauen Augen des Generals hatten sich  vom Berggipfel weg meinen zugewandt, und als ich geendet hatte, sagte er, nach langem  Schweigen: ›Ach so, Herr Major!‹ Es war sehr merkwürdig. Als ob, für einen langen Augenblick, der Krieg aufgehört hätte. Wir hatten beide vor langer Zeit an derselben Quelle getrunken; und es stand anders zwischen uns  für den Rest unserer gemeinsamen Zeit.«  

Es ist Fermor zugute zu halten, dass er zum fraglichen Zeitpunkt gerade mal 29 Jahre alt war. Und bestimmt dankbar für diesen einen ruhigen Moment, denn sonst zwangen Suchaktionen deutscher Einheiten so wie technische Probleme beim Funkkontakt  mit dem Hauptquartier in Kairo die Gruppe zu gefährlichen Umwegen. Und es kam auch zu ungewollten Pausen, etwa wenn Kreipe nach einem Sturz mal wieder verarztet werden musste. Schließlich trafen sie doch noch einigermaßen unbeschadet in Rodákino ein. 

Man kann es bedauern, dass sich die Aktion nicht mehr auf Kreipes Vorgänger anwenden ließ, der den kretischen Widerstand mit beispiellosem Terror (unter anderem der Ermordung von mehr als 400 Zivilisten im Dorf Viánnos) überzogen hatte, dann aber überraschend abberufen und an die Ostfront versetzt worden war. Die Entführung des  ranghöchsten Besatzungsoffiziers war als rein englische Operation getarnt, um keine  Vergeltungsmaßnahmen an Einheimischen zu provozieren, und sollte die deutschen Truppen, die sich seit Mai 1941 am kretischen  Widerstand die Zähne ausbissen, empfindlich bloßstellen und weiter destabilisieren –  was zwar gelang, aber zum erwartbar hohen und sehr wohl einkalkulierten Preis. Das  Bergdorf Anógia, Kretas Partisanenhochburg schlechthin, und weitere Siedlungen, durch die das Entführungskommando gekommen  war, wurden in einer großangelegten Strafaktion auf Befehl von Müller, den man eiligst nach Kreta zurückbeordert hatte, im August 1944 dem Erdboden gleichgemacht. Es war  

Aus dem dortigen Gefängnis, das schon unter dem faschistischen Diktator Metaxas einem KZ gleichgekommen war, hatte das deutsche Oberkommando in Athen drei Jahre zuvor 200 griechische Kommunisten  herbeischaffen lassen, die am 1. Mai 1944 auf  dem Schießplatz von Kesariáni von Wehr machtssoldaten exekutiert wurden – jenes Massaker also, das in diesem Frühjahr via Ebay schlagartig erneut die Weltöffentlichkeit erreichte: Ein belgischer Sammler bot auf der Plattform ein Konvolut von Täter fotos und weiteren Dokumenten an, die von  beigezogenen Experten für echt befunden und vom griechischen Staat hastig als »Nationales Erbe« angekauft wurden (siehe Eberhard Rondholz’ Beitrag in konkret 6/26). 

Die Deutschen hatten dieses Massaker offiziell stets als Vergeltungsmaßnahme für  ein Attentat auf Generalmajor Franz Krech deklariert; er war wenige Tage zuvor zusammen mit drei Mitgliedern seiner Eskorte von einer Partisaneneinheit auf dem Peloponnes getötet worden. In manchen Quellen ist aber auch noch von einem zweiten, nicht namentlich genannten deutschen General die Rede, der in Kesariáni gesühnt werden sollte. Es dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Heinrich Kreipe gehandelt haben, der an jenem 1. Mai 1944 bereits gekidnappt und buchstäblich über alle Berge verschwunden war. Wer konnte wissen, ob er überhaupt noch lebte? Vergeltung auf Vorrat – warum auch nicht? Wer hielt sich denn noch an die Faustregel »zehn Griechen für  einen Deutschen«? 200 griechische Kommunisten für zwei deutsche Generäle, das pass te doch auch ganz gut. 

