Am 23. Dezember 2025, von userem Freund Wassilis Aswestopoulos.

Die Landwirte lassen Pendler passieren, öffnen Mautstellen und einigen sich mit der Polizei – eine neue Strategie sorgt für Zustimmung.
Die vergangene Woche wurde von Bauernprotesten bestimmt. Auf welche Resonanz die Aktionen der Landwirte stoßen, hängt dabei auch vom Verhalten der Aktivisten ab. Ein weiterer Faktor ist die eventuelle Verärgerung von Bevölkerungsschichten über die EU. Die Strombörsen, die trotz des Ausbaus der Nutzung erneuerbarer Energien lassen Menschen mit niedrigen Einkommen verzweifeln.
Bauernproteste in Brüssel: Mercosur-Abkommen vertagt
In der „Hauptstadt“ der EU, in Brüssel, störte am Donnerstag beim EU-Gipfel ein Protest der Bauern das EU-Gipfeltreffen. Zwischen 7.300 (Polizeiangaben) und 10.000 Landwirte hatten sich zum Teil zusammen mit ihren Traktoren eingefunden, um gegen das Mercosur-Abkommen zu protestieren. Es sollte nach knapp 26 Jahren Verhandlungen ratifiziert werden. Sehr zum Ärger von Bundeskanzler Friedrich Merz, der fest mit der Verabschiedung rechnete, wurde die Entscheidung auf Januar vertagt.
Die Landwirte in Brüssel waren aus der ganzen EU angereist. Bei allem Verständnis, das ihnen gegenüber geäußert wurde, gab es zahlreiche kritische Stimmen wegen der Folgen der massiven Ausschreitungen. Ein Teil des Zentrums der belgischen Hauptstadt glich nach der Demonstration einem Trümmerfeld.
Bauernproteste in Griechenland: Eine andere Strategie
Bauernproteste gehören, vor allem wenn sie mit der Sperrung von Stadtzentren oder Fernstraßen verbunden sind, nicht zu den Ereignissen, die in vorweihnachtlicher Einkaufsstimmung auf Begeisterung stoßen.
So war es auch bisher immer in Griechenland. Doch dieses Jahr ist alles anders. Das liegt vor allem an der Taktik der Landwirte, die seit dem 30. November sämtliche Fernstraßen und verkehrstechnischen Knotenpunkte im Land besetzen.
Statt wie früher den Verkehr über einen längeren Zeitraum komplett lahmzulegen, gibt es gezielte Aktionen. Die Bauern an der Evripos-Brücke, welche die Insel Euböa mit dem Festland verbindet, lassen jeden Tag den Berufsverkehr passieren. Menschen, die von der Arbeit kommen oder zur Arbeit müssen, sollen nicht behindert werden. Selbstverständlich werden Krankenwagen durchgewunken.
Kooperation statt Konfrontation mit der Polizei
Aber auch mit der Polizei, die an anderen Blockadeorten mit übermäßiger Gewalt gegen Landwirte auffiel, gibt es eine Basis der Verständigung. Als es am 11. Dezember, dem Vorabend des Namenstags des heiligen Spyridon in einer nahegelegenen dem Heiligen geweihten Kirche eine Prozession gab, herrschte bei den Uniformierten Personalmangel. Mussten sie doch für die Umleitung bei der Prozession und die Umleitung des Durchgangsverkehrs an der Evripos-Brücke und um die Brücke herum sorgen.
Nach kurzer Diskussion willigten die Landwirte ein, eine Zubringerstraße zur Autobahn auf dem Festland ausnahmsweise nicht zu sperren. Die Einsatzpolizisten danken so einem Entgegenkommen auf ihre Weise – es gab noch keine gewalttätigen Übergriffe. Auch landesweit scheinen sich die früher harten Fronten zwischen Ordnungshütern und Protestaktivisten aufzuweichen.
Mautstationen geöffnet: Geschenke statt Blockaden
So gab es von Polizisten sogar Lob für Bauern, die eine Mautstation besetzt hatten. Denn über die Weihnachtstage gibt es statt Sperrungen Öffnungen. Zu Ferienbeginn eilen Griechen alle Jahre wieder von den Großstädten in die Dörfer, aus denen ihre Familien stammen. Das hat Tradition und sollte, meinten die Landwirte, nicht gestört werden.
Auf allen Autobahnen im Land gibt es Mautstationen. Dort kassieren die privaten Straßenbetreiber. Eine einfache Fahrt von Athen ins nordgriechische Thessaloniki kostet so knapp 33 Euro allein an Maut. Bei einem Mindestlohn von 880 Euro brutto ist das ein stolzer Preis.
Umso größer war die Freude, als die Bauern kurzerhand einige Mautstationen besetzten und für den Durchgangsverkehr öffneten. An anderen Stationen gab es für alle an den Mautstationen Tüten mit frischen Agrarprodukten. Kleine Geschenke, die verhindern, dass die Bevölkerung auf die Versuche der Regierung zur Diskursverschiebung reagieren.
