Kreta: Mitten im Winter.

Der lange Weg zurück ins Licht: Kreta von Dreikönigstag bis Rosenmontag

Von Ray Berry am 27. Dezember 2025.


Es gibt einen ganz besonderen Morgen auf Kreta nach Weihnachten, an dem die Insel vom Winter gereinigt und zugleich geschärft wirkt. Die Sonne geht noch tief und etwas zögerlich auf. Das Meer glänzt wie Metall. In den Dörfern steigt der Rauch senkrecht aus den Schornsteinen empor, als hielte die Luft den Atem an. Hunde bellen nicht zum Vergnügen. Selbst die Olivenbäume scheinen stillzustehen und zu lauschen.

Wer verstehen will, was Kreta so besonders macht, sollte nicht nur im Sommer kommen. Besuchen Sie die Insel in der Zeit zwischen Dreikönigstag und Rosenmontag. Es ist nicht die Zeit der Postkartenmotive. Es ist die Zeit der Gewohnheiten, der unerschütterlichen Herzlichkeit, der Menschen, die den kalten Tagen und frühen Nächten Sinn verleihen. Es ist auch die Zeit, in der man in kleinen, alltäglichen Szenen sehen kann, wie die lange Geschichte der Insel im Leben der Insel fortlebt.

Dies ist die Zeit des Jahres, die die Griechen oft als tiefen Winter bezeichnen, die Wochen nach dem geschäftigen Treiben von Weihnachten und Neujahr. Sie beginnt mit dem Dreikönigstag, der auf Kreta nicht nur ein Fest, sondern auch ein Neubeginn ist. Etwas schließt sich. Etwas öffnet sich. Alte Geschichten werden abgeschlossen. Das Wasser wird gesegnet. Das Haus wird hergerichtet. Dann kehrt auf der Insel der gemächliche Winter ein, mit Heiligentagen, Olivenhainen, Baumschnitt, Hochzeiten, dem Schulalltag und dem stetigen Klang von Kaffeetassen und Gesprächen. Danach schlägt die Stimmung wieder um. Die Karnevalszeit beginnt mit ihren Späßen, Rauch und Masken, eine Art trotziges Lachen gegen die Kälte. Und dann, plötzlich, ist Rosenmontag, der erste Tag der Fastenzeit, an dem die Insel erneut in neuem Glanz erstrahlt, als hätte jemand ein Fenster geöffnet.

Man könnte es eine Reise vom Wasser zum Wind nennen. Vom Segen des Meeres am Dreikönigstag bis zu den Drachen, die am Rosenmontag den Himmel besteigen. Zwischen diesen beiden Momenten liegt eine ganze Welt, und es lohnt sich, sie kennenzulernen, denn sie offenbart, was die Kreter schätzen, wenn niemand für Touristen auftritt. Sie zeigt, wie Glaube und Humor Hand in Hand gehen. Sie zeigt, wie eine Insel mit einem rauen Ruf auch eine tiefe Zuneigung zu den alltäglichen Dingen besitzt.

Epiphanie und das Meer

Am Dreikönigstag, dem 6. Januar, wendet sich Kreta dem Meer zu. In den Küstenstädten wird der Hafen zur Bühne, aber nicht zu einem seichten Theater. Es ist ein Treffpunkt, der älter wirkt als die moderne Stadt ringsum. Die Menschen stehen Schulter an Schulter in Mänteln, die Hände in den Taschen, die Wangen vom Frost gerötet. Kinder hüpfen auf den Zehenspitzen. Alte Männer stützen sich auf Stöcke. Jemand hat ein Baby wie ein Päckchen eingewickelt mitgebracht. Der Priester kommt in seiner schwarzen Robe und mit seinem glänzenden Kreuz, und der vertraute Weihrauchduft liegt in der Luft, der die Meeresluft stets zu durchdringen scheint.

