Ein Wunderbaum auf Kreta: der Rizinusbaum.

So, das Jahr 2018 ist nun endgültig vorbei, alle Oscars, Grammies, Bambis, Echos, Golden Globes, Grimme- und Pulitzer Preise, Emmy und die Rose d´Or sind vergeben – aber ein Preis fehlt in der ganzen Liste. Und zwar der für die Giftpflanze des Jahres 2018: Und den hat der Rizinusbaum bekommen!

Der botanische Name stammt vom lateinischen Wort „ricinus“ (Zecke“), da die Samen der Pflanze in ihrer Form an vollgesogene Zecken erinnern (Anm.d.Red: Igittpfuibäh!). Auf Griechisch heißt Rizinus übrigens „Rikinos“ (ρίκινος). Die Samen der Pflanze werden auch im Deutschen schon länger als Castorbohnen bezeichnet. Die Botaniker des 16. Jahrhunderts, bei denen der Name „Wunderbaum“ erstmals belegt ist, sehen das Wunderliche im äußeren Erscheinungsbild – und da haben sie wohl auch Recht!

Die Samen des Rizinusbaumes.

In den gemäßigten Klimazonen wächst die Pflanze als einjährige krautige Pflanze, in den Tropen als mehrjährige Pflanze. Die Pflanze ist schnellwüchsig und wird unter idealen Bedingungen innerhalb von drei bis vier Monaten bis zu fünf Meter hoch (!). In tropischem Klima erreicht sie nach mehreren Jahren Wuchshöhen von bis zu 13 Metern und bildet einen verholzten Stamm. In saisonalen Klimaten stirbt die Pflanze jedes Jahr oberirdisch ab und treibt dann bei entsprechender Sonneneinstrahlung wieder neu aus.

Der Wunderbaum blüht von August bis Oktober. In der oberen Hälfte des Blütenstandes werden nur die an den roten Stempeln zu erkennenden weiblichen Blüten gebildet, in der unteren Hälfte nur die männlichen Blüten mit ihren typischen gelben Staubblättern. Es werden rotbraune, mit weichen Stacheln besetzte, dreifächerige Kapselfrüchte mit rötlichbraun-marmorierten, bohnenförmigen Samen gebildet. Der Wunderbaum trägt reichlich Früchte, die sogenannten „Castorbohnen“, die, wie schon erwähnt, an eine vollgesaugte Zecke erinnern. Die Samen sind schnellkeimend.

Diese Pflanzenart ist ursprünglich in Nordost-Afrika und dem Nahen Osten beheimatet. Als „Kulturflüchtling“ hat sie sich mittlerweile in allen tropischen Zonen verbreitet. Die Art liebt einen vollsonnigen, warmen und windstillen Platz. Der Boden sollte humus- und nährstoffreich und gut durchlässig sein. Eine gute Wasserversorgung fördert zwar das Wachstum, ist aber nach gutem Anwachsen nicht mehr zwingend, denn die Pflanze toleriert Dürrezeiten.

Der Rizinusbaum.

Das viskose, durchsichtige bis gelbliche Rizinusöl, (auch Kastoröl, pharmazeutische Bezeichnung: Ricini oleum – auf Griechisch Kastorelaio – „καστορέλαιο“) wird aus den Samen der Pflanze (Ölanteil von etwa 40 bis 50 %) kalt gepresst und besteht zu 70-77% aus Triglyceriden der Ricinolsäure. Im Gegensatz zu den Samen ist es ungiftig. Neben seiner medizinischen Anwendung als Laxans (Abführmittel) wird es in Mischung mit Methanol auch zur Schmierung von Verbrennungsmotoren im Modellbau eingesetzt (Glühzündermotoren).

Achtung: Giftig!!!

Wie gesagt, das Rizinusöl ist nicht giftig – die Samenschalen des Wunderbaums sind es aber sehr wohl, da sie das toxische Eiweiß Rizin enthalten. Der Rizingehalt in den Samen des Wunderbaums liegt bei etwa 1-5%. Bei der Einnahme von Rizin kann schon eine Menge von 0,25 Milligramm tödlich wirken, das entspricht wenigen Samen. Rizin löst sich zwar in Wasser, ist aber fettunlöslich und daher im Rizinusöl nicht enthalten. Beim Pressen der Samen verbleibt das Gift somit in den Pressrückständen.

