ERT sendet nicht mehr – Ein Kommentar

Aus Athen, von unserer Gastautorin Edit Engelmann

KONZERT BEI ERT
Zelte im Garten – Souflaki, Getränke, Nüsse und Würstchen-Buden auf der Mesogeion – Vollsperrung für den Verkehr aus beiden Richtungen – mindestens geschätzte drei- bis viertausend Menschen auf den Füßen – Fahnen werden geschwenkt – aus den Lautsprechern ertönt erstklassige Klassik.

Jeder gute Deutsche fühlt sich bei diesem Spektakel an eine Mega-Kirmes erinnert. Hier, in Athen, ist es der Kampf um ein Grundrecht, dass laut allen Grundgesetzen, dem Amsterdamer Vertrag, Verfassungen und anderen Präambeln jedermann in der EU garantiert ist: Das Recht auf freie und unabhängige Information. Die Mitarbeiter des Senders, der am 11. Juni ohne Vorankündigung samaratisiert wurde, haben am 14. Juni abends zum Konzert gebeten. 500 Musiker kamen zum Solidaritätskonzert und spielten in den Örtlichkeiten des abgeschafften Senders kostenlos für Tausende. Sie spielten für die Bevölkerung und für die, die draussen vor der Tür, im Garten, auf der Strasse und im ganzen Land, der EU und weltweit an ihrer Seite stehen. Die wunderbaren klassischen Stücke haben sicherlich gewissen symbolischen Charakter: Beethovens Schicksalssymphonie gefolgt vom Gefangenenchor aus Nabucco. Selbst Hip-Hopper und Hard-Rocker lauschen andächtig einer Darbietung, die ihnen unter normalen Umständen als Blümchenmusik nicht zum Frappe hätte serviert werden dürfen.

Wenn man sich zwischen die Menschen mischt, ändert sich das Kirmes-Gefühl. Frauen und Männer stehen im Schock beieinander. Immer noch. Selbst Tage nach Bekanntwerden der Schließung. Alt und jung, dick und dünn, Oma und Opa, Vater und Mutter mit Kindern und Enkelkindern. Sie kommen in Jesuslatschen und Armanileder, in abgerissenen und Designer-Jeans, mit grünen und mit grauen Haaren und zeigen ihre Solidarität – fassungslos über die einsame Entscheidung ihres Premierministers, der nicht mal seine Koalitionspartner informiert – geschweige denn gar konsultiert – hatte. Sogar die EU – und deren führende Politikerin – bemühte sich schnellstens in Erklärungen festzustellen und – durch im restlichen Europa noch vorhandene Medien – zu verbreiten, dass sie nun wirklich keinesfalls irgendwelchen Einfluß genommen geschweige denn sich in die autonome einsame Entscheidung des Premierministers eingemischt hätte oder gar daran beteiligt gewesen wäre.

Das ganze wäre ja auch einigermassen glaubhaft – hundertprozentig glaubt man ja schon länger nicht mehr – gäbe es da nicht – seltsam, seltsam – dieses Memorandum aus 2010 mit dem beigefügten Memorandumbestand der Regierung, auf dem nun dummerweise ein Absatz steht, der sich in der Übersetzung in etwa so liest:
Schließung von nicht-essentiellen öffentlichen Einrichtungen und Agenturen (0,5% des GDP).

„Wir haben in diesem Bereich schon Fortschritte erzielt und ungefähr 4.500 Einrichtungen geschlossen oder unter der Kallikratis Reform fusioniert. Der Aktionsfokus verlagert sich nunmehr auf weitere 1.500 Ministerien unterstehende öffentlicheEinrichtungen und soziale Sicherungssysteme. Wir haben schon 77 dieser Einrichtungen geschlossen und werden bis Mitte August ein Gesetz herausbringen, um weitere 40 Einrichtungen zu schliessen, 25 zu fusionieren und zusätzlich 11 große Einrichtungen mit insgesamt 7000 Mitarbeitern zu konsolidieren (dazu zählen Vermögensverwaltungesgesellschaft, Baugesellschaften und öffentliche Fernsehgesellschaften).“

Noch einmal hinhören: die Schließung und/oder Konsolidierung öffentlicher Fernsehgesellschaften steht im Memorandum von 2010. Jetzt fragt sich doch der Frosch, wie das denn dann sein kann, dass die EU das nicht wusste und die Koalitionspartner auch nicht. Lesen die diese Memoranda denn nicht, bevor sie die unterschreiben? Sind die beim Aushandeln vielleicht persönlich gar nicht gegenwärtig – oder ist das so eine Art von Amts-Alzheimer, die immer dann einsetzt, wenn man hofft, dass sich niemand aus der Bevölkerung mehr erinnert? Unter Umständen spielen die aber auch so eine Art Scharade mit den ihn anvertrauten Völkern – und sagen ihnen das nicht.

Halten wir also nochmal fest, damit es auch keiner überliest. Alle in der EU sind besorgt. Da ist was faul im Staate Griechenland. Nur: worüber sind sie denn so besorgt? Über die Schliessung wohl nicht, denn die war ja vereinbart. Ob die Menschen informiert sind oder nicht, ist es wohl auch eher weniger. – Kann das denn dann was mit Wahlen zu tun haben? Was wählt Deutschland, wenn es feststellt, dass der von Mutti gewählte Ausweg für die griechischen Freunde nicht funktioniert, weil man die griechische hörige Regierung abgewählt und eine neue gewählt hat, die einen anderen Ausweg wählt. Dann wählt keiner mehr Mutti… – und das wäre wahrlich ein Desaster. Also vor uns bis September – Ruhe halten. Notfalls muss der griechische Samariter zurückrudern – die Pinnen hat er ja schon umgedreht.