Dann kommt der Moment, auf den alle warten. Das Kreuz wird ins Wasser geworfen, und junge Männer springen hinterher. Das Wasser im Januar ist unerbittlich. Es trifft wie die Wahrheit. Die Schwimmer kämpfen sich durch die Kälte, ringen nach Luft, schlagen mit den Armen gegen die Oberfläche, und für einen kurzen Augenblick sieht man pure Anstrengung und unerschütterlichen Glauben vereint. Wer das Kreuz als Erster erreicht, hebt es hoch, und die Menge bricht in Applaus aus. Über diesen jungen Mann wird man den ganzen Tag sprechen. Manche sagen, es bringe Segen für ihn und seine Familie. Manche sagen, es bringe Glück. Manche bewundern einfach seinen Mut, seine Hartnäckigkeit, die Art, wie sein Körper sich der Kälte widersetzt.

Auf Kreta ist die Beziehung zum Meer stets eine persönliche. Für die Inselbewohner ist es zugleich Weg und Grenze. Es nährt sie und kann sie mitnehmen. Es hat Eroberer, Händler, Migranten und Briefe getragen. Es ist niemals nur Kulisse. Daher hat die Segnung des Wassers hier eine besondere Bedeutung. Man spürt diese Bedeutung in der Art, wie die Menschen den Priester beobachten, wie sie das Kreuzzeichen machen, wie sie eine Flasche Weihwasser, den Agiasmos, mit nach Hause nehmen, als trügen sie ein kleines Stück Schutz zurück in ihre häusliche Welt.

In Dörfern fernab vom Meer steht das Wasser zwar auch am Dreikönigstag im Mittelpunkt, doch der Fokus verlagert sich nach innen. Der Priester besucht die Häuser. Er taucht einen Basilikumzweig in das Weihwasser und besprengt damit Hauseingänge, Ikonen, Ecken und sogar die Tiere. Das Basilikum ist kein Zufall. In der orthodoxen Tradition ist Basilikum mit Segen und Süße verbunden, aber es hat auch einen praktischen Sinn. Sein Duft ist rein und lebendig, selbst im Winter. Die Geste ist gleichermaßen spirituell und bodenständig, genau wie sich die kretische Religion oft anfühlt. Hier schwebt man nicht über dem Boden. Man segnet den Boden, auf dem man steht.

Unter dem christlichen Fest verbirgt sich auch eine ältere Bedeutungsebene. Mittwinter war schon immer ein Moment, in dem die Menschen versuchten, die Welt zu sichern. In den alten Mittelmeerkulturen trugen Winterriten oft die Idee der Reinigung und Erneuerung in sich. Man mag über direkte Abstammungslinien streiten, aber man muss kein Akademiker sein, um den menschlichen Instinkt zu spüren, der hier wirkt. Wenn die Tage kurz sind und die Lebensmittelvorräte sorgsam bewacht werden, suchen die Menschen nach Gewissheit. Sie wollen ein Zeichen, dass das Jahr gut wird. Sie wollen jede Dunkelheit vertreiben, die an der Schwelle des Hauses haften mag.

In vielen griechischen Familien hält sich der scherzhafte Brauch, dass am Dreikönigstag die Kalikantzaroi, die koboldartigen Wesen der Zwölf Tage, die zwischen Weihnachten und Dreikönig ihr Unwesen treiben sollen, endgültig verschwinden. Auch auf Kreta gibt es diese Geschichten in ihren eigenen Variationen, erzählt mit einem Augenzwinkern und einem Hauch von Grusel. Ältere Menschen erzählen dann, halb im Ernst, halb amüsiert, dass die kleinen Monster nach der Segnung des Wassers verschwinden, vertrieben vom Weihwasser und dem Licht. Auch wenn heute niemand mehr wörtlich an sie glaubt, erfüllen die Geschichten ihren Zweck. Sie geben der Wintermüdigkeit einen Namen und vertreiben sie.

Das ist der Hauptzweck dieser Jahreszeit. Sie nimmt das Unbestimmte und macht es greifbar. Sie gibt dem Winter eine Form, über die man sprechen kann. Sie erlaubt es einem, mit einem Lächeln zu sagen, dass die Kobolde fort sind und das Haus dadurch ruhiger wirkt.

Die lange Mitte des Winters

Nach dem Dreikönigstag herrscht auf Kreta Ruhe. Die Insel kehrt zum Alltag zurück, doch dieser Alltag hat hier Tiefe. Es ist keine leere Wiederholung, sondern das stetige Zusammenspiel von Familie, Arbeit, Wetter und Erinnerung.

