Meine Ente macht Urlaub.
Von Freund Vassilis Aswestopoulos (Der Balkanisator).
Wenn man in Deutschland sagt, dass man mit einer Ente irgendwohin fährt, dann denken alle (älteren) Zuhörer an einen Citroën 2 CV. Obwohl es das legendäre Auto im Herbst 2005 auf die 0,50 € Briefmarken Griechenlands schaffte, wurde es in Hellas nie „Ente“ genannt. Das kultige Auto ist wie in Frankreich als „deux chevaux“ bekannt. Ungefähr fünf Millionen Fahrzeuge dieses Modells liefen von 1949 bis 1990 vom Band. Das ist beeindruckend aber weitaus weniger als die 21.529.464 VW „Käfer“, die von 1938 bis 2003 produziert wurden.
Diese Zahlen verblassen jedoch vor „weit mehr als 100 Millionen“ (Herstellerangabe), welche das meist verkaufte Kraftfahrzeugmodell der Welt aufbietet. Dieser mobile Untersatz heißt in Griechenland «παπί» (papi = Ente).

Die Marke von 100 Millionen für das fragliche Fahrzeug wurden bereits 2017 im Stammwerk Kumamoto erreicht. Heute, 2026, wird es immer noch im Original und in Lizenzen produziert. Kumamoto? Die Stadt liegt an der Westküste von Kyūshū, der südlichsten Hauptinsel Japans. Das gesuchte Fahrzeug ist japanisch. Es hat zwei Räder und wurde vom Firmengründe Soichiro Honda 1958 persönlich entwickelt.
Es ist die legendäre Honda CUB. CUB steht für Cheap Urban Bike. Es war eines der ersten Motorräder seiner Art mit Viertaktmotor. Selbst in der kleinen 49 ccm-Klasse, in der die Erfolgsgeschichte startete, fühlt es sich wie ein vollwertiges Fahrzeug an. Die Honda CUB und Honda Super CUB Motorräder haben Generationen von Familien in Asien und auf dem Balkan motorisiert.
Es ist hier nicht der Ort, um besonders tiefgründig auf die technischen Daten des Kultfahrzeugs einzugehen. Das können andere besser. In der Serie Discovery Channel’s Greatest Ever wurde die Honda Super CUB zum „greatest ever motorcycle“, zum besten Motorrad aller Zeiten gewählt. Die kleine Honda ist genügsam beim Sprit. Die Wartung ist sehr einfach. Sie verhält sich gutmütig beim Fahren. Man kann große Lasten auf ihr transportieren oder einhändig am Steuer Kaffee an Kunden ausliefern. Wenn es nötig ist, können Feldarbeiter zu zweit mit ihrem schweren Arbeitsgerät auf dem Fahrzeug zum Arbeitsplatz fahren. Beobachtern kann nicht entgehen, dass in Asien oft auch mehr als drei Personen auf CUBs unterwegs sind.

Die „Ente“ wurde nicht nur im Asien zum Fahrzeug der Lieferanten, Kuriere und Handwerker. Mit keinem anderen fahrbaren Untersatz ist das schnelle Schlängeln durch einen chaotischen Stadtverkehr wie in Athen einfacher. In der Provinz ist die Tatsache, dass Ersatzteile fast wortwörtlich an jedem Zeitungskiosk feil geboten werden das Verkaufsargument überhaupt. Wo keine komplizierte Technik drin ist, kann auch nicht viel kaputt gehen. Es sei denn, man hat einen Kurzschluss im Kabelbaum. Das ist dann wiederum eine Geduldsarbeit, deren Arbeitskosten nur im globalen Süden bezahlbar sind.
Die Griechen lieben ihre „Enten“. Für gut erhaltene Oldtimer werden höhere Preise gezahlt als für nagelneue Konkurrenzfahrzeuge aus China. Die Bezeichnung „Ente“ (oder „Entchen“) für die kleinen Mokicks etablierte sich in Griechenland in den frühen 1980er Jahren. Der Name leitet sich von ihrer Form ab, da Lenker und Verkleidung stark an Kopf und Körper einer Ente erinnern. Die billig zu ersetzende, weiße Plastikverkleidung des Motorblocks am Fahrzeug soll an eine Entenbrust erinnern – das ist die mir bekannte vorherrschende Meinung zur Entstehung des Namens. Mittlerweile heißen alle vergleichbaren motorisierten Zweiräder „Ente“.
Die Honda stand und steht für eine komplette Fahrzeugkategorie Pate. Dabei kam die Begriffsbildung streng genommen von einer Werbeaktion eines der ärgsten Konkurrenten: Yamaha. Genau genommen hieß das Modell Yamaha Mate, später Yamaha Town Mate. Die Yamahas hatten Zweitaktmotoren und waren deshalb für die Zielgruppe weniger attraktiv als die Viertakter von Honda. Erschwerend kam hinzu, dass die unverwüstlichen Yamahas die Kraftübertragung per Kardanwelle hatten. Im Unterschied zum Kettenantrieb der Honda konnten die notorischen Bastler in Griechenland hier nicht mit anderen Ritzel-Übersetzungen höhere Endgeschwindigkeiten herauskitzeln.
