Kreta: Matala, Die wahre Geschichte.

Vier Häuser, ein Kafeneion und ein Strand, die zufällig zum Zentrum einer Generation wurden.

Von Ray Berry am 05. März 2026.


Es gibt eine Version von Matala, die die Leute bereits im Kopf haben.

Es ist alles Sonnenuntergangslicht, bemalte Wände, Strandbars, Gitarrenmusik und eine verschwommene Vorstellung von Freiheit. Das ist nicht völlig falsch, aber es lässt das aus, was Matala wirklich beschreibenswert macht: wie klein, rau, zufällig und menschlich es tatsächlich war.

Das wahre Matala entstand nicht als Reiseziel. Es wuchs durch Gerüchte.

Es war ein winziger Ort an der Südküste Kretas, in den 1960er Jahren fast vergessen, mit nur wenigen Häusern, einem Kafeneion und den Höhlen über der Bucht. Anfangs gab es keine richtigen Tavernen. Keine Strandpromenade. Keine polierte Strandpromenade. Es gab ein Dorf, eine Klippe voller alter, in den Fels gehauener Kammern und einen stetig wachsenden Strom junger Ausländer, die irgendwo einen Namen gehört und ihm nach Süden gefolgt waren. So fing alles an.

Und das ist der wichtigste Aspekt.

Matala erlangte später Berühmtheit, war aber zunächst nur ein Treffpunkt. Ein winziges kretisches Dorf. Ein paar einheimische Familien. Einige junge griechische Soldaten leisteten ihren Wehrdienst. In der Nähe wurde eine Straße gebaut. Immer mehr langhaarige ausländische Jugendliche kamen mit Rucksäcken und wenig Geld an. Die erste einfache Strandtaverne, die Meerjungfrau, entstand durch lokale Initiative und Hippie-Improvisation. Lokaler Wein. Ein batteriebetriebener Plattenspieler. Ein paar Schallplatten. Meer, Staub, Hitze und die Höhlen, die über allem wachten.

Das ist die Matala-Geschichte, die sich wahr anfühlt.

Es ist auch dasjenige, das es zu bewahren gilt, denn sobald ein Ort berühmt wird, werden die Details beschönigt. Das Dorf wird zum Symbol. Die Menschen werden zu Stereotypen. Die unvollkommene Realität wird durch eine Postkarte ersetzt. Matala hat Besseres verdient.

Der ältere Matala vor den Hippies

Lange bevor die ersten ausländischen Siedler ankamen, hatte Matala bereits eine viel ältere Geschichte als die moderne Legende.

Die gewaltige Klippe an der Nordseite des Strandes ist von zahlreichen in den weichen Fels gehauenen Kammern durchzogen. Diese sind heute als „Höhlen“ bekannt, obwohl es sich bei vielen eher um künstlich angelegte Hohlräume als um natürliche Höhlen handelt. Archäologische und denkmalpflegerische Quellen identifizieren sie im Allgemeinen als Gräber aus römischer Zeit, und die weitere Umgebung birgt Überreste aus verschiedenen Epochen, darunter Bauwerke, die mit antiken Siedlungen und deren Nutzung in Verbindung stehen. Antike Autoren bringen Matala zudem mit der Macht Gortys im Landesinneren in Verbindung, und der Ort war in der Antike als Hafen von Bedeutung. Später wurden die in den Fels gehauenen Hohlräume auch mit christlichen Eremiten in Verbindung gebracht. Mit anderen Worten: Die Landschaft war bereits lange vor dem 20. Jahrhundert ein Ort der Bestattung, des Schutzes und der Abgeschiedenheit.

Diese ältere Geschichte ist deshalb wichtig, weil sie die Stimmung von allem, was später kam, verändert.

Die Hippies haben Matalas eigentümliche Atmosphäre nicht aus dem Nichts erschaffen. Sie betraten einen Ort, der bereits eine starke Ausstrahlung besaß. Die Klippe wirkte uralt, weil sie es auch war. Die Öffnungen im Fels waren keine romantische Erfindung. Sie waren Teil einer viel längeren Menschheitsgeschichte. Das ist einer der Gründe, warum sich das Dorf so tief ins Gedächtnis eingeprägt hat. Schon vor den Liedern und Geschichten fühlte sich Matala einzigartig an.

Für die Einheimischen war es jedoch keine Legende. Es war einfach ihr Zuhause.

Das ist ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird. Bevor Matala zu dem wurde, was es heute ist, war es ein ganz normales Dorf mit einem ganz normalen Leben. Familien lebten dort. Die Männer arbeiteten. Die Menschen saßen im Kafeneion. Das Meer und die Wege ins Landesinnere prägten den Alltag. Es war klein und praktisch. Es wartete nicht darauf, dass Außenstehende ihm Bedeutung verliehen.

