Das Kloster Arkadi: „Freiheit oder Tod.“

„Freiheit oder Tod! – Die Tragödie des Klosters Arkadi im kretischen Unabhängigkeitskampf im November 1866.

Von Holger Czitrich-Stahl.

Die Insel Kreta gilt als die Wiege der europäischen Zivilisation. Die minoische Palastkultur, die dem Kretabesucher vor allem in Knossos und Festos begegnet, begann um 2000 vor Christus und endete mit der Eroberung Kretas durch die mykenischen Festlandsgriechen um 1450 vor Christus.

Zwischenzeitlich scheint ein archäologisches Rätsel gelöst worden zu sein: Im 17. Jahrhundert v.u.Z. brach die Palastkultur auf dem Höhepunkt ihrer Macht plötzlich zusammen, erst rund einhundert Jahre später entstanden auf ihren Trümmern neue Paläste, deren Überreste wir heutzutage besichtigen können.

Der sagenhafte Vulkanausbruch auf Santorin hat tatsächlich stattgefunden, wie wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, nämlich etwa um 1630 vor Christus. Zwar wurde Kretas Norden nicht durch Tsunamis zerstört, wohl aber durch starke Erdbeben, die sich also zu einer Zeit überaus starker tektonischer Aktivitäten ereigneten und auch für den Vulkanausbruch von Santorin verantwortlich waren. Von Kreta als der Wiege Europas kündet auch die Mythologie, denn sie vermittelte der Nachwelt, dass Zeus, auf Kreta geboren, in der Gestalt eines Stieres die phönizische Prinzessin Europa entführte und auf Kreta an Land brachte.

Auch die Sage vom Minotaurus geht auf die mykenische Hegemoniebildung zurück. Der Name des sagenhaften Königs Minos muss wohl als Titelbezeichnung verstanden werden, nicht als Name. Das Seekönigtum (Thalassokratie) Kreta lag auch für die Seefahrer der Antike äußerst günstig zwischen Ägypten, der Levante mit den Hochkulturen der Phönizier, die wiederum mit Mesopotamien Kontakte unterhielten, und der Welt der Griechen des Festlands und der Inseln der Ägäis. Insofern diente es als kulturhistorische Brücke zwischen dem „fruchtbaren Halbmond“ und dem erwachenden Europa.

Das Kloster Arkadi.

Dieses Kreta, dessen Bewohner als sehr stolz und in bestimmten Regionen wie der Sfakia südlich von Chania sogar als wild geschildert wurden, zog daher immer wieder den Eroberungsdrang der Hegemonialmächte auf sich. Auf die griechischen Vormächte folgte Rom. Nach der Reichsteilung 395 n. Chr. herrschte Byzanz über die Insel, zwischenzeitlich vor dem Jahr 1000 verdrängt von den Arabern. Nach abermaliger byzantinischer Herrschaft fiel Kreta an Venedig, bevor 1669 das osmanische Reich Kreta sich einverleibte. Die Kreter reagierten immer wieder mit Aufständen. Diese meist in schrecklichen Tragödien endenden Befreiungsaktionen schufen den Ruf der Kreter als unbeugsamer und todesmutiger Kämpfer.

Die türkischen (und zwischenzeitlich ägyptischen) Besatzer rächten sich grausam durch öffentliches Häuten, Vierteilen und andere Grausamkeiten. Viele Männer flohen als Partisanen in die unwegsame Bergwelt der Lefka Ori oder des Psiloritis, von wo aus sie immer wieder Überfälle oder Sabotageakte ausführten. Dieses Partisanentum machte noch im Zweiten Weltkrieg den italienischen und deutschen Okkupanten erheblich zu schaffen.

1821 erhoben sich Festlandsgriechen gegen die Hohe Pforte in Istanbul. Auch Kreta rebellierte gegen die Osmanen. Doch während es 1830 zur Bildung eines griechischen Festlandsstaats unter Mithilfe der europäischen Mächte kam und der Wittelsbacher Prinz Otto zum ersten griechischen König ernannt wurde, scheiterte der Aufstand auf Kreta. 1824 versteckten sich mehrere hundert Aufständische in der Höhle von Melidoni vor den osmanischen Truppen. Diese konnten die Höhle nicht erobern und verschlossen deshalb den Eingang. Danach räucherten sie alle Insassen aus, bis niemand mehr lebte.

Kreta durfte auf Intervention Englands nicht Teil des griechischen Staates werden. Kreta fiel für elf Jahre 1830 an Ägypten, um nach 1840 wieder dem Osmanischen Reich angegliedert zu werden. Jede Krise der immer mehr kränkelnden „Hohen Pforte“, die man schon bald den „kranken Mann am Bosporus“ nannte, nutzten die Kreter für Befreiungsaktionen. So war es auch im Jahr 1866.

