Das wilde Herz der Lyra
Von Ray Berry am 24. Januar 2026.
Ein Abonnent von mir meinte kürzlich, ich solle versuchen, Psarantonis zu beschreiben – keine leichte Aufgabe, aber ich werde es versuchen.
Manche Stimmen hört man beim ersten Mal nicht wirklich. Man spürt sie. Sie dringen zuerst in den Körper ein, irgendwo tief hinter den Rippen, und erst später steigen sie als Klang in den Kopf. So ist es mit Psarantonis. Wer schon einmal auf Kreta war, weiß, was ich meine, selbst wenn er noch nie auf einer Bühne gestanden hat. Vielleicht haben Sie ihn im Winter durchs Autofenster gehört, das Radio knisterte, während die Straße sich den Bergen hinaufschlängelte. Vielleicht haben Sie ihn in der Küche gehört, während jemand Gemüse schnitt und der Wasserkocher zischte, als wollte er mitmachen. Oder vielleicht sind Sie ihm auf altmodische Weise begegnet, indem Sie einer Geräuschspur durch eine Gasse zu einem Hof folgten, wo ein Festmahl stattfand und die Nacht das tat, was kretische Nächte am besten können: sich immer weiter öffnen.

Sein Klang ist nicht höflich. Er ist nicht dazu bestimmt, unauffällig im Hintergrund zu bleiben, während man sich unterhält. Er fordert einen auf, Stellung zu beziehen. Entweder man lässt ihn zu oder man weist ihn zurück. Und wenn man ihn zulässt, wirbelt er die Gedankenwelt durcheinander. Deshalb glaube ich, dass er wichtig ist und dass es sich lohnt, ihn richtig kennenzulernen – nicht nur als Namen auf einem Plakat, sondern als ein lebendiges Stück Kreta.
Psarantonis ist der Künstlername von Antonis Xylouris, einem Mann aus Anogeia, jenem wilden Dorf an den Hängen des Psiloritis, wo Stein und Wind ihre eigenen Meinungen zu haben scheinen. Er ist Lyraspieler, Sänger, Komponist und, wie die besten traditionellen Musiker, auch eine Art Chronist und Botschafter. Nicht im akademischen Sinne, nicht im herkömmlichen Sinne. Eher jemand, der das Gefühl eines Ortes durch die Zeit trägt und es einem dann ohne Erklärung vor die Füße legt.
Um seine ganze Geschichte zu verstehen, reichen Daten und Alben allein nicht aus. Man muss verstehen, was die Lyra auf Kreta bedeutet, was ein Glendi ist, was es heißt, in einem Dorf aufzuwachsen, das die Erinnerung an Feuer und Besatzung in sich trägt, und was es heißt, einer Familie anzugehören, in der Musik nicht nur ein Hobby, sondern ein Teil des Lebens ist.
Eine Stimme aus Anogeia
Anogeia liegt hoch oben in den Bergen und wurde schon immer als stolz, eigensinnig und musikalisch beschrieben. Diese Worte können zu Klischees verkommen, wenn man sie leichtfertig verwendet, aber in Anogeia haben sie noch immer Bedeutung. Hier spielen Nachnamen und Spitznamen eine Rolle, weil jeder jeden kennt und weil Geschichte – persönliche wie politische – nicht nur im Museum stattfindet, sondern im Alltag gelebt wird.
Antonis Xylouris soll laut allgemeiner Quellen am 6. September 1937 in Anogeia auf Kreta geboren worden sein. Einige lokale Berichte datieren seine Geburt jedoch später, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, und nennen sogar das Jahr 1942. Dies verdeutlicht, wie eng Erinnerung und Biografie in einer Gemeinschaft verwoben sind, die mehrfach traumatisiert und wiederaufgebaut wurde. So oder so, er gehört zu dieser Ära. Er wuchs mit dem Krieg als ständiger Bedrohung und den Folgen als alltäglicher Realität auf.
Anogeias Geschichte aus der Kriegszeit ist keine Randnotiz. Das Dorf erlitt während der Besatzung schwere Repressalien und Zerstörung. Wenn dies im Zusammenhang mit Psarantonis erwähnt wird, geschieht dies nicht, um die Biografie dramatischer zu gestalten. Es geschieht, weil die emotionale Atmosphäre eines Ortes in die Musik einfließt. Wenn man seine hohe, raue Stimme hört und wie er sich in eine Phrase hineinsteigert, als wolle er sie ihm entreißen, vernimmt man eine besondere, tiefgründige Intensität, die nicht aus dem Nichts kommt.
