Die zwölf Nächte, in denen Kreta den Atem anhält
Von Ray Berry am 22. Dezember 2025.
Wer Kreta im Winter verstehen will, sollte nicht mit einem sonnigen Strandfoto oder einem Teller mit sommerlichen Tomaten beginnen. Vielmehr sollte man sich eine Tür ansehen, die sich gegen die Kälte verschließt, einen Kamin, der sich weigert, zu erlöschen, und eine Dorfstraße, die früh still geworden ist, weil alle ins Haus gegangen sind, um der wichtigen Aufgabe des Zusammenseins nachzugehen.
Die Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig werden oft Dodekaimero, die Zwölf Tage, genannt. Auf dem Papier klingt das ordentlich, fast schon ordentlich, als könnte man es zusammenfalten und in die Tasche stecken. In Wirklichkeit ist es chaotisch – im besten Sinne. Es ist Essen und Rauch. Es ist Musik, die an der Tür beginnt und in der Küche endet. Es sind Kirchenglocken und alte Ängste, an die die Menschen zwar nicht zu glauben vorgeben, aber dennoch vernünftige Vorsichtsmaßnahmen treffen, nur für alle Fälle. Es ist eine Zeitspanne, in der sich die Insel älter anfühlt als die Kalender, die in den Kafeneia hängen, älter als die Stromleitungen, die in die Berge führen, älter sogar als die Worte, die die Menschen dafür verwenden.
Und deshalb ist es wichtig, das zu wissen. Kreta wendet sich nach innen. Kreta kümmert sich um sich selbst. Kreta näht still und leise das Jahr wieder zusammen, ein kleines Ritual nach dem anderen.

Eine Saison, die im Dunkeln beginnt
Wenn der Weihnachtstag kommt, hat der Winter bereits seine Spuren hinterlassen. Das Licht ist schwächer geworden, die Nächte sind länger. In den Hochlagen und Bergdörfern spürt man es bis in die Knochen, besonders wenn der Wind vom Psiloritis oder den Weißen Bergen herabfegt und jede Kurve zu einer scharfen Überraschung macht.
Lange vor dem Christentum kannten die Menschen im Mittelmeerraum diesen Augenblick. Die Wintersonnenwende steht bevor, und jede alte bäuerliche Kultur fand Wege, mit ihr in Verbindung zu treten. Die Sonne scheint zu zögern. Das Wachstum des Jahres steht still. Die Welt kann sich vorübergehend unsicher anfühlen. In dieser Dunkelheit sehnen sich die Menschen nicht nur nach Wärme. Sie suchen nach Gewissheit. Sie wollen wissen, dass das Licht zurückkehren wird, dass die Reben erwachen, dass der Weizen keimt, dass die Lämmer geboren werden, dass das Meer die Boote nicht verschlingt und dass ein Haushalt weiterbestehen kann.
Als das Christentum Fuß fasste, verschwand dieses alte Gefühl nicht. Es gab ihm neue Geschichten und neue Namen. Weihnachten wurde zum Fest der Geburt Christi, und Epiphanias, oder Theophanie, zum Fest der Taufe Christi und der Offenbarung Gottes. Doch im Grunde blieb der emotionale Rhythmus vertraut. Dunkelheit und Licht. Gefahr und Schutz. Hunger und Großzügigkeit. Altes und neues Jahr. Eine Schwelle, die man mit Bedacht überschreitet.
Auf Kreta ist die Schwelle keine bloße Metapher, über die man spricht. Sie wird gelebt. Man sieht sie in der Anordnung der Häuser um die Feuerstelle, in den Dörfern, die sich in die Hügel schmiegen, im Zusammenrücken der Familien bei Kälte. Man hört sie auch in den Geschichten, die jeden Winter unweigerlich eintreffen – Geschichten, die Imperien, Besatzungen und die moderne Angewohnheit, alles Unmessbare mit den Augen zu rollen, überdauert haben.
