„Ein JA ist ein NEIN“, von Paul Gourgai.

EIN JA IST EIN NEIN

Vom Meer her ertönt das unermüdliche Geschnatter der Kinder, spitze Schreie des Vergnügens dazwischen. Ein schwacher Windhauch wellt die Sonnenplane über der Terrasse. Im hohen Ouzo-Glas zerplatzt ein Würfel kühlenden Eises.  Carl Magnusson, der schwedische Schiffsingenieur, schenkt sich und Giorgos Nikolakopoulos, seinem Vermieter, noch einen Schluck ein. 

Sie sprechen über den Urlaub im kommenden Jahr. Magnusson, der mit seiner Frau schon ein paar Mal hier in Frango Ferien verbracht hat, meist zwei Wochen, einmal aber auch schon drei, möchte, da er demnächst in den Ruhestand treten wird, im nächsten Jahr gleich den ganzen Sommer lang bleiben. Sie würden naturgemäß am liebsten den Bungalow, in dem sie jedes Jahr wohnten, für die ganze Zeit mieten. 

Nikolakopoulos räuspert sich umständlich, es ist ihm sichtlich unangenehm dem Schweden sagen zu müssen, dass er für die kommende Saison schon weitestgehend ausgebucht ist; er könne ihm nur, wie schon gehabt, zwei oder maximal drei Wochen anbieten. Magnusson ist sichtlich enttäuscht. Eleni, die Frau von Nikolakopoulos, hörte die Unterhaltung der beiden Männer mit Interesse mit und fasst einen Plan, den sie aber zunächst einmal für sich behält, während die beiden Herren noch ein Schlückchen vom wässrig trüben Anisschnaps, eisgekühlt und scharf, nehmen. 

Eleni indes denkt an das große und geräumige, abseits vom Ort gelegene Haus ihres Schwagers Stefanos, des Bruders von Giorgos, direkt oberhalb der Klippen gelegen. Eleni weiß, dass Stefanos, der seine Schäfchen schon längst ins Trockene gebracht hat, dieses Haus nicht bewohnt, aber auch nicht vermietet, weil ihm das zuviel Arbeit macht und nur Scherereien mit sich bringt. Einzig im allerheißesten Hochsommer Mitte August hält er es für zwei Wochen für eine Gesellschaft aus Athen offen, die Länge mal Breite einen Haufen Geld ablegt, nur um ja ungestört von irgend welchem lärmenden Drumherum ihre Zeit dort in Abgeschiedenheit und Ruhe zu geniessen. 

Dieses Haus da draussen, das wäre doch die ideale Alternative für die Schweden, denkt sich Eleni, bloß wie sollte sie das einfädeln. Vor allem müsste sie zuallererst ihren Mann, den guten Giorgos, in ihren Plan einweihen, denn nur er könnte seinen Bruder dazu bewegen, sich diesen Vorschlag zu überlegen. Am Geld sollte dies nicht scheitern, denn die Magnussons waren wohlhabend und keine geizhalsigen Schnäppchenjäger; das hatte Eleni im Laufe der Jahre ja gesehen. Und es wäre doch zu schade, leichtfertig solche betuchten Stammgäste zu verprellen.

Allerdings war auch Stefanos nicht einer, der am Hungertuch nagte. Aber die Finanzkrise, die ständig neuen Steuern und Abgaben machten auch ihm zu schaffen. Extraeinnahmen waren da stets hochwillkommen. 

Bloß blieb da noch ein Problem: wie sollte man Stefanos die Sache schmackhaft machen, zumal die beiden Brüder schon seit Längerem schwer über´s Kreuz waren. 

Es nützt nichts, sagte sich Eleni, ich muss Giorgos dazu bringen, mit seinem Bruder zu reden. Gesagt, getan. Eleni eröffnet ihrem Mann bei einer Schale Kaffee ihr Ansinnen, und es kommt, wie es kommen musste, Giorgos stellt sich auf sämtlichen Ohren taub, er würde so etwas nicht machen, sie, Eleni, wisse doch, dass er mit seinem Bruder nichts mehr zu schaffen habe. Und in der Tat bedarf es der Servierung eines köstlich zubereiteten Fisches und der Verabreichung zweier Gläser gut gekühlten rhodischen Sekts bis es der guten Eleni gelingt, ihren Mann ins Boot zu holen. 