Jetzt, in dieser Zeit, erstrahlt die Landschaft vielerorts in sattem Grün. Der Winterregen erweckt die Hügel zu neuem Leben. Phrygana und Gräser leuchten in sattem Grün. In den höheren Lagen liegt noch Schnee auf den Bergen, und das Weiß des Psiloritis- oder Dikti-Gebirges wirkt über den dunkleren Hängen fast unwirklich. Fährt man von der Küste ins Landesinnere, kann man innerhalb einer Stunde verschiedene Jahreszeiten erleben. Unten am Meer mag es mild sein, und die Menschen sitzen bei Windstille draußen in der Sonne. In den Dörfern hingegen findet man im Schatten Frost und eine eisige Kälte, die einen dazu bringt, den Kragen hochzuziehen.

Die Arbeit richtet sich nach den Jahreszeiten. In vielen Gebieten kann sich die Olivenernte je nach Höhenlage, Sorte und Witterung bis spät in die Nacht hinziehen. Selbst nach der Haupternte herrscht im Winter reges Treiben in den Olivenhainen. Der Baumschnitt beginnt. Das Verbrennen der abgeschnittenen Zweige verströmt den vertrauten, stechenden Geruch. Der Boden ist weich. Die grünen Netze werden weggeräumt. Traktoren tuckern über matschige Wege. Im Winter zeigt die Insel ihr landwirtschaftliches Rückgrat – jene Seite Kretas, die sich von Politik, Moden und Schlagzeilen nicht beirren lässt.

In den Häusern herrscht ein anderer Rhythmus. Die Küche wird wieder zum Mittelpunkt. Winteressen ist nicht aufwendig, aber dafür umso bedeutsamer. Bohnen und Hülsenfrüchte, Gemüse, Suppen, Schmorgerichte und Kuchen, die das Haus mit einem wohligen Duft erfüllen. Man unterhält sich über die Qualität des diesjährigen Olivenöls, die Stärke des Rakis, ob der Regen zum richtigen Zeitpunkt kam und ob der Wind im letzten Frühjahr die Blüten beschädigt hat. Diese Gespräche drehen sich nie nur ums Essen. Sie sind eine Art, die Welt zu lesen.

Die Gedenktage der Heiligen prägen auch im Januar und Februar die Zeit. Auf Kreta haben Namenstage eine besondere Bedeutung. Sie sind kein unbedeutendes Ereignis. Ein Namenstag kann einen gewöhnlichen Wochentag in ein kleines Fest verwandeln. Man kommt spontan vorbei, ohne Einladung. Es gibt immer etwas zu essen: Kaffee, ein Glas Raki, etwas Süßes. Manchmal reicht der Teller fast bis zum Mittagessen. Der Gastgeber besteht darauf, der Gast lehnt zunächst ab und nimmt dann doch an. Dieses Spiel hält das gesellschaftliche Miteinander in Gang.

Diese kleinen Zusammenkünfte zeugen auch von der alten kretischen Gastfreundschaft, dem Gefühl, jemanden durch Bewirtung zu ehren. Im Winter hat Gastfreundschaft eine besondere Würze, denn sie ist eine Art Trotz. Selbst in schwierigen Zeiten, selbst bei rauem Wetter, schafft man Raum. Man deckt den Tisch. Man hält die sozialen Kontakte aufrecht.

Historisch gesehen ist dies von größerer Bedeutung, als den meisten bewusst ist. Kreta hat Jahrhunderte erlebt, in denen der Winter gefährlich sein konnte. Unter venezianischer und osmanischer Herrschaft, in Zeiten von Aufständen und Armut, in Kriegen und Besatzungszeiten bedeutete der Winter Knappheit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und Verwundbarkeit. Dörfer, die sich aufeinander verlassen konnten, überlebten besser. Familien mit engen Bindungen konnten Arbeit, Nahrung und Informationen teilen. Selbst heute, wo Supermärkte gut gefüllt und Straßen asphaltiert sind, sind die alten Instinkte noch spürbar. Die Insel erinnert sich tief in ihrem Inneren daran, was es heißt, durchzuhalten.