Denn während der Zwölf Tage befindet sich Kreta offiziell in einer Übergangszeit, einer Zeit dazwischen.
Die Tage der Ungetauften und die kleinen Unruhestifter
Fragt man die Inselbewohner nach den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig, begegnet man früher oder später den Kalikantzaroi. Das sind die Weihnachtskobolde, die schelmischen Wesen aus der Unterwelt, die in dieser Zeit angeblich an die Oberfläche kommen, um Unheil anzurichten. Manche beschreiben sie als kleine, haarige Gremlins. Andere geben ihnen Hufe, Hörner, Eselsohren oder einen Geruch, der sie schon von Weitem ankündigt. Ihr Aussehen ist weniger wichtig als ihr Treiben.
Ihre Aufgabe ist es, zu erklären, warum sich die Welt irgendwie seltsam anfühlt.
Diese Zeit wurde manchmal als die Zeit der Ungetauften bezeichnet, nicht weil die Menschen nicht christlich waren, sondern weil die Welt bis zur Segnung des Wassers zu Epiphanias als etwas unsicher galt. Alles konnte außer Kontrolle geraten. Ein Haushalt musste beschützt werden. Die Grenze zwischen Sicherheit und Gefahr schien nicht mehr so klar. Im alten Dorfleben hatte dies eine emotionale Bedeutung. Der Winter konnte Tiere töten. Ein Sturm konnte ein Boot zerstören. Krankheit konnte schnell in ein Haus mit Kindern eindringen. Eine schlechte Ernte konnte noch immer die Speisekammer belasten. Wenn das Leben unsicher ist, erfindet man Geschichten, die Vorsicht und Zusammenhalt lehren. Die Kalikantzaroi sind nicht nur gruselige Dekoration. Sie sind eine Art zu sagen: Bleibt zusammen, haltet euch warm, wandert nicht umher, geht keine leichtsinnigen Risiken ein, haltet das Haus in Ordnung, haltet das Feuer am Brennen, seid wachsam.
Und es ist witzig, denn die Geschichten sind auch spielerisch. Die Kalikantzaroi sind keine majestätischen Dämonen wie aus einem Domgemälde. Sie sind neugierig. Sie verderben das Essen. Sie stiften Verwirrung. Man kann sie austricksen. In manchen Versionen sind sie vom Zählen besessen oder lassen sich von einer einfachen Aufgabe ablenken, und dieses Detail verrät viel über das kretische Verhältnis zur Angst. Angst wird ernst genommen, aber auch mit einem Augenzwinkern betrachtet. Man gibt ihr nicht zu viel Macht.
Was tun die Leute also dagegen?
Sie tun, was Menschen immer tun. Sie vollziehen Rituale.
Der Herd spielt hier eine wichtige Rolle. Vielerorts hielten die Menschen das Feuer in diesen Tagen am Brennen oder sorgten zumindest dafür, dass das Haus nach Rauch und Wärme roch, als wollten sie damit sagen: Dieser Ort ist lebendig und beschützt. Es gibt auch den bekannten Brauch, etwas Stinkendes zu verbrennen, sogar einen alten Schuh, um unerwünschte Gäste zu vertreiben. Es klingt wie ein Witz und wird auch so erzählt, aber es ergibt durchaus Sinn in einer Welt, in der der Herd das Herzstück des Hauses ist. Man hält das Feuer nicht nur zum Kochen und Wärmen am Brennen, sondern auch, um die Kälte und alles, was damit einhergehen mag, fernzuhalten.
Dann gibt es das Kreuz und den Segen. Basilikum taucht immer wieder auf. Basilikum ist nicht nur ein Kraut im Topf am Fenster. Es wird zum Symbol des Schutzes. Ein Kreuz mit Basilikum, Weihwasser in den Ecken, Gebete, die mit unerschütterlicher Zuversicht gesprochen werden. Im dörflichen Gedächtnis sind diese Gesten so selbstverständlich wie das Abschließen einer Tür.
