Buchtipp: Rückkehr an den Esstisch und „Griechenland isst anders“.

Bochum. Die gebürtige Bochumerin Jotta Polychronidou hat eine Kochsendung im griechischen TV und kürzlich ein Kochbuch auf deutsch herausgebracht.

Wenn jemand dieser Tage ein Kochbuch herausbringt, eine Frau mit griechischen Wurzeln zumal, so ist der Gedanke an ein schriftlich fixiertes Spardiktat naheliegend, um mit preiswerten Rezepten in Krisenzeiten Geld zu verdienen. Jotta Polychronidou ist jedoch unverdächtig, solch rein pekuniäres Gedankengut im Schilde zu führen. Ihr Ansatz in „Griechenland isst anders“ ist vielmehr ein sozial-philosophischer.

Jotta Polychronidou, gebürtig aus Bochum.
Jotta Polychronidou, gebürtig aus Bochum.

„Essen ist Kultur“, sagt die dreifache Mutter, „und leider verschwindet dieses Gut immer mehr aus unserem Bewusstsein.“ Hüben wie drüben – Jotta Polychronidou hat zurzeit eine tägliche Kochsendung im griechischen Fernsehen und leitete zuvor 15 Jahre lang das Restaurant Vivaldi in Dortmund – hat sie mit Erschrecken festgestellt, dass gemeinsames Kochen und Essen der Hektik des Berufslebens und dem Fast Food zum Opfer gefallen sind. Dagegen stemmt sich die gebürtige Bochumerin.

Saisonale und regionale Zutaten

Dem schnellen Pulsschlag unserer Zeit und dem geänderten Familienbild (Frau im Beruf) in beiden Ländern trägt das Kochbuch Rechnung. „Bei der Zusammenstellung der Gerichte und Rezepte“, erklärt Jotta Polychronidou, „habe ich darauf geachtet, dass nur saisonale und regionale Zutaten auf den Teller kommen und dass die Zubereitung zwischen zehn Minuten und eine halbe Stunde dauert.“ Das sei preiswert stärke die heimische Wirtschaft. „Erdbeeren aus Übersee braucht im eisigen Winter hier niemand“, sagt sie.

Als Kind zweier Kulturen und beruflich stark eingespannte Mutter hat sie dabei traditionelle und moderne Küche miteinander verknüpft. Und sich dabei liebend gern der Tugenden beider Länder bedient – wie dem deutschen Organisationstalent oder die Wahl von qualitativ hochwertige Zutaten. Ihr Credo: Am besten kleine Zeitfenster am Vortag ausnutzen, um etwa abends schon mit dem Nachwuchs Gemüse zu putzen, klein zu schneiden und vorzukochen.

Sich füreinander Zeit nehmen

Und dabei im Kreise der Liebsten den Tag Revue passieren lassen, Sorgen und Nöte besprechen. Das verbinde ungemein, erzählt die Bochumerin. „Und so wird selbst eine einfache Mahlzeit zum Fest, wenn sie mit Liebe gekocht ist und die Familie am Tisch zusammenführt.“

Was sich nach einem überbordendem Sendungsbewusstsein anhört, entspringt bei näherer Betrachtung der ursprünglichen griechischen Mentalität. Und Kultur.

Der Ausdruck „Parea“ (Gesellschaft, Freundeskreis) hat in Griechenland eine Bedeutung, die über die obige Übersetzung hinausgeht.

Sie beruht auf einem zutiefst empfundenen Gefühl der Fürsorglichkeit, des sich Zeitnehmens füreinander, einem engen Miteinander – „auch und gerade beim Essen“.

Quelle: DerWesten.de. Nikos Kimerlis


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