Von der kretischen Dachterrasse aus betrachtet.

Von der kretischen Dachterrasse aus betrachtet. Begleiterscheinungen, Teil 58, vom 28.05.2026 für www.radio-kreta.de

Wir können aus Vielem Analogien mit dem Leben herbeizaubern oder -phantasieren. So ist es auch mit dem Blick von der Terrasse unseres Domizils auf Kreta. In den Geschossen des Hauses befinden sich die Stationen unseres Lebens. Da es keinen Keller gibt, ersparen wir uns den Rückblick auf die schwierigen Situationen oder gar Krisen.

Die Dachterrasse ist jener Standort, von dem aus alles übersichtlich wird und sich den Augen offenbart. Der Blick nach Osten führt über die riesige Messara-Ebene mit ihren nicht enden wollenden Olivenhainen in Richtung der Gebirgsketten des Diktäischen Gebirges und der Thripiti-Berge. Nach Südosten begrenzen die Asteroussia-Berge als Küstengebirge die Sicht auf das Libysche Meer, im Süden reichen sie ganz dicht an Pitsidia und Matala heran. Da einige Hügel die Perspektive nach exakt dem Westen versperren, erspähen die Augen im Nordwesten den Golf von Messara und dahinter die mächtigen Lefka Ori im Westen, die Weißen Berge, nahe Agia Galini das Kedros-Gebige und nach Norden den Psiloritis, das mächtige Ida-Gebirge.

Die Symbolik spricht für sich. Im Osten geht die Sonne auf, unser Leben kommt also aus genau dieser Richtung. Offen liegen seine Stationen vor uns wie die Olivenhaine, kleine Ortschaften, Hügel und Hauptstraßen, die sich sämtlich im Domizil des Lebens zusammenfinden. In seiner Küche versorgen oder versorgten wir uns und unsere Liebsten, sie ist die Metapher für die Arbeit. Der Wohnbereich repräsentiert Ablenkung, Freizeit, Sozialkontakte, Hobbys und Gewohnheiten, Teile des Charakters. Im Bad reinigen wir uns von den Belastungen, Problemen und Mühen, die das Leben stets bereithält. Im Schlafbereich finden die Katharsis statt, die Läuterung, Gesundung und Erholung und auch das Auftanken.

Der verriegelte Blick nach Süden steht für die Ziele, die wir nicht erreichen konnten, die Aufgaben, die uns zum Aufgeben zwangen, die Alternativen, gegen die wir uns entschieden haben. Aber das Haus steht nicht furchtbar weit davon entfernt, Vieles also ist wahr geworden, manches Unverhoffte brachte uns genau hierher, einige Orte wurden besucht und hinterließen ihre Spuren.

Der nahe Westen, den zu sehen uns die nahen Hügel vorenthalten, markiert die Ungewissheiten der kommenden Zeit. Gewiss bleiben uns der Nordwesten und der Norden. Wie weit uns in Richtung der Lefka Ori das Leben noch gestattet zu gehen wissen wir nicht. Klarer Himmel und wechselnde Bewölkung wechseln einander ab wie gute und weniger gute Zeiten, Freude und Verdruss, Gesundheit und Verlust. Nur eines wissen wir: Wir werden alle irgendwann im Norden angekommen sein.

Von diesem Standpunkt von dieser Dachterrasse aus betrachtet kann es nicht verwundern, dass auch auf Kreta der Auferstehungsgedanke in der Mythologie seinen Platz hatte in der Verkörperung des kretischen Zeus. Heim in Deutschland werden wir feststellen, dass wir diesen symbolischen Blick von der Dachterrasse oft gar nicht die Muße haben zu genießen.

Vermutlich denken sich jetzt einige, das hier Beschriebene ist Spinnerei oder Gefühlsduselei. Aber ohne sie, oder wie es bei Alexis Sorbas hießt, den „Wahnsinn“, erschiene uns das Leben vielleicht als reiner soziologischer Vollzug von Existenz.

Holger Czitrich-Stahl