Selbst Menschen, die beteuern, nicht zu glauben, tun dennoch einige Dinge. Nicht etwa, weil sie Angst vor Kobolden hätten, sondern weil Tradition ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Sie sagt: Wir waren schon einmal hier. Wir wissen, was im Dunkeln zu tun ist.
Essen, das dem Haus Halt gibt
Wer die Seele der Zwölf Tage auf einen Blick erfassen möchte, sollte direkt in die Küche gehen. Nicht in die Restaurantküche, nicht in die Hochglanzwelt der kretischen Küche, sondern in die echte, heimische Küche, wo die Menschen versuchen, viele Gäste zu bewirten, mit dem Vorhandenen auszukommen und trotzdem eine festliche Atmosphäre zu schaffen.
In vielen kretischen Dörfern war Schweinefleisch traditionell der Mittelpunkt der Saison. Wie in weiten Teilen des ländlichen Griechenlands hatte auch auf der Insel die Tradition, ein Schwein zu züchten und es um diese Jahreszeit zu schlachten. Es war nicht nur ein Festmahl, sondern auch Planung. Ein Schwein konnte eine Familie über den Winter auf vielfältige Weise ernähren. Nichts wurde verschwendet. Das Fleisch wurde geräuchert, gesalzen, gepökelt, eingekocht, zu Würsten verarbeitet und zu haltbaren Gerichten verarbeitet. Dies ist keine romantische Randnotiz, sondern sicherte das Überleben der Menschen in den mageren Wintermonaten.
Kreta hat in dieser Welt der Konservierung seinen ganz eigenen Charakter. Man hört Namen, die die Bergluft in sich tragen. Apaki, das geräucherte oder gepökelte Schweinefleisch, das in Omeletts und Eintöpfen Verwendung findet. Omathies, insbesondere verbunden mit Lasithi, wo Schweinedärme mit Reis und anderen reichhaltigen Füllungen gefüllt werden – ein Gericht, das zunächst abschreckend klingt, bis man es probiert und erkennt, dass es von Menschen erfunden wurde, die genau wussten, wie man aus Mangel etwas Festliches macht. Es gibt auch knusprige, fettige Wintergerichte, zubereitet aus dem, was sonst weggeworfen würde – Gerichte, die sagen: Wir ehren das Tier, indem wir es vollständig verwerten. Mit Zitrone, Kräutern, etwas Schärfe und einem Glas Raki fühlt sich der Winter plötzlich viel weniger rau an.
Neben dem Fleisch gibt es Brot. Brot spielt auf Kreta eine zentrale Rolle. Um Weihnachten herum taucht Christopsomo auf, das Weihnachtsbrot, oft mit einem Kreuz verziert und mit Nüssen und kunstvollen Mustern geschmückt. Jede Familie hat ihre eigenen Traditionen. Manche süßen und aromatisieren es, andere halten es schlichter. Selbst wenn man heute Brot kauft, bleibt die Idee des Christopsomo als Symbol für Segen, Gastfreundschaft und Kontinuität präsent.
Dann kommen die Süßigkeiten. Melomakarona, getränkt mit Honig und Gewürzen. Kourabiedes, hell vom Zucker und so krümelig, dass man sich wie ein Kind die Finger ableckt. Auf Kreta findet man auch lokale Variationen und Familienrezepte – und genau das macht den Reiz aus. Die Zwölf Tage sind kein einheitliches Programm. Sie sind ein Raum, in dem jede Familie ihre eigene Melodie innerhalb des großen Ganzen spielt.