Die dörfliche Dimension ist hier entscheidend und trägt wesentlich zur Authentizität des Ganzen bei. In den 1960er Jahren war Matala winzig, noch lange kein entwickelter Badeort. Nur ein paar Häuser und ein Kafeneion. Das ist der richtige Ausgangspunkt. Der Mythos ergibt nur Sinn, wenn man versteht, wie bescheiden die Anfänge waren.

Wie sich Matala durch den Weinstock verbreitete

Matala wuchs durch Mundpropaganda. Das ist der einfachste und wahrste Satz in der ganzen Geschichte.

Es verbreitete sich nicht durch eine Tourismuskampagne. Es verbreitete sich, weil junge Leute damals untereinander Namen austauschten. In Hostels, Häfen, auf Fähren, in Bahnhöfen, an Grenzübergängen, in Aufzügen alter Autos und Lieferwagen tauschten sie Routen und Gerüchte aus. Sie teilten die Namen von Orten, wo das Leben günstig war, wo das Wetter warm war, wo es ihresgleichen gab und wo niemand zu viele Fragen stellte.

Matala war genau die Art von Ort, die in jener Welt gut ankam.

Die Geschichte war einfach zu erzählen. Eine Bucht im Süden Kretas. Uralte Höhlen in den Felsen. Keine Miete, wenn man in den Höhlen wohnte. Jeden Tag Meer. Einheimische, die oft freundlich waren. Eine wachsende Zahl von Ausländern. Das Gefühl, dass man sich dort ein Leben improvisieren konnte.

Das genügte. Der Name verbreitete sich von Mund zu Mund.

Und es war Teil einer viel größeren Reisekultur. Viele junge Menschen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre zogen nach Indien oder sprachen zumindest von Indien als ihrem Ziel. Die Überlandrouten, die später als Hippie-Trail bekannt wurden, waren genau von dieser Art von Bewegung geprägt: günstiges Reisen, der Austausch von Informationen, ungewisse Pläne und Orte, die berühmt wurden, weil Reisende sie sich gegenseitig immer wieder nannten. Matala war einer dieser Orte. Für manche war es nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Osten. Für andere wurde es der Ort, an dem sie zur Ruhe kamen.

Hier geht oft die emotionale Wahrheit der Matala-Geschichte verloren.

Nicht alle kamen, weil sie einem glamourösen Gegenkultur-Traum nachjagten. Manche sicherlich. Aber viele andere versuchten, vor etwas zu fliehen. Grausamkeiten zu Hause. Harte Familienverhältnisse. Sozialer Druck. Einsamkeit. Angst vor dem Wehrdienst. Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnten. Sie wollten Abstand. Sie wollten Wärme. Sie wollten irgendwohin im Süden. Manchmal war es Philosophie. Manchmal war es das nackte Überleben. Matala bot beides an.

Jemand könnte mit einer idealistischen Vorstellung von Freiheit dorthin kommen. Ein anderer könnte ganz ohne Ideologie ankommen und einfach nur einen Ort zum Durchatmen brauchen. Beide könnten am selben Strand landen.

Die Straßen, die Aufzüge und „Hippie Hippie, Matala Matala“

Einer der besten Aspekte der Matala-Geschichte ist, wie sie Eingang in die griechische Straßenkultur fand.

Als Matala bekannter wurde, waren langhaarige ausländische Jugendliche nicht mehr einfach nur zufällige Reisende. Man erkannte sie sofort. Haare, Kleidung, Sandalen, Rucksäcke, Sonnenbrand – das ganze Erscheinungsbild. Die Einheimischen in Cafés, Raststätten und Dörfern wussten, was sie da sahen. Sie wussten, wohin diese Reisenden wahrscheinlich unterwegs waren oder eigentlich sein sollten. Deshalb klingt der Ruf „Hippie, Hippie, Matala, Matala“ so wahr.

Es klingt genau nach jener halb scherzhaften, halb hilfreichen Redewendung, die sich einbürgert, sobald ein Ort berühmt wird. Sie fängt den lokalen Humor ein. Sie spiegelt den dörflichen Klatsch wider. Sie verdeutlicht, dass Matala nicht nur ein Reiseziel auf der Landkarte geworden ist, sondern sich in den Köpfen der Menschen einen festen Platz erobert hat. Wenn man wie ein zielloser ausländischer Jugendlicher aussah, wurde man oft mit Matala in Verbindung gebracht.

