Griechenland: „Dann lasst sie doch endlich pleite gehen“

Von M.G. Efthimiadis. Elladazoi.blogspot.com

Seit Monaten hört die ganze Welt Tag für Tag dieselbe Nachricht, nämlich, dass Griechenland nun endgültig Pleite ginge. Und dann folgt, wie mit dem Leierkasten runtergespielt, auch schon die „freudige“ Nachricht, nämlich, dass Geld geschickt werde, um die Pleite abzuwenden.

Kostas Normalverbraucher jedoch führt im Rahmen der Geschehnisse in Politik und Wirtschaft seinen eigenen Kampf:
Sein Geldbeutel ist schon lange leer, und er nutzt zwangsläufig die diversen Möglichkeiten, sich bei Banken und privaten Kreditgebern immer mehr zu verschulden.

Immer neue Kreditangebote flattern per Mailing-Aktionen oder per Wurfsendung ins langsam nicht mehr finanzierbare Haus, und Kostas Normalverbraucher nimmt nicht wenige davon in Anspruch, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob und wie er das jemals zurückzahlen kann.

Kostas Normalverbraucher stopft mit dem geliehenem Geld ein älteres Loch, bezahlt also einen Kredit, dessen hohe Rate er sich nicht mehr leisten kann, und er versucht, mit den niedrigeren Raten des neuen Kredits klarzukommen. Dass er allerdings ungünstige Konditionen in Kauf nehmen muss, dass sich die niedrigere Rate lediglich aus einer längeren Laufzeit ergibt, er jedoch bei seiner monatlichen Rate kaum Tilgung und nur die astronomisch hohen Zinsen bezahlt, dass er es bei der momentanen Wirtschaftlage höchstwahrscheinlich niemals schaffen wird, seinen Kredit abzubezahlen, das versucht er zu verdrängen – zumeist leider erfolgreich.

Früher einmal hat es eine Grenze gegeben bei den Möglichkeiten, sich zu verschulden. Irgendwann hat die Bank gesagt:

„STOP! Das reicht nun, mehr kannst du nicht zurückzahlen, mit den Schulden, die du bereits hast, gibt es kein weiteres Darlehen mehr“.

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Und irgendwie ist man klar gekommen, hat zwar wirklich den Gürtel eng und enger schnallen müssen, doch es ist weitergegangen. Und am Ende konnte man sich dann zurücklehnen, wenn auch manchmal erst nach vielen Jahren, und befriedigt feststellen, dass nun jeder verdiente Pfennig in die eigene Tasche wandern konnte. Nicht selten entstand aus der Erfahrung des jahrelangen Verschuldet seins und des Zurückzahlens auch die sichere Entscheidung, sich künftig nicht mehr finanziell zu übernehmen, sondern seine persönlichen Bedürfnisse den persönlichen Möglichkeiten anzupassen und auch der manipulierenden Werbung keine Achtung mehr zu schenken.

Heute leider verschuldet sich der Einzelne bis über beide Ohren, und er bekommt auch die Möglichkeiten dazu – von Banken und privaten Kreditgebern. Wenn es dann irgendwann eben doch nicht mehr geht, wenn man so hoch verschuldet ist, dass die monatlichen Raten zu hoch geworden sind, dann verliert man sein Haus, seinen Grund und Boden, sein Auto, unter Umständen gleich am Monatsanfang einen Teil seines Gehalts.

Der Mikrokosmos des Kostas Normalverbrauchers ist jedoch lediglich eine Kopie des Makrokosmos der Politik dieses Landes.

„Wenn Griechenland das Hilfspaket nicht bekäme, wäre es Anfang Juli Pleite“, geht es seit Monaten durch die Medien, ausgewechselt wird lediglich der Name des Monats im Nebensatz.

Und so nimmt auch die griechische Führung (wer auch immer das gewesen ist und zurzeit sein mag), ebenso wie Kostas Normalverbraucher, Monat für Monat einen neuen „Geldsegen“ in Empfang. Einen neuen Kredit um einen alten zu tilgen, längere Laufzeiten zu bei den Milliardenbeträgen astronomisch hoch ausfallenden Zinsen, in dem Bewusstsein, dass es nicht einmal der überübernächsten Generation möglich sein wird, alle diese Kredite abzubezahlen, und diejenigen, die für die Rückzahlung zuständig sind, nämlich alle Kostas Normalverbraucher des Landes, sind sich durchaus über die Konsequenzen dieses Wahnsinns im Klaren, haben aber hier wirklich keine andere Chance, als das zu verdrängen, was das Land und seine Menschen erwartet.