An die Möglichkeit, dass Kreipe, wie im  Bekennerschreiben der Entführer annon ciert, eines baldigen Tages wirklich in Ägyp ten auftauchen sollte, mochte von den Deut schen zwar niemand ernsthaft glauben, aber sollte man für den Fall der Fälle vielleicht doch an einer Überläuferlegende stricken? Die war wohl noch in Arbeit, als die alliierte Presse Mitte Mai 1944 mit der Headline  »Kreipe in Kairo« samt Beweisfotos aufmachte und auf deutscher Seite vollständige Verwirrung und das Gefühl einer kompletten Blamage hinterließ. 

Deutschen Touristen gastfreundlich und unvoreingenommen zu begegnen, ist der griechischen und insbesondere der kretischen Bevölkerung schon bald nach dem  Krieg bewundernswert leichtgefallen. Bis heute geht sie gelassen davon aus, dass eher keine Nazis mehr bei ihnen vorbeischauen  werden. Wie lange noch?  

Ein wenig anders hat sich die Sache an gelegentlich auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Máleme westlich von Chaniá dargestellt, wo es durchaus zum einen und anderen halbprivaten Veteranentreffen gekommen ist, bevor die rüstige Reisegruppe, wenn schon mal wieder vor Ort, das  Land der Griechen weiter mit der Seele suchend abgeklappert und vielleicht auch endlich mal einen Abstecher nach Knossos gemacht hat. Direkt neben den deutschen Kriegsgräbern (wo irgendwo auch Bruno Bräuer liegen muss) inszeniert sich – und zwar um einiges aufdringlicher – ein kretischer Erinnerungsort, aufgemacht als unverhohlen heroischer Themenpark, wo es Teile abgeschossener Stukas und eine Menge anderen Kriegskrempel zu bestaunen gibt. Im Shop sind billige Devotionalien, kühle Getränke und diverse Fachpublikationen erhältlich, zum Beispiel die wenig glorreich übersetzte, aber minutiös geschilderte und verblüffend materialreiche Chronik Die Entführung von General Kreipe von Georgios Harokopos, der als Jugendlicher selbst an ihr beteiligt war.

In deren Anhang wird auch das bizarre Nachspiel erwähnt, das die Kreipe-Entführung viele Jahre später erfuhr, als ein griechischer Fernsehsender Patrick Leigh Fermor, drei weitere Ex-Entführer und ihr damaliges Opfer Kreipe 1972 zu einem versöhnlichen Wiedersehen in ein Athener TV-Studio einlud. Das gekürzte Video der vermeintlichen Talkshow-Sternstunde ist leicht im Internet zu finden: Man tätschelt sich gegenseitig ab und tauscht Platitüden
aus, Fermor glänzt polyglott, und Kreipe klagt über schwere Beine. Der Moderator, ein griechischer Vorläufer von Guido Knopp, führt gut geföhnt durch die Belanglosigkeiten, die zu guter Letzt auch noch von einem schmissigen kretischen Freiheitslied bemäntelt werden.

Dem Publikum blieb bei diesem Scoop zunächst zwar wunschgemäß die Spucke weg, aber hinterher beschwerten sich große Teile der griechischen Öffentlichkeit (und auch die Eingeladenen selbst), dass die Sendung jegliche Substanz hatte vermissen lassen. Heinrich Kreipe, der 1947 aus kanadischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, lebte in der Folge, wie sollte es auch anders sein, »zurückgezogen bei Hannover« und starb 1976.

Der Autor Klaus Modick (ein gern gesehener Gast bei Radio Kreta) hat die Kreipe-Entführung 2003 in einem Kapitel seines Sommerromans Der kretische Gast (Kiepenheuer und Witsch) nacherzählt. Und es gab, selbstverständlich, auch eine Verfilmung: Michael Powells »Ill Met by Moonlight« von 1957, mit Dirk Bogarde als Patrick Leigh Fermor, nach der gleichnamigen Buchvorlage von dessen Co-Entführer Moss. Fermors wesentlich reflektiertere Schilderung der Aktion, zunächst für eine Publikation des Imperial War Museum in London verfasst, wurde erst 2014 aus dem Nachlass in Buchform veröffentlicht (die deutsche Ausgabe in der vorbildlichen Fermor-Werkedition des Dörlemann-Verlags ist zurzeit vergriffen).