Die Geschichte lässt sich auch im Kirchenkalender erkennen. Das orthodoxe Christentum prägte das kretische Leben über Jahrhunderte, nicht nur durch die Lehre, sondern auch durch die Strukturierung des Tagesablaufs. Feste und Fastenzeiten, Namenstage und Liturgien, Gedenktage der Heiligen – all dies sind nicht bloß religiöse Ereignisse. Sie bilden ein soziales Gerüst. Sie geben vor, wann man sich versammelt, wann man ruht, wann man sich zurückzieht und wann man feiert. An einem Ort, der von Imperien umkämpft und von Umbrüchen erschüttert wurde, bot dieses Gerüst Kontinuität. Es schuf eine gemeinsame Sprache, die die verschiedenen Regime überdauern konnte.

Diese Kontinuität war schon immer eng mit dem lokalen Charakter verbunden. Die kretische Religion ist pragmatisch und stolz. Man streitet sich mit Priestern, neckt sie, beklagt sich über die Kirchenpolitik und bewahrt dennoch Ikonen im Haus auf und zündet Kerzen mit tiefer Inbrunst an. Man spricht vielleicht nicht in frommen Tönen, aber man ist da, wenn es darauf ankommt. Man bewahrt die alten Gesten, weil sie einen mit Eltern und Großeltern verbinden, mit einer Linie, die selbst dann nicht zerbrach, als die Geschichte versuchte, sie zu brechen.

Geschichten am Herd

Die Wochen nach Dreikönig eignen sich hervorragend für Geschichten. Nicht etwa, weil die Leute theatralisch mit Decken über den Knien herumsitzen, sondern weil der Winter ganz natürlich Zeitfenster schafft. Ein langer Abend. Ein Besuch, der sich in die Länge zieht. Aus einem Kaffee wird ein zweiter. Ein Nachbar, der vorbeischaut, und irgendwie unterhält man sich noch zwei Stunden später.

Dann hört man die Familiengeschichten, die Kreta wie tausend kleine Königreiche erscheinen lassen. Die Geschichte des Urgroßvaters, der in einem Aufstand kämpfte. Der Onkel, der nach Amerika ging und mit einem Anzug zurückkam. Die Cousine, die in ein anderes Dorf einheiratete und wie das alles veränderte. Die alte Fehde, über die heute alle lachen, die aber immer noch respektiert wird. Die Tragödie, die niemand direkt ausspricht, die aber jeder kennt.

Wer genau hinhört, erkennt auch, wie die umfassendere Geschichte der Insel in diesen alltäglichen Erzählungen weiterlebt. Kreta wurde geprägt von minoischer Pracht und ihrem Untergang, von klassischen Stadtstaaten, von römischer Verwaltung, vom byzantinischen Glauben, von venezianischen Festungen und Handel, von osmanischer Herrschaft und Widerstand, vom Kampf um die Vereinigung mit Griechenland und vom Trauma des Zweiten Weltkriegs. Das sind die Kapitel aus den Geschichtsbüchern. Doch in einer Küche an einem Winterabend werden diese Kapitel persönlich. Sie werden zur Geschichte eines niedergebrannten Dorfes, einer vertriebenen Familie, eines Großvaters, der jemanden versteckte, einer Frau, die den Haushalt führte, als die Männer fort waren.

In der Zeit nach Weihnachten sprechen die Menschen eher über diese Dinge, nicht schwerfällig, sondern so, wie Geschichte in den Alltag verwoben ist. Es gibt weniger Ablenkung als im Sommer. Es wird weniger inszeniert. Die Insel spricht zu sich selbst.

Warum ist das wissenswert? Weil es die oberflächliche Vorstellung von Kreta als einem Ort voller Strände und Ruinen korrigiert. Es zeigt die lebendige Kontinuität, die Art und Weise, wie die Menschen ihre Vergangenheit nicht wie ein Museumsstück, sondern als praktisches Erbe bewahren. Es zeigt aber auch noch etwas anderes: Die Kreter haben über Jahrhunderte gelernt, Ernsthaftigkeit und Humor in Einklang zu bringen. Sie haben gelitten und gelacht. Sie haben getrauert und gesungen. Im Winter lässt sich dieses Gleichgewicht am deutlichsten erkennen.

