Eine wunderschöne alte Geschichte aus der Messará.

Bei uns geht es ja nun mal fast ausschließlich um Kreta und so „stolpern“ wir bei unseren Recherchen auch immer wieder über bezaubernde, wunderschöne Bücher, die einem so richtig das Herz aufgehen lassen.

Eins davon ist „Kreta“ von Erhard Kästner und wir wollen gerne die eine oder andere Erzählung mit Euch teilen. Heute geht es um ein Erlebnis Erhard’s, das sich in der Messará zutrug – aber lest selbst:

„In der Messará gilt immer noch, ehemals wie heut, das Cherete! freue dich! und es beglückt, hunderte Mal des Tages mit diesem schönsten Gruße der Welt gegrüßt zu werden. Besonderer ist das Kalos orisate!, das einem beim Betreten des Dorfes oftmals geschenkt wird. es bedeutet Herzlich willkommen, und ich bin nun genügend eingewohnt, um darauf antworten zu können: Kalos sas vrika! gut find ich dich vor.

Es kam mir, während ich so an den Hängen und Falten des Ida entlangzog, auf die kürzesten Wege nicht an. Solang das Gebirge, das ich umkreiste, sich türmend zu Rechten erhob und zur Linken die tiefen Blicke blieben ins Tal, war es gut. Wir hatten Zeit, mein Esele und ich, und die Mühe war uns köstlich – wenigstens mir. Ich hatte kein ziel , als das ich mir setzte, und der Esel gar keins. Wer mich gefragt hätte, welcher Wochentag es sei und welcher im Monat, der war mein Feind.

Einmal im glühenden Hochmittag saß ich nah einem Dorf an einem Quellbrunnen auf glattgesessenen Steinen. Der Esel stand im Schatten einer Platane. Hinter der Mauer wuschen die Frauen in steinernen Trögen.

Ein Bauer kam auf einem Maultier daher, groß, jung und stattlich. Er stieg ab, das Maultier soff. Bald kam ein zweiter, ein dritter dann waren es fünf. Wir hatten ein gutes Platanengespräch. Schließlich hatte der erste eine Idee. Ich sollte mit zu ihm kommen, er lasse Berghühner braten. Alle vier anderen zogen mit. 

Der schwärzliche Hausraum war gegen die Straße zu offen, der Vorplatz beschattet von Weingerank. Die Einrichtung bestand aus einer Bank, drei wackligen Stühlen und einer uralten Europakarte, auf der alle Namen seltsam vergriechischt waren. In der Ecke war der Küchenkamin, der Boden war Lehmgestampf.

Der Poedros, der Schultheiß des Dorfs, fand sich auch noch ein. Er trug die blaugestickte Kreta-Weste, das geriffelte weiße Hemd und die Pluderhose. Sie nahmen ihn nicht sehr ernst. Die Einladung begann mit Raki, dem kretischen Tresterschnaps. Sechsmal mußte ich „is igian“, zur Gesundheit Bescheid tun. Dann fiel es dem ersten ein, mir kali patrida, glückliche Heimkehr ins Vaterland zuzutrinken, und alle folgten. Das waren zwölf Raki für mich.

Mittlerweile wurden vier erlegte Berghühner vorgezeigt. Die Gegend ist reich daran, es waren ihrer viele von meinen Bergwegen aufgeflattert, ich hatte sie bisher für Rebhühner gehalten. Sie waren am Quell in die Schlinge gegangen. Die Frau begann sie zu rupfen und vor unsern Augen zu braten. 

Ein Tisch war nicht da, die Gläschen standen auf einem Stuhl in der Mitte. Es gab ohnehin ihrer nur zwei; ich gab fleißig acht, daß mir dasselbe verblieb, während das andere die Runde machte. auch die Hühner, als sie gar waren, schnell und duftend gebraten, mussten sich auf dem Stuhl bequemen. Es war auch nur ein einziger Teller vorhanden. 

Zu den Hühnern gab es nun roten Wein, wieder sechsmal is igian und sechsmal kali patrida. Die Unterhaltung war voller Scherze und ausgelassen, ein Wunder bei meinem dürftigen Griechisch; aber es ging. Eh ich´s versah, war die Sonne im Sinken. 

Der Abschied war herzlich bewegt wie nach langer Freundschaft. Sie gaben mir das Geleit bis vors Dorf. Ich hätte jedoch nicht die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass nicht einer oder der andre von ihnen mit den Banden des Ida zum mindesten gut stand.

