Griechisches Paradox und Angela Merkel


Angela Merkel ist das Hassobjekt der Hellenen, trotzdem bewundern die krisengeschüttelten Griechen Deutschland – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Drei Wochen bereiste Kontext-Autor Fritz Schwab den Norden Griechenlands und sprach mit Menschen in Kneipen, Klöstern und auf Wiesen voller Ziegen über ihr gespaltenes Verhältnis zu Europas reichstem und mächtigstem Land.

Sie trägt den orangen Sträflingsanzug von Guantánamo oder ein Lack-Leder-Dominadress, sie kopuliert in Trickfilmchen mit griechischen Politikern oder dirigiert als Mafiapatin im Don-Corleone-Outfit die Geschicke Europas. Zeitschriften und politische TV-Formate geben sich in Hellas wenig zimperlich, wenn sie die Bundeskanzlerin in ihren satirischen Beiträgen darstellen. Geradezu zwanghaft ziehen sich Kabarettisten Naziuniformen an  Hakenkreuzbinde und Hitlerbärtchen inklusive , wenn sie die deutsche Regierungschefin parodieren. Mit ihren Beiträgen bedienen die Medien ein weitverbreitetes Stimmungsbild. „H MEPKEL“ (die Merkel) gilt in Griechenland genauso wie bei vielen Bürgern in Spanien, Portugal und Italien als meistgehasste Person der Gegenwart. Die Frau ist auf dem besten Weg, eine Art Margaret Thatcher Südeuropas zu werden. Mit Merkel verbinden vor allem die Menschen in Griechenland das Spardiktat und die für sie verbundenen schmerzhaften Folgen. Die Arbeitslosigkeitsrate liegt bei 30 Prozent, bei den unter 26-Jährigen hat nur jeder Dritte einen Job, immer mehr Geschäfte müssen dichtmachen, und viele Familien wissen nicht, wie sie die in den vergangenen zwei Jahren massiv erhöhten Steuern für Wohnungs- und Hausbesitz bezahlen sollen.

„Was Deutschland im Zweiten Weltkrieg militärisch nicht erreicht hat, versucht es jetzt ökonomisch.“ Dieser Satz gehört zum Standardrepertoire in jeder griechischen Kaffeehausdiskussion. Noch so ein Kafenion-Klassiker: „Deutschland baut ein Viertes Reich, und die Länder in Südeuropa sind seine neuen Kolonien.“ In der Dorfkneipe von Kalos Agros, 150 Kilometer östlich von Thessaloniki, kommen diese Sprüche auch. Da aber an diesem Abend die Bayern gegen Juventus spielen, hat die Politik erst mal Sendepause. Alle schauen Fußball. Deutschland, das Land des Spitzenfußballs. Dass der dunkelhäutige Bayern-Kicker David Alaba ein Österreicher ist, amüsiert das Lokal. Das gab es ja schon mal, einen erfolgreichen Österreicher in Deutschland, erzählen sie sich grinsend.

„Schalt um auf Süleiman“, ruft einer in der Halbzeitpause. Die Serie mit dem Osmanenherrscher Süleiman und seinem Intrigen spinnenden Harem ist inGriechenland ein echter Straßenfeger und läuft auf Türkisch mit griechischen Untertiteln. „Die Alten können fast alle Türkisch. Unser Dorf besteht aus Einwanderern aus Kleinasien“, klärt der 63-Jährige Nikos auf. Nach dem Ersten Weltkrieg begann der Exodus der seit mehr als 3000 Jahren an den Küsten der heutigen Türkei siedelnden Griechen. Hunderttausende fanden im NordenGriechenlands ihre neue Heimat. 40 Jahre später startete von dort aus ein zweiter Massenexodus.