Opekepe-Skandal: Subventionsbetrug in Milliardenhöhe
Die nun protestierenden Landwirte haben die Sympathien der Bevölkerung auf ihrer Seite. Sie bekommen aktuell keine Subventionen, weil eine Bande in großem Maß und mit fiktiven Viehherden, Feldern und Weidegründen EU-Beihilfen in Milliardenhöhe für sich abzweigte.
Zu den Betrügern gehören Politiker, Funktionäre und Mitglieder der regierenden Nea Dimokratia, aber auch frühere Regierungsparteien. Die Griechen, die einiges an Skandalen gewöhnt sind, kommen beim sogenannten Opekepe-Skandal nicht mehr aus dem Staunen raus.
So hatte einer der mutmaßlichen Subventionsbetrüger, der familiär über eine Wahlverwandtschaft mit dem Premier verbunden ist, angeblich innerhalb kurzer Zeit 6.000-mal bei Lotto-ähnlichen Lotterien gewonnen. So sollten rund 2,5 Millionen Euro, die bei ihm gefunden wurden, aber durch legales Einkommen nicht erklärbar sind, gewaschen werden.
Die Methode zur Geldwäsche, Gewinnscheine bei Lotto-Annahmestellen zu erwerben, ist in Griechenland durchaus verbreitet. Aber die Idee, mit 6.000 Gewinnen in knapp einem Jahr Betrugsgelder zu erklären, ist mehr als ungewöhnlich.
Dass Viehbauern im Opekepe-Skandal fiktive Schafsherden von Kreta aus in nordgriechische Dörfer zum Weiden brachten, hätte bei staatlichen Kontrollen ebenfalls auffallen müssen. Intensive Kontrollen sollen nun stattfinden, bevor weitere Fördergelder fließen.
Schafspocken-Epidemie: Bauern fordern Impferlaubnis
Die Bauern verlangen, dass die Verantwortlichen streng bestraft, sie aber nicht in den Ruin getrieben werden sollen. Zusätzlich zum Opekepe-Skandal, Importen aus Drittländern zum Dumpingpreis und den Auswirkungen des Klimawandels belastet eine Epidemie der Schafs- und Ziegenpocken die griechische Landwirtschaft. Es gab bislang 1.911 infizierte Tiere, die mit 2.365 Betrieben in Verbindung gebracht wurden.
Das bedeutete für die Bauern, dass alle Herden der Betriebe komplett gekeult wurden. Mehr als 441.000 Schafe und Ziegen wurden notgeschlachtet. Bevor die Viehzüchter neue Herden aufbauen dürfen, muss die Krankheit im gesamten Land komplett besiegt sein.
Die griechische Regierung besteht darauf, dass es keine Möglichkeit gäbe, bei der EU um eine Ausnahme zu bitten und die noch lebenden Tiere im Land zu impfen. In der EU sind anders als zum Beispiel in der Türkei keine Impfstoffe zugelassen.
Es ist im griechischen öffentlichen Dialog schwierig, den Bauern zu erklären, warum sie sich bei Bußgeldandrohung der Impfpflicht gegen Corona fügen mussten, aber es ihnen nicht erlaubt wird, dass sie ihre Herden gegen die Pocken impfen.
Wenn dann noch geimpfte Herden aus der benachbarten Türkei für Konkurrenz sorgen, ist es mit dem Akzeptanz der EU-Agrarvorschriften vorbei. Zumal die dort eingesetzten wirksamen Impfstoffe anders als die Corona-Impfstoffe seit Jahrzehnten bekannt sind und vor knapp vierzig Jahren in Griechenland noch eingesetzt wurden.
EU-Strompreise und Importe: Weitere Kritikpunkte
Wie die EU-Bauern beim Mercosur-Abkommen sehen ihre griechischen Kollegen einen ihrer Ansicht nach unlauteren Wettbewerb durch die Importe aus Ländern mit lockereren Vorschriften und niedrigeren Energiepreisen.
Die EU-Strompreisbörse ist nicht nur den Bauern in Griechenland ein Dorn im Auge. Auch die Bevölkerung will nicht akzeptieren, dass mit der Merit-Order das teuerste Kraftwerk, das benötigt wird, um den Bedarf zu decken, den Preis für die Kunden bestimmt.
Nicht zuletzt goutieren die griechischen Verbraucher nicht, dass sie trotz preiswerter Importe, die den einheimischen Agrarsektor bedrohen, an der Supermarktkasse immer höhere Preise zahlen müssen.
Ausblick: Bauernproteste bis Februar möglich
Geschickt haben die griechischen Landwirte bei ihrer diesjährigen Protestaktion ihre Anliegen kommuniziert. Sie haben bisher der Bevölkerung vermittelt, dass sie möglichst nicht im Alltag behindert werden soll. Die Straßensperren sollen, wenn es von den Landwirten als nötig angesehen wird, bis zum Februar andauern.
