Nachruf auf Georgio Tsichlakis (Γεώργο ο βράχος), den Olivenholz-Schnitzer von Polirinia.

Von Daniela Wehrmeier

Wer in Kreta’s Westen Urlaub macht, stößt früher oder später auf Polirinia,  das idyllische Dörfchen ca. 6 km landeinwärts von Kissamos. Der Ort, am  Rande eines Hügels gelegen, auf dem noch die Reste der antiken Akropolis Polyrrhenia zu finden sind, hat eine besondere Ausstrahlung und ist  Ausgangspunkt für schöne Wanderungen. 

Alle Fotos von Daniela und Wolfgang Wehrmeier.

Auch wir haben vor vielen Jahren zum ersten Mal die kleine Wanderung  vom Dorf hoch auf den Hügel angetreten, vorbei an der Kirche der 99 Heiligen Väter, historischen Steinen und gigantischen wilden Knoblauchblüten  und waren von der atemberaubenden Aussicht, der Ruhe und Atmosphäre  fasziniert. Was aber Polirinia zu unserem absoluten Lieblingsort machte,  war die Begegnung mit Georgio Tsichlakis. 

In der obersten Häuserreihe des Örtchens hat er seine Werkstatt und einen  kleinen Laden eröffnet und begrüßte jeden Vorbeikommenden mit herzlicher Gastfreundschaft, Ruhe und manchmal auch einem Schluck Rakomelo oder etwas Leckerem aus seinem Garten. Georgio schien ein Einsiedler  zu sein, ruhte in sich, mit seinem Schicksal, seinem Dasein im Reinen. Sein  Laden war gefüllt mit schönen, handwerklich perfekt gefertigten Produkten  aus Olivenholz, die er nebenan in seiner kleinen, etwas chaotisch anmutenden Werkstatt fertigte. Selbstgesammelte Kräuter und selbstgemachter  Rakomelo rundeten das Sortiment ab. Wir redeten mit Georgio über das Leben, die Krise, Gott und die Welt, fotografierten ihn bei der Arbeit und  nahmen immer wieder ein paar schöne Stücke von ihm mit nach Deutschland. Im Laufe der Jahre fühlte es sich an, wie einen guten Freund zu  besuchen. 

Als wir letztes Frühjahr – corona-bedingt – endlich Zeit fanden, unser lang  gehegtes Herzens-Projekt, einen Fotobildband über Griechenland, Kreta  und den Olivenbaum zu realisieren, durfte Georgio natürlich darin nicht feh len. Nachdem die Reisebedingungen auch dieses Frühjahr nicht rosig aus sahen, versuchten wir eine Postanschrift von Georgio ausfindig zu machen,  um ihm ein erstes Exemplar unseres Buches zukommen zu lassen. Fündig  wurden wir im Internet bei Thomas und Alexandra, die den Internetshop  „Die Amphore“ (https://www.die-amphore.de/) betreiben. Neben Olivenöl  bieten sie weitere Produkte aus Kreta an, die von kleinen, familiengeführten  Betrieben abseits der Massenproduktion stammen, u. A. auch Holzarbeiten  von Georgio. Am Telefon erfuhren wir, dass er sehr krank sei und wir setz ten alle Hebel im Bewegung, ihm zur Aufheiterung so schnell wie möglich  ein Buch zukommen zu lassen. 

Ende Juni 2021 erreichte uns dann die unendlich traurige Nachricht, dass  Georgio gestorben sei. Nun, im September, endlich wieder auf Kreta, war  unser erstes Ziel Polirinia. Antonia, seine Frau und Konstantino, sein ältester Sohn waren im Laden und begrüßten uns herzlich. Antonia erzählte uns, dass Georgio kurz nach Weihnachten einen Schlaganfall hatte und lange  im Krankenhaus von Chania um sein Leben kämpfte. Mit der Zeit ging es bergauf, sodass er Anfang Juni zur weiteren Genesung nach Hause  durfte. Leider hat sein Herz kurze Zeit später aufgehört zu schlagen. Und  nun hat unser lieber Freund und Kunsthandwerker Georgio Tsichlakis, der sich selbst „o wrachos“, den Felsen nannte, seine ewige Ruhe auf „seinem“  Felsen in Polirinia gefunden, oben auf dem kleinen Friedhof bei der Kirche der 99 Heiligen Väter.

