Kreta: Vom Zeitmaß beim Eselreiten und Wanderschuhen.

Dem treuen und geneigten Leser ist es sicher nicht entgangen, dass die Scheffredakteuse eigentlich nur in der Gestalt einer Scheffredakteuse daher kommt – im tiefsten Inneren aber eigentlich eine Leseratte ist. Weiterhin dürfte auch bekannt sein, dass eines Ihrer Lieblingswerke über die Insel – hier auch wieder der Hinweis auf die Kritik am Autor desselben, wir sind uns dessen durchaus bewusst! – das Büchlein mit dem Titel „Kreta“ von Erhart Kästner ist. Was auch immer man ihm bzgl. seiner politischen Gesinnung anlasten mag oder kann – über Kreta geschrieben und es beschrieben hat er auf solch liebevolle, poetische und philosophische Weise, dass sich Scheffredakteusenleseratte diesem Zauber nur schwer entziehen kann. Und es auch gar nicht will.

Vielmehr will sie mal wieder ein wunderschönes Kapitel aus diesem Büchlein mit Euch teilen – inspiriert von einem wunderschön milden, sonnigen, tiefblaubehimmelten Sonntag mit einer leichten Brise aus Süden – eine fast geschrieene Einladung auf einen ausgiebigen Spaziergang im fast frühlingshaften Februar auf Kreta. Und genau in diesem Zusammenhang fiel ihr besagtes Kapitel wieder ein:

Eselritt

Den Ida, das Tal von Asomatos und die Messara hatte ich nun als das Herz und die Krone von Kreta kennengelernt. Bevor ich von diesem Großartigen schied, wollte ich das ganze Gebiet noch einmal durchwandern. Ich überquerte dabei die Insel in ihrer Gürtelmitte von Süden nach Norden, begann in der Gegend von Gortyn, verließ aber sogleich das Tal und die große Straße und schlug mich an den Hängen des Ida hin, bergauf und bergrunter, von Dorf zu Dorf, bis in die Gegend von Rethymnon und wieder zurück. Im Gute von Ambelusos, wo ich Standquartier hatte, bot man mir dazu einen Esel an. Nun wohl: ein Eselritt also durch das Götterland! Das konnte wohl angehn.

Die Wissenschaft des Eselreitens

Ich ließ mir erklären, was zur Wissenschaft des Eselreitens gehöre, denn einen Treiber wollte ich nicht dabei haben. Die Belehrung war kurz. Zse!Zse!, vielmehr Zsoi! zu rufen, wenn es vorwärts gehen solle, ein Lippen-Brrr! beim Halten. Links und rechts mit dem Stöckchen zu lenken. Häufige Hiebe seien das Wichtigste (Anm.d.Red.: an alle Tierschützer! Hier wird nur zitiert – korrekt finden wir das auch nicht wirklich….!). Zu fressen suche er sich selber, da brauche ich nicht viel zu sorgen. Nachts solle ich ihn gut anbinden. Das war ungefähr alles. Er sei übrigens der beste Esel der ganzen Messara.

Es ging dann auch gut mit uns beiden; wir hatten nicht über einander zu klagen. Ich ritt ihn nicht viel, meinen Stern der Messara, und war es zufrieden, dass er mir mein Gepäck trug und dass er überhaupt da war mit seiner dumpfguten tierischen Nähe. So ist man nicht so allein und kann ein vernünftiges Wort mit jemandem reden. 

Sonst – ich laufe wirklich lieber nebenher. Das Eselreiten ist immer noch nicht meine Sache; da muss ich wohl noch ein paar Jahre in Griechenland sein. Ich laufe gerne zu Fuß, im leichten Wanderschweiße, wie es heißt; es erhöht mein Lebens- und Liebesgefühl zur Erde, ich brauche den Boden unter den Füßen. Auch seh´ ich nicht ein, was mit dem Eselreiten erspart ist. Es geht keineswegs schneller.

Die Einheimischen, die wie auf dem Stuhle seitlich zum Esel sitzen, müssen ja doch, um einigermaßen das Tempo zu halten, unaufhörlich mit den Beinen schlagen. Ein richtiger Eselreiter trommelt durch Stunden mit den Absätzen gegen den rundlichen Eselwanst; es ist eine Art von dauernden Vorwürfen. Ich gebe zu, dass es hübsch aussieht, wenn junge Mädchen mit Grazie oder wenn Kinder fortwährende Strampelschläge auf die Eselfelltrommel tun. Was mich betrifft, so finde ich, da kann ich gleich laufen.

