Innehalten und Kräfte sammeln. Endlich wieder Kreta!

Begleiterscheinungen, Teil 49 vom 2. August 2021 für www.radio-kreta.de. Dr. Holger Czitrich-Stahl.

Pandemische Spurensuche.

Auf den Oktober 2019 datierte der letzte Kretabesuch, die Pläne für 2020 mussten storniert werden bzw. wurden es. Anderthalb Jahre, in denen zu spüren war, hier fehlt etwas Markantes, Integrales im Jahreskreis: Kreta und seine Messará. Anderthalb Jahre lang erschien Geduld als die wichtigste Tugend. Geduld bis zu den Lockerungen, Warten auf eine Trendwende bei der Infektionslage, abermals Geduld bei der Überwinterung.

Dann das Erwarten der Öffnungen des Tourismus und der Erstellung der Flugpläne. Später die Impftermine, jetzt kann es endlich losgehen.

Manche Kretafans waren ja bereits 2020 wieder hier, aber das Risiko will halt abgewogen werden. Dass eine neue Etappe begonnen hat offenbarte sich bereits dadurch, dass Heraklion erstmals vom BER aus angesteuert wurde. Und im Flughafen und an Bord galt schließlich die Maskenpflicht. Durch diesen Korridor neuer Erfahrungen hindurch endlich der Vorbeiflug an Santorini und der Landeanflug auf Heraklion mit der imposanten Rechtskurve über dem Golf von Mirabello. Als sich nach der Landung und dem Auslaufen des Airbus nun die Türen öffneten und einem der sehnsüchtig erwartete Schwall trocken-warmer Luft die Gangway hinauf ins Gesicht schlug war klar:

DESHALB sind wir hier! Nicht die Schwüle und das Gekünstelte oder Designte, sondern das Unmittelbare zieht die Kretagemeinde auf die Insel. Der Rest ist dann Routine, wenn das Flughafengebäude verlassen ist und die Masken fallen dürfen.

Livemusik. Immer am „Wendetag“ der Woche.

Doch wie die ganze Welt hat auch Kreta während der Pandemie Federn lassen müssen. Leerstehende Geschäfte, unvollendete Bauprojekte und die sonst belebten, jetzt ruhigere Ortsstraßen sind zahlreicher als zuvor. In Pitsidia blieb das Kafenion von „Kostas“, eine Kultstätte der Pitsidianer aus aller Welt, seit März 2020 geschlossen.

Die Anzahl der Touristen ist noch relativ gering, wenigstens aber sind viele Stammgäste wieder da. So auch wir. In Kalamaki nebenan ist auffallend, dass nicht nur die Strandpromenade neu gestaltet wurde – aus vorgeschriebenen Gründen der Entfernung vom Ufer -, gleichzeitig aber einige Restaurants und Cafés auf der Strecke blieben. In Matala wiederum dachte man eher an einen Touri-Boom. Es ist eine Zeit des Übergangs, des Innehaltens und Kräftesammelns. Mit Verlusten. Doch wofür?

Dieses gottverdammte Virus wird uns weiter beschleichen, wer es nicht wahrhaben will könnte es mit hoher Wahrscheinlichkeit am eigenen Leibe erfahren. Von daher wird sich der Tourismus neu strukturieren müssen. Das Bar- und Nachtleben funktioniert erst dann wieder richtig, wenn auch die jungen Generationen infektionsgeschützt sein werden.

Hinzu kommt die Klimakrise.

Was in den mittleren Julitagen im deutschen Westen und Südwesten, in Belgien usw. eine unglaubliche Anzahl an Menschenleben und Existenzen kostete, könnte ein Vorgeschmack sein auf künftiges Unheil. Auch auf Kreta. Nicht Überschwemmungen indes sind hier am wahrscheinlichsten, sondern Dürren und Brände. Die Zeiten, in denen der Psiloritis noch im Juli letzte kleine Schneefelder besaß, sind schon lange vorbei, aber auch seine Schneehaube im Winter schrumpfte in den letzten Jahren, somit das natürliche Wasserreservoir. Unser Leben könnte an der als unumstößlich geglaubten Sicherheit endgültig verlieren. Umdenken ist angesagt, der Plastikfeteschismus der Griechen ist nur eine Seite, wir zugereisten West- und Mitteleuropäer oder „Nordis“ stehen mit anderen Sünden und Schulden bei der Natur in der Kreide.