Er wuchs in einer Familie auf, in der die Leier kein exotisches Instrument war, das man nur Touristen präsentierte. Sie gehörte zum Alltag. Eine prägende Figur in seiner frühen musikalischen Entwicklung war sein älterer Bruder Nikos Xylouris, der zur Legende der griechischen Musik und zu einem Symbol Kretas weit über die Inselgrenzen hinaus wurde. Ein weiterer Einfluss, der in Porträts in Anogeia erwähnt wird, ist der blinde Musiker Manolis Pasparakis, bekannt als Stravos, neben dem größeren Kreis lokaler Leierspieler. Dieses Detail ist wichtig, weil es zeigt, wie Traditionen in Dörfern weitergegeben werden: nicht durch Schulen und Zertifikate, sondern durch Zuhören, Beobachten, Nachahmen und die allmähliche Entwicklung des eigenen musikalischen Stils.
Die Lyra, der Bogen und der Zweck der Musik
Außerhalb Kretas spricht man manchmal von der Leier, als sei sie lediglich ein Instrument, ein charmantes Relikt. Auf Kreta hingegen ähnelt die Leier eher der Stimme. Sie liegt eng am Körper an. Sie wird gestrichen, nicht gezupft, und dieser Bogen bewirkt etwas Wichtiges. Er erzeugt eine Linie, die ununterbrochen klingen kann. Sie kann klagen, schweben, eindringlich sein, beben. Die Leier kann wie die menschliche Sprache wirken, aber auch wie Wind- und Tierlaute. Sie kann Melodien tragen, aber auch Stimmungen, und Stimmungen sind oft das Wichtigste bei einem Festmahl.
Ein kretisches Glendi ist mehr als nur ein Konzert. Es ist ein gesellschaftlicher Motor. Ein Ort, an dem Menschen alte Freundschaften pflegen, sich gegenseitig herausfordern, flirten, trauern, prahlen, vergeben und sich erinnern. Die Musik erfüllt den Raum, während all dies geschieht. In diesem Sinne ist der Zweck dieser Musik nicht Unterhaltung im modernen, passiven Sinne. Ihr Zweck ist die Teilhabe. Sie fordert Körper zur Bewegung und Stimmen zum Mitsingen auf.
Hier zeigt sich Psarantonis‘ Besonderheit. Viele kretische Musiker beherrschen die Tradition meisterhaft und spielen wunderschön. Psarantonis leistet aber noch etwas anderes. Er verleiht der Tradition eine neue, gefährliche Dimension. Nicht gefährlich im Sinne von Gewalt, sondern gefährlich im Sinne wahrer Kunst. Er erinnert uns daran, dass die alten Formen nie als makellose Museumsstücke gedacht waren. Sie sollten Leben in sich tragen, und das Leben ist unordentlich.
Seine Gesangsstimme wurde schon auf vielfältige Weise beschrieben, und immer wieder taucht der Vergleich mit einem Schrei, einem Heulen, dem Gesang der Götter auf. Lokale Berichte über ihn verwenden diese Sprache, nicht aus reiner Poesie, sondern weil seine Stimme tatsächlich alle gängigen Kategorien sprengt. Man hört ihre Rauheit, ihren Atem, ihre Unvollkommenheit. Es ist keine Stimme, die versucht, schön zu sein. Sie versucht, das Gefühl authentisch wiederzugeben.
Und sein Lyraspiel ist dasselbe. Es hat etwas Unverfälschtes, man spürt, dass er die Melodie nicht nur verziert, sondern sie tiefgründig erforscht. Hört man genau hin, fällt noch etwas anderes auf. Er kann erstaunlich sparsam spielen. Er spielt nicht einfach nur Noten. Oft umkreist er eine Phrase, grübelt darüber nach, wiederholt sie und springt dann plötzlich zum nächsten Punkt. Es wirkt improvisatorisch, ist aber nicht zufällig. Es ist eine Art instinktive Architektur.