Doch kann ein dahergelaufener deutscher Tourist, der heute am Originalschauplatz vor dem Gedenkstein an der Peristére-Bucht steht, mit dem Namen Heinrich Kreipe überhaupt etwas anfangen? Wenn man die im Bücherbord der Pension am Nachbarstrand zurückgelassene Urlaubslektüre zum Maßstab nimmt, dann eher nicht: schrottige Krimis und Kitschromane von der Stange, streng genommen Sondermüll. Immerhin scheint der schöngeistige
Hellas-Erklärer Erhart Kästner, seinerzeit als raunender Reiseschriftsteller für die Truppe auf Kreta stationiert und danach mit seinen Büchern im Insel-Verlag auf Jahrzehnte hinaus das Maß aller deutschen Griechenland-Dinge, inzwischen endgültig ausgedient zu haben. 1956 war Kästner in einem »Offenen Brief an die Königin von Griechenland« in der »FAZ« auf seinen damaligen Auftrag zurückgekommen, »ein Buch über die Insel Kreta zu schreiben, ein ganz friedliches, wie ich es wollte, da der General, ich bezeuge es nebenbei, die Insel in heimlicher
Schwärmerei liebte«. Ob er sich dabei auf Kreipe, dessen Vorgänger Müller oder einen Befehlshaber im Athener Oberkommando bezog, ist da schon einerlei.

Wissen die Kreterinnen und Kreter und die Scharen von Athener Sommerfrischlern darüber Bescheid, was am Peristére-Beach vor 82 Jahren geschah? Als Glanzstück des griechischen Widerstands gehört die Kreipe-Entführung selbstredend auch heute noch zum Schulstoff, kretisches Allgemeinwissen ist sie ohnehin. Und der etwas ausführlichere griechische Text der Gedenkstein-Inschrift erwähnt im Unterschied zum englischen auch die Verdienste der Andarten aus Rodákino, also der einheimischen Partisanen, am Gelingen der spektakulären Aktion.

Als das englische Motorboot mit dem erbeuteten deutschen General Kurs auf den Stützpunkt Marsa Matruh in Ägypen nahm, waren Fermor, Moss und einige Andarten mit an Bord. Die übrigen verwandelten sich flugs in harmlose Zivilisten und verkrümelten sich unauffällig. Einer von ihnen, Manois Kotsifis aus Rodákino, verwahrte offenbar noch jahrzehntelang Kreipes Handschellen, um sie an hohen Festtagen herzeigen zu können. Gut vorstellbar, dass die vorzügliche Taverne »Kantina tou Manoli« nach ihm benannt ist.

Darauf einen Tsikoudia, und gleich noch einen! Der lokale Schnaps kommt hier nach jeder noch so kleinen Mahlzeit nicht nur unaufgefordert, sondern auch gleich in einer kleinen Karaffe auf den Tisch. Solange man das wahre Wort von William Faulkner, wonach das Vergangene nicht tot, sondern noch nicht einmal vergangen ist, unfallfrei zusammenkriegt, braucht es dafür keine Inschrift auf einem Schild oder Gedenkstein. ●

Andreas Schäfler schrieb in konkret 7/26

 

konkret 8/26 51 

SONDERHEFT 

An der Argumentation deutscher Linker  und ihrer Haltung zu Israel scheint sich  seit dem Sechs-Tage-Krieg kaum etwas  geändert zu haben. Ob PLO, PFLP, DFLP,  

Hamas, Huthis, Hisbollah – man ist sich  einig, dass es sich bei diesen Terrorgrup pen um Widerstandskämpfer und bei ih ren mörderischen Anschlägen um legiti me Reaktionen auf einen aggressiven,  rassistischen und übermächtigen jüdi schen Staat handelt.  

Das aktuelle konkret-Sonderheft, das  nicht als E-Paper, sondern nur gedruckt  erscheint, widmet sich Israels aussichts losem Existenzkampf und der seit dem  7. Oktober vollends entfesselten globalen  Intifada. In Interviews, Dokumentatio nen, Beiträgen und Kommentaren wird  nicht nur die weitgehende Isoliertheit  des jüdischen Staates, sondern auch der  vollkommene Bankrott großer Teile der  Linken weltweit deutlich. In dem Heft er scheinen neben Stücken, die in den letz ten zweieinhalb Jahren in konkret zu  lesen waren, ein umfangreiches Streit gespräch zwischen Richard Schuberth,  Robin Forstenhäusler und Markus Ströh lein sowie ein ausführlicher Beitrag zum  Krieg zwischen Israel und Iran. 