Mittagstunde bei Andonis im Kafenio in Kamilari.

Dennoch: Kreta ist und bleibt wunderschön.

Wir genießen es als Balsam auf unseren Seelen. Kreta lehrt uns, auf was wir verzichten können, wenn es nötig werden könnte. Es ist das Unverstellte, das Herzliche, das Gemeinschaftliche, auf das es ankommt. Nicht zuletzt die raue Natur war und ist hier die Lehrmeisterin, mit all ihren schönen und weniger schönen Seiten. Wer auf Kreta innehält und Kräfte sammelt kann sich von hier aus auf neue Herausforderungen besser eingestellt fühlen. Doch könnte nicht Herakles der Pate dieser Aufgaben sein, sondern immer mehr Sisyphos. Aber ein Gegenmittel kann stets empfohlen werden: Die Rückkehr nach Kreta, einen scharfen Raki, und dann ein herzliches „Gia mas“!

(Geschrieben in Pitsidia am 15. Juli 2021)

12 Kommentare

  1. Wie sieht es denn nun aus auf Kreta? Muß ich schweren Herzens stornieren wg. Waldbrandrisiko und entsprechend gesperrten Gebieten in denen ich zu wandern gedachte? Oder kann ich Kreta besuchen??
    Wir wollen wandern, sind geimpft. Haben die Restaurants geöffnet???

    Susanne, zweifelnd

  2. Hallo aus Kreta, wir sind seit dem 22.08 hier im Hotel Carolina Mare, in der Nähe von Malia.Trotz Hochinzidenz ist es einfach wunderschön hier. Das Hotel hat sehr hohe Hygienestandards, überall wo wir draußen bis her waren ebenfalls..für alle die zögern ob sie auf Grund der steigenden Zahlen fliegen sollen…Hier ist wirklich entspannter Urlaub möglich, zumal die Inzidenz Zahlen hier sinken….Kaliber aus Kreta

  3. Guter Bericht!
    Wir fliegen auch Anfang September nach Kreta und werden uns – trotz der Hindernisse- den Urlaub nicht vermiesen lassen. Kreta und die Kretaner sind es wert, dort immer den Urlaub zu verbringen.

  4. Für uns geht es am Dienstag los mit der Fähre, wir freuen uns. Wir waren auch während des ersten Lockdowns auf Kreta, war auf jeden Fall besser als in Österreich.

  5. Moin, inzwischen ist es auf Kreta sehr voll, alle Strände sind sehr gut besucht (auch wegen der Hitzewelle in den letzten Tagen), ein Leihauto zu bekommen gestaltet sich schwierig……

    „Auch auf Kreta. Nicht Überschwemmungen indes sind hier am wahrscheinlichsten, sondern Dürren und Brände.“, der Klimawandel ist auch auf Kreta schon seit ein paar Jahren zu bemerken. Im Februar und April 2019 und Oktober und November 2020 gab es heftige Unwetter mit Überschwemmungen und großen Schäden.

    schönen Sonntag, kv

  6. Direkt aus der Seele gesprochen. Oh wie gut kann ich das nach 3 Stornos nachvollziehen. Morgen in aller frühe geht es endlich wieder los!

  7. „Die Zeiten, in denen der Psiloritis noch im Juli letzte kleine Schneefelder besaß, sind schon lange vorbei[…]“

    Äh, nein?! Gerade vor mir hängt der Wandkalender mit (eigenen) Fotos aus dem Juli 2020. Im Hintergrund zu sehen: Der Psiloritis mit letzten kleinen Schneefeldern…

  8. Sehr guter und treffender Bericht !
    Wir fliegen Ende September nach Kreta
    und freuen uns trotz etwas schwierigen
    Zeiten!
    Danke Gruß steinwa!

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