Der Spitzname, der eine Familiengeschichte in sich trägt
Man verpasst Kreta leicht, wenn man Spitznamen als nette Eigenheiten abtut. In vielen kretischen Dörfern sind Spitznamen eine zweite Identität, manchmal sogar wichtiger als der offizielle Nachname. Sie verorten einen in einem Netz von Geschichten.
Die Spitznamen „Psaro“ in der Familie Xylouris sind berühmt. Nikos hieß Psaronikos, Antonis Psarantonis und ein weiterer Bruder Psarogiannis. Griechischen Quellen zufolge geht der Namenszusatz „Psaro“ auf ihren Großvater und seine Tapferkeit und Schnelligkeit zurück, mit denen er Feinde „wie Fische“ fing. Wie bei mündlich überlieferten Geschichten gibt es auch hier Variationen, doch der Kern bleibt gleich. Es geht nicht ums Meer, auch wenn der Name es vermuten lässt. Es ist eine Bergfamilie mit einem Spitznamen, der an Fisch erinnert, weil Sprache spielerisch und Erinnerung hartnäckig ist.
Was mir an dieser Geschichte gefällt, ist nicht, ob jedes Detail wortwörtlich beweisbar ist. Was mir gefällt, ist, was sie darüber aussagt, wie eine Gemeinschaft sich selbst erinnert. Der Spitzname ist nicht bloß ein Etikett. Er ist ein kleiner Mythos. Er gibt einen Einblick in die Atmosphäre, aus der Anogeia hervorging, wo Widerstand, Stolz und Familienidentität keine abstrakten Begriffe sind.
Wenn man Psarantonis mit diesem Gedanken im Hinterkopf hört, wirkt der Spitzname plötzlich mehr als nur eine Kuriosität. Er fühlt sich an wie ein Wegweiser. Hier spricht jemand, der nicht versucht, neutral zu sein. Hier spricht jemand, der aus einer Tradition stammt, in der Musik und Charakter untrennbar miteinander verbunden sind.
Die frühen Jahre und der langsame Aufstieg in die Welt
Psarantonis begann schon früh mit dem Lyraspiel. Häufig wird berichtet, dass er mit etwa dreizehn Jahren zum ersten Mal spielte, ein Alter, in dem viele Dorfmusiker vom Zuhören zum aktiven Mitspielen übergehen. Seine erste Aufnahme wird oft auf Mitte der 1960er-Jahre datiert, Quellen nennen eine erste Single aus dem Jahr 1964. Ein lokales Porträt in Anogeia vermerkt ebenfalls, dass er 1964 in die Diskografie einstieg und sein erstes Album 1973 erschien.
Das ist wichtig, weil es etwas über die damalige Zeit aussagt. In den 1960er- und 1970er-Jahren hatte ein Dorftrompetenspieler nicht automatisch eine nationale Bühne. Zwar gab es Aufnahmen und Radio, aber die Hauptbühne war nach wie vor die dörfliche Welt der Hochzeiten und Feste. Ein Musiker erwarb sich seinen Ruf live, vor Publikum, das genau wusste, was es hörte. Es ist eine Sache, Fremde zu beeindrucken. Eine ganz andere, die eigene Gemeinde zu beeindrucken.
Es ist unmöglich, über Psarantonis zu sprechen, ohne den Schatten und das Licht von Nikos Xylouris zu erwähnen. Nikos erlangte internationale Bekanntheit und nationale Beliebtheit; unter anderem wurde er 1966 als Vertreter Griechenlands beim Sanremo-Festival gefeiert, wo er den ersten Preis in der Kategorie Folk gewann. Solch ein Ruhm verändert eine Familie. Er kann Türen öffnen und lange Schatten werfen. Einige Texte über Psarantonis legen nahe, dass er sich im Schatten der Legende seines Bruders seinen eigenen Platz erkämpfen musste und dass seine Bekanntheit erst nach Nikos’ Tod im Jahr 1980 wuchs.
Ich sage das nicht, um Psarantonis zu einer Randnotiz seines Bruders zu degradieren. Ganz im Gegenteil. Es verdeutlicht seine Einzigartigkeit. Nikos umgab in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art „Erzengel“-Aura. Psarantonis hingegen besitzt etwas Wilderes und Unberechenbareres. Man könnte sagen, Nikos trug Kreta auf besondere Weise in die griechische Nationalgeschichte ein. Psarantonis hingegen trug Kreta in die breitere Weltmusikszene und später in die Rock- und Experimentalmusikszene, ohne dabei die Ecken und Kanten abzuschleifen.
