Ich bin lieber in Griechenland Patient als in Deutschland.

Ich bin lieber in Griechenland Patient als in Deutschland

Von unserm Freund Wassilis Aswestopoulos am Freitag, den 15.05.2026. Zuerst erschienen im Focus.de.

Journalist Wassilis Aswestopoulos kennt beide, das deutsche und das griechische Gesundheitssystem. Für ihn ist klar: Er lässt sich lieber in Griechenland behandeln, wo das System trotz Sparkurs funktioniert.

Griechenland ist mit weniger Ausgaben erfolgreicher als Deutschland: Der Mittelmeer-Staat liegt mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 82,39 Jahren in der europäischen Spitzengruppe – Deutschland landet in dieser Statistik mit 81,86 Jahren abgeschlagen im Mittelfeld. Das deutsche Gesundheitswesen kostet laut Statistischem Bundesamt 6444 Euro pro Kopf (2024). Das hellenische Modell kostete pro Einwohner rund 2000 Euro.

Jede legal im Land befindliche Person, ob Staatsbürger, EU-Bürger oder Angehöriger eines Drittstaats, hat in Griechenland unabhängig vom individuellen Versicherungsstatus Zugang zum primären staatlichen Gesundheitssystem. Touristen zählen ausdrücklich mit dazu. Vor allem solche aus Deutschland wundern sich oft, wie unbürokratisch und niederschwellig ihnen im Fall einer Krankheit oder eines Unfalls geholfen wird.

Auch ich, der Gesundheitssystem beider Länder kennt, bin manchmal noch immer beeindruckt, was das griechische Gesundheitssystem mit wenig Geld schafft. „Es ist eine politische Entscheidung [den Fiskus zahlen zu lassen]“, bemerkte der wegen seiner rechtsnationalen Ideologie polarisierende Gesundheitsminister Adonis Georgiadis kürzlich zu dem Thema. Die Kosten, um zum Beispiel auch Touristen zu behandeln, werden aus dem Staatshaushalt beglichen. 

In der Krise setzte Griechenland auf die Einheitskrankenkasse

Das griechische System ist das Produkt eines schmerzhaften Prozesses. Es wurde im Eilverfahren während der faktischen Staatspleite reformiert. 

Der von der Kreditgeber-Troika aus EU, EZB und IWF verordnete Sparkurs schickte Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit und kostete sie ihre Krankenversicherung. Griechenland entschloss sich mitten in der tiefen sozialen Krise zur radikalsten denkbaren Lösung: Sämtliche Sozialversicherungen, Kranken-, Renten-, Pflege- und Zusatzkassen wurden zu einer einzigen öffentlichen, komplett digitalisierten Einheitskasse zusammengefasst. 

Ich Griechenland komme ich günstiger weg

Für die Krankenversicherung für Arbeitnehmer sind insgesamt 7,5 Prozent des Bruttolohns fällig. Wie in Deutschland wird der Beitrag zwischen Arbeitgeber und Angestellten geteilt. Die Tendenz sinkender Beitragsquoten erhöht zur Freude der Industrie die griechische Wettbewerbsfähigkeit. Freiberufler und Selbstständige zahlen pro Monat 78,81 Euro in die Krankenversicherung.

Als freier Journalist bekam ich in Deutschland wie ein Arbeitnehmer gut die Hälfte der Beiträge über die Künstlersozialversicherung bezahlt. Obwohl ich heute in Griechenland den gesamten Beitrag aus eigener Tasche entrichte und neben der Pflichtrentenversicherung auch für die Zusatzkasse der Journalisten beitragspflichtig bin, komme ich jetzt billiger weg.

Hier braucht niemand Plastik-Gesundheitskarten

Aber auch auf der Leistungsseite bin ich hier zufrieden: Alle, die über eine aktive griechische Sozialversicherungsnummer verfügen, erhalten per SMS vom Staat Gutscheine für Vorsorgeuntersuchungen. Diese können sie unabhängig vom individuellen Versicherungsstatus auch bei privaten Ärzten oder Diagnosezentren durchführen lassen. Die Bürokratie in Griechenland ist denkbar einfach. Niemand braucht teure, pannenanfällige Kartenlesesysteme und Plastik-Gesundheitskärtchen – die Sozialversicherungsnummer reicht.ANZEIGE

Mit engmaschiger Vorsorge, zu der es mehrfache Erinnerungs-SMS gibt, kämpft der Staat gegen hohe Folgekosten verschleppter Krankheiten. Statt wie Bundesgesundheitsministerin Nina Warken mit ihrer Reform Früherkennungsuntersuchungen zu streichen, gibt es einen Ausbau des Vorsorgesystems.