Manchen Erzählungen zufolge boten Fahrer jungen Ausländern Mitfahrgelegenheiten an und brachten sie einfach dorthin, weil man annahm, dass dies das Ziel sei. In anderen Erzählungen wiesen die Einheimischen ihnen mit einem Lächeln und dem Namen des Dorfes den Weg nach Süden. In beiden Fällen ist die Bedeutung dieselbe: Matala verbreitete sich nicht nur unter Ausländern, sondern auch unter Einheimischen. Griechen trugen dazu bei, die Geschichte weiterzutragen.

Dieses Detail ist wichtig, weil es die Vorstellung korrigiert, das Dorf sei lediglich von Fremden „entdeckt“ worden. Die einheimische Bevölkerung war Teil des Prozesses. Sie beobachtete das Phänomen und beteiligte sich mit ihrem eigenen Humor und ihrer praktischen Veranlagung daran. Die Legende verbreitete sich sowohl in griechischen Klängen als auch im Flüsterton von Rucksacktouristen.

Wer die Matala-Hippies wirklich waren

Das Wort Hippie ist eine nützliche Kurzform, aber die Matala-Menge war gemischt.

Sie kamen aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien, Kanada, den USA, Australien und anderen Ländern. Einige waren Künstler und Musiker, andere Studenten, wieder andere Vagabunden. Manche waren Reisende mit dem vagen Plan, weiter nach Indien zu reisen. Manche hatten einfach von Matala gehört und waren dem Namen gefolgt. Berichte von Einheimischen beschreiben genau diese bunte Mischung und wie zufällige Wege und gemeinsame Geschichten die Menschen in diese kleine Bucht führten.

Was sie verband, war kein einheitliches Manifest. Es war vielmehr eine gemeinsame Ablehnung des gewohnten Lebens, wie sie es kannten.

Manche wollten Karriere und Konsumkultur ablehnen. Manche wollten sparsam und gemeinschaftlich leben. Manche fühlten sich von der Antikriegspolitik und der allgemeinen Gegenkultur angezogen. Manche suchten Musik und Romantik. Manche suchten spirituelle Erfahrungen. Manche versuchten einfach nur, ihre Jugend zu überstehen, ohne von der Welt, die sie hinter sich gelassen hatten, erdrückt zu werden. Deshalb wirkte Matala auf die Menschen, die hindurchgingen, so lebendig. Es handelte sich nicht um eine disziplinierte Bewegung. Es war ein temporäres Dorf unvollendeter Leben.

Die Realität war weitaus gewöhnlicher, als die Legende vermuten lässt. Der Höhlenalltag bestand nicht nur aus Poesie und Sonnenuntergängen. Die Menschen mussten ihre Räume reinigen, Nahrung beschaffen, Kochgeschirr ausleihen, Mahlzeiten zubereiten, im Meer waschen, Wasser holen, Dinge reparieren und die Hitze ertragen. Es gab Freundschaften und Streit, Romanzen und Trennungen, Großzügigkeit und Schmarotzertum, Schönheit und Langeweile. Es gab Abende voller Musik und Morgen voller Staub. Das macht die Geschichte glaubwürdig. Es war Freiheit, aber Freiheit erforderte dennoch Arbeit.

Das winzige Dorf und die Geburt der Meerjungfrau

Hier wird die Geschichte von Matala auf wunderbare Weise konkret.

Das alte Dorf war winzig. Ein paar Häuser und ein Kafeneion. Das war’s, oder zumindest fast, in der Anfangszeit. Keine Tavernenreihe. Kein Strandabschnitt, wie man ihn sich heute vorstellt. Das spätere Matala ist kaum noch von Cafés, Restaurants und Schildern zu unterscheiden, aber das frühere Matala war karg.

Dann begannen das Dorf und die Neuankömmlinge zu improvisieren.

Die erste richtige Strandtaverne, so die lokale Erinnerung und viele Berichte, war die „Meerjungfrau“. Sie wurde zu einem der Mittelpunkte des Lebens in Matala und zu einem der bekanntesten Orte aus der Zeit der Höhlenbewohner. Quellen und Memoiren bestätigen übereinstimmend, dass die „Meerjungfrau“ und ihr Besitzer, meist Stelios genannt, eine zentrale Rolle in dieser Zeit und in den späteren Erinnerungen an das Dorf spielten. Die Details variieren je nach Quelle, was bei mündlicher Überlieferung üblich ist, doch die Bedeutung der „Meerjungfrau“ steht außer Frage. Das Besondere an diesem Bericht ist das Gefühl, das er vermittelt.

Ein einfacher Bau am Strand. Eine Bar. Kaum Getränkeauswahl. Lokaler Wein. Nichts Aufgesetztes. Nichts Inszeniertes. Es war kein Themenlokal, sondern ein zweckmäßiger Treffpunkt. Es ging nicht um die Speisekarte, sondern darum, dass sich die Leute dort trafen. Und dann ist da noch das Detail, das die gesamte Ära festschreibt.