Von Anogeia nach Köln und darüber hinaus
Irgendwann wurde die Welt auf ihn aufmerksam. Laut dem Profil der Onassis-Stiftung wurde er 1982 zum WDR Folkfestival in Köln eingeladen und erhielt dort einen ersten Preis von einer internationalen Jury. Das ist ein Meilenstein, der beweist, dass er nicht mehr nur als lokale Kuriosität, sondern als ernstzunehmender Künstler wahrgenommen wurde.
Dasselbe Profil erwähnt seine spätere internationale Repräsentation, darunter 1985 die Teilnahme an den „Journées des Cinq Continents“ in Zürich und Amsterdam, wo er Europa vertrat. Ob man von diesen Veranstaltungen gehört hat oder nicht, entscheidend ist, dass er sich in einem Umfeld bewegte, in dem kretische Musik neben anderen Traditionen aus aller Welt präsentiert wurde. Das verändert die Wahrnehmung eines Künstlers. Es kann auch das Verständnis des Künstlers für seine eigene Tradition verändern. Manchmal führt es dazu, dass Musiker auf Nummer sicher gehen. Bei Psarantonis scheint es ihn jedoch dazu gebracht zu haben, authentischer zu spielen.
2005 trat er in New York im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen des World Music Institute auf, die sowohl in allgemeinen Biografien als auch im Onassis-Profil Erwähnung finden. Hinzu kommt der Wendepunkt, den viele außerhalb Griechenlands mit ihm verbinden: seine Auftritte bei All Tomorrow’s Parties, einem Rock- und Alternative-Festival von besonderer kultureller Bedeutung.
Quellen belegen seine Einladung zu „All Tomorrow’s Parties“ in Minehead im Jahr 2007. Später, 2009, trat er bei „All Tomorrow’s Parties“-Veranstaltungen in Australien auf, die von Nick Cave und The Bad Seeds kuratiert wurden. Dieses Detail ist wichtig, weil es zeigt, wie weit sein Sound sich verbreitet hat. Nicht als abgeschwächte „Weltmusik“-Version für ein braves Publikum, sondern als sein unverfälschtes, wildes Spiel, das sich unter Menschen entlud, die Lärm, Intensität und Atmosphäre suchten.
Wenn ich daran denke, stelle ich mir immer diesen Moment kultureller Provokation vor. Eine kretische Lyra auf einem Rockfestival sollte eigentlich seltsam wirken, wie Stiefel am Strand. Und doch funktioniert es, denn die Lyra, gespielt wie von Psarantonis, besitzt dieselbe essentielle Qualität wie guter Rock. Sie ist eindringlich. Sie lässt den Raum erzittern. Sie entschuldigt sich nicht.
Was macht seinen Stil so wiedererkennbar?
Man könnte versucht sein, seinen Stil als ursprünglich zu bezeichnen. Das sagen viele. Doch „ursprünglich“ kann schnell zu einem unpräzisen Begriff werden. Deshalb möchte ich versuchen, genauer zu werden.
Da ist zunächst seine Stimme. Sie ist hoch, rau und ausdrucksstark. Er setzt sie ein wie eine Klinge, wie einen Schrei. Er verbirgt die Anstrengung nicht, und gerade das trägt zu ihrer Authentizität bei. Dadurch gelingt es ihm auch, uralte Mythen und moderne Ängste in einem Ton zu vereinen. Man versteht, warum man so hochtrabende Worte findet, wenn man über ihn spricht.
Zweitens ist da der Rhythmus. Kretische Tanzrhythmen sind nicht bloß Zählzeiten. Sie sind Ausdruck von Identität. Der Syrtos, der Pentozalis, der Maleviziotis und die springenden Tänze der Anogeia haben alle ihre eigene Haltung und ihren eigenen Stolz. Wenn Psarantonis eine Tanzmelodie spielt, behandelt er sie nicht wie ein starres Muster. Er behandelt sie wie ein lebendiges Wesen. Er kann eine Phrase dehnen und sie dann abrupt wieder zusammenfügen. Er kann die Tänzer fordern. Auch das ist Teil der Kultur. Ein guter Musiker liefert nicht einfach nur die musikalische Untermalung. Er formt die Energie des Tanzkreises.