Die Patienten kontrollieren das System mit

Die griechische elektronische Patientenakte ist nicht wie in Deutschland nur eine Sammlung von PDF-Dateien. Sie ist eine voll integrierte, auch von Patienten niederschwellig abrufbare Datenbank. Sie schlägt dank KI-Implementation Alarm, wenn nicht miteinander verträgliche Medikamente oder unangebrachte Untersuchungen verschrieben werden. Mittels KI wird zudem erfasst, wenn es Anzeichen für Rezeptmissbrauch gibt. 

Alle Versicherten erhalten automatisiert in Echtzeit per SMS und Mail eine Nachricht über in ihrem Namen getätigte Gesundheitsausgaben. Sie werden als Kontrolleure ins System mit eingebunden. Extensive Missbrauchsbekämpfung zählt zum Standard der griechischen Sparmaßnahmen.

Ich habe die Handynummern von all meinen Ärzten

Natürlich glänzt auch im griechischen Gesundheitssystem nicht alles: Oberärzte kassieren 1900 Euro Grundlohn pro Monat. Samt sämtlicher Nachtschicht- und Sonderzulagen kommen sie auf maximal 3000 Euro. Damit wird man nicht reich. Aber mein Gefühl ist, dass so vor allem Mediziner aus Leidenschaft und nicht des Geldes wegen diesen Berufsweg einschlagen.

Die spartanisch ausgestatteten griechischen Krankenhäuser wirken im Vergleich zu hochmodernen deutschen Hospitälern wie bessere Feldlazarette. Aber sie wirken trotz aller Mängel wegen des aufopferungsvollen Gesundheitspersonals menschlicher. Besonders schätze ich es, dass all meine Ärzte mir ihre private Handynummer geben. Ich bin kein Einzelfall, so verfahren sie mit allen Patienten. 

Es ist allen Patienten klar, dass sie die Nummern nur im Notfall nutzen sollen. Dann aber sind sie hilfreicher als jede noch so ausgeklügelte KI oder jede persönlich in Panik vorgetragene Anamnese. Man übergibt das Handy mit dem behandelnden Arzt an der Leitung an den Krankenhausarzt, damit dieser schnell ein Briefing erhält. 

„Wie werden die für das Telefonat bezahlt?“, fragen mich regelmäßig deutsche Ärzte oder Journalisten-Kollegen. Die Antwort ist: gar nicht. Sie tun es gerne. Dagegen höre ich aus Deutschland, dass selbst einfachste telefonische Beratungen grundsätzlich in Rechnung gestellt werden.

Privatkliniken und staatliche Krankenhäuser

Auch in Griechenland gibt es natürlich luxuriös ausgestattete Privatkliniken, wo jeder Handschlag extra bezahlt wird. Sie verfügen über einen Service, der besser ist als in manchem Fünf-Sterne-Hotel und angenehmer als auf der exklusivsten deutschen Privatstation. Hierhin gehen all jene, die sich mit privaten Zusatzkassen abgesichert haben. Wenn es aber lebensgefährlich ernst wird, kehren auch die Reichen, Mächtigen und Schönen wieder ins staatliche Gesundheitssystem zurück. 

Es gibt allerdings Schattenseiten. Die griechische Regierung hat auch für staatliche Krankenhäuser die Möglichkeit eröffnet, privat zuzahlenden Patienten einen schnelleren Termin zu gewähren. Den Klinikärzten eröffnet diese Option die Möglichkeit zum Zusatzverdienst. Bei den Griechen ist die Praxis heftig umstritten. Es sei eine Zweiklassenmedizin, die nicht solidarisch sei, meinen Kritiker.

Hat Griechenland das bessere Gesundheitssystem?

Für mich ist dennoch klar: Ich bin lieber in Griechenland Patient als in Deutschland.

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Die spartanisch ausgestatteten griechischen Krankenhäuser wirken im Vergleich zu hochmodernen deutschen Hospitälern wie bessere Feldlazarette. Aber sie wirken trotz aller Mängel wegen des aufopferungsvollen Gesundheitspersonals menschlicher. Besonders schätze ich es, dass all meine Ärzte mir ihre private Handynummer geben. Ich bin kein Einzelfall, so verfahren sie mit allen Patienten. 

Es ist allen Patienten klar, dass sie die Nummern nur im Notfall nutzen sollen. Dann aber sind sie hilfreicher als jede noch so ausgeklügelte KI oder jede persönlich in Panik vorgetragene Anamnese. Man übergibt das Handy mit dem behandelnden Arzt an der Leitung an den Krankenhausarzt, damit dieser schnell ein Briefing erhält. 

