Von Freund Wassilis Aswestopulos, der Balkanisator.

Wie viele Alexis Zorbas gibt es?
Nikos Kazantzakis schrieb in Rechenschaft vor El Greco: „Müsste ich die Menschen nennen, die die tiefsten Spuren in meiner Seele hinterlassen haben, so wären dies wohl Homer, Buddha, Nietzsche, Bergson und Zorbas.“ Bei Homer und Buddha nimmt man eine reale Person als Hintergrund an. Die Philosophen Nietzsche und Bergson waren ebenfalls Menschen, die gelebt haben. Wie aber verhält es sich mit Zorbas? Ist es am Ende nur eine idealisierte Roman- und Filmfigur?
Das Buch *Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas“ ist in deutscher Übersetzung von Alexander Steinmetz erschienen. Die Transkription des Namens mit „S“ für das griechische „Z“ folgt den von Steinmetz angewandten Transkriptionsregeln. Es ist lustig, dass der Roman gerne als „Buch zum Film“ beworben wird. Die Originalausgabe von Kazantzakis erschien 1946, die Verfilmung kam im Dezember 1964 in die griechischen Filmtheater. Für die Kamera verantwortlich zeichnete ein enger Mitarbeiter des griechisch-zypriotischen Regisseurs und Multikünstlers Michalis Cacoyiannis. Es war der aus Berlin stammende Weltenbummler Walter Lassally.
Ein reales Vorbild
Im Prinzip könnte den Helden auf eine literarische Figur begrenzen, wenn man die Geschichte streng an einem Alexis Zorbas und den von Kazantzakis beschriebenen Ereignissen auf Kreta ausgehen würde. Praktisch aber lebte Georgios Zorbas, wie er wirklich hieß. Er hatte zwar Kreta zeitlebens nie aus der Nähe gesehen, aber er arbeitete wie im Buch beschrieben in einer Mine in Mani auf dem Peloponnes für Kazantzakis.
Der reale Zorbas war wie sein literarisches Alter Ego grenzenlos. Unser Held wurde um 1865 in Katafygi, Kozani, Mazedonien, geboren. Er bewährte sich in mehreren Berufsfeldern, als Viehzüchter, Schmied, Holzfäller und vor allem als Bergmann auf der Halbinsel Chalkidiki. Zum Ende seines Lebens ließ er sich in Skopje im damaligen Jugoslawien nieder. Dort kaufte er Minen und gründete erneut eine Familie. Ab April 1941 war Skopje nach dem Überfall der Deutschen unter der Besatzung des Königreichs Bulgariens. Am 16. September 1941 starb Zorbas. Die Quellenlage ist nicht eindeutig. War es ein Schlaganfall? Waren es die Folgen des Kriegs? Oder war es ein Schlaganfall wegen der Einschränkungen von Krieg und Besatzung? Zorbas Grab ist in Skopje, im heutigen Nordmazedonien.
Die spätere Generalsekretärin des griechischen Belgrader Clubs „Rigas Feraios“ und Präsidentin des Vereins der Freunde von Nikos Kazantzakis in Serbien, Anna Geiger, war eine Nachfahrin von Zorbas Familie aus Skopje. Sie war die Tochter von Katina Yanta und Jovan Yanta. Sie starb 2002.
Georgios Zorbas, oft Giorgis genannt, hatte auch mit seiner Frau Eleni eine große Familie. Eleni bekam insgesamt 12 Kinder, von denen 8 überlebten. Zu seinen bekanntesten Nachkommen aus dem „griechischen Zweig“ zählt ein Urenkel: Pavlos Sidiropoulos, ein revolutionärer Rockmusiker und Komponist, für viele seiner Generation nur „der Prinz“. Sideropoulos starb am 6. Dezember 1990 mit nur 42 Jahren an einer Überdosis. War es Selbstmord durch den goldenen Schuss, weil sein linker Arm aus unerklärlichen Gründen wie gelähmt war? Fragen, die auch die aktuell junge Generation noch beschäftigen. Musikalben von Sidiropoulos erschienen auch im aktuellen Jahrtausend. In der modernen Jugendsprache sagt man Funfact zu einer weiteren interessanten Detailinformation: Sidiropoulos war auch der Neffe der Schriftstellerin Elli Alexiou und ihrer ebenfalls schriftstellerisch tätigen Schwester Galatia Kazantzaki, der ersten Gattin von Nikos Kazantzakis. Pavlos Sidiropou Mutter hieß Ioanna (Jenny) Zorba-Sidiropoulou und stammte aus Heraklion auf Kreta. Sie war die Tochter von Andromache, der Tochter des historischen Georgios Zorba.
Zorbas in der berühmten, Oscar-Prämierten Literaturverfilmung von Cacoyannis kurz angedeuteter familiärer Hintergrund und Lebenslauf war im realen Leben sogar noch vielfältiger. Allerdings gibt es außer der Verlegung des Drehortes nach Kreta noch einige weitere Ungereimtheiten zwischen Film und Wirklichkeit.
Der reale Zorbas war, wie im Film gezeigt ein Virtuose am Santouri. Das teuflisch schwer zu beherrschende Instrument aus der Familie der Zittern ist eine Wissenschaft für sich. Aber, allein der Fantasie der Filmschaffenden entsprang die Szene in der Zorbas seinem Auftraggeber auf dessen Verlangen das Tanzen beibringt. Der gezeigte „Sirtaki“ existierte vor dem Film überhaupt nicht als griechischer Tanz. Er wurde musikalisch von Mikis Theodorakis erfunden. Dass der Schlusstanz metaphorisch als die Kunst zu Leben zu verstehen ist, ist nicht schwer.
