„Gegen das Gesetz“ – von Paul Gourgai.

AGAINST THE LAW

„Hi folks, don ́t you know, what you are doing here is against the law?“ („Hallo Leute, wisst Ihr nicht, dass es gegen das Gesetz ist, was Ihr hier macht?“)

Es handelte sich eindeutig um einen Engländer, der uns so ansprach: eine hagere, fast spindeldürre Erscheinung in Khaki-Shorts, in farblich dazu passendem kurzärmeligen Sommerhemd mit steil aufgebügeltem Kragen, mit abgetragenen Lederschlapfen und einem antik anmutenden Rucksack. Er sah aus, wie man sich die Karikatur eines skurillen Assistenzprofessors aus Oxford auf Sommerferien vorstellt. Uns war sofort klar, was er bekrittelte: dass wir hier (auf dem allgemein zugänglichen Strandabschnitt, und also widerrechtlich) vollständig nackt im Sand lagen, um uns nach dem Meerbad zu trocknen; was wir übrigens gegen unsere sonstige Gewohnheit, unsere Blößen zu bedecken, nur ausnahmsweise deshalb taten, weil der späten Saison wegen der Strand fast menschenleer war.

Ohne lange zu überlegen, sondern instinktiv antwortete ich ihm im tiefsten Wiener Dialekt: „I vastee Se ned, wos woinS ́n?“ (In verständlichem Deutsch: „Ich verstehe Sie nicht. Was wollen Sie denn?“) Wie sich später herausstellte, hätte ich durchaus von Anfang an in verständlicherem Deutsch sprechen können, denn auch das verstand der große Brite ohnehin nicht – kein seltener Fall bei Engländern, die ja oft Opfer ihrer selbstverschuldeten „splendid isolation“ sind. Maex, meine Gefährtin, war sofort im Bilde und spielte mit. Auch sie gab vor, kein Wort von dem zu verstehen, was uns der Engländer sagen wollte. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male, er betonte immer wieder obstinat, dass es gegen das Gesetz sei, was wir da machen würden. Da er aber unsere Antworten nicht verstehen konnte, nahm er mehr und mehr Zuflucht zu Gebärden, deutete mit seinen Armen und Händen die typischen Bewegungen an, die man macht, wenn man sich entkleidet.

„Hippies“ in Paleochora.

Wir schüttelten ganz und gar verständnislos den Kopf und sagten zueinander, in gespielter Ernsthaftigkeit: „Weißt Du, was er will? “ Der Engländer hingegen führte kunstvolle Pantomimen vor, mit denen er den Vorgang des Ausziehens verdeutlichen wollte; dies mit einer Nachdrücklichkeit, die wie eine Szene aus einer performance von Monthy Python anmutete. Dann aber fügte er im naturgemäß besten Englisch hinzu, dass man am Strand ganz nach hinten gehen müsse. Nur dort sei es erlaubt, auch nackt zu baden. Wir schüttelten ganz und gar verständnislos den Kopf und sagten konspirativ zueinander: „Loos man weidawurschtln“ (Übersetzung; „Lassen wir ihn weiter einen Affen aus sich selbst machen“) Wir stellten uns einfach blöd und wiederholten die Formel: „Keine Ahnung, was Sie wollen! “ Er aber bestand ebenso obstinat auf seinem Spruch: „Es ist gegen das Gesetz!“ Dann zog er -sozusagen unverrichteter Dinge- ab. Seine Begleiterin, der die ganze Szene, die der „Professor“ ins Werk setzte, sichtlich mißfiel, hatte sich schon zuvor, deutlich „not amused“ abgewandt.

Wer Maex und mich nicht kennt, stellt sich höchstwahrscheinlich die Frage, wieso wir beide, ohne uns lange verabreden zu müssen, sondern im Gegenteil ganz spontan so taten, als ob wir nichts von dem verstünden, was uns der Engländer mitzuteilen bemüht war; und weshalb wir wie auf Kommando in den tiefsten Wiener Dialekt verfielen. Nun, die Erklärung für dieses seltsame Verhalten geht auf Reisen in die Karibik zurück. Wir genossen dort das Leben, wurden allerdings täglich von einer lästigen Kleinigkeit geplagt: kaum dass wir fünf Minuten nach einem Meerbad in der Sonne lagen, Maex sogar züchtig mit Bikini~Oberteil, kam ein Strandhändler daher, der uns in einem gutturalen Englisch ansprach, um uns T-Shirts, Uhren, Muscheln, Pareos oder sonst irgendetwas aufzudrängen.