„Freiheit oder Tod!“ lautete der Schlachtruf der kretischen Kämpfer.

1866 trafen am 8. November im Kloster Arkadi, 23 Km von Rethymnon entfernt, unter Führung des 163 Klosterabtes Gavriil Vertreter zahlreicher Widerstandsgruppen zu einer illegalen Konferenz zusammen. Insgesamt befanden sich rund 1000 Menschen auf dem Klostergelände, darunter ca. 325 Männer, unter ihnen rund 250 Bewaffnete, sowie mehr als 650 Frauen und Kinder.
In Rethymnon residierte der türkische Pascha. Als dieser von der illegalen Versammlung Nachricht erhielt, gab er den Befehl zur sofortigen Auflösung. Als die Widerstandskämpfer diesen Befehl ignorierten, setzte sich von Rethymnon aus eine rund 15000 Mann starke Armee in Richtung Moni Arkadi in Marsch. Die Türken begannen mit der Besetzung des Klosters. Nach zwei Tagen hatten sich die meisten Aufständischen im Pulvermagazin verschanzt. Ihre Gefangennahme stand unmittelbar bevor.

Im Sommer brüten Störche im Klostergarten.

Abt Gavriil aus Margarites und der Partisanenführer Kostas Giamboudakis entschlossen sich zu einer Verzweiflungstat. Als die Truppen sich den Weg zu den Aufständischen im Pulvermagazin bahnten, nachdem sie vorher schon ein Gemetzel durchgeführt hatten, hielt Giamboudakis eine Fackel in ein Pulverfass. Das Pulvermagazin explodierte und riss mehr als 800 Eingeschlossene und unzählige osmanische Soldaten in den Tod. Angeblich sollen doppelt so viel Belagerer als Belagerte ihr Leben verloren haben.
Die wenigen Überlebenden kamen in Gefangenschaft. Das Kloster wurde fast völlig zerstört.

Der 8. November ist heute im Gedenken an die Tragödie des Klosters Arkadi kretischer Nationalfeiertag.

Doch diese Verzweiflungstat führte zunächst noch nicht zur Freiheit Kretas. Erst nachdem britische Soldaten während der Aufstände von 1895-97 zwischen die Fronten geraten und getötet worden waren, entschlossen sich die Großmächte zum Handeln.
1898 erlangt Kreta die formale Unabhängigkeit, allerdings nicht als Bestandteil Griechenlands, sondern als autonomes Mündel der europäischen Mächte England, Frankreich, Russland, Italien und Österreich-Ungarn mit dem griechischen Prinzen Georg als Hochkommissar. 1906 vertrieben ihn die Kreter. Kretas begabtester Politiker der Jahrhundertwende, der Liberale Eleftherios Venizelos (1864-1936), stellte als griechischer Ministerpräsident endlich 1913 die Vereinigung Kretas mit dem griechischen Staat her. “Freiheit oder Tod!“ – nach furchtbaren Blutopfern hatte Kreta seine Freiheit erkämpft.

Niemand Geringeres als der Literatur-Nobelpreisträger Nikos Kazantzakis (1883-1957) setzte dem Kampf seines Volkes für seine Freiheit mit seinen Romanen ein Denkmal. Heute ist das Kloster faktisch ein Nationalheiligtum. Das 1587 im venezianischen Stil erbaute Kloster ist teilweise wiederaufgebaut worden. Es gibt auch eine kleine Gedenkstätte mit Büsten des Abtes Gavriil und des Kapetan Kostas Giamboudakis und einer Frau, die besonders tapfer gekämpft haben soll.

Der Innenhof des Klosters.

Außerdem kann ein Beinhaus in einer Kapelle besichtigt werden, in dem Schädel mit Hieb- und Schusswunden ausgestellt sind, stumme Zeugen des von den Soldaten durchgeführten Gemetzels vor der Selbstsprengung der Eingeschlossenen im Pulvermagazin. Das Kloster selbst ist von Rethymnon aus gut erreichbar über die Nationalstraße nach Heraklion.

Literatur: Klaus Eckhardt, Kreta, Köln 1987
Ralph-Raymond Braun, Kreta, Augsburg 1987
Gert Hirner/Jakob Mürböck, Wanderungen auf Kreta, München 1987 
Jost Dülffer/Hans-Otto Mühleisen, Vera Torunsky, Inseln als Brennpunkte internationaler Politik, Köln 1986
Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas
Nikos Kazantzakis, Freiheit oder Tod
Nikos Kazantzakis, Rechenschaft vor El Greco
I Machi tis Kritis: Die „Schlacht um Kreta“, von Holger Czitrich-Stahl.

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