Ausnahmemusiker bei Radio Kreta – José Feliciano

Wer kennt es nicht, das leicht eingängige, während des Jahres recht schmalzig anmutende, zur Saison aber dann doch immer wieder anrührende „Feliz Navidad“ von José Feliciano?

Ein Musiker, dessen Blindheit von Geburt an sicher wenigeren bekannt ist, als das gleiche Schicksal eines Stevie Wonder oder Ray Charles, der sich allerdings mit seinem Schaffen locker an die Reihe dieser Künstler anschließen kann.

Mitte Juli gab er ein Konzert im Münchner „Brunnenhof“; zu diesem Anlass entstand im Vorfeld ein Interview – abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung, geführt von Ingo Salmen– das einige Einblicke in das Leben, Schaffen und die Motivation des Künstlers José Feliciano gibt – fernab von „Feliz Navidad“.

Das komplette Interview findet Ihr hier:

jose_feliciano_-_never_gonna_change„Als Blinder und als Einwanderer hat José Feliciano erlebt, wie Musik Barrieren abbaut. Gesellschaftliche Hürden stimulieren nur seinen Ehrgeiz. Ein Gespräch über Integration, Ausgrenzung und Vorbilder.

Er mag Spätlese und Auslese, ganz besonders von den Lagen an der Nahe. „Mit dem Wein ist es wie mit der Musik“, erzählt José Feliciano seinem Publikum bei einem Konzert im westfälischen Rietberg bei Gütersloh. „Alles eine Frage des individuellen Geschmacks.“
Dass er dennoch weiß, was den Massen gefällt, hat der Sänger und Gitarrist hinlänglich bewiesen: Längst ein Latino-Star, schaffte er 1968 den internationalen Durchbruch mit seiner Version des Doors-Hits „Light My Fire“. Seitdem hat Feliciano zahlreiche Erfolge in spanischer und englischer Sprache gefeiert.
Bis heute hat der 64-Jährige acht Grammys abgeräumt.
Am Mittwoch tritt er in München im Brunnenhof der Residenz auf – womöglich gar mit seinem Weihnachtsklassiker „Feliz Navidad“.

sueddeutsche.de: José, haben Sie etwas von der Fußball-Weltmeisterschaft mitbekommen?

José Feliciano: Oh, ja! Ich habe sie von Beginn an verfolgt. Und ab jetzt werde ich mich darauf konzentrieren, für die nächste WM ein Lied zu schreiben. Ich glaube, so etwas wie Waka Waka bekomme ich auch hin, vielleicht sogar besser.

sueddeutsche.de: Spanien hat das Finale gewonnen, aber die WM war auch ein Sieg des Latin-Pop: Obwohl das Turnier in Südafrika stattfand, hat eine Latina die offizielle Hymne gesungen.

José Feliciano: Das passt besser zusammen als man denkt: Gerade die lateinamerikanische Musik ist mit dem afrikanischen Kontinent eng verbunden, weil die Spanier einst Sklaven in die Karibik brachten und deshalb bestimmte lateinamerikanische Rhythmen viele Wurzeln in Afrika haben. Die afrokubanische Musik, Salsa, Mambo, Merengue – alles das hat afrikanische Wurzeln.

sueddeutsche.de: Die Sklaven haben die Rhythmen aus Afrika nach Lateinamerika gebracht. Sie gelten hingegen als einer der Künstler, die Latino-Musik in die Popwelt eingeführt haben.

José Feliciano: Zunächst wurde ich ein Star in den lateinamerikanischen Ländern, obwohl ich darum kämpfen musste, überhaupt ein spanischsprachiges Album aufzunehmen – die Plattenfirma wollte das erst gar nicht.

sueddeutsche.de: Ihr Cover von „Light My Fire“ bedeutete dann den großen Durchbruch in Amerika.

José Feliciano: Ja, ausgerechnet „Light My Fire“ hat mir zwei Grammys beschert. Das ist schon lustig: Meine Version war eigentlich nicht wirklich lateinamerikanisch beeinflusst. Okay, wir hatten die Gitarre und auch Congas, aber größer war eigentlich noch der Einfluss des amerikanischen Blues.

sueddeutsche.de: Im stürmischen Jahr 1968 erfuhren Sie aber auch viel Ablehnung, als Sie vor einem Baseball-Finalspiel ihre ganz eigene Version der amerikanischen Nationalhymne sangen.

José Feliciano: Nun, ich glaube, die Leute waren es einfach nicht gewohnt, „The Star-Spangled Banner“ mit Seele zu hören …

sueddeutsche.de: Dient Musik eher dazu, die Identität einer Gruppe zu erhalten – oder sollen so Brücken zwischen den Kulturen gebaut werden?

José Feliciano: Ich glaube, sie trägt zu beidem etwas bei. Schauen Sie sich „Feliz Navidad“ an, das ich vor 40 Jahren geschrieben habe. Das war ein Lied, das eine Brücke zwischen den Kulturen geschlagen hat, weil ich es zugleich auf Spanisch und auf Englisch gesungen habe.

sueddeutsche.de: War es am Ende trotzdem die englische Sprache, die Sie als Einwanderer aus Puerto Rico in die amerikanische Gesellschaft integriert hat?