Essen bedeutet auch Besuch. Zwischen Weihnachten und Dreikönig ist es Tradition, dass man sich gegenseitig besucht. In Städten ist es meist ein höflicher Besuch mit Kaffee, Gebäck, ein bisschen Klatsch und Tratsch, bevor man weiterzieht. In Dörfern kann man länger verweilen, denn wer etwas gekocht hat, bewirtet natürlich jeden, der kommt. Gastfreundschaft ist hier keine leere Floskel, sondern das Fundament des sozialen Miteinanders.
Und da ist noch ein weiteres, unauffälliges Detail. In der orthodoxen Kirche ist diese Zeit vom Weihnachtstag bis Anfang Januar oft fastenfrei, was bedeutet, dass man sich erlaubt fühlt, auch an Tagen, an denen sonst Fasten herrscht, gut zu essen. Am 5. Januar, dem Vorabend von Epiphanias, ändert sich die Stimmung dann. Dieser Tag ist traditionell ein strenger Fastentag, ein Tag der Vorbereitung. Selbst diejenigen, die die Fastenregeln nicht genau befolgen, bemerken oft, dass sich der Tag anders anfühlt. Leichtere Speisen. Ein Gefühl der Vorfreude auf etwas Reinigendes und Strahlendes.
Dieser Wechsel zwischen üppig und großzügig und schlicht und zurückhaltend ist Teil des Rhythmus. Man feiert, man bereitet vor, man segnet, man beginnt von Neuem.
Lieder an der Tür und der Klang der Triangel
Es gibt einen ganz besonderen Klang, der zu griechischen Wintermorgen gehört, und wer länger auf Kreta gelebt hat, kennt ihn schon, bevor er die Tür öffnet. Ein Klopfen, ein leises Rascheln und dann der helle, scharfe Klang eines Triangels.
Kalanda, die griechischen Weihnachtslieder, sind ein fester Bestandteil der Weihnachtszeit. Sie werden am Heiligabend, Silvester und am Vorabend des Dreikönigstages, dem 5. Januar, gesungen. Kinder ziehen von Haus zu Haus, mal mit Triangel, mal mit anderen Instrumenten, mal nur mit ihren Stimmen. In manchen Gegenden Kretas erklingt eine eher lokale Musikrichtung, besonders wenn ältere Jugendliche mitsingen, denn auf Kreta ist Musik nie lange zurückhaltend. Die Texte enthalten Segenswünsche, Ankündigungen und gute Wünsche. Sie sind auch ein Stück Geschichte. Die Idee, singend von Tür zu Tür zu gehen, ist älter als das moderne Leben, älter als Autos, älter als das Fernsehen.
Und es bewirkt etwas Wichtiges. Es rückt die Gemeinschaft ins Licht. Es erinnert die Älteren daran, dass sie nicht vergessen sind. Es gibt Kindern eine Rolle im sozialen Leben. Es schafft ein kleines Ritual des Austauschs: Ein Lied für eine Süßigkeit, ein Lied für eine Münze, ein Lied für einen Segen, ein Lied für ein Lächeln.
Heutzutage ist die Tür nicht nur ein Schutz gegen die Kälte. Sie ist ein Treffpunkt. Man öffnet sie, grüßt die Sänger und nimmt, wenn auch nur kurz, am gemeinsamen Leben der Nachbarschaft teil.
Haben Sie sich jemals gefragt, warum Menschen Traditionen bewahren, selbst wenn sie diese eigentlich nicht mehr brauchen? Dann stellen Sie sich während des Dodekaimero in einen Hauseingang auf Kreta. Lauschen Sie dem Gesang der Kinder. Beobachten Sie, wie die Erwachsenen weicher werden. Das ist keine Nostalgie. Es ist ein lebendiges Gefühl der Zugehörigkeit.
Neujahr auf Kreta und das sanfte Treiben des Glücks
Der Weihnachtstag in Griechenland ist von tiefer Bedeutung, aber nicht der Haupttag für das Schenken wie in manch anderen Ländern. In der griechischen Tradition sind Geschenke eng mit dem Heiligen Basilius (Agios Vasilis) verbunden, dessen Gedenktag der 1. Januar ist. Dies prägt die Atmosphäre der Zwölf Festtage. Weihnachten ist ein feierliches und herzliches Fest, doch die strahlende Vorfreude vieler Kinder richtet sich auf den Jahreswechsel.