„Wie werden die für das Telefonat bezahlt?“, fragen mich regelmäßig deutsche Ärzte oder Journalisten-Kollegen. Die Antwort ist: gar nicht. Sie tun es gerne. Dagegen höre ich aus Deutschland, dass selbst einfachste telefonische Beratungen grundsätzlich in Rechnung gestellt werden.

Privatkliniken und staatliche Krankenhäuser

Auch in Griechenland gibt es natürlich luxuriös ausgestattete Privatkliniken, wo jeder Handschlag extra bezahlt wird. Sie verfügen über einen Service, der besser ist als in manchem Fünf-Sterne-Hotel und angenehmer als auf der exklusivsten deutschen Privatstation. Hierhin gehen all jene, die sich mit privaten Zusatzkassen abgesichert haben. Wenn es aber lebensgefährlich ernst wird, kehren auch die Reichen, Mächtigen und Schönen wieder ins staatliche Gesundheitssystem zurück. 

Es gibt allerdings Schattenseiten. Die griechische Regierung hat auch für staatliche Krankenhäuser die Möglichkeit eröffnet, privat zuzahlenden Patienten einen schnelleren Termin zu gewähren. Den Klinikärzten eröffnet diese Option die Möglichkeit zum Zusatzverdienst. Bei den Griechen ist die Praxis heftig umstritten. Es sei eine Zweiklassenmedizin, die nicht solidarisch sei, meinen Kritiker.

Hat Griechenland das bessere Gesundheitssystem?

Die Debatte

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4 Kommentare

  1. da kann ich der christa voll zustimmen.mir wurde im letzten jahr im hospital rethimnon,als grauer vogel,der selbige aus beiden augen genommen,ohne probleme und grosses trallala und zügig.
    der doc sprach zudem ein akzentfreieres deutsch als ich ,was auch hilfreich war und hat über das ganze prozedere aufgeklärt.frei nach dem motto,the key is simplicity,aber verdammt wirkungsvoll.
    und nun vertraue ich bald einem doc meine linke hüfte an ,…………….nicht dem augenarzt !!!,dachte ich so bei mir
    wolfgang
    wolfgang

  2. Liebe Irene,
    das tut mir sehr leid, was da passiert ist.
    Für so einen Fall der Fälle habe ich eine dauerhafte private Auslandskrankenversicherung (kostet ca. nen Hunnie pro Jahr), zu der ich Jedem nur raten kann.
    Auch kann man so ein Risiko mit einer kombinierten Reiserücktritt-/Reiseabbruchversicherung absichern.
    VG Caro

  3. Alles schön und gut, aber –
    Meine Freundin brach sich letzten Herbst das Bein. Polyklinik in Mires, Röntgen, Gips, Arzt – alles gut. Aber dann? Stationärer Aufenthalt wegen Beinbruch? Keine Chance! Reha, bis sie mit Krücken gehen kann? Keine Chance. Sie wurde mit einem Rezept für Trombosespritzen und Schmermittel und 2 Krücken buchstäblich auf die Straße geschickt. Zurück in die Pension? Keine Chance! Sie wäre die Treppen nicht hochgekommen und wer hätte sie dort versorgen sollen? Sie kam ohne Hilfe noch nicht einmal zur Toilette.
    Es gab einen hilfsbereiten jungen Mann, der organisierte ein Bett in einer Privatklinik in Heraklion und organisierte, dass sie einen Krankentransport zum Flughafen 2 Tage später erhielt. Aber nach Heraklion in das Krankenhaus musst du erstmal kommen. Dein Gepäck auch! Das Ganze Paket, Rückflug, Klinik. Medikamente, Krankenhaus Mires kostete ca. 3.000 EUR und mindestens einen guten Freund, der dich fährt, dir deine Sachen holt, einen neuen Flug organisiert usw.
    Also kann ich aus Erfahrung sagen: Das System ist nur so gut, wie dein soziales Umfeld. Ohne Familie krank in Griechenland – lieber nicht! Also rosarote Brille lieber absetzen!

  4. Endlich mal wieder nicht Ray Berry!!!

    Diesem Bericht kann ich nur voll und ganz zustimmen. Und die Terminvergabe ist unproblematisch. Obwohl die Arztpraxen oftmals noch eine one-man-show sind, werden Telefonate beantworted und ein Termin ist innerhalb der nächsten Tage meist möglich. Ich bin immer wieder entsetzt darüber, wie das in Deutschland mit 4-7 Arzthelferinnnen immer noch nicht funktioniert und ein telefonischer Kontakt so gut wie unmöglich ist.

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