Sobald man sich in ein Gespräch eingelassen hatte, war man verloren, denn dann kamen auch schon ein paar andere Händler dazu, und es war aussichtslos zu versuchen, die Meute los zu werde. Man konnte ihnen zehnmal sage, dass man kein Interesse hätte, das wiederum interessierte diese ganz und gar nicht. Einmal verfiel Maex auf die Idee, vorzugeben, dass wir kein Englisch verstünden und dass wir in einem ganz unverständlichen Wiener Dialekt antworten sollten. In der Tat, dies bewirkte ein Wunder. Plötzlich gab es für die Strandhändler keine sprachlichen Anknüpfungspunkte mehr, an denen sie eine weiterführende Kommunikation anschließen hätten können. Und daher ließen sie von uns ab.

Wir praktizierten diese Methode der Abwimmelung erfogreich auch jahrelang in Zypern, wenn wir von den englischsprachigen Agenten der Time Sharing Appartmentanlagen angehalten wurden, um uns in ein Verkaufsgespräch zu ziehen. Auch diese Helfershelfer gevifter Winkeladvokaten ließen wir mit unserem Wiener Dialekt ins Leere laufen und blöd dastehen. Aus solch einem Erfahrungsschatz also bedienten wir uns ganz spontan und genüsslich, als der herumhampelnde „Professor aus Oxford“ dozierte, „what you are doing here is against the law!“

Eine Deutsche, die mit ihrem griechischen Mann seit 20 Jahren in Frango wohnt und dort ein Appartmenthaus mit angeschlossener Taverne betreibt, bestätigte uns, dass sich manche griechischen Familien über derartige „Schweinereien“ empören würden, und deshalb der inkriminierte Strandabschnitt landläufig „Schweinebucht“ genannt werde. Maex und ich stellten uns vor, wie sich dieses realiter abspielen mochte: vermutlich wird es den griechischen Männern als durchaus erträgliches Ärgernis erscheinen, die entblößten Körper betrachten zu müssen, besonders wenn es sich um solche wohl gestalteter Touristinnen handelt, wohingegen die griechischen Frauen, insbesondere solche, die entschieden dem pygnischen Typ zuzurechnen sind, vermutlich mit Stichen der Eifersucht diese Observationen ihrer Ehegatten registrieren.

Man kann sich leicht vorstellen, dass den griechischen Männern schon der Erhaltung des eigenen häuslichen Friedens wegen gar nichts anderes übrig bleibt, als selbst die moralisch Empörten zu mimen und allenfalls, sollte die eigene Gattin in ihrem Drängen nicht nachlassen, sogar die Obrigkeit zu verständigen und zum Einschreiten zu veranlassen. Auch Wikipedia weiß zu berichten: „Da Nacktheit in der griechischen Öffentlichkeit nicht so verbreitet ist, führt eine nackte Frau in einer einsamen Bucht doch zu einer erhöhten maskulinen Aufmerksamkeit.“

Vordergründig lässt sich dieser Vorfall leicht auf der moralischen Ebene abhandeln, wenn man meint, dass die ausländischen Touristen in ihrer Freizügigkeit nicht die traditionellen Werte der Einheimischen respektieren würden. Aber wie so oft, wenn etwas der Fall ist, dann steckt auch etwas dahinter: im Grunde handelt es sich hier um die Inkompatibilität von wirtschaftlichem Wandel und sozialer Stabilität.

Ausländer sind aus materiellen Gründen naturgemäß als Touristen gerne gesehen; aber in Abwandlung eines Wortes, das in Österreich und Deutschland in den achtziger Jahren in Bezug auf die Probleme mit Gastarbeitern aus südlichen Ländern kursierte, dass man „Arbeitskräfte geholt hat und Menschen gekommen sind“, müsste man in entlegenen touristischen Gebieten wie im Süden Kretas sagen, dass man Ausländer aus dem Norden als Konsumenten geholt hat und Menschen gekommen sind. Menschen, die einem urbanen, säkularisierten Lebensstil zuzurechnen sind, denen traditionelle, aus ländlicher Gewohnheit herrührende Schamgrenzen als überkommene Sittenvorstellungen wenig bedeuten, da sie ohnehin bloß zu der Doppelmoral führen, dass man (die griechischen Männer) sich die weiblichen Nackten zwar heimlich gern anschaut, aber nach außen so tun muss, als ob man diese Entblößungen empörend fände. Der alte Grundsatz, dass man stets die Sitten des Gastlandes beachten müsse, löst sich also bei genauerem Hinsehen auf. Was bleibt, das sind die Differenzen zwischen modernen und traditionellen, zwischen ländlichen und urbanen, zwischen sittenstrengen und libertinen Vorstellungen.