Apokries und die Kunst des Unfugs

Dann, etwa im Februar, verändert sich die Luft. Nicht unbedingt die Temperatur, obwohl die Tage länger werden und man es fast unmerklich bemerkt. Die Veränderung betrifft eher die Stimmung. Die Menschen beginnen, über Apokries zu sprechen, die Karnevalszeit, die der Fastenzeit vorausgeht.

Wer den griechischen Karneval nur von Fotos kennt, mag ihn sich nur mit Kostümen und Umzügen vorstellen. Auf Kreta kann das durchaus der Fall sein, besonders in Städten mit organisierten Veranstaltungen. Rethymno ist berühmt für seine Karnevalsfeierlichkeiten mit Festwagen, Gruppen, Satire, Musik und Menschenmassen, die die Straßen bevölkern. Auch Heraklion und Chania haben ihre eigenen Feste. Kleinere Städte und Dörfer veranstalten ihre eigenen Versionen, mal informeller, mal ausgelassener.

Doch Apokries ist nicht nur eine Festzeit. Sie hat tiefe Wurzeln. Die Idee einer vorösterlichen Auszeit ist alt und fügt sich nahtlos in die traditionellen mediterranen Feste zur Wintersonnenwende und im frühen Frühling ein. Der Mensch hat ein starkes Bedürfnis, in schwierigen Zeiten zu lachen. Er sehnt sich nach ein paar Tagen, an denen die Regeln lockerer sind. Er will Autoritäten und sich selbst verspotten, Rollen tauschen, Masken tragen, jubeln, tanzen, schlemmen und spüren, dass das Leben mehr zu bieten hat als den Alltag.

In der orthodoxen Tradition stellt der Apokries auch einen praktischen Übergang dar. Er bereitet die Gläubigen auf die Fastenzeit vor, indem er ihnen ermöglicht, sich zunächst – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – zu entleeren. Mit Beginn der Fastenzeit erfolgt eine allmähliche Abkehr vom Fleischkonsum, wobei die Praxis von vielen unterschiedlich streng eingehalten wird. Dennoch bleibt die Struktur bestehen und prägt die Erzählung dieser Fastenzeit.

Eines der beliebtesten Feste ist Tsiknopempti, der Donnerstag, an dem der Duft von gegrilltem Fleisch die Luft erfüllt. Tsikna bedeutet Rauch und Aroma von bratendem Fett. Der Duft haftet an der Kleidung, zieht durch die Straßen und macht hungrig, selbst wenn man beteuert, keinen Hunger zu haben. Auf Kreta, wo Fleisch seit jeher mit Feierlichkeiten und Gastfreundschaft verbunden ist, fühlt sich Tsiknopempti fast unvermeidlich an. Tavernen stellen Grills vor die Tür, Familien versammeln sich. Man scherzt, man könne den Weg nach Hause finden, indem man seiner Nase folgt.

In diesem Rauch liegt etwas Uraltes. Nicht im mystischen, sondern im ganz menschlichen Sinne. Seit Jahrtausenden dienen Feste dazu, Zeit zu markieren und Zusammengehörigkeit zu schaffen. Man schlachtet ein Tier, bereitet es zu und teilt es. Im früheren ländlichen Leben war Fleisch kein alltägliches Nahrungsmittel. Es war kostbar. Es wurde zu Festen, Hochzeiten und großen Zusammenkünften serviert. Selbst heute, mit unserer modernen Ernährung, ist diese emotionale Bedeutung noch spürbar. Der Fleischgeruch auf Tsiknopempti ist der Duft der Gemeinschaft, der sagt: Wir sind noch da.

Der Karneval lädt auch zur Satire ein, und die Kreter können scharfsinnig und witzig sein. Sie lieben es, sich gegenseitig zu necken. Sie entlarven gerne Wichtigtuerei. Der Karneval bietet dafür einen gesellschaftlich akzeptierten Raum, in dem sich die Menschen als Politiker, Priester, Brautpaare, alte Männer, Monster oder was auch immer verkleiden und sagen können, was sie wollen – auf eine Art und Weise, die als Spiel verstanden wird, selbst wenn es einen Seitenhieb hat.