Der tragbare Plattenspieler.

Ein batteriebetriebener Plattenspieler, vermutlich von Philips, spielte am Strand Schallplatten. Etwas Rock ’n’ Roll. Viel Musik im Stil von Crosby, Stills, Nash & Young. Dieses Bild ist perfekt, denn es fängt ein, wie wenig es brauchte, um in einem Ort wie Matala einen Treffpunkt zu schaffen. Keine Bühne. Keine Musikanlage. Keine teure Bar. Nur ein batteriebetriebener Plattenspieler, ein paar Schallplatten, etwas Wein aus der Region und Menschen, die nach Sonnenuntergang zusammen sein wollten. In einem Dorf, in dem es fast nichts gab, reichte das aus, um eine Welt zu erschaffen.

Es sagt auch viel darüber aus, wie Matala sich wirklich entwickelt hat. Die alte Geschichte wird oft so erzählt, als wären Fremde und Einheimische getrennt gewesen. Die Meerjungfrauen-Geschichte zeigt das Gegenteil. Das Dorf veränderte sich durch den Kontakt zwischen den Menschen. Ein einheimischer Unternehmer und die Neuankömmlinge prägten den Ort gemeinsam. Matala wurde nicht nur von Hippies und nicht nur von Dorfbewohnern erbaut. Es entstand aus der Begegnung zwischen ihnen.

Die Dorfbewohner und die Freundlichkeit der Menschen vergessen

Das ist der Kern der Sache.

Die gängige Darstellung von Matala zeichnet oft ein simples Konfliktbild: Einheimische gegen Hippies, Tradition gegen Freiheit, Dorf gegen Fremde. Doch das wirkliche Leben war komplexer und viel interessanter.

Gerade in den ersten Jahren reagierten viele Einheimische offenbar mit Neugier, Humor, Toleranz und praktischer Hilfsbereitschaft. Die Fremden wirkten zwar fremd, ja. Sie lebten in Höhlen. Ihre Kleidung war ungewöhnlich. Ihr Verhalten war für die Dorfbewohner unkonventionell. Aber sie waren auch Menschen, die vor einem standen, und das Dorfleben ist in der Regel pragmatisch. Wenn jemand hungrig ist, gibt man ihm zu essen. Wenn jemand seltsam ist, redet man über ihn und macht weiter. Wenn jemand ein Kunde ist, bedient man ihn.

Das ist einer der Gründe, warum die kretische Gastfreundschaft in dieser Geschichte so wichtig ist. Sie war nicht sentimental, sondern eine pragmatische Form der Gastfreundschaft, vermischt mit Klatsch, Vergnügen, Vorsicht und gesundem Menschenverstand. Fremde wurden durch Cafés, Essen, Arbeit und Vertrautheit in den Dorfalltag integriert. Die Betreiber der Lokale spielten dabei eine zentrale Rolle. Sie waren keine Randfiguren, sondern die soziale Brücke zwischen dem Dorf und der Höhlengemeinschaft.

Hierhin gehören auch die Geschichten über Marihuana.

Es ist richtig, auf dem zeitgenössischen Begriff zu bestehen. „Marihuana“ nannte man damals. Es gehört zu dieser Zeit und fängt den authentischen Charakter der Gerüchte und des Klatsches ein.

Auch die Geschichten selbst sind aufschlussreich. Die Erzählungen, dass einige Griechen vor Ort Marihuana für eine schöne Pflanze hielten und sie hier und da wachsen ließen, sogar an Orten, die Außenstehende überraschen würden, sind genau die Art von Dorfgeschichten, die überliefert sind, weil sie eine kulturelle Kluft aufzeigen. Es geht nicht nur um die Pflanze selbst, sondern um die Haltung der Einheimischen.

Die Dorfbewohner betrachten die Dinge oft zuerst ganz praktisch und augenscheinlich. Eine Pflanze ist eine Pflanze. Sie hat ein Aussehen, einen Geruch und einen Standort, an dem sie wächst. Moralische Panik kommt meist erst später, oft ausgelöst durch Zeitungen, Behörden, Polizeidruck oder Kommentare der Kirche. Das heißt natürlich nicht, dass alle damit einverstanden waren. Manche Dorfbewohner hätten es abgelehnt. Manche hätten sich Sorgen um Ärger gemacht. Manche hätten die polizeiliche Aufmerksamkeit als Gefahr empfunden. Doch die Geschichten haben überlebt, weil die Reaktionen vor Ort unterschiedlich und nicht einheitlich waren. Das ist die immer wiederkehrende Wahrheit in Matala. Die Dorfbewohner sprachen nie mit einer Stimme.