Drittens ist da seine Art, zwischen Tradition und seiner eigenen, eigensinnigen Fantasie zu changieren. Er ist tief im dörflichen Lebensstil verwurzelt und scheint gleichzeitig kein Interesse daran zu haben, um jeden Preis „korrekt“ zu sein. Diese Kombination ist selten. Viele klammern sich entweder an die Korrektheit oder rebellieren, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er tut keines von beidem. Er spielt, als ob er einer älteren Weisheit als der Mode antworten würde.
Aufnahmen, Projekte und die Art und Weise, wie seine Musik sich verbreitet
Das Auflisten von Diskografien kann langweilig sein, und das will ich hier nicht. Wichtig ist, dass sein aufgenommenes Werk breit gefächert ist und oft auf dieselbe Kernidee verweist. Er ist ein Musiker, der in der kretischen Tradition verwurzelt ist und immer wieder ungewöhnliche musikalische Wege beschreitet.
Schon in den Kurzbiografien wird deutlich, dass er seit seiner ersten Single zahlreiche Aufnahmen veröffentlicht und Griechenland auf Festivals im Ausland vertreten hat. Im Laufe der Jahre wurde sein Name mit Projekten in Verbindung gebracht, die von traditioneller Musik bis hin zu komplexeren Kompositionen und Gemeinschaftsarbeiten reichen.
Er hat mit anderen bedeutenden kretischen Musikern zusammengearbeitet und ist auch in Kontexten aufgetreten, die ihn in das breitere griechische Musikleben einordnen. So hat er beispielsweise mit Daemonia Nymphe zusammengearbeitet und Gesang und Lyra zu einem Stück beigesteuert, was in biografischen Zusammenfassungen erwähnt wird.
Hinzu kommt seine familiäre Verbindung zur zeitgenössischen, genreübergreifenden Musik. Sein Sohn Giorgos Xylouris, bekannt als Psarogiorgis, führt das Familienerbe fort und hat eigene Projekte und Kooperationen, die unter anderem auf seiner Website aufgeführt sind. Dies ist von Bedeutung, denn die Geschichte der Familie Xylouris ist nicht die eines Einzelnen, sondern die einer ganzen Familie. Wenn man Psarantonis zuhört, erlebt man eine Familie, die die Lyra als lebendige Kunstform bewahrt hat, nicht als konservierte.
Auch die Zusammenarbeit mit Vinicio Capossela wird in Veranstaltungshinweisen und Artikeln erwähnt, darunter der Hinweis, dass er ab etwa 2009 mit Capossela an Aufnahmen und Auftritten zusammenarbeitete. Doch auch hier zählt nicht der Ruhm. Entscheidend ist, wie sich sein Klang in andere musikalische Sprachen einfügt, ohne dabei zur Kuriosität zu werden. Die Lyra kann neben italienischem Songwriting, neben Rockklängen, neben experimentellen Ansätzen bestehen, denn ihre emotionale Kraft ist stark genug, um sich zu behaupten.
Als Psarantonis Nick Cave traf, richtig
Eine bestimmte Geschichte erregt Aufsehen, weil sie wie eine Schlagzeile klingt: Nick Cave und Psarantonis. Man könnte sie leicht als skurrile Zusammenarbeit abtun. Doch es gibt einen tieferen Grund, warum sie Sinn ergibt. Nick Cave fühlt sich zu Stimmen hingezogen, die wie Wetterphänomene oder Prophezeiungen klingen. Psarantonis hat genau so eine Stimme.
Ihre Verbindung beschränkt sich nicht nur auf Festivalprogramme. Griechischen Berichten zufolge stand die jüngste Zusammenarbeit zwischen Psarantonis und Nick Cave im Zusammenhang mit dem Film „Loin des Hommes“ (auch bekannt als „Far From Men“), dessen Musik von Nick Cave und Warren Ellis stammt. Psarantonis steuerte demnach seine Stimme zu zwei Stücken des Soundtracks bei. Der Film gewann laut diesen Berichten mehrere Preise bei den Filmfestspielen von Venedig 2014, was als Kontext für die Veröffentlichung des Soundtracks dient.