Das ist ein weiterer Sinn dieser Jahreszeit. Sie baut Druck ab. Sie ermöglicht es den Menschen, indirekt miteinander zu reden. Wo jeder jeden kennt, ist direkte Konfrontation nicht immer zielführend. Humor kann da oft besser helfen. Er kann Verhalten korrigieren, ohne einen offenen Konflikt auszulösen. Er kann Beschwerden äußern, ohne einen Streit zu entfachen. Karneval bietet der Gemeinschaft ein kontrolliertes Chaos, ein gesellschaftlich akzeptiertes Durcheinander, das paradoxerweise dazu beiträgt, die Ordnung wiederherzustellen.

Essen, Musik und winterliche Freude

Apokries hat seine eigene Küche, die nicht immer typisch für Kreta ist, aber von den lokalen Gepflogenheiten geprägt ist. Frittierte Süßigkeiten sind häufiger anzutreffen: Honiggebäck, kleine Häppchen, die hervorragend zum Kaffee passen. In manchen Häusern gibt es herzhafte Snacks, Käse- oder Gemüsepasteten – was die Familie eben so zubereitet. In den Tavernen decken sich die Tische mit Meze, die zu langen Abenden einladen: Würstchen, geräuchertes Schweinefleisch, Leber, Käse, Oliven, eingelegtes Gemüse, Salate, warme Gerichte, die in Tontöpfen serviert werden, und natürlich Brot, um die Soßen herunterzuspülen.

Musik ist allgegenwärtig. Kreta braucht keinen Anlass für Musik, doch winterliche Zusammenkünfte haben eine ganz besondere, intime Atmosphäre. Eine Lyra oder ein Laouto in einem warmen Raum wirken völlig anders als Musik auf einem sommerlichen Open-Air-Festival. Der Klang kann nirgendwohin entweichen. Er umhüllt die Anwesenden. Jemand singt. Jemand antwortet. Eine Mantinada wird angeboten, eine weitere erwidert, und der Raum verwandelt sich in eine kleine Arena des Witzes und der Gefühle.

Auch ohne Instrumente hat die Sprache einen eigenen Rhythmus. Kreter kommunizieren mit Händen und Augen. Sie machen aus einer einfachen Geschichte ein kleines Spektakel. Ein geselliges Beisammensein im Winter kann genauso unterhaltsam sein wie jede Bühne und ist in mancher Hinsicht sogar ehrlicher, weil es für die Gruppe selbst bestimmt ist, nicht für ein Publikum.

In dieser Jahreszeit wird einem auch bewusst, wie sehr die Insel noch immer vom persönlichen Kontakt lebt. Im Sommer sind Begegnungen oft verstreut, durch Menschenmassen gehemmt und vom Arbeitsalltag bestimmt. Im Winter hingegen verengt sich das soziale Gefüge. Man sieht immer wieder dieselben Gesichter. Man kümmert sich umeinander. Man bemerkt, wer gefehlt hat. Man bringt Kranken Essen. Man tröstet Trauernde. Man streitet, versöhnt sich, streitet wieder und gehört dennoch zusammen.

Kreta ist für seinen Stolz bekannt, und das nicht zu Unrecht. Doch Stolz ist hier eng mit Verantwortung verbunden. Man ist stolz, weil man zu seinem Volk steht. Der Winter offenbart diese Seite deutlich.

Reinen Montag und der erste Vorgeschmack auf das Fasten

Dann kommt Rosenmontag, der Beginn der Fastenzeit. Der griechische Name Kathara Deftera symbolisiert Reinigung, einen Neuanfang in einer gewissen Einfachheit. Der Wechsel kann abrupt wirken. Noch in der einen Woche lacht man ausgelassen im Karnevalstrubel, in der nächsten genießt man Fastenspeisen und beobachtet Drachen.

Der Rosenmontag wird auf Kreta, wie auch anderswo in Griechenland, bei schönem Wetter oft im Freien gefeiert. Familien strömen auf Felder, Hügel, Strände – überall dorthin, wo Platz und Wind wehen. Kinder lassen Drachen steigen und rennen, bis ihre Wangen brennen. Der Drachen ist eines der schönsten Symbole dieser Jahreszeit. Er ist verspielt, aber er weist auch nach oben. Er symbolisiert Leichtigkeit, ein Aufstehen von der Schwere. Er ist keine Belehrung, sondern eine Geste.

