„11 Fragen an….“ – Egbert Scheunemann.

Egbert Scheunemann (geb. 1958), Autor der Bücher „Rebellen auf Kreta“, „Griechenland als Exempel“ und vieler anderer Bücher und Artikel, war so freundlich, uns 11 Fragen zu seinem überaus umtriebigen und bewegten Leben zu beantworten.

Er ist studierter Politologe und Philosoph und arbeitet als freier Autor und Lektor in den Bereichen Politik, Ökonomie und Philosophie (mehr dazu auf seiner Homepage www.egbert-scheunemann.de). Und trommeln (www.daly-scheunemann-djembe.de) tut er übrigens auch noch! Wenn er nicht gerade auf Kreta weilt, die Insel erkundet, am Strand liegt oder abends beim Raki mit Freunden das Universum und den ganzen Rest zu ergründen versucht.

… Hier also unsere 11 Fragen – und seine Antworten:

  • Wenn Du nur 5 Worte hast, um dich selbst zu beschreiben. Was würdest Du sagen?

Humanist, Aufklärer, Freiheitsfanatiker, Musikliebhaber, Lustmolch.

  • Was war Dein Lieblingsbuch als Kind und als Jugendlicher?

Gibt es nicht. Man wird es kaum glauben, aber als Kind und werdender Jugendlicher habe ich fast nichts gelesen – und in Comics maximal die Bilder angeguckt. Mein großes Bildungs- und Leseerlebnis hatte ich erst mit 16: In der ersten Deutschstunde in einer weiterführenden Schule (Wirtschaftsgymnasium) fragte die Lehrerin (sie entsprach übrigens in ganz entzückender Weise dem Klischee einer dickbebrillten Deutschlehrerin mit Dutt), was wir, die zu einer neuen Klasse wild zusammengewürfelten Schüler, denn im Deutschunterricht bislang gelesen hätten.

Und es kamen die üblichen Antworten: Goethe, Schiller oder Böll. Dass ich von deren Schriften keine Ahnung hatte und also – zumindest gemessen an humanistischen Bildungsidealen – völlig ungebildet war, das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Das verletzte meinen Stolz zutiefst. Denen werde ich’s zeigen! Dachte ich mir – und griff zu Hause ins prall gefüllte Bücherregal. Prall gefüllt von meinem leider sehr, sehr früh verstorbenen Vater. Und ich griff bewusst das dickste Buch heraus – die Buddenbrooks von Thomas Mann! Und ich begann zu lesen und ich hörte nicht mehr auf. Mein ganzes Leben nicht. Ich las so viel, dass ich auf dem Gymnasium immer schlechter wurde. Statt Hausaufgaben zu machen wälzte ich die Bücher von Mann, Frisch, Hesse, Böll, Tolstoi, Dostojewski oder Gorki. Vom Fastlegastheniker zum Kampfleser, Vielschreiber und freien Lektor – so spielt gelegentlich das Leben.

  • Was liest du heute am Liebsten?

Um ehrlich zu sein: fast nur noch „Literatur“ aus den Bereichen Politik, Ökonomie, Philosophie und Naturwissenschaften. Romane oder Erzählungen lese ich nur noch ganz selten. Mit dem Beginn meines Studiums (Politik (Politische Ökonomie) und Philosophie (Erkenntnistheorie und Naturphilosophie)) merkte ich schnell, dass mir die Werke von Kant über Marx bis Habermas und später von Einstein oder Heisenberg oder auch nur gut geschriebene, interessante Artikel in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften unfassbar viel mehr über die Welt sagen – als welcher Roman auch immer.

Es kam sogar schon mal vor, dass ich in heftigen Diskussionen mit Literaturliebhabern (die nicht selten heftige Verächter „harter“ Wissenschaften wie Physik oder Mathematik sind) deren gelegentlich groteske Selbsteinschätzung, sie stünden mit ihrer Literaturkonsumtion an der Spitze der Geistesentwicklung, mit dem Verdikt konterte, Romane seien nichts anderes als Märchen für Erwachsene. Okay, das ist gelegentlich etwas übertrieben. Aber nur gelegentlich.

Scheunemann Kreta Strand
Foto: Egbert Scheunemann
  • Gibt es auch Bücher, die du nur gezwungenermaßen oder nie zu Ende gelesen hast? Welche (und warum)?

