„11 Fragen an….“ – Peter Völker.

voelker-peterNun haben wir Euch neulich den Autor Peter Völker schon mit seinem Lebenslauf vorgestellt – heute blicken wir mal hinter die Kulissen, denn Peter hat uns ganz freiwillig, ziemlich begeistert und entsprechend ausführlich unsere mittlerweile berühmt-berüchtigten „11 Fragen an….“ beantwortet.

Ebendiese Antworten findet Ihr nun hier:

  • Wenn Du nur 5 Worte hast, um dich selbst zu beschreiben. Was würdest Du sagen?

Duft von Apfelblüten berauscht mich.

  • Was war Dein Lieblingsbuch als Kind und als Jugendlicher?

Die griechischen Heldensagen. Wenn ich als Kind krank war, hat mir mein Großvater, ein sehr strenger Dorfschullehrer, daraus vorgelesen und damit den Grundstein für meine Liebe zur griechischen Mythologie gelegt.

  • Was liest du heute am Liebsten?

Hermann Hesse und Nikos Kazantzakis. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt eine Zeile von Hesse. Seine Definition von Liebe in seiner Erzählung „Knulp“ hat mich tief beeindruckt, weil darin die Liebe nicht nur als Wort oder Gefühl, sondern als „Notsteg“ zum geliebten Menschen verstanden wird, mit der Botschaft und Aufforderung an den Liebenden, sie täglich durch ständiges Handeln zu erneuern. Das ist auch meine Erfahrung und Meinung. Liebe muss gelebt werden und nicht nur in Worten gefangen sein, sonst ist sie ein Nichts. Ich besuche oft Hesses Haus in Gaienhofen am Bodensee, das heute ein Museum ist, und finde ihn jedesmal zwischen den Blumen im Garten. Als ich Kazantzakis‘ autobiografisches Werk „Rechenschaft vor El Greco“ gelesen habe, habe ich eine unglaubliche Nähe zu ihm und Mitgefühl für ihn empfunden. Seine Suche nach dem Sinn des menschlichen Seins verbindet mich mit ihm und seine Grunderkenntnis.

monemvasia
Peters Lieblingsbild: Monemvasia im Morgengrauen – An ihr (Monemvasia) prallt die Wildheit des Meeres, von Stürmen genährt, auf die Felsen der Realität und gleichzeitig verzaubert eine spielerische Mysthik des Alltags ihre Besucher. Ihr Geist verfängt sich in den Blüten winziger Pflänzchen in byzantinischen Mauerritzen. (Aus ‚Blumenwind – Brief an eine griechische Liebe‘)“

„Ich erhoffe nichts; ich fürchte nichts; ich bin frei“, hängt in meinem Wohnzimmer. Ich beschäftige mich aber auch viel mit Friedrich Schiller, der nicht nur ein Dichtergenie, sondern auch ein großer Visionär war. Aussagen von Schiller zur Umweltzerstörung seiner Zeit beispielsweise, könnten heute ohne Weiteres Flugblätter von Greenpeace schmücken. Für die Stadt Leipzig organisiere ich jedes Jahr ein Schiller-Kolloquium mit, das die Erkenntnisse des großen Geistes in unsere Zeit holt. Nach Ende des Literaturfestivals fliege ich direkt nach Leipzig, um das diesjährige Schiller-Kolloquium zu moderieren. Schließlich bin ich noch sehr stark den Werken von Bertolt Brecht verbunden. Ich habe alles von ihm gelesen und lese immer wieder mal nach. Ich schätze bei ihm den analytischen Verstand, der selbst seine Gedichte durchdringt.

  • Gibt es auch Bücher, die du nur gezwungenermaßen oder nie zu Ende gelesen hast? Welche (und warum)?

Nein, die gibt es nicht. Ich bin ein sehr langsamer Leser, aber wenn ich einmal angefangen habe, dann lese ich auch zu Ende. Erst danach bilde ich mir ein Urteil.

  • Wie bist du selbst zum Schreiben gekommen?

Es hört sich wie ein Klischee an, aber schon als Kind wollte ich Journalist oder Schriftsteller werden. In dieser Reihenfolge habe ich es über Umwege relativ spät in meinem Leben realisiert. Ich hatte das große Glück, als Seiteneinsteiger Redakteur für Europapolitik in einer deutschen Nachrichtenagentur zu werden. Die letzten zwanzig Jahre meines Berufslebens war ich Bundesgeschäftsführer für die deutsche Mediengewerkschaft und war einige Jahre auch für internationale Beziehungen zuständig. Das brachte mir eine Dauerreisetätigkeit ein. Viele dieser Dienstreisen gingen auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ich war fast jeden Abend in einer anderen Stadt, einem anderen Hotel.