Auch der Tisch verändert sich. Fleisch und Milchprodukte werden von Fastenden beiseitegelassen. Stattdessen gibt es Speisen, die gleichermaßen schlicht und festlich wirken. Lagana-Brot, flach und mit Sesam bestreut, wird für diesen Tag zubereitet. Oliven und Olivenpaste. Taramosalata. Bohnen. Riesenbohnen in Tomatensoße gebacken. Kichererbsen. Essiggurken. Meeresfrüchte, die den Fastenregeln entsprechen, oft Oktopus, Tintenfisch und Schalentiere. Gemüse und Salate. Halva für die Süße. Die Mahlzeit kann reichhaltig sein, auch ohne tierische Produkte – und genau das ist der Sinn des Fastens. Fasten soll kein Leiden sein. Es soll ein Neuanfang sein, eine Hinwendung zum Wesentlichen.

Auf Kreta, wo Olivenöl nicht nur eine Zutat, sondern Ausdruck der eigenen Identität ist, kann die Fastenzeit ein wahrer Genuss sein. Gemüse, einfach mit Öl und Zitrone angemacht. Ein Kuchen aus Hirse. Ein Hülsenfruchteintopf, der am nächsten Tag noch besser schmeckt. Die Insel versteht es, Verzicht köstlich zu gestalten.

Der „Saubere Montag“ vermittelt auch eine soziale Botschaft. Karneval lädt zum Lachen, Essen, Feiern und zum Auslassen aller Regeln ein. Der „Saubere Montag“ hingegen sagt: Nun kehren wir zur Disziplin zurück, aber gemeinsam, unter freiem Himmel, mit Drachen und geteiltem Essen. Die Gemeinschaft bewegt sich wie ein einziger Organismus von der Ausgelassenheit zur Selbstbeherrschung.

Historisch gesehen erfüllte dieser Rhythmus einen wichtigen Zweck. In einer traditionell agrarisch geprägten Welt konnten Spätwinter und Frühling eine karge Zeit sein. Die Fleischvorräte waren oft knapp. Frisches Obst und Gemüse war begrenzt, obwohl das kretische Wintergemüse Abhilfe schaffte. Eine strukturierte Fastenzeit half den Gemeinschaften, ihre Ressourcen zu verwalten, und verlieh dieser Verwaltung einen Sinn. Sie machte aus Notwendigkeit eine Tugend. Sie bot eine Erzählung, die Disziplin als sinnvoll und nicht als düster erscheinen ließ.

Auch jetzt, wo die Bedürfnisse nicht mehr dieselben sind, ist der Rhythmus immer noch wichtig. Er bietet den Menschen die Möglichkeit, die Zeit bewusst zu gestalten. Er gibt dem Jahr einen Puls.

Was diese Saison über Kreta verrät

Betrachtet man den gesamten Zeitraum von Dreikönigstag bis zum Putzmontag, wird deutlich, warum er besondere Aufmerksamkeit verdient. Es ist eine Jahreszeit, die die wichtigsten Themen der Insel miteinander verbindet.

Zunächst zeigt es Kretas Beziehung zum Heiligen, die selten abstrakt ist. Die Epiphanie ist nicht nur ein theologisches Ereignis. Sie ist Wasser in einer Flasche im Küchenregal. Sie ist Basilikum, der Türrahmen besprengt. Sie ist das Meer, das vor den Augen von Fischern, Ladenbesitzern und Schulkindern geheiligt wird. Sie ist Glaube, der sich durch Berührung, Geruch und kalte Luft ausdrückt.

Zweitens zeigt es Kretas Beziehung zur Gemeinschaft. Namenstage, Winterbesuche, gemeinsame Mahlzeiten, Karnevalsgruppen, Picknicks am Rosenmontag – all dies sind Ausdrucksformen der Zugehörigkeit. Auf einer Insel mit einer langen Geschichte fremder Herrschaft und innerer Not ist Zugehörigkeit keine sentimentale Frage. Sie ist überlebenswichtig und prägt die Kultur.

Drittens zeigt es Kretas Geschick, Gegensätze zu vereinen. Ernsthaftigkeit und Heiterkeit. Disziplin und Genuss. Alte Geschichten und moderne Gewohnheiten. Ein Segen am Morgen und ein Witz am Nachmittag. Ein Gottesdienst und ein lauter Grill. Das ist kein Widerspruch. Das ist Ausgewogenheit.