Allerdings nicht so gerade und direkt; denn nicht er selbst, Giorgos Nikolakopoulos, werde zu seinem Bruder pilgern, um diesen um die Gefälligkeit der Vermietung des Hauses untertänigst zu bitten, nein, das käme ihm, der er doch immerhin einmal Kapitän bei der Handelsmarine gewesen sei, gar nicht in den Sinn, da müsse schon sie, Eleni, selbst mit ihrer Schwägerin Maria, der Frau von Stefanos reden, und die solle ihm dann die Sache beibringen. ´Typisch Mann`, dachte Eleni bei sich, aber das war ja auch zu erwarten, dass er bockig sein würde. 

Sie und ihre Schwägerin Maria jedenfalls hatten die Sache rasch ausgequatscht, Maria würde ihrem Mann, dem behäbigen Herrn Stefanos die Leviten lesen, dass er diese Bagage aus Athen ausquartieren müsse, denn die mögen zwar ganz gut zahlen, aber so viel wie das, was die Schweden für eine ganze Sommersaison hinblättern würden, wäre es auch wieder nicht. Ausserdem, so fügte sie hinzu, gäbe es mit den Ausländern nie so viele Scherereien wie mit den einheimischen Hauptstädtern, die ja alle ausserhalb ihrer verdreckten Stadt als rückständigen Bauernpöbel abkanzeln würden. 

Nach zwei Tagen klopfte Nikolakopoulos an die Tür von Magnusson und bat ihn um eine Unterredung. Zur Verwunderung des Schweden tat der Käpt´n der Handels marine sehr förmlich, Magnusson verstand aber alsbald, dass seine griechischen Gast geber sich wohl redlich bemüht hatten, ihm und seiner Frau eine angenehme Bleibe für den kommenden Sommer zu organisieren. Er, Magnusson, solle deshalb morgen am späten Vormittag beim Haus an den Klippen sein, dort würde er seinen Bruder Stefanos treffen, der ihm das Haus zeigen und alle Einzelheiten mit ihm besprechen würde. Magnusson fragte, ob denn nicht auch er, Nikolakopoulos, bei dieser Besprechung dabei sein würde, was dieser aber mit einer vagen Kopfbewegung von sich wies. 

So traf also Magnusson am nächsten Tag Stefanos Nikolakopoulos im Haus an den Klippen über dem Strand. Der Schwede prüfte alles, fand alles überraschend gut und erkundigte sich dann nach dem Preis. 

Die Summe war ganz unglaublich hoch. Dem Schweden verschlug es den Atem. 

Das war eine Unverschämtheit. Und unverschämter noch war es, dass Stefanos sagte, dass er normalerweise um die Hälfte mehr verlange.

Zufrieden darüber, dass dieser Deal geplatzt war, trat Stefanos seinen Heimweg an. Zufrieden, dass er seinen Freunden aus Athen nicht absagen musste, zufrieden auch darüber, dass er seiner Gemahlin sagen konnte, dass er es doch gleich gewusst hätte, dass diese Ausländer so viel nie und nimmer zahlen würden; und um weniger würde er ihnen das Haus gewiss nicht geben, denn wenn er seinen Freunden aus Athen schon absagen müsste, was er, Stefanos, aus eigenem nie und nimmer täte, dann sollten diese Fremden auch wie die Irren blechen, sollten brennen wie zehn Luster.  

Als Magnusson beim obligaten Ouzo seiner Frau mitteilte, wie sich alles zugetragen hatte, wies sie, eine Soziologin von Beruf, darauf hin, dass einen der Alltag im Süden doch in der Tat stets auf´s Neue lehre, „dass ein Ja eigentlich ein Nein bedeutet“. Die Kommunikation ist immer paradox insofern, als sie immer etwas Nicht-Kommuniziertes mitkommuniziert. Aber es wird erwartet, dass man versteht – und nicht nach fragt. Nicht selten tritt das Gemeinte in direkten Widerspruch zum Gesagten; und auch dann wird erwartet, dass man versteht, aber nicht nachfragt. 

*zitiert nach Niklas Luhmann, „Kausalität im Süden“ 

Paul Gourgai 2020

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