Ich erwähne dies, weil es etwas Wichtiges über Psarantonis aussagt. Er ist keine Museumsfigur, die aus Gründen des Kulturerbes herausgeholt wird. Er ist eine aktive künstlerische Kraft, die immer wieder zu anspruchsvollen zeitgenössischen Projekten eingeladen wird. Und wenn er diese Räume betritt, verhält er sich nicht wie ein Gast. Er verhält sich wie er selbst. Seine Stimme kommt mit eigener Autorität an.
Warum es sich lohnt, ihn jetzt kennenzulernen
Man könnte leicht sagen, er sei es wert, gekannt zu werden, weil er berühmt oder eine „Legende“ ist. Das stimmt zwar im weitesten Sinne, ist aber nicht der wahre Grund. Der wahre Grund ist, dass er etwas verkörpert, das immer seltener wird.
Er verkörpert eine lebendige Tradition, die noch immer für Überraschungen sorgt. Nicht nur im Sinne von „alten Liedern, die noch gesungen werden“, sondern vielmehr im Sinne, dass die Tradition immer wieder neue Energie freisetzt. Das ist der Unterschied zwischen einer lebendigen Kultur und einer bloßen Zurschaustellung von Kulturerbe.
Er verkörpert auch eine spezifisch kretische Haltung. Die Haltung, dass ein Lied kein zerbrechliches Ornament ist. Es ist ein Werkzeug. Manchmal eine Waffe. Manchmal Medizin. Es ist ein Weg, die Wahrheit zu sagen, wenn gewöhnliche Worte nicht ausreichen.
Wer Psarantonis aufmerksam zuhört, entdeckt die verschiedenen Facetten Kretas in seinen Klängen. Man spürt das Leben in den Bergen und den Stolz der Dörfer. Man hört die Erinnerung an Gewalt und Überleben, ohne dass jemand darüber sprechen muss. Man hört eine Freude, die nicht oberflächlich ist, eine Freude, die schwere Zeiten überstanden hat und sich dennoch zum Tanzen entschließt.
Und vielleicht am wichtigsten: Man hört seine Individualität inmitten der Tradition. Er spielt nicht wie ein Gremium. Er spielt nicht nach Lehrbuch. Er spielt wie ein Mensch. Das ist das größte Kompliment, das ich ihm machen kann.
Denn letztendlich ist es genau das, was Psarantonis meiner Meinung nach lehrt, auch wenn er nie mit einem gesprochen und alles erklärt hat. Tradition bedeutet nicht, die Vergangenheit eins zu eins zu wiederholen. Es geht darum, die Vergangenheit mit so viel Selbstvertrauen zu tragen, dass man mit eigener Stimme sprechen kann. Es geht darum, im alten Fluss zu stehen, ohne sich wie eine Statue zu verhalten.
Wer eine einfache Zusammenfassung erwartet, wird von ihm enttäuscht sein. Er ist nicht einfach. Er ist eher wie Kreta selbst, wenn man aufhört, es wie eine Postkarte zu betrachten und es als Ort erlebt. Wunderschön, ja. Auch rau. Auch kompliziert. Und auch ungemein lebendig.
Deshalb kehre ich immer wieder zu seinem Klang zurück. Er ist eine Erinnerung. Wenn Kreta sich räuspert, wenn die Berge zu singen beginnen, ist dies eine der Stimmen, die erklingen.
Mehr von Psarantonis: Heavy Metal und Psarantonis.

Ich hatte das Vergnügen, ihn live in Dytikos erleben zu dürfen, vor ein paar Jahren. Es war ein Naturereignis. Ein menschliches, ganz ruhiges Erdbeben. Als ob man durch ihn in die Seele der Menschen und der Insel schaut. Ich denke immer wieder gerne daran zurück!
Danke für die schöne Geschichte mit der prosischen Wortkunst,
welche das kretische Lebensgefühl wunderbar reflektiert.
Ich habe viele schöne Momente auf Kreta erlebt und es kommt mir in den Sinn, es nach langer Zeit wieder zu erleben.
Bravo, nochmal zum Ausdruck
Marious
Moin, Psarantonis ist auch mein Lieblingssänger auf Kreta. Ich liebe das Lied Tigris. Seit ein paar Jahren ist er aber aus gesundheitlichen Gründen/Alter nicht mehr Live aufgetreten.
Sein Onkel, der Musiker Yannis Psarogiannis ist vor ein paar Tagen gestorben.
Kaló Chimóna (Καλό χειμώνα) – einen guten Winter, kv