Die deutsche Rentenversicherung hält ganze griechische Dörfer über Wasser

Die Menschen flohen nicht vor Krieg und „ethnischer Säuberung“, sondern suchten einen Ausweg aus der Armut. Das Ziel der meisten Auswanderer war das Wirtschaftswunderland Deutschland. Wieder zogen Hunderttausende in ein ihnen unbekanntes Land, diesmal als Gastarbeiter für Daimler oder Bosch. Viele sind inzwischen Rentner und wieder zurück in ihren griechischen Dörfern  so wie Nikos, der über 30 Jahre in Bodelshausen bei Tübingen die Gaststätte Zur Linde betrieben hat. Nikos ist ein meinungs- und lautstarker Typ. „Ihr werdet dem Schäuble und der Merkel noch einmal dankbar sein“, ruft er seinen Kumpels in der Kneipe in Kalos Agros zu.

Dankbar sind tatsächlich viele  allerdings weniger aktuell regierenden Politikern, sondern dem deutschen Renten- und Krankenversicherungssystem. So mancher Rentner, der in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, ist immer noch bei der AOK versichert und fliegt alljährlich nach Deutschland, um sich dort in Kliniken oder von seinem alten Hausarzt durchchecken zu lassen. Auch wenn er dafür höhere Beiträge als in Griechenland bezahlen muss. Denn das staatlich-griechische Gesundheitssystem IKA besticht vor allem durch Ineffizienz und Korruption. Selbst überlebenswichtige OP-Termine soll es häufig nur gegen einen den Ärzten vorab zugesteckten Geldbetrag („Fakelaki“) geben. Andere Mediziner betrieben in den vergangenen Jahren einen schwunghaften Handel mit Attesten, die sie taubstummen Kindern ausstellten. Die Eltern dieser Kinder strichen daraufhin üppige Invalidenrenten für ihren Nachwuchs ein. Kleiner Schönheitsfehler: Die Kinder waren kerngesund. Dass man den Staat bescheißt, gehörte für viele Hellenen zur Tradition. Das illegale Anzapfen öffentlicher Geldquellen wurde auch allzu leicht gemacht. Erst seit Kurzem ermitteln die Behörden in 50 000 Fällen ungerechtfertigter Rentenauszahlung. Viele der „Anspruchsberechtigten“ sind seit Jahren tot, nur haben die Angehörigen das Ableben verschwiegen und munter weiterkassiert.

Dass die deutschen Rentenkassen dagegen auch in Griechenland von ihren Kunden regelmäßig und akribisch Lebensnachweise einfordern, finden die Rentenbezieher in der Kneipe von Kalos Agros gut. Allmählich setzt sich die Denkweise durch, dass der Betrug des Einzelnen der Allgemeinheit schadet. In den strukturschwachen Regionen Nordgriechenlands halten die monatlichen Rentenzahlungen an ehemalige Gastarbeiter inzwischen mehrere Generationen über Wasser. Von diesem Geld leben nicht nur die Rentner, sondern häufig ganze Familien mit Kindern und Enkeln. Sterben die Rentner, fällt oft das einzige Einkommen weg. Deutschland, das Rentenparadies.

Die Familie von Vassilis lebt von und mit 250 Ziegen. Die Herde grast am Rande einer dicht bewaldeten Schlucht im Hinterland der Hafenstadt Kavala. Sechs Hunde bewachen die Tiere und verbellen jeden, der sich in die Nähe wagt, bis Vassilis mit einer Fluchkanonade zeigt, wer hier das Sagen hat. In seinem Verschlag gibt es griechischen Kaffee  frisch auf dem Gaskocher gebrüht. Die Medienhetze seiner Landsleute gegen Deutschland findet der Mann mit den stark gelichteten Zahnreihen „schwachsinnig“. Denn in erster Linie seien die Griechen ja selbst schuld an ihrer Misere. Seine Tochter arbeitet als Taxifahrerin in Herrenberg. Und deshalb hat er für alle deutschen Mütter einen Tipp. „Gebt den Kindern Ziegenmilch!“ Seine vor einigen Jahren in Deutschland geborene Enkeltochter bekam alle drei Monate ein anderes Milchpulver  und einen furchtbaren Hautausschlag. „Als die Familie hier war, sagte ich meiner Tochter: Schmeiß den Mist weg. Jetzt gibt’s nur noch mit Ziegenmilch eingeweichtes Brot. Und nach einer Woche war die Haut wieder vollkommen sauber.“