Kreta feiert Neujahr auf seine ganz eigene Art und Weise, eine Mischung aus universellen und lokalen Bräuchen. In den Städten erwarten Sie öffentliche Feierlichkeiten, Lichter auf den Plätzen, Musik, Menschenmassen und der Countdown. In den Dörfern geht es oft ruhiger und intimer zu, wobei Ruhe auch hier lautes Lachen und ein Tisch, der sich einfach nicht leeren will, bedeuten kann.
Zuhause ist der Mittelpunkt oft die Vasilopita, der Basilikumkuchen oder das Brot mit der versteckten Münze. Die Familien versammeln sich. Das Messer wird hervorgeholt. Die Stücke werden in einer Reihenfolge geschnitten, die etwas über die Werte aussagt. Oft ein Stück für das Haus selbst, ein Stück für Christus, ein Stück für den Heiligen Basilius und dann für die Familienmitglieder. Die Münze bringt Glück, aber auch Menschen, denen Glück nicht wichtig ist, genießen den Moment. Es ist ein zeremonieller Akt, der fast theatralisch wirkt, aber gleichzeitig natürlich ist, denn so vollzieht man einen Übergangsritus. Man setzt ein Zeichen. Man sagt: Wir sind zusammen. Wir werden teilen, was kommt.
Neben der Vasilopita gibt es weitere Glücksrituale, die im griechischen Leben eine Rolle spielen und auch auf Kreta anzutreffen sind, mal offenkundig, mal eher im Verborgenen. Der Granatapfel ist ein bekanntes Beispiel. Man zerschlägt einen Granatapfel an der Tür, beobachtet die sich verstreuenden Kerne und hofft auf Wohlstand. Manche betreten das Haus mit dem rechten Fuß zuerst – eine kleine Geste, die wie ein Wink mit dem Zaunpfahl an das Universum wirkt. Auch die Zwiebel, die mancherorts an der Tür hängt, ist ein Symbol für Erneuerung und Wachstum. Manche Familien tippen ihre Kinder morgens sanft damit an, halb im Scherz, halb als Segenswunsch.
Und hier kommt das Interessante: Diese Bräuche fügen sich nahtlos in den Alltag des orthodoxen Christentums ein. Auf Kreta trennen die Menschen ihre Welten nicht immer in klar abgegrenzte Kategorien. Glaube, Folklore und das praktische Leben leben hier Hand in Hand. Man kann in die Kirche gehen, Ikonen küssen, eine Kerze anzünden und sich trotzdem um den Granatapfel kümmern. Nicht aus Verwirrung, sondern einfach aus Menschlichkeit. Man wünscht sich alle möglichen Segnungen und genießt die spielerische Leichtigkeit dieser Traditionen.
Und auch wenn das neue Jahr ernst ist, ist es heiter. Oft wird Karten gespielt. Es gibt Süßigkeiten, die immer wieder auftauchen. Und es gibt das Lachen von Familien, die sich schon lange kennen und trotzdem immer noch am selben Tisch sitzen.
Wer Kreta wirklich kennenlernen will, sollte beobachten, wie die Inselbewohner mit Glück umgehen. Es ist nie nur Aberglaube. Es ist auch eine Sprache der Gefühle. Es ist ein Ausdruck der Hoffnung, gemeinsam.
Die Tage dazwischen und das Dorftempo
Zwischen Weihnachten und Neujahr sowie zwischen Neujahr und Dreikönigstag herrscht auf der Insel ein besonderer Winterrhythmus. Die Schulen sind geschlossen. In manchen Branchen verlangsamt sich die Arbeit, in anderen intensiviert sie sich. Das Wetter kann alles entscheiden.