In Massen. Mein Verdikt über „gute Literatur“ musste ich leider über die Jahre auch mehr und mehr auf „mein“ Fach Philosophie ausweiten. Ich erlaube mir mal, einfach meine „Quintessenz meiner über dreißigjährigen Beschäftigung mit Philosophie“ zu zitieren: „Wer wissen will, wie die Physis, die Natur, funktioniert oder wie das Universum – wahrscheinlich – entstanden ist; wie unser Hirn, unser Geist, unser Bewusstsein, unser Denken und Sprechen funktionieren und interagieren und wie die Gesetze des Denkens, wie Logik und Mathematik mit den Gesetzen der Natur zusammenhängen; wer wissen will, wie man Krebs oder die Massenarbeitslosigkeit im Kapitalismus bekämpft oder welches menschliche oder gesellschaftliche Problem auch immer löst – der sollte niemals bei den genannten Philosophen [genannt in einem Kontext, der hier nicht interessiert; E.S.] nachlesen oder bei welchen Philosophen auch immer. Er sollte die Standardwerke der Physik, der Chemie, der Biologie, der Neurowissenschaften, der wissenschaftlichen Linguistik, der Medizin oder der durch die Ideologie des vollkommenen Marktes nicht verblendeten Wirtschaftswissenschaftler lesen.

Selbst auf ‚klassische’ Fragen der Philosophie – was kommt nach dem Tod, was ist der Sinn des Lebens – findet man bei keinem der genannten Philosophen oder bei welchem Philosophen auch immer eine auch nur andeutungsweise befriedigende Antwort. Philosophie ist in erkenntnistheoretischer wie erkenntnispraktischer Hinsicht vollendet sinnlos und maximal kulturhistorisch interessant in dem Sinne, wie Medizinhistoriker Interesse zeigen an wirren bis sinnlosen bis kontraproduktiven Behandlungsmethoden vormoderner Wunderheiler und Schamanen. Der Wahrheitsgehalt des eben Gesagten wird notabene durch den Austausch des Begriffes Philosophie durch die Termini Religion, Mystik oder Esoterik in keiner Weise tangiert.“ (Vgl. www.egbert-scheunemann.de/Quintessenz-Philosophie-Scheunemann.pdf)

  • Wie bist du selbst zum Schreiben gekommen?

Zunächst über das Studium. Da muss man ja. Und es fiel mir – trotz meines oben geschilderten relativ späten Einstiegs ins Universum der Sprache – schon immer sehr leicht. Wo andere sich quälten, ging mir alles locker von der Tastatur. Schnell war ich der Standardkorrekturleser meiner Kommilitonen und auch meines gesamten Bekanntenkreis, insofern die Diplom-, Magister- oder Doktorarbeiten abliefern mussten. Nach meiner Doktorarbeit und Habilitationsschrift (das Habilitationsverfahren ist nach heftigstem Streit gescheitert) war dann schnell klar, dass ich als freier Autor und freier Lektor mein Brot verdienen würde.

  • Wieso dieses Genre (Mischung aus Sachbuch, „Kulturschock“-Reiseführer und Kurzgeschichten)?

Man kann durch einen solchen Genremix ein ungleich viel größeres Publikum erreichen als durch ein dröges Sachbuch. Wer würde in einem Buchladen zu einem Buch greifen mit dem Titel: „Geschichte des Befreiungskampfes auf Kreta“? Kreta-Spezialisten! Sonst niemand. Keine Kreta-Touristen, die mal eben so ein bisschen über Kretas Geschichte, seine Kultur, seine Sprache, seine Landschaften und Besonderheiten erfahren wollen. Und zwar ein bisschen mehr, als in Standardreiseführern steht. Und das auch noch auf eine Art, die amüsiert, die Spaß macht – wie zumindest 90 Prozent meiner Leserinnen und Leser in Zuschriften meinten und meinen.

  • Wieso gerade Kreta? Was verbindet dich mit dieser Insel?

Am Anfang war es reiner Zufall – der Tipp eines guten Freundes aus Hamburg. Er war 1985 auf Kreta und speziell am „Damnoni-Beach“ nahe Plakias. Und er war begeistert. Und er meinte, da müsse ich unbedingt mal hin. 1986, also gleich im nächsten Jahr, folgte ich seinem Rat. Und ich war begeistert. Und als ich in einem Reiseführer, zumindest rudimentär, von dieser unglaublichen Geschichte Kretas las (bis dahin hatte ich davon kaum eine Ahnung), vom längsten politischen Freiheitskampf aller Zeiten, fing ich als frisch (1985) diplomierter Politologe Feuer und begann zu lesen über Kreta, seine Geschichte, seine Kultur, seine Sprache, seine Landschaften.

Und ich lernte Griechisch. Nach 25 Jahren auf der Insel, nach Bergen von Lektüre kribbelte es mir derartig im Hirn und in den Fingern, dass mein Buch „Rebellen auf Kreta“ nahezu – und freudianisch gesprochen – als das Resultat einer libidinösen Triebabfuhr interpretiert werden kann. Aber nur nahezu!

  • Sind die Handlungen und Protagonisten deiner Bücher reine Fiktion oder gibt es da Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehen und realen Personen oder gar autobiographische Züge?

