Die beste Kamera der Welt?

Die beste Kamera der Welt? Welche ist das?

Von unserem Freund Wassiis, dem Balkanisator.

Mythen der Fotografie entzaubert – Teil 1

Hinsichtlich der Fotografie gibt es zahlreiche Mythen, Klischees und Binsenweisheiten. In loser Abfolge sollen einige von ihnen bestätigt, ergänzt oder widerlegt werden. Spätestens seit dem Buch „The Best Camera Is The One That’s With You: IPhone Photography“ von Chase Jarvis wird die Binsenweisheit, dass die beste Kamera der Welt diejenige ist, die man dabeihat, weltweit verbreitet. Sie entbehrt nicht einer gewissen Logik. Denn was nützt eine Kamera, die man nicht hat, wenn man unbedingt etwas fotografieren muss? Aber ist die Aussage, dass die beste Kamera genau die ist, die man dabeihat, wirklich umfassend?

Mathematiker und Physiker lieben solche Fragestellungen, die man mit Gegenbeweisen lösen kann. Regeln und Gesetze in Frage zu stellen gehört zu dem, wozu man ausgebildet wurde. Die Mathematiker sind in ihrer Beweisführung in der Regel sehr ausführlich und korrekt, Physiker neigen dagegen dazu, „in erster Näherung“ ihren Punkt zu setzen und die Details den Betrachtern zu überlassen. Man kommt nicht leicht von einem Klischee los. Ergo erhebe ich als Physiker keinen expliziten Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Es geht darum, einen Denkanstoß zu liefern. Und der Sinn dieses Einwurfs ist es, Fotografie zu propagieren.

Denn genau darum geht es.

Was nützt mir die schöne „beste Kamera der Welt“, wenn es mir keinen Spaß macht, damit zu fotografieren? In Jarvis‘ Buch geht es um ein bestimmtes Mobiltelefon. Eines, das für ihn zumindest zum Zeitpunkt des Schreibens seines Buchs auf eine individuelle Art und Weise das fotografische Nonplusultra war. Viele Fotografen rümpfen gerne die Nase über Fotos mit dem Mobiltelefon. Denn es sind ihrer Ansicht nach keine „richtigen Fotos“, weil es keine „richtige Kamera“ ist.

Genau das bekam ich durch zwei Frauen und einen Mann eindrucksvoll widerlegt. Die erste, eine Universitätsdozentin, kam zu mir als Fotografie-Schülerin. Sie hatte eine perfekte, professionelle Spiegelreflexkamera eines führenden Herstellers. Dazu kam ein beeindruckendes Set von hochwertigen, professionellen Objektiven. Zu jener Zeit hatten sich die spiegellosen Systemkameras noch nicht durchgesetzt. Ich erwischte mich dabei, dass ich ihre Ausrüstung mit meiner, zum Teil schlechteren Ausstattung verglich. Was könnte man mit diesen Linsen nicht alles anstellen? Das ging mir durch den Kopf. Die Fotos der Schülerin mit der Kamera waren gut, aber nicht umwerfend.

Ganz ehrlich?

Man denkt dann als Dozent schnell: Was für eine Verschwendung? Man möchte Tricks mit der Ausrüstung lehren. Man will beibringen, wie man diese tolle Kamera mit diesen schnellen, scharfen Objektiven perfekt nutzen kann. Was aber, wenn dabei der Funke nicht überspringt? Spontan kam mir die Idee, bei der Foto-Tour alle dazu zu animieren, mit Kamera oder Mobiltelefon zu fotografieren. Was auch immer passte, sollte ausprobiert werden. Die Schülerin mit der perfekten DSLR und der professionellsten Ausrüstung lieferte an einem sehr sonnigen Tag das schönste Foto von allen – mit einem etwas älteren Mobiltelefon.

Denn das hatte die Kamera, die sie bedienen konnte und mit deren Bildausschnitt sie intuitiv fotografisch denken konnte. Es war keine Nachbearbeitung nötig. Straight out of camera, SOOC – direkt als JPEG-Datei ging das Bild in den Druck für die Werksausstellung. Und es stellte die Bilder aller anderen in den Schatten. War es ein einfacher Schnappschuss? Ein Zufallsbild? Nein, denn auf der Foto-Tour gelangen ihr mehrere Bilder vergleichbarer Qualität. War die DSLR für sie letztendlich nutzlos? Auch das ist zu verneinen. Denn sie nutzte die Kamera auch bei einem späteren Kurs für Themen und Bildkompositionen, bei denen das Mobiltelefon unzureichend war.

Die zweite Frau ist meine Tochter. Sie hat über mich Zugang zu professionellen Kameras. Seit ihrer Schulzeit kann sie von mir professionelles Gerät für Fototouren ausleihen und ältere Kameras „aufbrauchen“. Das eine oder andere Foto von ihr wurde in Print-Zeitschriften veröffentlicht. Viele Bilder schafften es in Online-Publikationen. Und doch erwischte sie sich dabei, dass sie nie einfach so mit der Kamera auf die Straße ging. Sie wollte aber gerne regelmäßig fotografieren, erklärte sie immer wieder, wisse aber nicht wie.

Jetzt hat sie wieder Spaß am Fotografieren.

Mit dem Mobiltelefon macht sie ihre Street-Fotografie und ihre Fotoprojekte. Türen, Gebäudefassaden und Schnappschüsse kann ihr Telefon sehr gut ablichten. Für Erinnerungsfotos hat sie analoge Kameras entdeckt. Eine moderne Sofortbildkamera ist ihr Stolz. Allein schon wegen der Preise für die Filme wird jedes Foto von ihr bewusst zelebriert.

Im vergangenen Sommer kam sie erneut mit einer Idee. Was, wenn sie ihre DSLR gegen eine analoge Sucher- oder Messsucherkamera eintauschen würde? Sie war sich sicher, das würde ihr die Freude am Fotografieren wieder zurückgeben. Lange Geschichte kurz erzählt – es kam genauso. Sie ist nun oft mit einer alten Kamera ihres Opas unterwegs und sie ist sehr glücklich damit. Auch die Fotos mit dem Mobiltelefon wurden besser – weil sie genauer hinsieht. Eine ähnliche Richtung hat ein befreundeter Rechtsanwalt und begnadeter Fotograf eingeschlagen. Er hat mehrere Bildbände veröffentlicht. Er könnte sowohl vom juristischen Beruf als auch vom fotografischen Hobby leben. Auf einen Schlag verkaufte er seine komplette digitale Ausrüstung und macht nur noch mit analogen Kameras weiter.

Pars pro toto zeigen diese individuellen Beispiele, dass „die beste Kamera der Welt“ tatsächlich eine ist, die man dabeihat. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es muss auch eine Kamera sein, die man gerne aus der Tasche holt und die zum Fotografieren animiert. Was nützt die schönste Kamera, die man dabeihat, aber aus vielerlei Gründen nicht benutzt?

Aktuell habe ich die Kamera vom Aufmacherfoto immer gerne dabei. Es ist nicht meine neueste Kamera. Es ist auch nicht die schnellste Kamera oder die technisch perfekte. Es gibt kein warum, keine logische Begründung. Und ist nicht genau das ein Teil der Magie der Fotografie?

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