Anders als in Mittel- und Nordeuropa, wo „Käfer“, „deux chevaux“ und „Ente“ vor allem den Älteren die Begeisterung in die Augen treiben, sind griechische „Enten“ auch für die Generation Alpha, Geburtsjahrgänge ab 2010 ein Thema. Neulich durften wir mit Redaktionshund Louis auf dem letzten Gassi-Gang des Tages einem solchen Dialog lauschen. Es ist Schulferienzeit und die Generation „Tablet und Mobiltelefon“ nutzt die freien Tage.
Zwei Teenies standen neben einer aufgemotzten „Ente“ jüngerer Generation und fachsimpelten. Das dunkle Motorrad war erkennbar mit viel Schnickschnack geschmückt. Es parkte am Straßenrand des Vorplatzes der Grundschule im Viertel. Ein Vorplatz mit Trainingsgeräten für Ältere auf der rechten Seite und einem hübschen Spielplatz auf der Linken. Nach Einbruch der Dunkelheit treffen sich hier Schüler der Sekundarstufen und junge Erwachsene. An Festtagen gibt es sogar das Treffen mehrerer Familien. Man kann sich auch real ohne internetbasierte soziale Netzwerke und ohne teure Gastronomiebesuche treffen. Sogar 2026, stell man sich das mal vor.
„Die sieht toll aus, fährt sich bestimmt gut. Aber, wenn ich nächstes Jahr den Führerschein mache, dann hole ich mir eine alte, richtige Ente.“
„Es gibt hier noch viele originale aus der C50-Serie.“
„Das sind eigentlich Entchen, ich will eine C90ger, die fährt besser.“
Louis und ich zogen vorbei, konnten aber hören „der mit dem Hund hat eine blaue GLX…“
Ja, ich oute mich auch als „Enten“-Fan. Meine „blaue Perle“ habe ich seit mehr als zwei Jahrzehnten. Es gibt Ehen mit kürzerem Haltbarkeitsdatum als meine Beziehung zur Honda. Meine war schon ein altes Fahrzeug, als ich sie erwarb. Der Verkäufer hatte mir explizit erklärt, dass einzig der Rahmen und der Motor vom Originalfahrzeug, einem gebrauchten Japan-Import stammten. Ich war auf der Suche nach einer Nachfolgerin meiner Yamaha Chappy, einem anderen Kultmotorrad. Jemand hatte es sich ohne mein Wissen ausgeliehen und verunfallt zurückgebracht – Totalschaden. Nun stand ich vor einem aus mehreren Teilespendern wiederauferstandenen Fahrzeug.
„Was kostet sie?“, „sie ist zusammengesetzt aus….“, „was kostet sie?“ – „gut, wenn du sie haben willst, dann finden wir den Preis gemeinsam“. Die in der Werkstatt zusammengesetzte Ente wurde technisch überprüft und bekam zur Jahrtausendwende als Importfahrzeug griechische Papiere. Offiziell bin ich damit „erste Hand“. Rund 1,5 Liter Sprit auf 100 km Inselverkehr kostet mich der Betrieb. Einmal im Jahr sind die Versicherung und die Lizensierung bei der Polizeiwache fällig.
Denn anders als in Deutschland werden die 50ger in Hellas bei der Polizei im Register geführt. Das kostet einmal pro Jahr 12 Euro für die Erneuerung der Lizenz. Ebenfalls anders als in Deutschland ist das eine digital komplett unkomplizierte Angelegenheit. Man logt sich im Bürgerportal gov.gr ein. Man beantragt die neue Lizenz und weist den bestehenden Versicherungsschutz nach. Zwei drei Klicks später wird die Gebühr bezahlt und ab dem nächsten Tag kommt die Erneuerung der Lizenz digital ins E-Mail-Postfach.
Was aber hat eine Ente mit Urlaub zu tun? Oder habe ich im Titel nur geschummelt? Nun, die einfachen Viertakter haben hin und wieder Schluckbeschwerden. Vergasereinstellung lautet meist das gesuchte Zauberwort. Mitte der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts warteten wir, Nikos, mein „Koumbaros“ und ich auf einen Dritten. Er kam später und meinte, „mein Entchen macht (Zünd-)Unterbrechungen“. Auf Griechisch: «το παπάκι μου κάνει διακοπές». Gibt man das in einem Online-Übersetzungstool ein kommt: „meine kleine Ente ist in Urlaub“. Schon damals sorgten automatische Übersetzungstools für derartige Sprachverwirrungen.
Im vorliegenden Fall war es freilich die Inspiration zum Illustrationsfoto: meine Ente parkt am Strand auf der Insel Euböa. Dort, wo andere Urlaub machen. Sie hat nun insgesamt mehr Kilometer Laufleistung als manches Auto – und sie hat frisch bis auf die „Entenbrust“ alle Plastikteile neu, sowie den fünften Tacho. Niemand weiß wirklich, wie oft der Motor überholt wurde. Der erste original japanische Tacho hielt bis 39.000 Meilen. Den vierten, von der Sonne regelrecht aufgelösten, tauschte ich vor Kurzem bei 16.568 km. Im Schnitt lagen die Tacho-Laufleistungen zwischen diesen beiden Extremen. Aber die Honda schert das nicht, sie fährt und fährt….
PS: κουμπάρος (Koumbaros) ist ein Wahlverwandter. Ich hatte Nikos als Trauzeuge verheiratet und sein erstes Kind getauft. Solche Wahlverwandtschaften zählen manchmal mehr als Blutsbande.