José Feliciano: Natürlich hat die Sprache eine große Rolle gespielt. Ich habe sie schnellstmöglich gelernt, als ich als Kind nach Amerika kam. Und ich glaube, deshalb wurde ich akzeptiert. Ich habe mein Bestes getan, um mich einzufügen.

sueddeutsche.de: Sie sind von Geburt an blind. Inwiefern hat die Musik in dieser Hinsicht geholfen, angenommen zu werden?

José Feliciano: Sagen wir es so: Es hat Ray Charles nicht aufgehalten, also hat es ganz bestimmt auch mich nicht aufgehalten.
Ich habe das nie benutzt, um mich zu vermarkten. Und ich glaube, sobald die Leute gemerkt haben, was ich kann, haben sie mich auch nicht mehr als blinden Menschen gesehen.
In der Musik spielt das keine Rolle. Mir selbst kommt es nur dann in den Sinn, wenn die Gesellschaft mich daran erinnert.

sueddeutsche.de: Wann tut sie das?

José Feliciano: Sehr oft. Zum Beispiel, wenn Geldscheine keine Braille-Markierungen haben. Oder wenn ich fliege und nicht den Sitz am Notausgang bekomme, weil das Flugpersonal denkt, ich könnte im Notfall die Tür nicht öffnen – dabei weiß ich, dass ich es kann.

sueddeutsche.de: Hat sich im Vergleich zu Ihrer Jugend nicht vieles verbessert?

José Feliciano: Oh, sicher! Schon allein durch den technischen Fortschritt. Ich habe heute sogar einen Computer, der mit Brailleschrift funktioniert. Damit kann ich ins Internet gehen und E-Mails verschicken. Dagegen überlegt man in Amerika, den Braille-Unterricht zu beschneiden. Das sollte man nicht tun, dann könnten wir genauso gut den Unterricht in Druckschrift abschaffen. Es ist immer die Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Eine Konstante in Ihrem Leben sind die Coversongs: Warum haben Sie sich im Englischen so lange darauf konzentriert?

José Feliciano: Weil ich sie immer genossen habe. Ich wollte Lieder immer so covern, dass sie am Ende besser als das Original waren.

sueddeutsche.de: Ist das ein generelles Verlangen: besser als andere zu sein oder wenigstens zu beweisen, dass Sie besser sind als von anderen erwartet?

José Feliciano: Vielleicht. Manchmal haben Menschen Hintergedanken, von denen sie selbst nichts wissen. Ich wusste zumindest, dass ich besser sein wollte als jeder Gitarrist, den ich kannte.
Meine Helden waren klassische Gitarristen wie Andrés Segovia, Julian Bream oder John Williams, natürlich auch Django Reinhardt oder Jimi Hendrix an der E-Gitarre und noch viele mehr. Am Ende habe ich einfach alles gegeben, was ich konnte.

sueddeutsche.de: Mussten Sie vielleicht irgendetwas beweisen, weil Sie ein Einwanderer und ein Blinder waren?

José Feliciano: Ich glaube eher, dass ich nur mir selbst etwas beweisen musste. Ich musste mir beweisen, dass ich alles das, was ich mir vornahm, auch erreichen konnte. Und das habe ich getan.

sueddeutsche.de: Wie weit kann man gehen, ohne die Verbindung zu einer musikalischen Stilrichtung zu verlieren?

José Feliciano: Ich kann so weit gehen, wie ich will. Ich bin immer José Feliciano.

sueddeutsche.de: Lateinamerikanische Musik ist heute überall zu finden: nicht unbedingt die Künstler, aber die Rhythmen, die Gitarren, die Einzug in den Mainstream gehalten haben. Ist das vielleicht zu viel, sodass die Stilrichtung ihre Identität verlieren könnte?

José Feliciano: Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass sie, solange ich lebe, sicher nicht ihre Identität verlieren wird. Ich spiele eben das eine wie das andere. Weil ich in einem hispanischen Elternhaus aufgewachsen bin, habe ich als Kind natürlich lateinamerikanische Musik gehört.
Aber als Jugendlicher habe ich mich dem zugewandt, was damals angesagt war: Frankie Lymon & the Teenagers, Dion and the Belmonts, die Everly Brothers, Buddy Holly, Jerry Lee Lewis, Elvis Presley …

sueddeutsche.de: Hören Sie heute auch noch das, was angesagt ist?

José Feliciano: Jedenfalls höre ich kaum noch was aus dem Mainstream. Ein paar der angesagten Leute mag ich, wie zum Beispiel Taylor Swift oder Fergie, Maroon 5 oder Nickelback, Aber viele andere Gruppen reißen mich einfach nicht mit.

sueddeutsche.de: Woran liegt’s?

José Feliciano: Irgendwas fehlt. Es ist viel Pyrotechnik im Spiel, aber viele junge Leute sind keine richtigen Sänger mehr und auch keine richtigen Gitarristen.

sueddeutsche.de: Müssen sie erst die traditionelle Musik kennenlernen, um dann darauf aufzubauen?

José Feliciano: Vielleicht. Das ist jedenfalls das, was ich tun musste.“

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