Schon winzigste Mengen von Rizin reichen aus, um Menschen zu töten. Nach den Bakteriengiften Botulinustoxin A und Tetanustoxin ist Rizin die drittgiftigste in der Natur vorkommende Substanz überhaupt. Bezogen auf die Dosis, ist Rizin 25 000 Mal giftiger als etwa Curare oder Strychnin; ein Milligramm bringt einen Erwachsenen um. Eine Gefahr für Kinder sind auch Halsbänder aus Rizinussamen, die auf Märkten im Ausland als Schmuck verkauft werden.

In den Körper kann Rizin auch über die Atmung gelangen oder über Hautverletzungen. Dort blockiert das Giftmolekül – es ist selbst ein komplex aufgebautes Protein – die Proteinsynthese-Fabriken der Zellen, die Ribosomen. So unterbricht es die Auf- und Umbauprozesse im Organismus. Als Folge stirbt die Magen- und Darmschleimhaut ab, und es kommt zu inneren Blutungen. Wen die Blutungen noch nicht getötet haben, erleidet zusätzlich Leber- und Nierenschäden. Seit kurzem gibt es Hinweise darauf, dass Rizin auch Nervenzellen zerstört. BITTE NICHT ZU HAUSE UND AUCH NICHT WO ANDERS PROBIEREN!!!!

Symptome einer Rizin-Vergiftung sind:

  • Starke Schleimhautreizung (unter anderem Brennen in Mund und Rachen)
  • Schädigung von Niere, Leber, Magen und Darm
  • Übelkeit, Erbrechen, Krämpfe

Der Tod tritt üblicherweise durch Kreislaufversagen etwa zwei Tage nach der Vergiftung ein. Ein agglutinierendes Protein führt zum Verklumpen der roten Blutkörperchen. Es ist kein Gegengift bekannt.

Rizin ist eines der potentesten natürlich vorkommenden Gifte überhaupt und außerdem sehr leicht herstellbar. Da es auch über die Atemwege wirkt, wurde es von der britischen Armee auf seine Verwendbarkeit als Kampfstoff geprüft, sein Einsatz jedoch verworfen und die entsprechenden Vorräte vernichtet, insbesondere, da es sich nur schwer als Aerosol verteilen lässt und eher für Anschläge auf Einzelpersonen geeignet ist. Trotz seiner mangelnden Eignung für einen Angriff mit dem Ziel von Massentötungen ist Rizin in der Liste 1 der Chemiewaffenkonvention (CWC) aufgeführt, die die giftigsten Toxine enthält, und zugleich auch in der letzten Version der Bio- und Toxinwaffen-Konvention (BTWC).

Der erste bekannte Einsatz von Rizin als Waffe war 1978 beim Regenschirmattentat, als der bulgarische Journalist und Dissident Georgi Markow in London von bulgarischen Geheimdienstagenten auf offener Straße mit einem Regenschirm, dessen Spitze mit einer 1,52 Millimeter großen Kugel mit 40 Mikrogramm des Toxins präpariert worden war, angegriffen und in den Unterschenkel gestochen wurde. Markow starb einige Tage später im Krankenhaus an einem Kreislaufversagen als Folge der Vergiftung.

Schön ist er aber auch, der Wunderbaum!

Der Wunderbaum ist eine beliebte Zierpflanze, zumal sie schnellwüchsig ist und von exotischem Äußeren. In gemäßigten Breiten überlebt die frostempfindliche Pflanze den Winter jedoch nicht und wird daher meist nur einjährig kultiviert. Idealer Standort im Garten ist ein Mistbeet, oder auch jede andere nicht zu schattige Stelle.

Mehrere Sorten sind gezüchtet worden, meist für die kommerzielle Ölproduktion. Einige Sorten wurden jedoch auch für den Zierpflanzenhandel gezüchtet: „Carmencita“ mit bronzeroten Blättern und leuchtend roten Blüten; „Impala“, eine Miniatursorte mit roten bis purpurnen Blättern; „Sanguineus“ mit blutrotem Stamm und Blattwerk; „Gibsonii Mirabilis“, eine Zwergsorte in dunkelrot und „Zanzibarensis“ mit weiß geäderten, grünen Blättern.