Manche waren freundlich. Manche misstrauisch. Manche amüsiert. Manche unternehmerisch. Manche beschützten das Dorf. Manche waren ganz zufrieden damit, die Dinge einfach so laufen zu lassen, solange das Leben überschaubar blieb. Das ist die wahre soziale Struktur. Sie ist vielschichtiger als die alten Klischees.

Die griechischen Soldaten und die Erinnerung daran, dass dies noch das gewöhnliche Griechenland war.

Ein weiteres Detail, das das Gesamtbild realistisch erscheinen lässt, ist die Anwesenheit griechischer Soldaten.

Dies wird in vielen Nacherzählungen ausgelassen, weil es nicht zur Traumversion von Matala passt, aber es gehört dorthin. In den 1960er Jahren gab es oft ein paar junge griechische Wehrpflichtige, die ihren Nationaldienst ableisteten und an Straßenbauarbeiten und dem langwierigen, praktischen Geschäft des Bauens und Verbesserns von Straßen auf Kreta beteiligt waren. Dieses Detail ist von enormer Bedeutung.

Es erinnert uns daran, dass Matala nie außerhalb des griechischen Staates oder des alltäglichen griechischen Lebens existierte. Selbst in seiner freiesten Zeit gab es immer wieder Anzeichen dafür, dass dies ein reales Land mit Verpflichtungen, Wehrdienst, Infrastrukturarbeiten und dem alltäglichen Staats- und Gesellschaftsapparat war. Das Dorf mag den Höhlenbewohnern wie ein Zufluchtsort vor der Welt erschienen sein, doch die Welt war am Strand und auf den Straßen weiterhin präsent. Und in gewisser Weise vervollständigen die Soldaten das Bild.

Ein winziges Dorf. Ein Kafeneion. Eine einfache Strandbar mit lokalem Wein. Fremde, die in den Höhlen herumlungern. Junge Wehrpflichtige in der Nähe. Ein batteriebetriebener Plattenspieler. Staub und Meersalz. Im Hintergrund eine Straßenbaustelle. Es ist diese typisch kretische Mischung aus Mythos und Alltagspraxis.

Wie Matala zu einem Spektakel und einem Symbol wurde

Mit der Ausbreitung des Weinstocks veränderte sich Matala.

So ist das immer mit solchen Orten. Zuerst sind sie nur wenigen bekannt. Dann vielen. Und dann kommen die Leute nicht nur, um dort zu leben, sondern auch, um sie zu besichtigen. Matala wurde zu einem Spektakel, obwohl es noch bewohnt war.

Griechische Besucher kamen, um die berühmten Höhlenhippies zu sehen. Ausländische Besucher kamen, weil sie Geschichten darüber gehört hatten. Manche blieben, um zu bleiben. Andere kamen nur, um Zeuge zu sein. Die Jugendlichen, die dorthin gegangen waren, um dem gewöhnlichen gesellschaftlichen Leben zu entfliehen, sahen sich plötzlich wieder beobachtet, fotografiert, belächelt und zu einer lokalen und nationalen Kuriosität gemacht. Das ist eine der großen Ironien von Matala.

Die Menschen in den Höhlen wollten aus dem System ausbrechen. Stattdessen wurden sie selbst zu einem Abbild innerhalb dieses Systems.

Die Aufmerksamkeit der Medien beschleunigte diese Entwicklung. Internationale Berichterstattung und später die Verbindung zu Joni Mitchell verliehen Matala in der Vorstellungswelt eine viel größere Bedeutung, als das Dorf selbst je hätte haben können. Die Berichte von Carey Raditz und Joni Mitchell sind besonders wichtig, da sie Details aus dieser Welt bewahren und zeigen, wie gewöhnlich und klein der Ort trotz seines Ruhms geblieben ist. Sie verankern Matala zudem im breiteren kulturellen Gedächtnis der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Der Mythos wuchs, aber auch der Druck.

Der Staat, die Kirche und die zunehmende Verhärtung der Atmosphäre

Der Wandel von lokaler Neugier zu einem offiziellen Problem ist einer der Schlüsselaspekte der Geschichte von Matala. Viele Dorfbewohner konnten mit der Realität leben, da sie mit Menschen, Gesichtern, Namen, Kunden, Nachbarn und all den Kompromissen des Alltags zu tun hatten. Staat und Kirche reagierten auf das Symbol.