Wir werden ihn sehr vermissen. Er ist für uns ein Stück Kreta geworden. Aber es lohnt sich dennoch weiterhin, Polirinia zu besuchen, denn Antonia und ihre Söhne wollen den kleinen Laden für ihren Lebensunterhalt fortführen und freuen sich über jeden Besucher. Und mit ihrer ebenso herzlichen Gastfreundschaft und der ruhigen Atmosphäre dieses wunderbaren Fleckchens Erde, lebt hier auch der Geist von Georgio weiter. 

Der Fotobildband von Daniela und Wolfgang Wehrmeier ist zu beziehen über WIWLIO Verlag, https://wiwlio.jimdofree.com/

Mit einem Click auf das Banner kommt ihr zur Website von Daniela und Wolfgang.

6 Kommentare

  1. Moin, ein Ausflug in die antike Stadt von Polirrinia (Polirinia/Polyrinia/Polyrrínia) und das heutige Dorf Polirrinia ist absolut lohnenswert. Man sollte schon 1-2 Stunden sich Zeit nehmen und gemütlich die Gegend erkunden.

    Polirrinia (=viele Schafe) hatte im April 2016 30 Einwohner/12 Familien. Polirrinia war zu venezianischen Zeiten eine befestigte Stadt mit je nach Überlieferung 10.000 und sogar 30.000 Einwohner. Die Stadt war auf mehrere Hügel verteilt. Kastelli Kissamos war der Hafen von Polirrinia mit damals gerade 100 Einwohner.

    Polirrinia war eine der größten und bedeutendsten dorischen Städte auf Kreta. Es sind noch die Ruinen verschiedener Häuser, Tempel und Grabkammern zu sehen, außerdem die Außenmauern eines später errichteten venezianischen Kastells.

    Das etwas unterhalb der Ruinen gelegene „neue“ Dorf Polirrinia ist ebenfalls sehr sehenswert. Viele Häuser wurden behutsam restauriert, und so manches steinerne Fragment aus früheren Zeiten fand auch hier Verwendung beim Hausbau.

    na se kala, kv

  2. Georgios war ein besonderer Botschafter für die kretische Kultur und seine Heimatregion. Wie Daniela in ihrem Artikel ausführt, war er ein besonderer Mensch. Sein viel zu früher Tod ist für uns alle unfassbar. Gerne erinnern wir uns an so manche Episoden mit ihm. In Erinnerung an ihn lassen wir viele Bilder online, die ihn in seiner Umgebung zeigen: http://www.die-amphore.de/Olivenholzprodukte-aus-Kreta
    Bitte besucht Antonia und ihre Kinder und unterstützt den kleinen Handwerksladen.

  3. Oh Gott, da war ich vorletzten Winter auf einem Tagesausflug. Beim Abstieg von diesem wunderschönen verwunschenen Ruinenberg kam ich an der Werkstatt vorbei. Kaum stand ich im Laden, hatte ich auch schon ein Gläschen Selbstgebrannten in der Hand. Mir hat sich vor allem die terrassenartige Bewirtschaftung der umliegenden Hügel eingeprägt und ich hatte damals den Entschluss gefasst, noch einmal zurückzukehren, um dort zu wandern.

  4. Ja auch ich möchte der Familie mein herzliches Beileid aus Deutschland übermitteln. Ich habe den Ort mehrfach besucht und werde es wenn möglich auch demnächst machen.
    Gleichzeitig Liebe Grüße an Dich Jörg und bleib gesund.

  5. Tief berührt von dieser Nachricht werden wir heute Abend eine Kerze für Giorgio anzünden – in einem kleinen Teelichthalter, den er selbst hergestellt hat. Wir waren im Sommer 2020 zu Besuch in Polirinia und genossen seine großherzige Gastfreundschaft. Wir denken oft daran.
    Vielen Dank für diesen Bericht. Wir schicken der Familie Tsichlakis viel Liebe.

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