In den Olivenanbaugebieten Kretas kann die Ernte je nach Jahr und Höhenlage noch im Gange sein oder gerade erst abgeschlossen werden. Der Winter ist hier keine Ruhezeit, sondern eine arbeitsreiche Jahreszeit. Dennoch bieten die Zwölf Tage Raum für Besuche, gemeinsame Mahlzeiten, Gottesdienste und Erholung.
Hierbei erkennt man die verschiedenen Kreta-Schichten, die übereinander angeordnet sind.
In den Städten sieht man moderne Dekorationen, Weihnachtsbäume, öffentliche Konzerte und Cafés voller Menschen, die der Feuchtigkeit entfliehen. In den Dörfern hingegen halten sich ältere Traditionen hartnäckig. Man verbringt mehr Zeit zu Hause, legt mehr Wert auf Familienbesuche, respektiert den Kirchenkalender stillschweigend und spricht häufiger über das Wetter, denn es ist im ländlichen Leben kein bloßes Hintergrundgeräusch, sondern prägt das Leben selbst.
Man sieht auch, wie die Insel Erinnerungen birgt. Ältere Menschen erinnern sich an die Zeit, als die Tage härter waren, als Fleisch knapp war, als die Schweineschlachtung noch von großer Bedeutung war, als die Menschen auf Konserven angewiesen waren, um zu überleben. Sie erinnern sich an Nächte, in denen nur das Feuer Licht spendete. Sie erzählen von den Geschichten der Kalikantzaroi mit einem Leuchten in den Augen, das verrät, dass sie nicht vergessen haben, wie es war, ein Kind in einer Welt zu sein, die noch immer beängstigend sein konnte.
Währenddessen pflegen jüngere Generationen die Tradition auf unterschiedliche Weise. Sie reisen vielleicht zu Verwandten, gehen in die Stadt oder posten Fotos von den Lichtern im Hafen. Dennoch schneiden sie weiterhin die Vasilopita an, grüßen die Älteren und verstehen – oft unausgesprochen –, dass die Zwölf Tage ein gesellschaftlicher Vertrag sind. Man erscheint, man besucht die Verwandten, man isst, was angeboten wird, und man hält die Tradition aufrecht.
Der 5. Januar und das Gefühl der Vorbereitung
Dann kommt der 5. Januar, der Vorabend des Dreikönigsfestes, und die Stimmung ändert sich. Dieser Tag markiert eine Schwelle innerhalb einer Schwelle. Traditionell ist er ein Tag strengen Fastens, ein Tag der Vorbereitung auf die Segnung des Wassers. Selbst wenn ein Haushalt nicht die volle Fastendisziplin befolgt, ist die Vorbereitung auf das Dreikönigsfest spürbar.
Kinder singen vielleicht das Epiphanias-Kalanda, manchmal auch Lichter-Kalanda genannt, denn Epiphanias wird auch Lichterfest genannt. Das Wort „Lichter“ ist hier von Bedeutung. Es ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern eine Aussage: Die Dunkelheit endet. Das Jahr wird gereinigt. Die Welt wird wieder sicher.
In den Kirchen stehen an diesem und am nächsten Tag die Heiligung, das Wasser und die Erneuerung im Mittelpunkt der Gottesdienste. Die Gläubigen sammeln Weihwasser. In manchen Gemeinden beginnt der Priester die Segnung der Häuser. In anderen geschieht dies entweder am Dreikönigstag selbst oder an den darauffolgenden Tagen. In jedem Fall bereiten sich die Haushalte nicht nur spirituell, sondern auch praktisch vor. Das Haus wird aufgeräumt, die Ikonenecke geschmückt. Die Menschen wünschen sich, dass ihr Haus für den Segen bereit ist.