Jetzt im Zeitschriftenhandel oder direkt bei konkret!

chend abgeklappert und vielleicht auch end lich mal einen Abstecher nach Knossos ge macht hat. 

Direkt neben den deutschen Kriegsgrä bern (wo irgendwo auch Bruno Bräuer liegen  muss) inszeniert sich – und zwar um einiges  aufdringlicher – ein kretischer Erinnerungs ort, aufgemacht als unverhohlen heroischer  Themenpark, wo es Teile abgeschossener Stu kas und eine Menge anderen Kriegskrem pel zu bestaunen gibt. Im Shop sind billige  Devotionalien, kühle Getränke und diverse  Fachpublikationen erhältlich, zum Beispiel  die wenig glorreich übersetzte, aber minuti ös geschilderte und verblüff end materialrei che Chronik Die Entführung von General  Kreipe von Georgios Harokopos, der als Ju gendlicher selbst an ihr beteiligt war. 

In deren Anhang wird auch das bizar re Nachspiel erwähnt, das die Kreipe-Ent führung viele Jahre später erfuhr, als ein  griechischer Fernsehsender Patrick Leigh  Fermor, drei weitere Ex-Entführer und ihr  damaliges Opfer Kreipe 1972 zu einem ver söhnlichen Wiedersehen in ein Athener  TV-Studio einlud. Das gekürzte Video der  vermeintlichen Talkshow-Sternstunde ist  leicht im Internet zu fi nden: Man tätschelt  sich gegenseitig ab und tauscht Platitüden  aus, Fermor glänzt polyglott, und Kreipe  klagt über schwere Beine. Der Moderator, ein  griechischer Vorläufer von Guido Knopp,  führt gut geföhnt durch die Belanglosigkei ten, die zu guter Letzt auch noch von einem  schmissigen kretischen Freiheitslied bemän telt werden.  

Dem Publikum blieb bei diesem Scoop  zunächst zwar wunschgemäß die Spucke  weg, aber hinterher beschwerten sich große  Teile der griechischen Öff entlichkeit (und  auch die Eingeladenen selbst), dass die Sen dung jegliche Substanz hatte vermissen las sen. Heinrich Kreipe, der 1947 aus kanadi scher Kriegsgefangenschaft entlassen wor den war, lebte in der Folge, wie sollte es auch  anders sein, »zurückgezogen bei Hannover«  und starb 1976. 

Der Autor Klaus Modick hat die Kreipe Entführung 2003 in einem Kapitel sei nes Sommerromans Der kretische Gast (Kie penheuer und Witsch) nacherzählt. Und es  gab, selbstverständlich, auch eine Verfil mung: Michael Powells »Ill Met by Moon light« von 1957, mit Dirk Bogarde als Patrick  Leigh Fermor, nach der gleichnamigen Buch vorlage von dessen Co-Entführer Moss. Fer mors wesentlich refl ektiertere Schilderung  der Aktion, zunächst für eine Publikation des  Imperial War Museum in London verfasst,  wurde erst 2014 aus dem Nachlass in Buch form veröff entlicht (die deutsche Ausgabe in  der vorbildlichen Fermor-Werkedition des  Dörlemann-Verlags ist zurzeit vergriff en). 

Doch kann ein dahergelaufener deut scher Tourist, der heute am Originalschau 

platz vor dem Gedenkstein an der Peristére Bucht steht, mit dem Namen Heinrich Krei pe überhaupt etwas anfangen? Wenn man  die im Bücherbord der Pension am Nach barstrand zurückgelassene Urlaubslektü re zum Maßstab nimmt, dann eher nicht:  schrottige Krimis und Kitschromane von der  Stange, streng genommen Sondermüll.  

