Kreta und der Kommunismus, von Holger Czitrich-Stahl.

Kreta und der Kommunismus. Begleiterscheinungen, Teil 46 vom 9. Juli 2019.

Was hat Kreta mit dem Kommunismus zu tun? Auf den ersten Blick wenig, dennoch viel mehr als man denkt. Denn Gemeinschaftlichkeit als soziales Organisationsprinzip wird seit alters her im griechischen Kulturraum sehr groß geschrieben.

Man denke an die Tänze, die, so verschieden sie auch sein mögen, vor allem Reigentänze sind. Und dass die antiken Athener die erste uns bekannte Form der Demokratie erschaffen haben, darauf habe ich in den „Historischen Notizen“ häufig hingewiesen. Aber auch die jüngsten Wahlen zum griechischen Parlament, zur Vouli, gewannen zwar die Konservativen der „Nea Demokratia“, aber die SYRIZA, die KKE und die Partei des ehemaligen linken Finanzministers Yanis Varoufakis erreichten weiterhin achtbare Ergebnisse. Auch die Ex-PASOK scheint sich wieder zu sammeln.

Positiv: Die Faschisten der „Chrissi Avgi“ flogen aus der Vouli hinaus. Typisch Griechenland, tatsächlich etwas aus den Folgen der Diktatur von 1967-1974 gelernt, trotz der schlimmen Krise und der auf dem Rücken des Volkes ausgetragenen Krisenlösung inklusive der Knebelung der SYRIZA durch die EU und vor allem die BRD zur Aufrechterhaltung des alten Systems. Der Rechtspopulismus – keine Alternative für Griechenland!

Doch zurück zum Kommunismus. In den linken Bewegungen und Parteien dreht sich die Debatte momentan um die Frage, ob das Zusammenwachsen verschiedener Menschen und Kulturen auf einer überschaubaren Ebene oder weltbürgerlich gedacht und praktiziert werden muss. Fachbegrifflich spricht Mann/Frau von Kommunitarismus vs. Kosmopolitismus. In der Partei DIE LINKE stehen dafür im weitesten Sinne auch bestimmte Personen, nämlich Sahra Wagenknecht für den Kommunitarismus und Katja Kipping für den Kosmopolitismus. Der Kosmopolitismus hat bei den Wahlen zum EU-Parlament eine Niederlage erlitten, in DIE LINKE selbst sind die Kommunitaristen in der Minderheit. Was also ist zu tun?

Kommunitarismus betrachtet z.B. die Integration von Fremden vor allem dann als machbar, wenn nur soviel in einer überschaubaren Kommunität zugelassen wird, wie diese verkraften könne. Dies geschieht auch mit Blick auf die „Fresstöpfe“, also die Verteilungsmasse. Das heißt, es muss reguliert werden, zumindest vorsichtig. Wenn das gelingt, kann auch die nächsthöhere Ebene einbezogen werden. Entscheidend aber ist die subsidiäre Kommunität, deren Regeln gelten. Kosmopolitismus hingegen geht von einem universalen Regelwerk aller Menschen aus, den Menschenrecht, dem Mensch sein, und fordert Integration überall und durch alle. Aber widerspricht sich das?

Wie denkt der Kreter über Politik?

In „unserem Dorf“ auf Kreta, in vergleichbaren Orten auch, leben mittlerweile viele Dutzende von Menschen aus aller Damen und Herren Länder. Nehmen wir z.B. die Baubetriebe und Steinmetze, von Albanern betrieben, oder die Friseurin aus der Normandie. Sie arbeiten und wohnen dort, sind sowohl Unternehmer als auch abhängig Beschäftigte, Dörfler oder Stadtbewohner allemal. Und sie leben einigermaßen einträglich miteinander, nicht konfliktfrei, aber friedlich.

Das ging durch Integration von beiden Seiten vor sich, durch Toleranz und Rücksichtnahme auf beiden Seiten. Natürlich auch unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen. Sozialität, Psychologie, Ökonomie. Wenn man so will, Kosmopolitismus in der Kommune. Von daher ist die Divergenz von Kommunitarismus und Kosmopolitismus in vielerlei Hinsicht künstlich. Was im Kleinen gelingt, kann auch im Großen angefasst werden, andererseits leiten die Werte der Menschlichkeit auch das Leben im Kleinen. Zwangsbeglückungen oder Zwangsbekehrungen haben noch nie funktioniert, egal ob von der Mehrheit oder von der Minderheit ausgehend.

Wir brauchen das Bewusstsein des Allgemeinmenschlichen und der Gleichheit aller Menschen, um vor Ort Gerechtigkeit und sozialen Frieden herzustellen. Und ohne sozialen Frieden und Gerechtigkeit in der Kommune funktioniert kein übergeordnetes Leitbild. Kommunitarismus allein kann durchaus die negativen Kräfte des Beharrens und der Abwehr stärken, wenn es z.B. an den „Fressplätzen“ knapp wird. Wir sehen es in Frankreich, bei uns usw. Kosmopolitismus ohne Fundament schürt Illusionen und Ängste. Profiteure sind abermals die Beharrenden und Abwehrenden. Das müssen wir lernen. Kommunismus im besten Sinne braucht eben beide Ebenen. Dieser Lernprozess betrifft mich und Euch alle genauso wie Katja Kipping und Sahra Wagenknecht.

(Geschrieben in der Messara/Südkreta). Holger Czitrich-Stahl.

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