Griechenland stand in jenen Jahren, von 1967 bis 1974, unter Militärherrschaft. Dieses politische Klima ist entscheidend, um die Ereignisse in Matala zu verstehen. Eine sichtbare Gemeinschaft langhaariger, ausländischer Jugendlicher, die in Höhlen lebten, Marihuana rauchten, über Freiheit sprachen, sich leicht kleideten und gängige gesellschaftliche Konventionen missachteten, konnte in einem Land unter einem misstrauischen und autoritären Regime nicht auf Dauer als harmlos gelten. Sobald Matala sichtbar wurde, erregte es genaue Beobachtung.

Die Polizeipräsenz nahm zu. Lokale Geschäftsleute konnten befragt werden. Die Atmosphäre im Dorf wandelte sich von rauer Toleranz zu einer angespannten und brüchigen Stimmung. Ehemalige Bewohner beschreiben diese Verschärfung in ihren Erinnerungen. Es ging nicht nur um das Verhalten am Strand. Es ging um das, wofür Matala stand. In einer Zeit der Militärherrschaft und des sozialen Konservatismus war Matala zum Synonym für ausländischen Einfluss, Jugendrebellion und einen Verfall der Moral geworden.

Deshalb endete das Höhlenzeitalter.

Nicht in einer einzigen dramatischen Nacht, sondern durch Druck, Abnutzung und zunehmenden Platzmangel. Das Leben in den Höhlen wurde immer schwieriger. Der Staat erlangte die Kontrolle zurück. Die alten, in den Fels gehauenen Kammern wurden wieder zu archäologischem Erbe erklärt und nicht mehr als gemeinschaftliche Wohnstätte genutzt. In diesem Ergebnis liegt eine bittere Ironie.

Dieselbe Klippe, die einst ein kurzes Experiment in freier Lebensweise beherbergt hatte, wurde zu einer kostenpflichtigen historischen Stätte. Die Höhlen blieben erhalten. Das Leben in ihnen veränderte sich jedoch völlig.

Was die ehemaligen Hippies mitgenommen haben

Das Bewegendste an Matala ist, was die Menschen später, nach Jahren, empfanden. Die Menschen, die dort lebten, beschreiben es gewöhnlich nicht als ein perfektes Paradies. Das wäre zu einfach. Was in Interviews und Erinnerungen zum Ausdruck kommt, ist etwas Ehrlicheres. Sie beschreiben Matala als einen prägenden Ort. Für manche war es der Ort, an dem sie sich zum ersten Mal frei fühlten. Für manche war es der Ort, an dem sie lernten, in einer Gemeinschaft zu leben. Für manche war es der Ort, an dem sie Musik, Arbeit, Liebe oder Politik entdeckten. Für manche war es einfach der Ort, an dem sie lange genug inne hielten, um zu sich selbst zu finden.

Das ist wichtig, weil es die Geschichte von Matala vor verklärter Kostümnostalgie bewahrt. Die Menschen waren keine Museumsfiguren. Sie wurden älter. Sie veränderten sich. Sie blickten zurück mit Zuneigung, manchmal mit Traurigkeit, manchmal mit Lachen, oft mit dem klaren Gefühl, dass der Ort gerade wegen seiner Unvollkommenheit so real war.

Deshalb sind die schönsten Erinnerungen an Matala meist voller kleiner Details und nicht von Slogans geprägt. Essen, Höhlen, Strandstaub, Schallplatten, die Meerjungfrau, ein kaputter Herd, eine geliehene Decke, ein Spaziergang, ein Lächeln der Einheimischen, ein Blick der Polizei, ein Soldat in der Nähe, eine Fahrt die Straße entlang, jemand, der den Namen des Dorfes ruft. Das ist der Speicher, der seine Arbeit ordnungsgemäß verrichtet.

Was geschah mit Matala nach dem Höhlenfund?

Nachdem die Höhlenzeit vergangen war, entwickelte sich Matala zu einem Badeort.

Das Dorf veränderte sich, wie alle berühmten Orte. Der Tourismus blühte auf. Mehr Zimmer, mehr Tavernen, mehr Geschäfte, eine besser organisierte Infrastruktur. Die Höhlen wurden zu einer geschützten archäologischen Stätte. Das alte, improvisierte Leben verschwand, doch das Bild davon blieb erhalten und wurde mit der Zeit zu einem der größten Schätze des Dorfes.

Langjährige Chronisten von Matala beschreiben dies deutlich. In den späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Dorf zu einem modernen Badeort und begann dann, nach einer Phase einfacher touristischer Erschließung, seine Hippie-Vergangenheit bewusst wiederzuentdecken und als Teil seiner Identität zu feiern.

Hier wird das moderne Matala wieder interessant.

