Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber ich frage mich immer mal wieder: „was ist das, was mich so an Kreta hängen lässt? Warum fühle ich mich hier so wohl? So ganz? So geerdet und doch so luftig, beschwingt und frei?“
Ist es die Tatsache, dass es eine Insel ist? Deren geographische Lage? Das Klima? Das sie umschließende Meer? Die Geschichte, die Natur, die Menschen? Ist es gar ein Lebensgefühl?
Auf letztere Frage habe ich eine Antwort gefunden, und die heißt ganz klar und lapidar: „JA!“
Es ist definitiv ein Lebensgefühl. Naja, zumindest für mich. Bleibt noch herauszufinden, worin dieses Lebensgefühl eigentlich besteht, was es ausmacht.
Hmmmmm…. Vermutlich eine gute Mischung aus all dem Vorgenannten, mal sehen. Auch wenn es schwer zu erklären ist – Gefühle lassen sich ja nun mal nicht so einfach bzw. kaum erklären. Man fühlt sie halt.
Ich habe in den letzten Wochen und Monaten sehr viel über Gefühle, deren Wahrnehmung und Bedeutung gelernt. Und auch eine gewisse Klarheit darüber erlangt, was unsere so sehr „verkopfte“ Gesellschaft mit unseren Gefühlen so anrichtet. Sie unterdrückt. Als „inopportun“ bewertet. Uiii! – auch ein gutes Thema: „Bewertung“. Warum müssen wir immer alles sofort bewerten? Warum können wir so schlecht einfach nur wahrnehmen, beobachten, fühlen – und das einfach so sein und zulassen, wie es ist?
Herz über Kopf?
Ein Satz, der sich mir extrem eingeprägt hat, ist folgender: „Der Kopf ist schneller als das Herz.“
Warum ist das so? Und ist das gut?
Oftmals bestimmt. In gewissen Situationen. Aber wo bleibt da unser Instinkt, unsere Intuition, unser so viel gerühmtes aber oft belächeltes „Bauchgefühl“?
Okay, ich schweife ab….. Aber nur ein bisschen, ich versuche jetzt, die Kurve zum eigentlichen Thema zu kriegen, das mich seit ca. 18 Jahren immer wieder beschäftigt. Das kretische Lebensgefühl.
Bei mir fängt es – von der wunderschönen Vorfreude auf die Insel mal abgesehen – direkt bei der Landung auf dem Flughafen in Chania an. Sobald ich an der Gangway stehe und in den Himmel schaue, die zwar kerosingeschwängerte, aber dennoch kretische Luft einatme und dieses unvergleichliche Licht sehe, ist es mal wieder um mich geschehen. Das Kretavirus ist wieder komplett ausgebrochen. Erster Faktor:
Das Licht.
Es ist nicht nur hell, es ist gnadenlos klar. Mittags alles weiß und scharf gezeichnet, abends dann weich und golden, und lässt selbst die schroffsten Berge, kargen Beton und Schrottplätze schön aussehen. Es ändert sich aber nicht nur im Tagesverlauf, sondern natürlich auch im Laufe der Jahreszeiten. Ich erinnere mich noch an meinen ersten November auf der Insel – 2009 in der Nähe von Ierápetra (wo quasi alles begann…). Damals wurde unsere familieninterne Bezeichung „Glitzerwasser“ geboren – die liebevolle Beschreibung der Ansicht des libyschen Meeren in dieser Jahreszeit. Einzigartig glitzernd, bedingt durch die tiefstehende Sonne – in dieser Form tatsächlich nur im kretischen Herbst zu sehen und zu erleben.
„Glitzerwasser“ heißt damit für uns auch immer „jetzt kehrt Ruhe ein“. Die heißen und vom Tourismus geprägten Sommermonate sind vorbei, die sommerliche Hitze ebenso – die Insel wird ruhiger, die Tage werden kürzer. Das Wetter ist meist immer noch sehr schön und warm, das libysche Meer behält seine angenehmen Badetemperaturen oft bis weit in den Dezember rein, die Strände sind leer und wieder hundefreundlich und mit den ersten herbstlichen Niederschlägen explodiert auch die Natur wieder. Die Insel grünt und blüht an allen Ecken und Enden, in wunderschönes Sonnenlicht getaucht mit scharfen Konturen gegen den oft stahlblauen Himmel. Eigentlich meine Lieblings-Jahreszeit!