Immerhin scheint der schöngeistige  Hellas-Erklärer Erhart Kästner, seinerzeit  als raunender Reiseschriftsteller für die  Truppe auf Kreta stationiert und danach mit  seinen Büchern im Insel-Verlag auf Jahr zehnte hinaus das Maß aller deutschen Grie chenland-Dinge, inzwischen endgültig aus gedient zu haben. 1956 war Kästner in einem  »Off enen Brief an die Königin von Griechen land« in der »FAZ« auf seinen damaligen  Auftrag zurückgekommen, »ein Buch über  die Insel Kreta zu schreiben, ein ganz fried liches, wie ich es wollte, da der General, ich  bezeuge es nebenbei, die Insel in heimlicher  Schwärmerei liebte«. Ob er sich dabei auf  Kreipe, dessen Vorgänger Müller oder einen  Befehlshaber im Athener Oberkommando  bezog, ist da schon einerlei. 

Wissen die Kreterinnen und Kreter und  die Scharen von Athener Sommerfrischlern  darüber Bescheid, was am Peristére-Beach  vor 82 Jahren geschah? Als Glanzstück des  griechischen Widerstands gehört die Krei pe-Entführung selbstredend auch heute  noch zum Schulstoff , kretisches Allgemein wissen ist sie ohnehin. Und der etwas aus führlichere griechische Text der Gedenk stein-Inschrift erwähnt im Unterschied zum  englischen auch die Verdienste der Andar ten aus Rodákino, also der einheimischen  Partisanen, am Gelingen der spektakulären  Aktion. 

Als das englische Motorboot mit dem er beuteten deutschen General Kurs auf den  Stützpunkt Marsa Matruh in Ägypen nahm,  waren Fermor, Moss und einige Andarten  mit an Bord. Die übrigen verwandelten sich  fl ugs in harmlose Zivilisten und verkrümel ten sich unauff ällig. Einer von ihnen, Mano lis Kotsifi s aus Rodákino, verwahrte off en bar noch jahrzehntelang Kreipes Handschel len, um sie an hohen Festtagen herzeigen zu  können. Gut vorstellbar, dass die vorzügliche  Taverne »Kantina tou Manoli« nach ihm be nannt ist. 

Darauf einen Tsikoudia, und gleich noch  einen! Der lokale Schnaps kommt hier nach  jeder noch so kleinen Mahlzeit nicht nur un aufgefordert, sondern auch gleich in einer  kleinen Karaff e auf den Tisch. Solange man  das wahre Wort von William Faulkner, wo nach das Vergangene nicht tot, sondern noch  nicht einmal vergangen ist, unfallfrei zusam menkriegt, braucht es dafür keine Inschrift  auf einem Schild oder Gedenkstein. ● 

Andreas Schäfler schrieb in konkret 7/26 über den Musiker Ibrahim Maalouf 

XX konkret 8/26 

Ein Kommentar

  1. Moin, ein paar Literatur Tipps zum Thema von mir:

    Kapitän Manolis Panduwas – Der Anführer des nationalen Widerstandes in Kreta. Seine Erinnerungen an den Kampf von Antoni K. Sanudaki, Verlag Knossos Athen, 1994

    Schatten ohne Mann – Die deutsche Besetzung Kretas 1941-1945 von Ulrich Kadelbach, Verlag Dr. Thomas Balistier, 2002

    Andartis – Monument für den Frieden Krieg – Widerstand – Versöhnung von Karina Raeck, Verlag Dr. Thomas Balistier, 2016

    Bericht der Zentralen Kommission zur Feststellung der Gräueltaten auf Kreta, Gesellschaft für Kretische Historische Studien, 2017

    Pavlo – der kleine Andarte – Kindheit im besetzten Kreta 1941- 1945 von Stephan D. Yada-Mc Neal, Books on Demand

    Dichter im Waffenrock – Erhart Kästner in Griechenland und auf Kreta 1941 bis 1945 von Arn Strohmeyer, Verlag Dr. Thomas Balistier, 2006

    General Kreipe wird entführt – Ein Husarenstück auf Kreta 1944 von Hans Prescher, Verlag Dr. Thomas Balistier,2007

    Die Entführung des General von Patrick Leigh Fermer, Dörlemann Verlag, 2014

    Die Entführung von General Kreipe von G. Harokopos, von V. Kouvidis und V. Manouras, Heraklion, 2002

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