11 Fragen an…. Frank D. Müller.

Wenn Sie nur 5 Worte haben, um sich selbst zu beschreiben. Was würden Sie sagen?

Freiheitssuchend. Unvoreingenommen. Begeisterungsfähig. Empathisch. Dankbar.

Frank D. Müller.

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind und als Jugendlicher?

Da gab es nicht nur ein Lieblingsbuch … Oft waren es Bücher, die am Meer spielten oder von der Ferne handelten.
Als Kind: Käpt’n Konny. Mahntje und Nummel. Die Delphininsel. Pippi Langstrumpf.
Als Jugendlicher Bücher von: Jack Kerouac. Carlos Castaneda. Ernest Hemmingway. Patricia Highsmith. Hesse, Demian. Gabriel Garcia Marquèz. Juan Rulfo.

Was lesen Sie heute am liebsten?

Ich lese am liebsten Bücher bei denen ich merke, dass jemand etwas zu erzählen hat und etwas von der Welt kennt, was ich nicht kenne, oder einen anderen Blick darauf hat.

Einige Beispiele: Grabes Grün (Tana French). Die Augen des Meeres (Ionna Karystiani). Kafka am Strand (Haruki Murakami). Hellas Channel (Petros Markaris). Mittagsstunde (Dörte Hansen).

Agios Pavlos.

Gibt es auch Bücher, die Sie nur gezwungenermaßen oder nie zu Ende gelesen haben?

Ich habe Literatur studiert, da musste ich vieles lesen, was ich freiwillig nie gelesen hätte. Manchmal war das aber auch eine beeindruckende Erfahrung.

Meine Dozentin hatte mich mit einem Trick dazu gebracht, den “Witiko“ von Adalbert Stifter zu lesen. 800 Seiten, extrem handlungsarm. Aber im Nachhinein großartige Literatur. Und ich kenne außer mir bisher niemanden, der dieses Werk gelesen hat (außer vermutlich dieser Dozentin).

Wie sind Sie selbst zum Schreiben gekommen?

Meine Mutter war Buchhändlerin, mein Vater Kapitän auf großer Fahrt. Offenbar lag da wohl die Sehnsucht, etwas Fremdes und Neues in der Welt zu suchen und darüber irgendwann zu schreiben, nahe.
Tatsächlich habe ich schon als Kind angefangen, mir Geschichten auszudenken und sie mit der Zeit auch aufzuschreiben.

Wieso dieses Genre (Krimi, Roman, Action, Abenteuer, Historie, Märchen etc.)

Krimis sind immer existenziell, da es bei ihnen zwangsläufig um Not, Schuld und Verzweiflung geht. Dabei interessieren mich nie die Beschreibung und Darstellung von Gewalt, sondern die Ursachen und Motive, die zu Gewalttaten geführt haben.

Den psychopathischen Serienkiller wird es bei mir nie geben. Mich interessiert, was Menschen dazu getrieben hat, Verbrechen zu begehen, und was den Täter und die Opfer verbunden hat. Denn das ist leider auch in der Realität fast immer das, was Tötungsdelikte auslöst.

Wieso Kreta / Griechenland? Was verbindet Sie mit diesem Land/der Insel?

Kreta ist für mich ein Sehnsuchtsort, seit ich mit 17 Jahren zum ersten Mal hier war und sich damit eine vollkommen neue Welt öffnete. Das Licht, der Duft, die Freundlichkeit der Menschen, die unglaublich schöne, vielfältige Landschaft, die Unkompliziertheit und meistens funktionierende Improvisation im Alltag. Faszinierend, bis heute. Deshalb fahre ich auch seit vielen Jahren mindestens einmal im Jahr hierher.

Sind die Handlungen und Protagonisten Ihrer Bücher reine Fiktion oder gibt es da Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehen und realen Personen oder gar autobiographische Züge?

Die Geschichten und Personen meiner Bücher sind nie autobiographisch und ich hoffe, dass sich auch nie jemand darin beschrieben zu finden glaubt. Meine Geschichten sind rein fiktiv, aber ist es mir doch sehr wichtig, genau zu recherchieren und der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen. An fast allen Orten, an denen meine Handlungen spielen, war ich selbst, auch wenn sie manchmal aufwändig zu erreichen waren.

Der Ort, an dem ich seit vielen Jahren auf Kreta Zeit verbringe, wird jedoch nie in meinen Romanen auftauchen – ich möchte nicht, dass die Menschen, die ich dort sehr mag, den Eindruck haben, ich würde über sie schreiben.
Donna Leon, die Autorin der Venedig-Krimis, hat festgelegt, dass ihre Romane nie auf italienisch erscheinen dürfen, weil sie nicht will, dass sich ihre Nachbarn dort unter Beobachtung fühlen. Denn auch, wenn Handlungen und Figuren fiktiv sind, so sind sie doch nie ganz von dem Autoren und dem, was er erlebt, zu trennen.

