Buchtipp: „Kreta“ von Erhart Kästner.

Kurzbeschreibung

Während 1944 aus der Heimat schlimme Nachrichten eintrafen, wurde die Arbeit an diesem Buch zum Ort der Flucht: „Das Schreiben, die einzige kleine Insel der Ordnung“ – so notiert Kästner zu Beginn des Jahres in Athen. Wer von der Lektüre seines letzten Buches herkommt, vom Aufstand der Dinge, ward anteilnehmend erkennen, wie groß das Erlebnis war, Menschen und Dinge zu erfahren, ungeachtet der Not der Zeit. Erscheinungstermin: 3. März 1975 | Reihe: insel taschenbuch.

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Kästners Buch liest man am besten dort, wo es geschrieben wurde: auf Kreta. Es ist sehr spannend, sich die von ihm beschriebenen Gegenden anzusehen, Ähnliches und Änderungen zu entdecken. Kästner ist als Kriegsberichterstatter auf Kreta, und soll für die Heimat über Land und Leute schreiben. Dabei wandeln sich seine Ansichten im Laufe des Buches sehr stark (wie will ich hier nicht verraten ;-P). Beeindruckend ist dabei auch, wie er als Angehöriger der Besatzungstruppen von den Kretern aufgenommen wird.

Das Leben des Erhart Kästner

Erhart Kästners Vater war Gymnasiallehrer. Seine Jugend und Schulzeit verbrachte er in Augsburg am Gymnasium bei St. Anna. Kästner absolvierte eine Buchhändlerlehre, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg im Breisgau, Kiel und Leipzig und schloss das Studium mit der Promotion ab. Das Thema seiner Dissertation lautete „Wahn und Wirklichkeit im Drama der Goethezeit“.

1930 bis 1936 war er Bibliothekar an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und richtete dort das Buchmuseum ein. 1936 bis 1938 arbeitete er als Sekretär von Gerhart Hauptmann (als Ersatz für Elisabeth Jungmann, die 1933 als Sekretärin zu Rudolf G. Binding ging). 1939 trat er der NSDAP bei (Mitglieds-Nr. 7.836.245),[1] meldete sich als Kriegsfreiwilliger und wurde mit Billigung des Reichsministeriums für Propaganda und Volksaufklärung dazu freigestellt, für die kämpfende Truppe Bücher über Griechenland zu verfassen. Im 1942 erschienenen Band Griechenland verherrlicht Kästner den Sieg der nordischen Deutschen als die Rückkehr der arischen Rasse in das angestammte Südland. Die Nachkriegsauflagen seiner Bücher erschienen, von den schlimmsten Ausfällen gereinigt, im Insel-Verlag: Kreta (1946), Ölberge, Weinberge (1953) und Griechische Inseln.

In dem Buch Ölberge, Weinberge (Insel-Taschenbuch, S. 244) beschreibt er eine grausame Vergeltungsaktion der deutschen Besatzungsmacht wie folgt: „Wenn ich so ging, konnte ich das Dorf Distomo meiden, das vor acht Jahren, im Krieg, der Schauplatz eines ungeheuren Blutbads war: der Pappas des Dorfes, mit oder ohne Willen, hatte zwei Lastwagen voller Soldaten in den Hinterhalt der Partisanen bei Steiri geschickt, darauf folgte eine planvolle Rache, sinnloses Morden an Frauen, Kindern und Bauern, wie es ein Land noch nach hundert Jahren im Gedächtnis behält.“

Nach Kriegsende verbrachte Kästner zwei Jahre als Kriegsgefangener in Nordafrika, nachdem ihn britisches Militär auf Rhodos unter dem Verdacht geheimdienstlicher Tätigkeit verhaftet hatte. Über seinen Aufenthalt in einem Lager im ägyptischen Fayid schrieb er das Buch Zeltbuch von Tumilat.

Von 1950 bis 1968 war er Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, die unter seiner Leitung zu einer Bibliotheca illustris ausgebaut wurde. Nach seiner Pensionierung zog er nach Staufen im Breisgau.

Erhart Kästner galt lange Zeit als einer der „leisen“ Schriftsteller der deutschen Nachkriegsära. Seine stilistisch geschliffenen und kunstvoll komponierten Prosawerke passten bei ihrem Erscheinen in den fünfziger und sechziger Jahren gut zum allgemeinen Wunsch nach Verdrängung. „Über das Dunkle ist zu schweigen“ (Zitat Erhart Kästner).

Der umfangreiche Nachlass Erhart Kästners mit mehr als 17.000 Blättern von Werkmanuskripten und mehr als 6000 Briefen befindet sich seit 1984 in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

1954 heiratete er die Restauratorin Anita Kästner, geb. Vogel (1924-2011). Quelle: Wikipedia.de

„Am Schluss ist das Leben nur eine Summe aus wenigen Stunden, auf die man zulebte. Sie sind; alles andere ist nur ein langes Warten gewesen.“ – aus „Ölberge, Weinberge“.

Der Film zum Thema Distomo. DVD-Tipp: „Ein Lied für Argyris“.

2 Kommentare

  1. Am 10.6.2014 jährt sich zum 70 zigsten Mal das Massaker von Distomo. Eine DVD- Ein Lied für Argyris von Stephan Haupt schildert die Geschichte des 4 jährigen Argyris Sfountouris, der überlebt hat. Da hat der PG Kästner schon recht, dass dieses Massaker nicht vergessen wird.
    Keines der 200 Ermittlungsverfahren hat je zu einer Verurteilung geführt. Da wird man richtig wütend.

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