Westkreta: Das Land der weißen Berge.

Wer sich mit der Fähre oder dem Flugzeug dem (Flug-)Hafen von Chania nähert, sieht ein großartiges Bergland. Im Winter sind die Berggipfel bis in den Juni hinein schneebedeckt oder firnüberglänzt, im Sommer schimmern die Kalkberge hell im Sonnenlicht oder fahlweiß im Mondenschein. Viele Berge steigen in Küstennähe über 1000 m auf, ein gutes Dutzend erreicht Höhen von mehr als 2000 Metern. Zu Recht trägt das größte Gebirgsmassiv den Namen „Levka Ori“ (Λεύκα όρη  – weiße, helle Berge).

Dass tiefe, oft unwegsame Schluchten das Bergland zerteilen, dass ungezählte Höhlen den Einheimischen in Notzeiten sicheren Unterschlupf bieten, hat den Ruf Westkretas, unbezwingbar zu sein, über Jahrtausende geprägt. Nicht einmal die Götter nahmen von den Levka Ori Besitz: jedenfalls berichtet kein antiker Mythos davon, während sowohl das Ida-, als auch das Dikti-Massiv eng mit dem „Höchsten“, dem Gottvater Zeus, verbunden sind.

Eleftheria i Thanatos – Freiheit oder Tod!

Wenn das fruchtbare, geschichtsreiche Zentralkreta als archäologische Landschaft gilt, so mag für den Westen eher die Bezeichnung „heroisch“ gelten. Kein Wunder, dass die Menschen in dieser herben Bergwelt einem anderen Menschenschlag angehören, als die Bauern und Händler Mittelkretas!

Sie leben in Tälern, die im Winter nach wochenlangen Regenfällen von der Umwelt abgeschnitten, durch tiefe, wasserführenden Schluchten von Nachbardörfern getrennt werden. Ihre Ackerflächen sind kleiner, die Olivenhaine steiniger, das Land oft nur als Weidegrund nutzbar. Und so sind sie als Kleinbauern, Viehhirten und Küstenfischer genügsamer, sippenbewusster und gastlicher als die verhandlungsbereiteren Händler und Bauern Zentralkretas. 

Winter in den weißen Bergen.

Die blutigsten uns spektakulärsten Aufstände gegen die Türken begannen in Westkreta, von hier stammte der berühmte Lokalpatriot Daskalogiannis, der legendäre Anführer des Aufstandes von 1770, hier liegt das Kloster „Moni Arkadi“, das die Parole der Aufständischen „Freiheit oder Tod“ – Eleftheria i Thanatos“ (Ελευθερία ή θάνατος) blutig realisierte, hier herrschte noch bis vor wenigen Jahrzehnten das Gesetz der Blutrache.

Wilde Flora und Fauna

Die Pflanzenwelt Westkretas ist in vielen Zonen noch relativ ursprünglich. Zwar wurden die ausgedehnten Zedern- und Zypressenwälder bereits von den Minoern abgeholzt, doch haben sich Restbestände in den Schluchten erhalten. Bergzypressen, Kermeseichen und Aleppokiefern wachsen an den Hängen der Levka Ori; Kastanien, Mandel- und Olivenbäume begrünen Täler, Platanen säumen Bachläufe. Kundige Wanderer können Thymian, Majoran, Salbei, Oregano, Rosmarin und den wundervollen Throubi in der Phrygana erkennen (Phrygana –φρύγανα ist die Bezeichnung für die von niedrigem, immergrünem Busch- und Strauchwerk geprägte Pflanzenformation, die große Teile der Landschaften des nordöstlichen Mittelmeerraums bedeckt – aha! Dann wissen wir das auch…!). Die Ebenen der Nordküste sind im Frühjahr vom Duft der kleinen weißen Orangenblüten erfüllt, während zur gleichen Zeit  die orangefarbenen Früchte aus dem dunklen Grün der Bäume leuchten.

Weniger wird man von der Tierwelt Westkretas bemerken. Die in minoischer Zeit häufig anzutreffende Wildziege „Kri-Kri“ (oder auch Agrimi – Αγρίμι) lebt zwar geschützt noch im Samariá Nationalpark und auf Gavdos, ist jedoch scheu und selten zu sehen (hat wohl einiges dazu gelernt….). Wildkaninchen und Hasen sind arg dezimiert, Rotwild fehlt. Dafür lassen sich am Himmel hin und wieder Gänsegeier, die seltenen Bartgeier und Habichte beobachten.

Etwas Historie

Über Westkretas Geschichte in minoischer Zeit gibt es nicht allzu viele Informationen, spielte sich dieses Leben doch offensichtlich in der Gegend von Heraklion, Knossos uns Faistos ab. Erst seit kurzem zeigen Grabungen, dass auch der Westen Kretas durchaus am Wohlstand dieser Frühzeit beteiligt war. Von der griechischen bis zur byzantinischen Zeit waren Nord- und Südküste relativ dicht besiedelt, Orte wie Falassarna, Polyrinia, Aptera, Lissos und Phoenix waren im Altertum bekannt und wurden schon in der Apostelgeschichte erwähnt. Hier haben sich in der Abgeschiedenheit der Bergwelt besonders viele kleine Einraumkirchen erhalten, die alle mit Fresken vollständig ausgemalt waren, die allerdings mittlerweile oft durch Feuchtigkeit vielfach beschädigt wurden.

Im Hier und Jetzt

Heute ist Westkreta in zwei Verwaltungsbezirke aufgeteilt: Rethymnon und Chani. Die beiden malerischen und durchaus sehenswerten Städte waren schon immer eine Reise wert, doch die Landschaften dieser Bezirke wurden erst in den letzten Jahrzehnten von Tourismusmanagern entdeckt (schade eigentlich…. ). Natürlich lockt die wilde und einzigartige Samariá Schlucht begeisterte Wanderer nach Westkreta.

Doch wo noch vor ein paar Jahrzehnten Naturfreunde unter sich waren, auf alten Saumpfaden abgelegene Dörfer, einsame Hochebenen und unbekannte Badestrände entdeckten, wurde inzwischen das Straßennetz verbessert und ausgeweitet. Speziell an den Küsten sind Urlaubsorte für viele Touristen entstanden – die wunderschönen Strände von Falasarna, Sfinari, Elafonissi, Paleochora, Sougia und Loutro sind in der Hauptsaison (Juli bis Oktober) sehr überlaufen und so gar nicht mehr „authentisch“. Auch schade…..

Ein Schäfer in den Bergen.

Für Bergwanderer ist Westkreta ein ideales Tourengelände – wenn man die richtige Jahreszeit für die Touren wählt, also vorzugsweise das Frühjahr oder den Herbst. Und für die Liebhaber alter Städte, Dörfer, Klöster und Kirchen gibt es hier so viel zu sehen, dass ein „normaler“ Urlaub dafür meist gar nicht ausreicht. 

Wahrscheinlich kommen deswegen fast alle immer wieder hierher…. 😉

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