In der Aradena-Schlucht.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Bücher? Was treibt Sie um?

Geschichten reifen oft lange irgendwo im Verborgenen, und dann taucht meistens ein Bild auf und ist ein Ausgangspunkt für die Geschichte. Von da an entsteht im Kopf langsam eine Art Labyrinth, in dem es viele Irrwege für die Figuren und ihre Handlungen (und für den Autoren…) gibt. Irgendwann, und das kann Monate, manchmal Jahre dauern, ist dann der Weg durch dieses Labyrinth gefunden und die Figuren beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Von da an muss ich mich immer wieder sehr konsequent fragen, ob die Figuren wirklich das tun würden, was ich als Autor von ihnen möchte. Und oft würden sie tatsächlich etwas anderes tun, und haben damit in der Regel auch Recht.

Im Leben wie in Romanen interessiert mich zu verstehen, warum Menschen tun, was sie tun, und was für Motive dahinterstecken. Das zu erforschen treibt mich an, und so arbeitet auch Kommissar Michalis Charisteas, die Hauptfigur meiner Kreta-Krimis. Er löst seine Fälle, indem er sich in die Täter und Opfer hereinversetzt und zu verstehen versucht, was vor einer Tat passiert ist.

Verlassenes Aradena.

Michalis Charisteas ist aber auch jemand, der an den Tötungsdelikten, die er aufklären muss, leidet. Eigentlich ist er Polizist geworden, weil er Verbrechen verhindern will. Und wenn sie dann doch passieren, dann will er zumindest helfen, den Opfern ihre Würde zurückzugeben.

Vielleicht haben Sie vom 5. deutsch-griechischen Lesefestival im Juni 2019 in Paleochora auf Kreta gehört. Was halten Sie von einer solchen interkulturellen Initiative und hätten Sie Lust, daran teilzunehmen?

Ich finde die Idee eines deutsch-griechischen Lesefestivals super und freue mich sehr darauf, in diesem Jahr daran teilzunehmen!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Griechenlands – und für Ihre Eigene?

Kreta und Griechenland wünsche ich sehr, dass alle, und gerade der ärmere Teil der Bevölkerung, die Krise hinter sich lassen und ihre gelassene Haltung zum Leben wieder im Mittelpunkt steht. Ziga ziga.

Gleichzeitig wünsche ich diesem Land und dieser Insel, dass die kulturelle Identität und Besonderheit nicht noch mehr verloren gehen. Denn in all den Jahrzehnten, in denen ich Kreta kenne, hat es sich stark verändert. Vieles auch zum Besseren, denn Armut ist alles andere als romantisch. Aber der Ausverkauf an das große Geld hat durch die Finanzkrise noch mal zugenommen und macht Griechenland / Kreta immer mehr zu einem “normalen“ Land – und lässt es einen Teil seiner Faszination einbüßen.

Die Weissen Berge.

Für mich wünsche ich mir das, was ich mir für alle Menschen wünsche: Das wir eines hoffentlich sehr fernen Tages sagen können, ein gutes und erfülltes Leben geführt zu haben, und dankbar dafür sind. Und vielleicht, um Robert Smith zu zitieren, haben wir dann auch ein klein wenig dazu beigetragen, die Welt als einen etwas besseren Ort zu verlassen, als wir sie vorgefunden haben. (Alle Bilder von Frank D. Müller)

Das neue Buch von Frank D. Müller: „Kretische Feindschaft“. Ein Kreta-Krimi.

Unser Dank an Frank für das Interview. „Ta leme“. Wir sehen uns zum Lesefestival auf Kreta.

2 Kommentare

  1. “ Kretische Feindschaften“. Seit 2005 sind wir jedes Jahr auf den Insel Kreta im Urlaub. Wo? In Chania ab und zu, in Kolymbari ständig. Dort haben wir sehr gute Freunde gefunden (Einheimische). Natürlich geht es dort sehr locker zu gerade auch im Umgang mit Waffen.Aus eigener Erfahrung schon erlebt. Im September werde ich mich einmal auf Spurensuche begeben und die „Schauplätze“ des Buches besonders im Auge behalten. Polizeiunterstützung habe ich auch angefordert. Ein Freund von mir/uns arbeitet bei der Küstenwache und von daher sollte uns nichts passieren.
    Danke für das Buch und den Tipp von Radio Kreta.

  2. Eben habe ich die „Kritische Feindschaft“ gekauft – schon bin ich enttäuscht! Wenn der Autor von Griechenland und Kreta begeistert ist (wie ich), dann dürfte er wissen, dass die Nachnamen von Frauen immer im Genitiv stehen, die Nachnamen von Männern in Nominativ, also mit s am Ende. Somit heißt sie / heißt er : Elena Chourdaki, Thanassis Delopoulos, usw usw.
    Sie brauchen unter den vielen Lektoren und Unterstützern unbedingt einen griechischen Lektor, eine griechische Lektorin.
    Nun bin ich gespannt auf die Geschichte selbst.

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