Gewiss war mein Erscheinen im Dorf nichts Besonderes, und meiner Bewirtung lag keinerlei Absicht zugrunde. Es war nur der Anlass, einen Nachmittag zu verfeiern – einen Nachmittag wie diesen: voll griechischer Armut, voll griechischen Reichtums. Voll griechischer Lebensleichte, die nichts vom Dasein verlangt – was es schenkt, aber genießt in umarmender Weltlust.

Der Bauer, bei dem ich zu Gaste war, war sicher nicht besser und nicht schlechter gestellt als die anderen. So wie er behaust war, sind sie es alle. Aber die Gastfreundschaft ist ein elementarer Trieb, der heftigsten einer. Auf Kreta, wo alles leidenschaftlich gesteigert ist, ist er noch stärker als auf dem Festland. Es ist einer der schönsten Triebe unter Menschen, von geradezu biblischer Macht, überwältigend in seiner aufbrechenden Güte: ganz ungemischt. Man irrte, wollte man meinen, dass er nicht rein sei, wie ich es oftmals erwog: dass vielleicht das Bedürfnis zu gelten bestimmend im Spiele sei oder etwas, das man mit den Worten umschriebe: sie kaufen die Seele des Gastes.

Es ist ein Trieb, ursprünglich und rein, der uns, es bleibt zu gestehen, in dieser Kraft fremd ist. Nicht hundert-, sondern tausendmal erfahren im kleinen und großen, sammelt sich im Beschenkten viel Dank gegen das Land. 

Nicht immer ist einem das Gastsein gerade erwünscht, doch kann man sich schwerlich entziehen. Ich erinnere mich da der Erzählung eines Archäologen, der mir für Kreta den Rat gab, in einsamen Dörfern Einladungen möglichst nie abzuschlagen. Die Kreter seien imstande, den widerspenstigen Gastfreund als Feind zu betrachten und zu verfolgen. Für ihn selber, der körperlich nicht der Festeste war, meinte er, sei das oftmals recht peinlich. Denn es liefe von Dorf zu Dorf auf eine Unzahl von Rakis hinaus, und bis er dann endlich angelangt sei, sei seine wissenschaftliche Erkenntniskraft heftig getrübt.“ 

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4 Kommentare

  1. Moin und Kalimera Susanne, ich hätte es gut gefunden, wenn du noch daraufhin gewiesen hättest, daß der Schriftsteller Erhart Kästner sehr umstritten ist.

    „Der Schriftsteller Erhart Kästner (1907-1974) ist bei Griechenland-Liebhabern noch heute äußerst populär. In Rezensionen seines Werkes wird er als „Philhellene“ und „Humanist“ beschrieben. Kästner trat 1939 der NSDAP bei und meldete sich freiwillig zur Wehrmacht. 1941 erhielt er auf eigenen Wunsch von der deutschen Militärführung in Athen den Auftrag, Griechenlandbücher für die Soldaten zu schreiben. So entstanden die Werke Griechenland und Kreta.“
    Quelle: Arn Strohmeyer, Dichter im Waffenrock, Erhart Kästner in Griechenland und auf Kreta 1941 bis 1945, Sedones 7, Mähringen 2006, ISBN 978-3-937108-07-0

    „Den wenigsten Kästner-Fans dürfte bekannt sein, dass er seine beiden ersten Bücher – mit den Titeln ‚Griechenland‘ (1942) und ‚Kreta‘ (fertiggestellt 1943, ‚gereinigt‘ herausgegeben 1946) – im Auftrag der Wehrmacht geschrieben hat und dafür vom eigentlichen Kriegsdienst freigestellt war. Erschreckend ist, dass Kästner von den Verbrechen der Wehrmacht insbesondere auf Kreta gewusst haben muss, weil er zu deren Zeitpunkt dort seine ‚klassisch-romantischen Wanderungen‘ unternahm, überhaupt nicht aber die Leiden der griechischen Bevölkerung wahrnimmt oder aber Armut und Hunger, verursacht durch die systematischen Raubzüge und Beschlanahmungen durch die Deutschen……“
    Quelle: Ursula Spindler-Niros in Philadelphia Forum, Juni 2006

    Literarische Wanderungen eines Soldaten: Erhart Kästner auf Kreta
    https://michaela-prinzinger.eu/allgemein/literarische-wanderungen-eines-soldaten

    schönes Wochenende, kv

  2. Darüber haben wir bereits vor Jahren geschrieben.

    „Kann ein Nazi Poet sein?
    Ein Poet auch Nazi sein?“

    Gut beschrieben ist es auf jeden Fall.

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