„Hippies“ am Meer.

Zurück zu unserer kleinen Episode mit dem gesetzestreuen „Professor aus Oxford“: es ließ Maex und mir keine Ruhe, dass wir den Mann so übel behandelt hatten, also entschlossen wir uns, die Angelegenheit zu einem amikalen Ende zu bringen. Als an einem der folgenden Tage der Professor und seine Gefährtin wieder am Strand auftauchten, richteten wir uns von unserem Lagerplatz auf und gingen unentblößt auf die beiden zu, begrüßten sie und erklärten ihnen, in Englisch versteht sich, dass wir sie über die Hintergründe unseres Verhaltens ein paar Tage zuvor ins Bild setzen wollten. Sie hörten uns interessiert zu, nahmen die Erläuterungen die Insultationen betreffend, denen wir sie ausgesetzt hatten, ohne sichtliche Gemütsbewegung zur Kenntnis, um uns dann doch zu explizieren, dass sie uns ja nicht aus Jux und Tollerei darauf hingewiesen hätten, dass wir uns „against the law“ verhalten hätten, vielmehr ginge es darum, jeden Verdruss mit den Griechen zu vermeiden, da ansonsten eventuell die Sperre dieses Strandabschnitts für FKK drohen könnte. Wir gaben zu verstehen, dass uns nun der Ernst der Lage bewusst sei.

So konnten wir uns in freundlich korrekter Weise voneinander verabschieden; sie zogen zu den Nackerten ab, wir buddelten uns im Sand ein.

Paul Gourgai 2020

5 Kommentare

  1. Als Chalkidiki noch nicht von Hotels verbaut war, sondern aus Meer, Strand und Natur bestand, verbrachten mein Freund und ich dort längere Zeit. Wir schliefen im Schlafsack am Strand und lagen tagsüber nackt in der Sonne, waren wir doch die einzigen Menschen dort. Wohl aber waren wir damals in den 1970igern schon sehr auf der Hut, da wir ob des FKK-Verbots in Griechenland wussten. Als sich einmal ein Jeep näherte, sprangen wir sofort ins Wasser, um unsere Nacktheit zu verbergen.
    Achtung und Respekt sind die Zugänge zu anderen Kulturen. Es lebe der „Professor aus Oxford“ – er scheint beides internalisiert zu haben.

  2. Es tut mir leid, aber ich habe selten etwas Arroganteres gelesen als diesen Bericht.
    Die Herabwürdigung der angeblichen, „generellen“ Physiognomie von griechischen Frauen ist zutiefst verachtend !!!!
    Und es gibt nichts niederträchtigeres als jemanden in der eigenen Muttersprache, die der andere nicht versteht, zu beschimpfen oder herab zu würdigen.
    Egal, ob es jetzt „wienerisch“ ist oder eine andere Sprache.
    Es ist nicht amüsant !!!
    Schön, dass Ihr auch in der Karibik wart … gehörte wohl zur „kosmopolitischen“ Überheblichkeit dazu.
    Ein Tipp: fahrt an die Ostsee, wo FKK eine gute alte Tradition hat. Aber auch da könnt Ihr euch nicht „bewundern“ lassen, wo es einfach nicht hin gehört.
    Wie wäre es mit etwas mehr Feingefühl !?!
    P.S. ich spreche auch mehrere Fremdsprachen (Griechisch auch) und es würde mir nie in den Sinn kommen, jemand, der „nur“ Englisch spricht auflaufen zu lassen. Jaaa, und ich spreche auch Dialekt – Bayerisch – und bilde mir nichts darauf ein …. . Benutze den Dialekt auch nicht als „Geheimsprache“.
    RESPEKT !!!!!

  3. Als ich vor ca. 100 Jahren – jung und knackig – das erste Mal in Griechenland war, an einem fast menschenleeren Strand machte ich das auch. Aber als mir ein paar griechische Freunde erzählten, dass das nicht angebracht und von den Einheimischen nicht erwünscht ist, habe ich es AUS RESPEKT nie mehr gemacht. Und das ist es worum es geht. Nicht die Moral etc. nur RESPEKT.

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