Und im Hintergrund, falls Sie sich für Folklore interessieren, ist dies der Moment, in dem die Kalikantzaroi beginnen, ihre Macht zu verlieren. Sie hatten ihre Zeit dort, ihre Ära neigt sich dem Ende zu.
Epiphanias auf Kreta und das Wasser, das allen gehört
Am 6. Januar ist Epiphanias. Im Griechischen nennen viele es einfach Ta Fota, das Lichterfest. In der orthodoxen Kirche feiert man an diesem Tag die Taufe Christi im Jordan und die Offenbarung der Heiligen Dreifaltigkeit. Auf Kreta gilt es zudem als die große Reinigung mitten im Winter.
Wasser ist die Hauptfigur. Auf einer Insel erscheint das unausweichlich. Kreta ist vom Meer umgeben, vom Meer geformt, vom Meer genährt, vom Meer bedroht und vom Meer getröstet. Selbst Dörfer im Landesinneren verstehen Wasser als Segen und Sorge zugleich, denn Regen und Quellen entscheiden über das Schicksal von Feldern und Tieren.
Der Tag beginnt oft mit einem Gottesdienst. Die große Wasserweihe wird vollzogen. Anschließend findet eine Prozession zu einem Gewässer statt. In Küstenstädten und -dörfern ist dies häufig der Hafen oder das Ufer. Im Landesinneren kann es ein Fluss, eine Quelle, ein Stausee, sogar ein Brunnen oder ein Teich sein.
Dann kommt der unvergessliche Moment. Der Priester wirft ein Kreuz ins Wasser. Menschen tauchen hinein, oft junge Männer, manchmal Teenager, und in manchen Gegenden immer häufiger auch Frauen. Sie stürzen sich ins kalte Wasser, das die Umstehenden mitfühlend den Atem anhalten lässt. Wer das Kreuz birgt, gilt als gesegnet, und die Tat ist nicht nur ein sportlicher Akt. Sie ist ein öffentliches Zeichen von Mut, Hingabe und Erneuerung. Boote hupen. Die Menschen jubeln. Jemand klatscht, als wolle er sich gleichzeitig die Hände und das Herz wärmen.
Wenn man das Geschehen an einem Ort wie dem alten Hafen von Chania, Rethymno oder Agios Nikolaos beobachtet, kann es fast theatralisch wirken. In einem kleineren Fischerdorf hingegen ist es zutiefst intim. In jedem Fall ist die Emotion echt. Hier versammelt sich eine Gemeinschaft um die Idee, dass die Welt wieder sauber werden kann.
Nach der Segnung wird das Weihwasser weitergegeben. Die Menschen nehmen es mit nach Hause. Priester gehen von Tür zu Tür mit in Weihwasser getauchtem Basilikum, besprengen Räume, segnen Tiere, Vorratskammern, Türschwellen und die Ecken, wo im Winter Schatten liegen.
Und dann, so die Logik der Folklore, kehren die Kalikantzaroi in die Unterwelt zurück. Die Tage der Ungetauften enden. Das Haus ist sicher. Das Jahr kann richtig beginnen.
Warum diese Tage wichtig sind und warum es Sie kümmern sollte
Gerade für Besucher von außerhalb ist es leicht, die Zwölf Tage auf Kreta als eine charmante Ansammlung von Bräuchen zu betrachten: ein Stück Kuchen, ein bisschen Weihnachtsliedersingen, ein dramatisches Schwimmen zum Kreuz und ein paar Koboldgeschichten zur Abwechslung.
Aber wenn man dabei stehen bleibt, verfehlt man den eigentlichen Punkt.
Heutzutage ist es ein funktionierendes System für das menschliche Leben.
Sie lehren Großzügigkeit. Man bewirtet Besucher. Man teilt Süßigkeiten. Man gibt Kindern Aufgaben und belohnt sie. Man ist für die Älteren da. Man gedenkt der Verstorbenen in Stille und feiert die Lebenden lautstark.