Womit wir auch schon beim nächsten „Wohlfühlfaktor“ wären…..
Die Zeit
Zeit hat für mich auf Kreta eine ganz besondere Bedeutung. Manchmal erscheint sie unendlich, dann wieder viel zu kurz und schnell vergänglich, aber eines beinhaltet sie für mich immer. Gefühlte Leichtigkeit.
Und damit meine ich nicht die „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, wie Milan Kundera sie beschreibt. Ganz im Gegenteil – diese gefühlte Leichtigkeit macht für mich Vieles erst wirklich erträglich!
Die beiden Zauberworte zum kretischen Zeitverständnis heißen wohl „siga-siga“ und „Ipomoni“. Beide Begriffe bedeuten „immer mit der Ruhe“ und „nur Geduld“, wobei sich hier die deutsche Übersetzung allerdings mal wieder als eher unzulänglich erweist. Denn auch hier handelt es sich nicht um gut gemeinte Ratschläge zur Besänftigung des nord- und mitteleuropäischen Bedürfnisses nach „jetzt aber sofort, und zwar zack zack!“ , sondern ebenfalls um den Versuch der Vermittlung eines Lebensgefühls. Wird doch nirgends „alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird….“ (kurze Überlegung: „vielleicht werden kretische Mahlzeiten auch deshalb oft nur lauwarm serviert???“ Aber ich schweife schon wieder ab…..).
„Keine Zeit haben“. So ein Blödsinn! Wir alle haben Zeit. Für alles. Das Problem ist unsere Priorisierung von Themen. Ein weiterer Gedanke, an den ich viel Zeit (sic!) „verschwende“. Ist denn alles wirklich so wichtig, dass es genau JETZT erledigt werden muss? Oder nehme ich mir doch die Zeit, meinem in Not geratenen Nachbarn zu helfen – und sei es auch nur in der Form, ihm mein Ohr für ein Problem zu leihen oder ein kurzes Schwätzchen zu halten? Eine Einladung zum Kaffee auszusprechen oder anzunehmen? Wozu diese permanente Rennerei, wenn sich auch das Meiste wohl überlegt und entsprechend entspannt erledigt werden kann?
Ganz ohne negative Nebenwirkungen – fragt Euren Arzt oder Apotheker, der Euch sicher auch nur die positiven Nebenwirkungen auf Eure Gesundheit bestätigen wird….

Und was wir oft als Unpünktlichkeit betiteln ist in Wahrheit einfach nur eine andere Priorisierung. Ein Fazit, das idealerweise dazu führen könnte, sich selbst nicht ganz so wichtig zu nehmen….. Ein schöner Spruch, der mir dazu einfällt: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“. Noch bevor ich diesen Spruch kannte, hatte ich schon bei mir bemerkt, dass ich auf Kreta seit Jahren keine Uhr mehr trage. Die Uhr, deretwegen ich früher sogar auf dem Weg zur Arbeit nochmal umgedreht habe, weil ich sie zu Hause vergessen hatte und mich „ohne“ irgendwie amputiert fühlte? Derer ich acht oder neun verschiedene Modelle hatte? Kein Bedarf mehr.
Zur Not fragt man einen netten Artgenossen nach der Uhrzeit, die er allerdings ggf. am Sonnenstand ablesen wird, aber gerne behilflich sein will.
Und – zack – sind wir beim nächsten Wohlfühlfaktor:
Filoxenia – Gastfreundschaft
Gastfreundschaft ist auf Kreta kein „Service“, sondern eine Haltung, die sich bereits im Wort an sich begründet. Denn „Filoxenia“ (η φιλοξένια) setzt sich aus zwei Worten zusammen. „O Filos“ (ο φίλος) der Freund, und „o Xenos“ (ο ξένος) – „der Gast“, aber auch „der Fremde“. Also Gast- und Fremdenfreundlichkeit zusammen.