So sehr er die Milch seiner griechischen Ziegen liebt, so sehr verachtet er mittlerweile die Politik seines Landes. Bei Figuren wie dem ehemaligen Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos würde der Hirte seine Hunde wohl kaum zurückpfeifen. Der Politiker der jahrzehntelang regierenden sozialistischen Pasok hat mutmaßlich 80 Millionen Euro Schmiergeld von Rüstungsunternehmen eingestrichen und damit laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft „eine Tendenz zum Wirtschaftsverbrecher“. Der größte Zahler von Schmiergeld war in dem Politsumpf wohl die deutsche Firma Siemens. „Der göttliche Blitz soll alle 300 Abgeordneten in Athen treffen“, schreit Vassilis.

Vassilis‘ 30-jähriger Sohn setzt weniger auf Zeus‘ strafende Blitze, sondern surft ganz irdisch auf Stellensuche im Internet. Aber auf deutschen Seiten, nicht auf griechischen, weil es in Griechenland sowieso kaum noch Beschäftigung gibt. „Ich schaue, ob ich diesen Sommer eine Arbeit auf einer Alm in Bayern finde.“ Deutschland, das Land, in dem in einem geschundenen Europa noch Geld zu verdienen ist. Angela Merkels Sparpolitik für Vassilis‘ eigene Heimat zum Trotz.

Deutschland, Freizeitland 

Auf dem Fährschiff Axion Esti Richtung Athos: Ioannis verschenkt seinen Urlaub und sein Können an ein Kloster auf der Mönchsrepublik Athos. Der Berufstaucher hat bereits drei Tage Anreise hinter sich, als sich das Fährschiff dem Hafen Dafni auf dem Athos nähert. Der 40-Jährige kommt aus dem kretischen Chania und wird in den kommenden zehn Tagen an der Anlegestelle des Klosters Karakallou arbeiten meistens unter Wasser und für Gotteslohn. Ioannis ist begeisterter Segler. Sein Reise-Wunschziel liegt im hohen Norden Deutschlands. „Ich habe mir fest vorgenommen, zur Kieler Woche zu fahren.“ Deutschland, Freizeitland. Das größte Seglertreffen der Welt ist für Ioannis ein Pflichttermin.

Mindestens einmal im Jahr pilgert auch Nikos mit seinem Vater Makis zu einem Kloster auf der Ostseite der Halbinsel. Für eine Auszeit auf den heiligen Berg zu gehen ist für viele Griechen normal. An einem verregneten Märztag sitzen die beiden in einer spartanischen Gaststätte in der Athos-Hauptstadt Karies und essen breite Nudeln mit Tomaten-Pilz-Soße. Ein Festessen, denn bei den Mönchen steht selten mehr mehr als Oliven, Brot und die süße Paste Chalvas auf dem Speiseplan. Im weltlichen Alltag managen Makis und Nikos eine Firma für Konzerttechnik in Thessaloniki. Ein stressiger Job, denn die beiden begleiten Bands auf ihren Tourneen oft wochenlang durch Europa.

Beim Thema Deutschland fällt dem 20-jährigen Sohn spontan nur ein Wort ein: Rammstein. Mit glänzenden Augen berichtet Nikos von einem Konzertbesuch. „Als bei dem Lied ‚Lust‘ die riesigen Scheinwerfer voll ins Publikum reingeleuchtet haben das war einfach Wahnsinn.“

Quelle: Kontext: Wochenzeitung


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