In den letzten zehn Berufsjahren habe ich die Reisezeit, das Unterwegssein, als meine freie, schöpferische Zeit begriffen. All meine Texte sind unterwegs entstanden, in Zügen, in Bahnhofsgaststätten, in Flugzeugen, auf Flughäfen, in Hotels. Ich habe keine Zeile zu Hause verfasst. Ich schreibe als Schriftsteller, ganz anders als der Journalist, nie zu aktuellen Themen. Ich habe einen Grundsatz: Das Erlebte muss erst durch den Filter der Lebenserfahrung, bevor es für ein Buch niedergeschrieben wird. Ich habe das Fremde immer als Anregung und Bereicherung empfunden und hatte nie Angst vor den Fremden. Beim Schreiben erfüllt mich von Anfang an ein unbändiger Drang nach Glücklichsein und Freiheit.

  • Wieso diese verschiedenen Genre (Liebesnovelle, historische Romane, Gedicht- und Lyrikbände zur griechischen Mythologie, Kinderbücher zur griechischen Mythologie etc. etc. …)?

Für mich durchweben die Liebe und die Vielfalt das erfüllte Leben. Das in der Natur angelegte und in der Kunst realisierte Vielfaltprinzip ist neben der Liebe der wichtigste Baustein für eine positive Entwicklung des Menschen. Das erste Mal in der Entwicklung des Lebens auf der Erde ist der Mensch verantwortlich, nicht nur die vielfältigen Lebensformen, sondern die Lebensgrundlagen selbst zu zerstören. Dem Technik-Fortschrittswahn Verfallene leugnen, dass wir ein Teil der Natur sind. Ich liebe die Vielfalt – auch in meinem Schreiben. Ganz nebenbei: Ich glaube diejenigen, die in Brüssel dem Neoliberalismus huldigen, haben noch nicht begriffen, welchen Schatz Europa in sich birgt mit seinen vielfältigen kulturellen und persönlichen Identitäten. Wir müssen verhindern, dass diese Vielfalt vom Turbokapitalismus zerstört wird. Vielleicht schreibe ich unterbewusst dagegen an.

  • Wieso Griechenland und Kreta? Was verbindet dich mit diesem Land bzw. dieser Insel?

Ich kann es nicht genau erklären. Es ist wie eine zweite Identität, ohne eine gespaltene Persönlichkeit zu sein. Ich empfinde die griechische Kultur, die antike wie die moderne, als Bereicherung in mir. Solange ich bewusst denken kann, beschäftige ich mich mit ihr, besonders mit der mykenischen. Mykene ist wie eine zweite Heimat, eine zweite Haut, aber auch eine Art Sucht. Als ich Redakteur für Europapolitik war, habe ich das sofort genutzt, um mich auf Griechenland zu spezialisieren. Ich bin unzählige Male in Mykene gewesen. Bei jedem Griechenlandaufenthalt hat es mich mit sanftem inneren Zwang dorthin gezogen.

Ich habe auch Studienreisen „durch die Geschichte und Gegenwart des Peloponnes“ organisiert und viele Menschen nach Mykene geführt. Es gibt auf dem archäologischen Hügel einen Stein unterhalb des Palastgebäudes. Wenn ich dort sitze, fließt mir Kraft zu, mein ganzes Leben lang. Im Schatzhaus des Atreus habe ich aber auch den Schauder der Geschichte und der Mythologie gespürt. Auch zu Kreta habe ich eine besondere Beziehung, weil in Knossos so viele mykenische Tontäfelchen in der Linear-B-Schrift mit eingraviertem Lebensstil der Mykener gefunden wurden. Auf manchen Täfelchen, die in der Stunde der Zerstörung zufällig gebrannt wurden, hat man auf der Rückseite die Fingerabdrücke der Schreiber und auf einer Tafel die Skizze einer nackten Frau als menschliches Zeugnis gefunden. Zwei Gedichte von mir, „Nachtzug aus Zagreb“ aus meinem Gedichtband „Lichtsprünge“ und „Stille“ aus dem Gedichtezyklus „Agamemnon und Kassandera in Lakonien“ wurden von dem griechischen Künstler Nikos Samartzidis in die Linear-B-Schrift transkripiert und das letztere großflächig vermalt. Das schönste Geschenk an mich als Schriftsteller. Als junger Mann habe ich einmal zwei Jahresurlaube angespart und bin auf den Spuren von Kazantzakis „im Zauber der griechischen Landschaft“ gewandert.

Diese Reise hat mich auch nach Santorin und Heraklion geführt. Es war einer der schönsten Reisen, die ich jemals unternommen habe. Ich war die ganze Zeit über wie befreit, hatte keine Grenzen mehr im Kopf und habe so liebenswerte Menschen kennen gelernt. Wenn ich jetzt mit 66 Jahren daran denke, ist alles so lebendig wie damals.

  • Sind die Handlungen und Protagonisten deiner Bücher reine Fiktion oder gibt es da Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehen und realen Personen oder gar autobiographische Züge?

Das kann ich nicht mit klaren Konturen beantworten. Meine Protagonisten sind frei erfunden, aber irgendwie steckt natürlich auch ein Stück von mir in den Helden. Besonders deutlich ist es mir beim Schreiben der Gedichtezyklus-Trilogie zu Agamemnon, Odysseus und Achilleus geworden. Ich habe mich mit allen dreien identifizieren können, besonders mit dem Agamemnon und dem Odysseus, obwohl sie nach der Mythologie sehr unterschiedliche Charaktere sind. In diesen beiden Büchern steckt viel von mir selbst. In anderen Werken, wie dem historischen Roman „Scharlachsamt“ , bleibe ich als Mensch ganz draußen, weil die historische Recherche so überwältigend war.