Die Verwendung des Wunderbaumes als Medizinal- und Ölpflanze ist bereits um 1552 v. Chr. im ältesten erhaltenen medizinischen Text, dem altägyptischen Papyrus Ebers, bezeugt, auch wurden Samen der Pflanze in ägyptischen Gräbern gefunden (vielleicht waren ebensolche Samen ja die Todesursache?).

 Äußerst wirksam, aber nicht wirklich appetitlich.

Am bekanntesten ist die seit dem 18. Jahrhundert verbreitete Verwendung der Rizinussamen („Purgierkörner“) als unverdauliches Abführmittel bei Verstopfung oder zur beschleunigten Darmentleerung. Die Wirkung tritt zwei bis vier Stunden nach der Einnahme von rund 10 bis 30 Millilitern Rizinusöl ein. Einige Verbindungen des Öls wirken aber schon nach 10 bis 20 Sekunden. Die eigentlich wirksame Substanz ist die Rizinolsäure, eine C18-Fettsäure, die erst im Dünndarm durch körpereigene Lipasen (fettspaltende Enzyme) freigesetzt wird. Durch die Sammlung von Wasser im Darm entsteht eine vergrößerte und erweichte Stuhlmenge und damit die abführende Wirkung. Zusätzlich führt die freigesetzte Rizinolsäure zu einer Reizung der Darmschleimhaut, wodurch ebenfalls eine abführende Wirkung entsteht.

Als Nebenwirkung wird die Aufnahme von Natrium und Wasser und von fettlöslichen Vitaminen aus dem Darm gehemmt, ein erhöhter Kalium- und Elektrolytverlust kann die Wirkung von Herzglykosiden verstärken. In höheren Dosen können Übelkeit, Erbrechen, Koliken und heftiger Durchfall auftreten. Während des italienischen Faschismus war die Zwangsverabreichung von Überdosen Rizinusöl eine berüchtigte Foltermethode mit vielen Todesopfern.

Außerdem wird über eine Anwendung als wehenförderndes Mittel (durch die abführende Wirkung) in einem so genannten Wehencocktail berichtet. Äußerlich wird Rizinusöl zur Behandlung von Warzen und Ringelflechte angewandt. Na Mahlzeit…..

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Verwendung in der Industrie

Die bei weitem wichtigste Anwendung ist die Verwendung als natürliches Polyol für Polyurethankunststoffe. Die Anwendungsbereiche sind PU-Schäume (z. B. Polster und Matratzen, Bauschäume), Gießharze (z. B. Elektrovergussmassen), Klebstoffe und viele weitere.
Auch als Rohstoff für Linoleumböden, Lack- und Farbherstellung ist Rizinusöl im Einsatz, als Weichmacher in der Kunststoffindustrie sowie als Gleit- und Schmiermittel. In der Kosmetikindustrie wird es als Grundstoff für Lippenstifte, Shampoo und andere Kosmetika verwendet.

Das Öl der Samen wurde früher vor allem in Europa als Brennöl eingesetzt. Der Einsatz als Energieträger zur Herstellung von Biodiesel wird neuerdings wieder diskutiert. Die Rückstände der Ölpressung (Ölkuchen, Schrot) werden nach Entgiftung durch Hitzeinaktivierung häufig in organischen Düngern oder als Tierfutter verwendet.

Im Modell- und Motorsport wird Rizinusöl bei Zweitaktmotoren als schmierender Bestandteil dem Treibstoff beigegeben (Gemischschmierung). Bei Verbrennung solcher Zweitaktgemische entsteht ein charakteristischer Geruch.

Rizin wird wegen seiner zytostatischen, also wachstumshemmenden Wirkung auf Krebszellen derzeit für die Verwendung in der Tumor-Therapie geprüft.

Das wichtigste Produzentenland für Rizinusöl ist Indien, das mit jährlich 750.000 Tonnen etwa 60 Prozent zur Weltproduktion beisteuert. Weitere wichtige Produzentenländer sind die Volksrepublik China und Brasilien.

Und auch hier auf Kreta wächst er, der Rizinusbaum, wird aber wohl kaum industriell genutzt. Zur Beschleunigung des Ablebens unliebsamer Zeitgenossen hoffentlich auch eher weniger, aber darüber haben wir leider keine belastbaren Informationen. Schön anzugucken ist er – und basta!

Quellen: Markus Dörr, die „Welt“ und Wikipedia

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