Viertens zeigt es, wie Geschichte in der Gegenwart weiterlebt, nicht in Form von Daten, sondern in Form von Mustern. Die venezianische und osmanische Herrschaft prägten das Dorfleben, die Landnutzung und die soziale Organisation. Der moderne griechische Staat führte neue Institutionen und ein neues Schulsystem ein. Die Kriegsjahre hinterließen Narben, die noch heute in der Familienerinnerung spürbar sind. Trotz all dem sorgte der jährliche Zyklus von Festen und Fasten für Kontinuität. Die Menschen konnten vieles verlieren und wussten dennoch, welcher Tag war, versammelten sich weiterhin am Dreikönigstag, lachten weiterhin beim Karneval und ließen weiterhin Drachen am Rosenmontag steigen.

Schließlich zeigt es ein ruhigeres Kreta, jenes Kreta, das existiert, wenn die Strände leer sind und die Touristensaison nur ein Gerücht. Dieses Kreta versucht nicht, irgendjemanden zu beeindrucken. Es lebt einfach. Das Licht ist sanfter. Die Gespräche dauern länger. Die Gastfreundschaft ist weniger aufdringlich und persönlicher. Die Insel wirkt wie ein Ort mit einem eigenen inneren Rhythmus, einem eigenen Lebensrhythmus.

Warum es sich lohnt, das zu wissen

Es ist wichtig, das zu wissen, denn es lehrt einen, Kreta als Ganzes zu sehen. Die Insel wird oft auf einzelne Fragmente reduziert: Ein minoischer Palast in der Hitze, ein venezianischer Hafen im Sonnenuntergang, ein Strand, der tropisch wirkt, ein Teller Essen in einer Taverne mit Meerblick. Diese Dinge sind real und schön, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte.

Die Zeit von Dreikönig bis Rosenmontag offenbart die Zusammenhänge. Sie zeigt die Insel als lebendigen Ort, geprägt vom Winter ebenso wie vom Sommer. Sie zeigt, wie Spiritualität und praktisches Handeln Hand in Hand gehen. Sie zeigt, wie Lachen Stärke verleihen kann. Sie zeigt, wie die Menschen einander Wärme spenden, nicht nur mit Feuer und Essen, sondern auch durch ihre Anwesenheit.

Wer jemals am Dreikönigstag in einem kretischen Hafen stand, den Blick auf das Kreuz gerichtet, das ins Wasser gehoben wurde, und den gemeinsamen Atemzug der Menge vernahm, weiß, was ich meine. Für einen Moment scheint die Zeit in Schichten zu verlaufen. Die modernen Mäntel und Handys sind da, ja. Aber auch etwas Älteres, etwas, das mit der Angst vor dem Winter, der Liebe zum Leben, der Hoffnung auf Schutz und dem schlichten Mut zu tun hat, ins kalte Wasser zu springen, weil die Gemeinschaft zuschaut und weil man glaubt, dass diese Geste Bedeutung hat.

Wer schon einmal den Rauch von Tsiknopempti durch die Straßen ziehen gerochen und das Lachen der Menschen hinter den Fensterläden gehört hat, weiß, dass der Winter hier nicht nur Entbehrungen mit sich bringt. Er ist auch ein Genuss, der durch den Kontrast umso intensiver wird.

Wer schon einmal ein Kind am Rosenmontag beobachtet hat, das mit einer Drachenschnur, die in die kleine Hand schneidet, und den Blick gen Himmel gerichtet, rennt, weiß, dass die Insel jedes Jahr aufs Neue dieselbe Lektion lehrt: Das Licht kehrt zurück. Nicht mit einem dramatischen Sprung, sondern stetig und beharrlich.

Und das ist vielleicht letztendlich der wahre Kern dieser Jahreszeit. Es sind nicht nur Bräuche. Es ist eine Geschichte, die Kreta sich jeden Winter selbst erzählt. Wir reinigen uns. Wir segnen. Wir arbeiten. Wir kommen zusammen. Wir lachen. Wir lassen los. Wir beginnen von Neuem.

In einer Welt, die sich oft gehetzt und zersplittert anfühlt, ist diese Geschichte es wert, weitergetragen zu werden.