Privatisierungspläne, der Verkauf griechischer Erde, das Verhökern griechischer Kultur, die Abgabe des Tourismus an ausländische Investoren – DAS ist es, was die Griechen erwartet.

Und nun stehen alle kommenden Generationen an Kostas Normalverbrauchern exakt gleich da:
Verschuldet ohne Ende, da man einen Kredit zum Bezahlen des Kredits genommen hat, den wiederum man genommen hatte, um den Kredit zu bezahlen, der notwendig geworden war, damit man den Kredit bezahlen konnte, der …… und hier wären wir wohl bei der Unendlichen Geschichte angelangt.

Nun nützt es auch nichts mehr, wenn ein Gürtel nach dem anderen enger und enger geschnallt wird, keine Regierung könnte seine Bürger in einem genügend großen Ausmaß besteuern, damit durch diese Steuern die Rückzahlungsraten für alle Kredite aufgebracht werden könnten. Im Falle Griechenlands ist das umso weniger möglich, als durch die Steuererhöhungen und die Preisteuerung die Bürger im Privatleben harte und konsequente Sparmaßnahmen ergreifen müssen, und damit durch ihr eingeschränktes Konsumverhalten – ohne es zu beabsichtigen – dafür sorgen, dass die Wirtschaft noch weiter absackt.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz – schlimmer noch, die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ frisst sich selber auf.

Für den Mikrokosmos heißt das: Es wurde bereits damit begonnen, dem zahlungsunfähigen Schuldner sein Hab und Gut wegzunehmen, Kostas Normalverbraucher soll das Haus versteigert werden, und das Auto kommt auch unter den Hammer. Und im Makrokosmos bedeutet es, dass seit vielen Monaten die Planung um die Veräußerung der Kulturgüter, des Piräus und anderer für Investoren interessanter Objekte läuft, die Privatisierungen schaffen dann auch noch Raum für ausländische Investoren, kurz gesagt, alles, was noch irgendeine Art von Wert hat in diesem Land, das soll nun zu „Barem“ gemacht werden.

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Eigentlich die Methode von Kredithaien, die stets auf dem schmalen Grad zwischen Legalität und Illegalität balancieren.

Zum dem „Baren“ sei noch die Bemerkung erlaubt, dass natürlich kein BARgeld nach Griechenland gebracht wird, die Idee, die Kredite würden in Form von Geldscheinen ausgezahlt, wird nur durch entsprechende Nachrichtensendungen, bei denen im Hintergrund eine Gelddruckmaschine läuft, impliziert, und es wird hoffentlich nicht von der Allgemeinheit geglaubt. Es ist reines BUCHgeld, das nach Griechenland kommt, also nicht ein Koffer voller Geldscheine, sondern lediglich die IDEE des „harten Euro“.

Berücksichtigt man das, und denkt man auch an die Tatsache, dass Griechenland extrem hoch verschuldet ist, sich die Grinsekatze schon beinahe komplett aufgefressen hat und nicht wenige Griechen Woche für Woche das Weite und ihr Glück in anderen Ländern suchen, dann drängt sich selbst dem gutgläubigsten Dummen die Frage auf
„Warum lasst ihr Griechenland nicht endlich Pleite gehen?“

Das Ende ist ohnehin vorprogrammiert, das führt kein Weg mehr dran vorbei, Griechenland ist ein wirtschaftlicher Zombie, der mechanisch und ziellos vor sich hinschlurft.

Die Frage ist nur noch, WIE das Land Pleite geht.

Als in Teile zerstückeltes Kolonialgebiet ausländischer Investoren, in dem die noch verbliebenen Einwohner wie Sklaven im eigenen Land leben? Oder als Land, dessen Bürgern es zwar wirklich dreckig geht, die aber so frei es eben geht gemeinsam daran arbeiten können, ihre Heimat neu aufzubauen? Und die vielleicht sogar um eine Erfahrung reicher sind, nämlich, dass Konsum um des Konsums Willen – meistens noch auf Pump – niemals den Konsumenten glücklich macht, auch nicht die unzähligen Arbeiter, die Konsumgüter in Sklavenarbeit herstellen, sondern einzig und allein diejenigen, die sowohl mit den Konsumgütern als auch mit den Arbeitern einen einträglichen Handel treiben.

Als seit über 12 Jahren in Griechenland lebende Deutsche denke ich sehr oft darüber nach, ob es nicht tatsächlich das Gesündeste für dieses Land und seine Bewohner wäre, wenn nach dem Leitzsatz gehandelt würde

„Jetzt lassen wir sie endlich Pleiten gehen“ …

… aber in diesem Fall gäbe es natürlich keine Profiteure der „Krise“ mehr …

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