Sie lehren Kontinuität. Der Kalender ändert sich, Regierungen wechseln, Moden ändern sich, doch die Tür zu Kalanda bleibt offen, das Vasilopita wird weiterhin geschnitten, das Meer empfängt weiterhin das Kreuz und das Weihwasser wird weiterhin in den Ecken versprengt. Diese Beständigkeit ist von Bedeutung auf einer Insel, die Eroberung, Not und Migration erlebt hat. Kontinuität ist nicht Sturheit. Sie ist Widerstandsfähigkeit.
Sie lehren den Umgang mit Angst. Die Kalikantzaroi sind eine Möglichkeit, anzuerkennen, dass der Winter gefährlich sein kann. Die Schutzrituale helfen, ohne Panik zu reagieren. Man muss sich alter Geschichten nicht schämen. Man kann ihnen zulächeln und sich dennoch von ihnen zu vernünftigem Verhalten leiten lassen, wie zum Beispiel in der Nähe des Hauses zu bleiben, den Herd am Brennen zu halten und sich um die Schwachen zu kümmern.
Sie lehren die Bedeutung von Übergängen. Der Mensch gleitet nicht reibungslos von einem Jahr zum nächsten. Wir brauchen Momente, um Veränderungen zu markieren. Wir brauchen Rituale, die sagen: Dies endet, dies beginnt. Kreta bietet gleich mehrere davon in rascher Folge: Weihnachten, Neujahr, Dreikönigstag. Fest, Glück, Segen. Wärme, Hoffnung, Reinigung.
Sie vermitteln auch etwas über den Ort. Kreta ist nicht einfach nur ein griechisches Paradies. Zwar folgt die Insel wie der Rest des Landes dem orthodoxen Kalender, doch prägt sie ihn mit ihrer eigenen Musik, ihren eigenen Speisen, ihrem eigenen Dorfstolz und ihrer eigenen Beziehung zum Meer. Selbst wenn Traditionen geteilt werden, wirkt die kretische Art, sie zu pflegen, authentisch. Unprätentiöser, lebendiger. Eher mit einem zweiten Glas Raki und einer Geschichte, die man schon kennt, aber gerne noch einmal hört.
Und schließlich sind diese Tage deshalb so wichtig, weil sie offenbaren, was der Insel am Herzen liegt, wenn sie sich nicht gerade für Besucher inszeniert. Das sommerliche Kreta kann sich manchmal wie eine Bühne anfühlen, selbst wenn es wunderschön ist. Das winterliche Kreta ist zurückgezogener. Die Zwölf Tage sind eine Einladung in diese Abgeschiedenheit, sofern man ihr mit Respekt begegnet.
Wenn Sie zwischen Weihnachten und Dreikönigstag auf Kreta sind, lassen Sie sich Zeit. Nehmen Sie die Süßigkeit an, die Ihnen an der Tür angeboten wird. Lauschen Sie dem Triangelklang und dem etwas schüchternen Gesang. Beobachten Sie, wie die Menschen mit einer Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit über das kommende Jahr sprechen. Beobachten Sie am Morgen des Dreikönigstags das Meer und wie sich die Menge nach vorne beugt, wenn der Taucher ins Wasser geht. Achten Sie auf die kleinen Gesten, den rechten Fuß, das sorgfältige Anschneiden der Vase, das Besprengen mit Weihwasser.
Denn in diesen kleinen Gesten liegt die ganze Geschichte davon, wie eine Insel auch im Winter menschlich bleibt.
Und wenn das Dreikönigsfest vorbei ist, geschieht etwas Unmerkliches. Die Dekorationen werden nach und nach abgenommen. Die Besuche nehmen ab. Der normale Winteralltag kehrt zurück. Das Licht nimmt, fast unmerklich, wieder zu.
Die zwölf Tage sind vorbei. Kreta atmet auf. Die Tore öffnen sich weiter. Das Jahr hat seinen Lauf genommen.