Nach dem Shirtstorm auf die einsame Entscheidung wird jetzt beim Amt gejunckert. Frei nach dem Motto: erst sagen’s wir ihnen – dann demonstratieren sie – dann warten wir ab, bis sich der Unmut legt – und dann machen wir es trotzdem. Luxemburger Politlogik EU-weit erfolgreich angewandt.

Geschlossen wurde ERT – laut Premierminister – übrigens wegen Sumpf, Unproffessionalität, Verschwendung und Ineffizienz. Alles neu – war die Devise. Statt ERT jetzt NERIT. Freudig wurde der Name – mit N für Neu – angekündigt und das I von Internet vergessen. Die URL hat sich ein Athener Unternehmen reserviert, was auch nicht bereit war, es der Regierung wieder abzutreten. Bisher jedenfalls. Aber vielleicht erfinden die ja jetzt eine Steuer, mit der sie des Namens auch I-mässig doch noch habhaft werden können. Eine vollproffessionelles und effizient schildbürgerhaftes Vorgehen – gar kein Vergleich mit dem alten ERT.

Es scheint ebenfalls keiner daran gedacht zu haben, dass mit dem Abschalten von ERT auch der Parlamentskanal gelöscht wurde, der normalerweise stunden- und tagelang die Regierungsdebatten live überträgt. Manche Schelme behaupten doch glatt, das wäre Absicht gewesen – denn jetzt bekäme die Bevölkerung auch nicht mehr mit, welche neuen Schröpfgesetze verabschiedet werden. In diesen trost- und senderlosen Wochen und Monaten – die vergehen sollen, bis NERIT seine um die Hälfte reduzierte Arbeit aufnimmt – hört natürlich keiner ein Wort von dem, was im Parlament gesprochen wird. Somit kann man etwaigen Demonstrationen in der Urlaubstouristenzeit zuvorkommen. Griechenland ist schön – alles Ouzo.

Übrigens sind auch BBC, CNN und andere fremdsprachige Sender offline gegangen, die mit ERT zusammen über die gleiche Frequez ausgestrahlt wurden. Machts nichts. Wer muss denn auch wissen, was in der Welt passiert? So lange auf dem privat-kontrollierten TV Sirtaki getanzt wird und gefühlte 235 Kochshows den Zuschauer mit den Augen die Delikatessen geniesst, auf die der Bauch schon lange verzichtet. Alles in Ordnung – alles Ouzo. Zwischendurch erinnert der eine oder andere Kriegsbrutalo mit erhobenem mentalen Zeigefinger daran, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte.

Dass das mit dem NERIT alles so gut geht wird, konnte nicht einmal der Professor glauben, dem man das Amt der neuen NERITführung angetrug. Er hat Job und Ehre abgelehnt. Für weniger als 0,5% des GDP wollte er sich seinen guten Ruf wohl nicht beschädigen lassen.

Apropos teuer. 5 Millionen Strafe an den Satellitenbetreiber hat es gekostet, den Sendebetrieb einstellen zu dürfen. Die Türkei hat sich in den grenznahen Gebieten und Inseln die Frequenzen gleich sichergestellt. Oftmals sind das die fernen Ecken, die ausser dem abgeschafften öffentlich-rechtlichen sowieso keine anderen Sender empfangen konnten. Macht nichts. Die haben jetzt gar kein griechisches Fernsehen mehr. Die lernen in Zukunft türkisch. –

Um dem ganzen noch etwas zusätzliche Würze zu verleihen, machen derzeit allerlei Gerüchte die Runde. Gerüchte deshalb, weil man ja nie so ganz nachprüfen kann, ob sie wirklich stimmen und welcher Teil Wahrheit und Unwahrheit ist. Es sollen angeblich 250 Bürger verhaftet worden sein, die es wagten, den Sendeübertragungen zu lauschen, die über EBU bereitgestellte Kanäle von dem ERT Nicht-mehr-Personal kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden. Straftat: das Hören eines nicht-existenten Senders. Einem ehemaligen ERT Mitarbeiter, der mit einem ehemaligen ERT-Bus Brötchen holen fuhr, wurden ebenfalls Handschellen angelegt: Diebstahl eines ehemaligen Fahrzeuges. Schilda lässt grüßen.

Von Amts wegen wird damit gedroht, dass keiner der ehemaligen ERT Mitarbeiter, der jetzt trotz Firmenauflösung noch Radio oder Fernsehen macht, von NERIT wieder eingestellt werden würde. Damit hätte das Neue ERT schon vorprogrammierte Programmprobleme wegen Mitarbeitermangel. Und während wir noch der Musik lauschten, dröhnte aus anderen Lautsprechern die Nachricht, dass im Stadtzentrum Druckereien von der Polizei eingekreist würden und man das Personal verhafte, das für Kundenaufräge Pamphlete druckte.

Halten wir also nochmal fest, damit es auch keiner überliest. Alle in der EU sind besorgt. Da ist was faul im Staate Griechenland. Nur: worüber sind sie denn so besorgt? Über die Schliessung wohl nicht, denn die war ja vereinbart. Ob die Menschen informiert sind oder nicht, ist es wohl auch eher weniger. – Kann das denn dann was mit Wahlen zu tun haben? Was wählt Deutschland, wenn es feststellt, dass der gemerkelte Ausweg für die griechischen Freunde nicht funktioniert. Dann wählt keiner mehr… – und das wäre wirklich ein Desaster. Also gilt die Parole: Durchhalten – bis September. Notfalls muss der griechische Samariter zurückrudern – die Pinnen hat er ja schon umgedreht. Griechenland? – Nur nichts mehr drüber sagen und berichten. Alles Ouzo.