Kreta zwischen Tradition und Moderne.

Und wieder mal hat uns ein Auszug aus dem Buch „Wind auf Kreta“ von David MacNeil Doren angesprungen – und zwar mit solcher Wucht, dass wir ihn unbedingt mit Euch teilen wollen, beschreibt er doch herzerfrischend, ehrlich und für jeden hier Ansässigen nachvollziehbar einen Teil des kretischen Wesens, sowohl bei Männlein als auch bei Weiblein….

Und bevor die Feministinnen wieder auf die Barrikaden gehen: Es ist ein Zitat, dem wir zwar durchaus zustimmen, deswegen aber trotzdem keine Frauen einsperren oder entmündigen. Und das kommt jetzt original von mir – der Autorin / Copywriterin des Artikels! Also einfach den Ball flach halten, denn so isses bzw. war es halt nun mal!

„Unsere nächsten Nachbarn waren Papa Leonidas, der Dorfpriester, seine Frau und vier kleine Kinder. Griechisch-orthodoxe Priester dürfen heiraten und eine Familie gründen, jedoch verzichten sie damit auf alle Möglichkeiten, in der Hierarchie aufzusteigen, weil Bischöfe im Zölibat leben müssen.

Ehefrauen in Kreta, die ihr eigenes Leben völlig dem ihres Mannes unterstellen, geben oft nicht nur ihren Familiennamen, sondern auch ihren Taufnamen auf. Deshalb war die Frau von Papa Leonidas allen einfach als „Papadia“ (Frau Priester) bekannt. Diese Gewohnheit geht so weit, dass Ehefrauen einfach für immer mit der weiblichen Form des Spitznamens ihrere Männer angeredet werden: die Frau eines Mannes mit dem Spitznamen „fasoulakia“ (kleine Bohne“) wurde beispielsweise von allen und jedem „fasoulina“ ganannt und sie behielt diesen Namen auch noch lange nach dem Tod ihres Mannes. 

(Anm. d. Red.: das ist für griechische Frauen im Allgemeinen aber nichts besonderes, hat doch bereits die Tochter – ebenso wie die Mutter – den Nachnamen des Vaters, allerdings im besitzanzeigenden Genitiv. So heißt die Tochter von einem Kostas Papadakis halt eben mal Maria Papadaki – eben die Maria vom Papadakis. Von daher ist der weibliche Teil der griechischen Bevölkerung eh schon an die männlich-übergriffigen Namensgebungen gewöhnt….)

Inga (nochmal Anm.d.Red: das ist die Frau des Autors) und Papadia wurden enge Freunde. Oft erfreuten wir uns der Gesellschaft ihrer Kinder, die den ganzen Tag in unserem Hof ein- und ausgingen. Unser Liebling war der Jüngste: ein nachdenkliches, erstaunlich blondes Kerlchen namens Nikos. Das älteste Mädchen war sieben Jahre, dann folgten ein Junge von sechs und ein Mädchen von fünf. Kinder gab es im Abstand von ein oder zwei Jahren – ein neues war unterwegs. 

Ihr Haus war winzig, alle schliefen zusammen in einem Raum. Die Frau kochte meistens draußen an einem offenen Feuer, sogar an regnerischen Tagen. Dann hielt sie einen Schirm in der einen Hand, während sie mit der anderen in einem Topf rührte – trotz der Tatsache, dass im Haus ein perfekter Gasherd stand. Wahrscheinlich war sie mit dem Kochen im Freien über Reisigfeuer groß geworden und hielt aus Macht der Gewohnheit daran fest. 

Ganz bestimmt waren sie nicht arm: der Priester, Sohn eines berühmten Palikari-Führers aus Vamos, der Provinzhauptstadt von Apokoronas, hatte große Weinberge geerbt, und seine Frau brachte eine Mitgift von sechzigtausend Drachmen in den Haushalt ein. Sie besaßen ein großes Radio, das Wahrzeichen von bäuerlichem Wohlstand, und die Kinder waren immer gut angezogen und wohlgenährt – im Gegensatz zu vielen der ärmeren Dorfkinder. 

Papadia war eine wunderbare Köchin, wie wir wohl wussten, denn sie schickte uns ständig Platten mit „Dolmadakia“ (gefüllten Weinblättern) und anderen schmackhaften Gerichten herüber. Trotz ihres relativen Wohlstandes hatte Papadia nur wenig Kleider und ging kaum irgendwo hin. Tatsächlich war sie auch die meiste Zeit entweder schwanger oder stillte. Sie schaffte den ganzen Tag im Haus oder im Garten herum. Ihr Mann, von dessen priesterlichen Pflichten man kaum sagen konnte, dass sie eine erdrückende Arbeitslast gewesen wären, verbrachte die meiste Zeit in den Kaffeehäusern und unterhielt sich mit den Männern. Selten rührte er einen Finger, um seiner Frau zu helfen, auch nicht bei schwereren Arbeiten.

Dies ist keine Kritik an ihm, denn dieses Muster gilt für die meisten kretischen Haushalte: er benahm sich einfach so wie alle anderen. Bei allem, was recht ist, hätte diese Frau mit ihrem Schicksal unzufrieden sein müssen, denn sie befand sich in genau der Lage, die so viele moderne Frauen verabscheuen. Sie war nicht unzufrieden, im Gegenteil: sie war eine der glücklichsten Frauen, die ich jemals getroffen habe. Es war eine Freude, in ihrer Nähe zu sein und den Abglanz der Freude und des Stolzes zu spüren, den sie ausstrahlte.