Zorbas als Symbol
Wenn wir nun die Lebensläufe aller bisher genannten Personen, Galatia Kazantzakis, Anna Geiger, Mikis Theodorakis, Michalis Cacoyiannis, Walter Lassally, Elli Alexiou, Pavlos Sidiropoulos, Katina und Jovan Yanta, Rigas Feraios und allen voran Nikos Kazantzakis studieren, dann finden wir in jeder Biografie eine oder einen Zorbas. Das Lebensgefühl und das Streben der Freiheit, das uns Kazantzakis in seinem Roman Βίος και πολιτεία του Αλέξη Ζορμπά (Originaltitel) aufzeigte, kann man oft und in vielen Personen entdecken, wenn man danach sucht.
Unser Autor, Nikos Kazantzakis, wurde am 18. Februar 1883 im damals noch osmanischen Heraklion auf Kreta geboren. Als einer der bedeutendsten griechischen Schriftsteller der Neuzeit und weltweit einer der meistübersetzten Autoren schuf er ein großes Gesamtwerk bestehend aus Prosa, Belletristik, Lyrik, Philosophie und Theaterstücken. Zusätzlich beschäftigte er sich mit Journalismus, Musik und Politik. Sein bescheidendes Steingrabmal in der Bastion Martinego trägt auf der Rückseite unter dem Holzkreuz einen Auszug aus seinem wichtigsten Werk, Askese: Salvatores Die: „Ich hoffe auf nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“ Von seinem Grab aus hat man einen der wenigen Panoramablicke auf die Stadt Heraklion. Man denkt an diesem Ort förmlich zu spüren, dass die Abwesenheit von Furcht und Hoffnung zu vollkommener spiritueller Autonomie und Freiheit führt.
Kazantzakis und Zorbas – wahre Helden
Wenn ein Mann von der spirituellen Größe Kazantzakis einen für viele Zeitgenossen eher unbekannten Giorgis Zorbas in einer Reihe neben Homer, Buddha, Nietzsche und Bergson als Vorbild anführt, dann steckt da mehr dahinter als eine Geschichte über eine Mine auf dem Peloponnes (real) oder auf Kreta (im Film). Wie tief das Vertrauen zu Zorbas gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, auf wen er sich bei seiner schwierigsten Lebensaufgabe verließ. Ab 1919 und für 15 schwere Monate war Kazantzakis als Sondergesandter (Generaldirektor des Gesundheitsministeriums) des griechischen Premiers Eleftherios Venizelos im Kaukasus und im Gebiet des Pontos Euxinos am Schwarzen Meer unterwegs. Seine Auftrag war es Pontos-Griechen und Kaukasus-Griechen, die Opfer ethnischer Säuberungen wurden, zu retten. 100.000 bis 150.000 Rettungen gehen auf Kazantzakis Konto.
Seine engsten Vertrauten und Helfer bei diesem Abenteuer waren: Iraklis Polemarhakis und Yannis Konstantarakis, seine geliebten Klassenkameraden, Yannis Angelakis, ein Anwalt aus Kleinasien und Georgios Zorbas. Es war eine Heldentat, die Kazantzakis nie an die große Glocke hängte – vielleicht fehlt sie gerade deshalb in „Alexis“ Zorbas Biografie.
Welche Menschen und welche Lebewesen tiefe Spuren in unserer Seele hinterlassen haben – stellen wir uns diese Frage? Hatten oder haben wir Gelegenheit gehabt mit ihnen zu sprechen? Konnten wir es ihnen sagen? Für alle, die sich noch tiefer mit der Thematik und der wunderbaren Welt von Kazantzakis beschäftigen wollen, gibt es als Buchtipp das Gesamtwerk des Autor. Ich wüsste persönlich nicht, welches Buch ich aussortieren müsste. Zorbas ist eindeutig ein schönes Einstiegsbuch, um Kazantzakis kennenzulernen. Der Roman über Zorbas kann süchtig machen nach mehr – glücklicherweise liefert das Gesamtwerk des Autors dieses „Mehr“. Besser noch, man kann die Bücher auch mehrfach lesen und immer wieder etwas Neues in ihnen entdecken.
Je nach Periode und Geschehnissen habe ich immer das eine oder andere Lieblingsbuch. Die griechische Passion“ hat aktuell diesen Platz inne. Es geht im Buch – des exkommunizierten Kazantzakis – um eine bittere Kritik an der Diskrepanz des christlichen Glaubens zum unchristlichen Handeln der angeblich Gläubigen. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderen als Serie für das griechische Fernsehen und in einer weiteren interessanten Interpretation als Serie für die BBC. Eine der interessantesten Verfilmungen hat mit Carl Möhner und Gert Fröbe deutschsprachige Schauspiellegenden in Hauptrollen. Es ist der 1957 erschienene Film Der Mann, der sterben muss* von Jules Dassin. Ein eindrucksvolles Werk – aber auch hier gilt: Das Buch ist um Längen besser.
Ohne Foto von Kazantzakis oder Zorbas wählte ich als Aufmacher das Konterfei des sympathischen Katers, den ich am Ufer von Nea Artaki traf. Waum? Weil er ein Überlebenskünstler ist – ein Survivor, wie die heutige Generation ihn taufen würde.
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