Und diese fängt beim „kalós írthes“ (sei herzlich willkommen!) an, geht über die Nachfrage zum eigenen Befinden (und dem der Familie), dem Glas Wasser zum Kaffee (das gerne auch schon vor der Bestellung kredenzt wird), die „Mezé“ zum Drink, die ausschweifenden Erklärungen zur tagesaktuellen Speisekarte, die persönliche Vorstellung anderer Gäste incl. deren Familienverhältnisse bis hin zur spontanen Einladung auf den fast schon obligatorischen Raki, Süßigkeiten oder gar Familienfeierlichkeiten – Kreter sind einfach herzlich, zuvorkommend, hilfsbereit und sie leben im Hier und Jetzt.
Die daraus resultierende scheinbare Ermangelung jeglicher Planung mag den Nord- und Mitteleuropäer oft befremden, aber das ist vermutlich historisch bedingt. Denn wer weiß schon, ob nicht morgen schon wieder irgendwelche Besatzer vor der Tür stehen? Dann doch lieber noch das Heute feiern und genießen!
Wobei „Planung“ durchaus auch auf Kreta dazu gehört – aber diese richtet sich meist nach unbeeinflussbaren Gegebenheiten wie der Natur und der Kirche.
Letztere „Gewalt“ lasse ich mal außen vor, da ich damit denkbar wenig zu tun und zu sagen bzw. zu schreiben habe – dafür widme ich mich gerne der fast alles bestimmenden „Gewalt“ Kretas – und die heißt…
Die Natur
Welches ist der erste Gedanke an Kreta? Frage an Euch.
Kurze Unterbrechung für eine Denk- und Fühl-Pause….
Meine Antwort: Das Licht, der Geruch, das Meer. Schroffes Gebirge, alte Traditionen. Tiere. Schafe, Ziegen, vereinzelt Esel. Hunde und Katzen, streunend oder sozialisiert. Blühende Plateaus, Schluchten und Täler im Winter. Farbexplosionen. Seltene Bartgeier. Kormorane. Echte Karett-Schildkröten. Zikaden. Blumen, Kräuter, Wildtiere.
Ein Fest der Sinne.
Gutes, einfaches Essen. Einfaches Leben. Sonne und Salz auf der Haut. Sand am Strand. Frisch gepresstes, nach frisch gemähtem Gras duftendes Olivenöl auf noch warmem Bauernbrot aus dem Ofen. Erdung.
Tradition und Moderne
Vielleicht ist es auch der Widerspruch im Alltag, der Kreta ausmacht. Denn Kreta ist beides gleichzeitig: uralt und sehr lebendig. Kapellen und Klöster aus dem 14. Jahrhundert neben hippen Beach Bars. Wilde Schluchten und touristische Strände. Hirten in den Bergen und Digital-Nomaden mit Laptop im Kafeneio. Das stört hier niemanden. Alles darf koexistieren.
Für mich ist es im Kern dieses Gefühl: Ich muss nichts beweisen. Einfach nur (da) sein.
Ohne Blick auf die Uhr. Weniger planen, mehr passieren lassen. Einfach Leben!






Das ist das was auch uns seit über 20 Jahren mit Kreta verbindet.
Der erste Atemzug wenn man aus dem Flugzeug steigt, die ersten Kontakte in unserem kleinen Kalamaki, wo man sich kennt der erste Café am Morgen bei Zacharias, die ersten Informationen was sich in der letzen Zeit geändert hat ( in der Regel nicht viel ) und dann ist man einfach da!
Man lebt im Rhythmus der Insel man lebt‘
Aus dem Herzen geschrieben … treffender hätte man es nicht beschreiben können, danke!
Es war gut, nach längerer Zeit mal wieder etwas von Ihnen zu lesen! Gerade jetzt, zwei Tage vor unserem Kreta-Herbsturlaub. Vielleicht auch wieder etwas für den Gaumen.
Was für eine treffende Beschreibung – danke.
Liebe Grüsse aus Pitsidia 😊
Vielen Dank für Deinen wunderbaren Bericht.Eine Erklärung,wie aus einer Insel eine Herzensdestination wird,wie und warum ein Sucht Faktor entsteht.
der kopf ist leider,gott sei dank,sehr oft nicht schneller als das herz bei vielen einschätzungen von situationen !!!!!