Ihr Körper war abgearbeitet, doch ihr Gesicht trug den unmissverständlichen Ausdruck von Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Ich würde nie behaupten, dass alle kretischen Frauen so sind wie sie, denn wir haben viele getroffen, die unglücklich waren – oft aufgrund schlechter „Ehestiftungen“ – doch sie war durchaus nichts Ungewöhnliches, und im Verlauf unserer Reisen auf Kreta begegneten wir genug Frauen ihrer Art, um klar zu erkennen, dass es für eine Frau möglich ist, echtes Glück in der Erfüllung ihrer traditionellen Rolle zu finden.

Doch sogar Kreta wird langsam „moderner“ – das heisst, nach und nach werden Maschinen eingeführt, die die Arbeit verrichten, die die Männer und Frauen immer mit ihren Händen getan haben. Mit etwas mehr Geld und etwas mehr Freizeit entwickeln die Menschen den Wunsch nach mehr „Dingen“: Motorräder, Transistorradios. Wir waren Zeugen der Einführung einiger dieser neuen Dinge in unserem Dorf. 

Ein Kühlschrank, ein Kühlschrank! 

Mit Beginn des warmen Wetters im Mai kaufte der Priester einen großen, in Italien hergestellten Kühlschrank. Das war natürlich eine Sensation, denn es war der erste Kühlschrank im Dorf. Die Leute tauften ihn sofort auf den Namen „to pharos“ – der Leuchtturm. Wir konnten zuerst keinen Zusammenhang erkennen, bis Papadia die Tür öffnete und uns erklärte: „seht, die Lichter gehen an. Dann macht man die Tür zu und sie gehen aus. Genau wie bei dem „pharos“ auf Kap Drapanon.

Dieser Kauf war sicher sinnvoll. Das Haus des Pfarrers, genau wie das unsere und mehrere andere im Dorf, war an die elektrische Versorgung angeschlossen und die Gemeinde war mit einer Generatorenstation gesegnet, die in der Nähe flussaufwärts lag. Warum sollte man also nicht die Gelegenheit ergreifen, einer vielbeschäftigten Mutter das Leben zu erleichtern? Doch aus Macht der Gewohnheit wurde die neue Maschine nur wenig genutzt. Sie kauften weiterhin ihr Fleisch an den Schlachttagen, kochten es und aßen es sofort. Genauso der Fisch und die Milch, die sie manchmal vom Käseladen holten.

Die Milch wurde nie gekühlt, sondern im griechischen Stil erhitzt und mit Zucker getrunken. Was also sollte man in den glänzenden neuen Kühlschrank tun? Jeder Grieche wüsste es: einen Krug mit kaltem Wasser und eine Schüssel mit Obst. Sonst nichts. Das kalte Wasser war bei allen sehr beliebt, doch es schien die Kosten kaum zu rechtfertigen. 

Der Apparat lief immer auf Hochtouren und wurde nie entfrostet. Große Eiskristalle bildeten sich im gesamten Innenraum. Wenn die Tür geöffnet wurde, schaute man in eine komplette Eishöhle mit Stalakmiten und Stalagtiten. In der Mitte von allem: ein Krug mit halbgefrorenem Wasser. Die ganze Nacht lang brummte und summte der Motor, doch dies schien die sechsköpfige Familie mehr zu beruhigen, als zu stören, die den einzigen Raum mit dem eisigen Monstrum teilte. 

Wir sagten dem  Priester, dass es möglich sei,  das Ding herunter zu schalten, aber daran war er nicht interessiert: er wollte Eis – und er wollte viel davon! Aus einem rein egoistischen Grund war es bequem für uns, weil sie uns gestatteten, Fleisch, Fisch und Milch darin aufzubewahren – tatsächlich eine begrüßenswerte Gelegenheit, es besser auszunutzen.

Das eisige Vergnügen endete sehr plötzlich, als die erste Stromrechnung kam: mit einem Mal erkannte der Priester, dass er diese Gläser kalten Wassers teuer bezahlen musste. Aus ging der Kühlschrank, und für den Rest des Sommers stand er da – nicht eingeschaltet und still – ein Leuchtturm ohne Licht. Letztlich jedoch wurde er zum allgemeinen Gebrauch bestimmt: als Lagerschrank für Utensilien, die das kleine Haus anfüllten. Sein Wert als Statussymbol (ohnehin sein Hauptzweck, wie wir vermuteten) war nicht gemindert, denn er konnte zu speziellen Anlässen wie Festen oder Namenstagen angeschaltet werden und kaltes Wasser war vorhanden für ein Haus voller Gäste.

Unbekanntes Kreta: Die Elefanten-Höhle von Drapanos.

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Ein Kommentar

  1. Moin und Kalimera, das Buch „Wind auf Kreta“ von David MacNeil Doren gehört für mich mit zu den besten Büchern über Kreta.

    Das Buch ist schon sehr lange vergriffen. Bei Booklooker (booklooker.de) gibt es noch ein paar Exemplare. Und das Gute ist, Booklooker gehört NICHT zu Amazon.

    schönes Wochenende, kv

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