Denn ich bekenne mich tätig zu Johann Gottfried Seume, welcher der Ansicht war, dass alles besser ginge, wenn man mehr ginge, und dass der Gang das Aufrechteste und Ehrenvollste am Manne sei. Sowie man im Wagen sitze, schrieb er, habe man sich sogleich einige Grade von der Humanität entfernt. Ich stimme ihm aus vollem Herzen bei. Aber, wackerer Seume, welch einen Abstand von der Humanität hättest du erst in unserem Geschlecht erblickt, welches mit Hast durch Götterländer saust! Die Windschutzscheibe, hättest du vielleicht notiert, ist die wahre Vertreibung aus dem Paradiese aller echter Reiseerlebnisse. Wer dahinter sitzt, hat sich getrennt und geschieden von allen Geschenken, die das Einfache, das Wahre, das Wandern zu Fuß beschert. 

Hat man vergessen, dass Reisen eine Kunst ist, die ebensoviel an Sammlung, an Frommheit und Bildung voraussetzt, als sie sodann gewährt, und dass es ohne die Bemühung zur Antwort nicht geht? Hat man vergessen, dass jeder Landschaft ein eigener Pendelschlag einwohnt – einem Flusstal der Lauf seiner Wasser, einem Berg das Maß der steigenden Schritte – und dass sie sich abweisend zuschließt, wenn man den überhört?

Vom Zeitmaß des Eselgangs – und von guten Schuhen

In Griechenland ist es das Zeitmaß des Eselgangs, das mir am Wahrsten erscheint, und so lass ich den Esel regieren und laufe mit ihm bergauf, bergab über steinige Krummpfade, über weißblendende Straßen, auf denen knöcheltiefer Staub liegt, der weiß nach den Seiten hin spritzt, wenn meine schweren Schuhe ihn treten. 

Ja – meine Schuhe, mit denen ich nun schon so lange und weit durch Griechenland gelaufen bin! Wenn ich sie abends, oder wenn ich so schreibe, in meiner sonnendurchflossenen Stube dastehen sehe, belebtes Leder, wissend und treu, fühl´ ich mich ihnen doch sehr verbunden. 

Wären sie neu, so wäre an ihnen nicht gar viel Besonderes. Zwar ausgezeichnete Vertreter ihrer Gattung waren sie von je; ich hatte gleich viel Neigung zu ihnen, als sie mir ausgehändigt wurden. Echte Bergsöhne waren sie, niedrig, damit die Fesseln frei blieben, naturfarben, wie sie auch jetzt noch sind, und alles an ihnen war doppelt, die Sohlen, die Nähte, so wie ein echter Enzianschnaps sich in der Naturgeschichte auch niemals einfach, immer nur doppelt ereignet. Das Gebiss ihres Nagelwerks war vollkommen wie das Gebiss eines Tiers.

Was aber sind neue Schuhe! Eine Hoffnung, ein Versprechen – sonst nichts. Sie jedoch – was haben sie erlebt! Um keinen preis der Welt möchte ich sie vertauschen. Wenn ich sie halte, spüre ich alle Wege fließen und ziehen, die ich mit ihnen lief. Ich spüre die Felsensteige oberhalb Delphi, ich spüre den Sandstrand bei Nauplia, ich riche den Majoran am Hügel von Mykenai, in dessen Gewucher sie ganz verschwanden, und ich höre die quellklaren Bergbäche im Tal des Eurotas, durch deren kieselblanke Gewässer ich mit ihnen schritt. 

Wohin werden sie noch zu gehen haben?

Sie machten Aufsehen in ganz Griechenland. Nicht mir galten die Blicke in Dörfern und Städten, auf Straßen bei Bauern und hirten: sie waren es, die Bewunderung, Ehrfurcht, und Neid erzwangen. Wohin immer ich mit ihnen kam, wirkten sie magisch auf alle. Die Köpfe und Augen wanderten mit, auf sie gebannt, von dem Moment an, wenn ich erschien, solang ich vorüberging, bis ich verschwand. Wer solche Schuhe hat, dachten sie alle, deren Füße in jammervollem Lederzeug steckten, das klaffend und rissig aus allen Nähten sprang, wer solche Schuhe hat, muss gut mit den Göttern sein. 

Und aufseufzend sprach es aus tausend Mündern tausendmal voller Sehnsucht und Neid: kala papoutsia echis! Was du für gute Schuhe hast!

 

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