  • Woher nimmst du die Inspiration für deine Bücher? Was treibt dich um?

Das Leben hat mich reich beschenkt. Ich habe so viele Länder und Kulturen, so viele wertvolle Menschen kennengelernt und fühle mich doch dem einfachen Leben und der Natur verbunden, dass ich manchmal glaube, das habe ich alles nicht in einem Leben erlebt. Ich habe so viele Bilder im Kopf und Gefühle in mir, dass mir die Ideen und Worte zufliegen, meistens auf Wanderungen und Fahrradreisen durch Europa. Dafür bin ich dankbar und ehrfürchtig.

Als meine Enkelkinder geboren wurden, habe ich für Mia, Malin und Jona jeweils ein Kinderbuch geschrieben, zwei davon mit Bezug zur griechischen Mythologie. Dabei war ich tief befriedigt, dass ich als alter Mann noch die Sprache der Kinder in mir habe. Ganz allgemein bin ich ganz eng bei dem berühmten Psychoanalytiker Erich Fromm und will kein „homo consumens“ sein, sondern selbst etwas kreieren. Ich würde mich als Netzeknüpfer zwischen Menschen und ihren Ideen begreifen, immer auf der Suche nach der Schnittstelle zum Anderen. Immer, wenn ich für ein neues Buch den Verlagsvertrag unterschreibe, mache ich einen Piccolo Champagner auf und stoße mit mir selbst an. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass ich meinen Kindern und Enkelkindern etwas nicht Materielles hinterlassen will.

  • Wir haben dir ja bereits vom griechisch-deutschen Lesefestival vom 13.-21. Mai 2016 in Paleochora auf Kreta erzählt und du hast dich spontan entschlossen, persönlich daran teilzunehmen, was uns sehr freut. Welche Wünsche oder Anregungen hast du noch für uns als Organisatoren vor Ort?

Ich fände es schön, wenn wir Teilnehmer zusammen eine gemeinsame Spur auf Kreta hinterlassen, beispielsweise ein Gedicht oder einen anderen Text, den wir anschließend gemeinsam publizieren. Wichtig fände ich auch, einmal darüber zu diskutieren, welche Verantwortung wir Schriftsteller im Angesicht der großen sozialen und ökologischen Krisen unserer Zeit haben und wir vielleicht dazu eine Erklärung verabschieden.

Wir haben gute Chancen etwas zu bewirken, denn ich bin mir ganz sicher, dass die Menschen uns und unseren Helden und Heldinnen letztendlich mehr vertrauen als der Politik. Und einen persönlichen Wunsch habe ich noch: Ganz auf der Westspitze Kretas, in dem Dorf Ano Vouves steht ein uralter Baum, den als junge Pflanze Homer angefasst haben könnte. An seine Rinde würde ich gerne während meines Aufenthaltes noch einmal meine Hand anlegen.

  • Was wünschst du dir für die Zukunft Griechenlands – und für deine Eigene?

Dass es Griechenland schafft, sich aus den Zwängen der auferlegten neoliberalen Austeritätspolitik, die den Reformbegriff missbraucht und Reformen immer nur als Sozial- und Rechteabbau vorgibt, zu befreien und in Europa sich die Einsicht in den Wert der kulturellen Vielfalt durchsetzt und dass sich die Verantwortlichen bewusst werden, was sie Hellas an Werten zu verdanken haben.

Die junge Prinzessin Europa würde sich im Grabe rumdrehen, wenn Sie heute auf die herrschende Politik der EU gegenüber Griechenland und auch gegen die Flüchtlinge schauen könnte. Im Grenzen schließen ist sich Europa einig, nicht aber im Verwirklichen des Menschenrechts Asyl. Das ist nicht mehr mein Europa. Die jetzigen EU-Strategen, die ohne Rücksicht und Kenntnis griechischer Besonderheiten ihr rein wirtschaftsliberales Konzept im Interesse der Finanzjongleure durchpeitschen, Athen erpressen und es seiner politischen Autonomie berauben, sollten einmal bei Aristoteles nachlesen. Er schrieb den Wirtschaftsstrategen seiner Zeit (384 bis 322 v.Chr.) und jetzt der Troika ins Stammbuch:

„Wer nach der rechten Art Wirtschaft betrieben will, muss mit der Gegend vertraut sein, in der er sich betätigt, muss von tüchtiger Veranlagung und in seiner Planung fleißig und gerecht sein. Wenn ihm dieser Teil fehlt, muss er Misserfolg haben.“ Die EU mit all ihren Institutionen, die Troika und die deutsche christdemokratisch-sozialdemokratische Regierung in Berlin sollten einmal darüber nachdenken. Für mich selbst erhoffe und fürchte ich nichts. Das habe ich bei einem modernen Griechen gelernt.

Radio Kreta freut sich über diesen Blick „hinter die Kulissen“! Danke, Peter!


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Zu Gast bei Radio Kreta: Der Schriftsteller Peter Völker.