In meinem Buch „Rebellen auf Kreta“ ist alles völlig authentisch und fiktionsfrei. Alle dargestellten Charaktere entsprechen eins zu eins realen Personen. Mein Roman „Die Entdeckung der Hölle“ ist eine – ungemein politische – sozialkritische Milieustudie, aber auch eine Kriminalgeschichte und ein Liebesroman. Er spielt vor allem im Hamburger Schanzenviertel. Kein Protagonist oder Antagonist entspricht eins zu eins einer realen Person. Alle Charaktere sind aber aus realen Vorlagen zusammengeschnippelt. Aus welchen? Das ist und bleibt natürlich ein Staatsgeheimnis erster Güte. Für immer! (Wer mehr darüber erfahren will, der lese das Vorwort zur 2. Auflage meines Romans)

  • Woher nimmst du die Inspiration für deine Bücher? Was treibt dich um?

Die Themen springen mich nur so an. Müsste ich (als Lektor und Ghostwriter) nicht so viel für andere schreiben – ich würde fünfmal so viel unter eigenem Namen publizieren wie bislang. Dass kein Autor vor mir je auf die Idee gekommen ist, all die Themen, die einem im Hamburger Schanzenviertel, wie gesagt, regelrecht ins Gesicht springen (Kampf der Autonomen gegen Staat und Kommerz; Gentrifizierungsproblematik; Kulturmix; tosendes Szeneleben; viele, viele vorbeiwackelnde Mädels etc.) auch literarisch zu thematisieren – das ist mir völlig unbegreiflich.

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„Inspiration“. Foto: Egbert Scheunemann

Ich muss interessante, spannende Themen so sehr suchen wie die nächsten Regenwolken über Hamburg oder den gelegentlichen blauen Himmel dazwischen. Und was mich umtreibt? Um die (fast) letzten Sätze der 3. Auflage meiner „Rebellen auf Kreta“ zu zitieren: “ Es irrt gewaltig, wer meint, mich im Kampf um das Pro­jekt Humanismus und Aufklärung, Aufklärung und Humanismus je­mals auf den Knien wiederzufinden. Nach wie vor ist die univer­selle Entfaltung der Persönlichkeit, sind permanente geistige und kulturelle Entwicklung und Weiterentwicklung das Ziel und die Reduktion des Reiches der Notwendigkeit, also vor allem schnö­der Erwerbsarbeit und sinnlosen Konsums, das Mittel, um das Reich der Freiheit so weit wie nur immer möglich zu vergrößern – um Zeit und immer mehr Zeit zu haben für die Wissenschaf­ten, die Künste, die Musik, die Erotik, die Freundschaft, also für alles, was dem Leben einen Sinn gibt und Schönheit verleiht. “ (S. 259)

  • Vielleicht hast du vom 1. deutsch-griechischen Lesefestival im September 2013 in Paleochora auf Kreta gehört. Für 2016 steht ein weiteres solches an – auf Kreta oder „irgendwo“ in Griechenland. Was hältst du von einer solchen interkulturellen Initiative und hättet du Lust, daran teilzunehmen?

Eine solche interkulturelle Initiative ist ganz wunderbar. Und wenn ich es irgendwie einrichten könnte, wäre ich bei einem deutsch-griechischen Lesefestival sofort dabei!

  • Was wünschst du dir für die Zukunft Griechenlands – und für deine eigene?

Für Griechenland und für mich natürlich nur das Beste! Und als alter Humanist erhoffe ich mir das auch für den ganzen unscheinbaren Rest der Menschheit! Für Griechenland speziell wünsche ich mir, dass das griechische Volk die Kraft findet, der geisteskranken neoliberalen Kaputtsparpolitik ein Ende zu setzen, die ihm von IWF, EZB und EU und in dieser speziell von Großdeutschland aufgeherrscht wurde und die zu einer volkswirtschaftlichen Katastrophe geführt hat, die nur noch vergleichbar ist mit den Verheerungen, die der Zweite Weltkrieg, die die deutschen Faschisten über Griechenland brachten.

Wer über diese Zusammenhänge mehr wissen will, der lese mein (nur 60 Seiten langes) Büchlein: „Griechenland als Exempel – oder als der Fluch des Neoliberalismus über die Menschen kam“. Ich bin Kosmopolit bis ins Knochenmark und in die letzte Gehirnwindung. Dennoch schäme ich mich zutiefst für das, was die jeweils in Deutschland herrschenden Kräfte zwischen 1941 und 1945 und dann wieder ab 2008 dem griechischen Volk angetan haben. Um es mit einem diesen Kontext überaus treffenden Zitat Max Liebermanns abzuschließen: Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“

Radio Kreta dankt für dieses äußerst erhellende und ausführliche Interview!


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Buchtipps und so: Griechenland als Exempel. Rebellen auf Kreta. Ein Schuldenmoratorium für Griechenland. Von Egbert Scheunemann.

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