Es hätte die Hippie-Geschichte begraben können. Es hätte sich nur als Strand und Archäologie präsentieren können. Stattdessen entschied es sich, die Erinnerung zu bewahren, auch wenn diese heute für Besucher aufbereitet wird. Das Matala Beach Festival, das 2011 ins Leben gerufen und explizit im Zusammenhang mit dem alten „Geist von Matala“ beworben wurde, zeigt genau, wie das Dorf die Legende in seine moderne öffentliche Identität integriert hat. Es ist natürlich nicht mehr die Höhlenkommune. Es ist ein organisiertes Festival im Tourismus. Aber allein die Tatsache, dass das Dorf dieses Kapitel überhaupt ehrt, sagt viel aus. Manche finden das bewegend. Manche finden es kommerziell. Beide Reaktionen sind berechtigt. Entscheidend ist jedoch, dass Matala das Geschehene nicht ausgelöscht hat. Es lebt damit.

Warum es sich lohnt, Matala genauer kennenzulernen

Matala ist wichtig, weil es eine größere Geschichte erzählt als die von „Hippies in Höhlen“.

Es erzählt uns, wie Orte wirklich berühmt werden. Nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch Gerüchte, Straßen, Aufzüge, Gespräche und die wiederholte Nennung ihres Namens. Es zeigt uns, wie das Reisen junger Menschen in jener Zeit funktionierte, als Indien für viele der ferne Horizont war und südlich gelegene Orte wie Matala zu Zufluchtsorten, Experimentierfeldern und Knotenpunkten wurden. Es lehrt uns etwas Wichtiges über Schmerz und Idealismus.

Viele Menschen kamen nach Matala, auf der Suche nach Schönheit und Freiheit. Viele kamen auch, weil sie vor Schwierigkeiten fliehen wollten. Das verleiht dem Ort eine tiefere Bedeutung und menschlichere Dimension. Er war nicht nur Schauplatz von Rebellionen, sondern oft auch Zufluchtsort. Es sagt uns auch etwas über Kreta.

Kreta hat die besondere Angewohnheit, Fremde aufzunehmen, ohne sich dabei selbst aufzugeben. In Matala begrüßten oder lehnten die Dorfbewohner die Neuankömmlinge nicht einfach nur ab. Sie beobachteten, scherzten, halfen, trieben Handel, sorgten sich, passten sich an und machten weiter. Sie gestalteten den Ort mit, selbst während sie darüber stritten. Allein die Geschichte der Meerjungfrau beweist das. Ein einheimischer Unternehmer und die Neuankömmlinge formten gemeinsam einen der unvergesslichsten Orte in Matalas moderner Geschichte. Und es erklärt uns, wie das Gedächtnis funktioniert.

Was einst eine raue, improvisierte, nur halb geduldete Strandwelt war, ist heute Teil der dörflichen Identität, der Archäologie, der Musikgeschichte und des Tourismus. Das Höhlenleben ist verschwunden. Die Klippe ist geblieben. Das Dorf ist größer geworden. Der alte Plattenspieler ist verstummt. Die Straßen sind besser. Die Legenden sind lauter geworden. Aber die Wahrheit ist immer noch da, man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Betrachte die Klippe und erinnere dich daran, dass diese Öffnungen einst antike Gräber waren, bevor sie zu Schlafzimmern wurden. Schau dir den Strand an und stell dir vor, wie es dort früher war, als es nur wenige Häuser und ein Kafeneion gab. Stell dir das Mermaid in seiner ursprünglichen, rauen Form vor, den lokalen Wein, die Auswahl war begrenzt, und einen Plattenspieler, der die Abendluft erfüllte. Stell dir ein paar junge griechische Wehrpflichtige in der Nähe vor, staubbedeckt von Straßenarbeiten, die denselben Strand aus einer anderen Perspektive betrachten. Stell dir einen jungen Ausländer mit langen Haaren und einem Rucksack vor, der von einem Fahrer mit einem Grinsen und dem Ruf „Hippie, Hippie, Matala, Matala!“ nach Süden gewunken wird.

Das ist das wahre Matala.

Nicht die polierte Postkarte. Nicht die vereinfachte Legende. Ein winziges Dorf, das zu einem Verkehrsknotenpunkt wurde.

Ein Ort, an dem sich das kretische Leben vor Ort und eine internationale Jugendbewegung für einige kurze Jahre trafen und sich gegenseitig veränderten. Eine Bucht, in der uralte Steine, dörflicher Humor, jugendliche Sehnsucht, lokaler Unternehmergeist und staatliches Misstrauen gleichzeitig auf demselben Sand standen. Deshalb ist es wichtig, dies zu wissen und so aufzuschreiben, wie es wirklich war.

3 Kommentare

  1. Kalimera Hans, ich sehe meinen Kommentar nicht als Kritik, sondern als Ergänzung zum Artikel von Ray Berry.

    Ich freue mich sehr, dass es dir in Mátala so gut gefällt. Mein Ding ist Mátala nicht. Geschmäcker sind halt verschieden.

    Kali Sarakosti, kv

  2. Im Gegensatz zur 1. Kritik kann ich sagen:
    – Wir kommen nun seit über 14 Jahren immer wieder nach Matala, Matala ist immer einen Ausflug, auch mit Übernachtung, wert!
    – In diesen 14 Jahren nahmen wir 12 x am Beach Festival teil, aber auch während des Beach Festivals findet man im Matala immer ein freies Plätzchen!
    – Im 2026 haben wir uns entschlossen in Matala vom „Street-painting-Sonntag“ bis am Montag nach dem Beach Festival zu bleiben und haben für diese Zeit ein Hotel-Zimmer reserviert, dieses bekommt man auch in dieser Zeit für einen normalen Preis (eher günstig!)
    – Im Restaurant Scala kann man zu vernünftigen Preisen ausgezeichnet essen!

    Also: wenn in Kreta Ferien macht gehört ein Besuch von Matala zum absoluten MUSS!

    Gruss aus der Schweiz
    Hans

  3. Moin, 2008 bin ich das erste Mal in Mátala gewesen.

    Über Mátala streiten sich die Geister. die einen sehen immer noch ein Hippie Flair, die anderen sehen nur noch Kommerz und einen Ausverkauf der Hippie Ära in Mátala.

    Mir gefällt Mátala auch nicht besonders. Nach meiner Meinung ist der Ort völlig überbewertet, kleiner Strand, der im Sommer komplett mit Liegen/Sonnenschirmen zugepflastert ist (am 18. Mai 2024 geschätzt 300 Schirme).

    In den letzten 10 – 15 Jahren sind viele Mátala-Freunde nach Pitsídia abgewandert, da in Mátala einfach zu viel Trubel ist.

    „Wir waren gestern in Matala und fanden es furchtbar. Wir waren 1983 zum ersten Mal dort und in den 1980er Jahren noch ein paar Mal. Zuletzt waren wir 2001 dort.
    Auf dem Weg von Plakias haben wir in Agia Galini Halt gemacht und die Atmosphäre dort mit den Restaurants hinter den Stränden und den Restaurants in der Stadt mit Schwertfisch und frischem Thunfisch hat uns sehr gut gefallen. Im Gegensatz dazu war in Matala so viel los. Es gab buchstäblich Hunderte von Autos, offensichtlich Tagesausflügler, und eine Reihe von Reisebussen. Der Strand war, wie gesagt, völlig überfüllt, und es ist ja nicht so, dass es ein schöner Strand wäre.
    Ich habe nichts gesehen, wofür es sich lohnte, dorthin zu fahren, abgesehen von einer nostalgischen Erinnerung und dem Vermächtnis von Joni Mitchell.“
    5.7.2022, Tripadvisor

    „2022 war ich zum letzten ( ? ) mal im April in Matala. Es gibt einen weiteren Parkplatz und ich habe Mitte April schon 11 Reisebusse gezählt, es war wirklich mega voll. Der Redbeach hat eine 2. Strandbar bekommen und am Urlaubsende war der Strand in Matala restlos mit Liegestühlen zugenagelt.“
    25. Juni 2023, Kretaforum.info

    Bekannt wurde Mátala in erster Linie durch die zahlreichen Wohnhöhlen aus der Jungsteinzeit in der Felswand nördlich der Bucht. In den 60er Jahren wurde der Ort, bis dahin ein relativ verschlafenes Fischernest, von Hippies entdeckt.

    Ein Tavernenwirt erzählte übrigens, dass vor der „Hippie-Zeit“ Mátala auch ein beliebter Sommerferienort für die Kreter selbst war. Einige besaßen (und besitzen noch) eines der kleinen Häuser im Dorf, andere richteten sich in den Höhlen ein, das war ebenso romantisch wie preiswert.

    Ich würde einen kurzen Besuch von Mátala empfehlen, sich die Höhlen anschauen und danach den benachbarten Red Beach besuchen.

    Danach würde ich in dem Binnendorf Pitsídia einen Stopp einlegen. In der optisch nicht so schönen Hauptdurchgangsstraße findest du 2 große Bäcker/Cafés, Supermärkte und Tavernen.

    Östlich von der Hauptdurchgangsstraße befindet sich der alte Ortsteil. In den schmalen Gassen sind in den letzten Jahren viele alte Häuser traditionell restauriert worden. In den Gassen und an der Platia befinden sich Tavernen und Kafenia und urige Mini Märkte.

    Heute ist Pitsídia bei Alternativurlaubern, vor allem aus Deutschland, sehr beliebt.

    Kali Sarakosti, kv

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