Kreta – die Insel des Minos zwischen Krise und Aufbruch.

Von Dr. Holger Czitrich-Stahl

Kreta gilt als der mythische Geburtsort Europas. Der antiken griechischen Sagenwelt entnehmen wir, dass Zeus in Gestalt eines Stieres die Prinzessin Europa, Tochter des Koenigs Agenor, aus dem kanaanitischen Phoenikien nach Kreta entführte, wo er in Matala an Land ging.

Europa gebar ihm drei Söhne, die – so will es der Mythos – die Macht des minoischen Kretas begründeten: Minos, Radamanthys und Sarpedon. Kreta spielte in der griechischen Geschichte stets eine Sonderrolle. So konnte es sich am längsten gegen das expandierende Osmanische Reich behaupten, gelangte aber erst 1913 durch den im kretischen Chania geborenen griechischen Premierminister Eleftherios Venizelos zurück zum Mutterland, nachdem es die Grossmächte Europas seit 1898 als „autonomes“ Protektorat verwalteten. Nicht umsonst verweist dieser kretische Sonderweg auf ein leidenschaftliches Freiheitsbewusstsein der Kreter, das sich immer wieder durch in Blut erstickte Aufständen äußerte.

Dem heutigen Kreta geht es gewöhnlich besser als dem Mutterland.

Die Gründe dafür liegen im Tourismus, der auf Kreta einen wichtigen Erwerbszweig darstellt, aber auch in der gut funktionierenden Landwirtschaft, für die die Insel wegen ihrer Fruchtbarkeit und ihres Regenreichtums prädestiniert ist. Die traditionelle Gastfreundschaft der Kreter tut ihr Übriges für den guten Ruf der Insel.

Das Olivenöl Kretas gilt als das weltbeste, und die Menschen wissen dies. Doch die Krise, durch die Kreta bislang relativ weniger gegeißelt wurde als andere Landesteile, ist auch hier nicht mehr aus dem Alltag hinweg zu denken. Die Krankenhäuser arbeiten auf Sparflamme, weil die Mittel für die Aufrechterhaltung teurer OP-Verfahren gestrichen wurden. Das Gesundheitswesen steht vor dem Kollaps, die Ärzte kassieren in bar, so dass die Bank von Chania zinslose Kleinkredite an Patienten ausreicht.

Die Menschen, wenn sie Arbeit haben, malochen wie die Ackergäule, um ihre Familien zu ernähren. Immer mehr Familienangehörige werden als Arbeitskräfte einbezogen, so dass es für Nichtmittelständler immer schwieriger wird, einen Job zu bekommen. Billigarbeiter aus Albanien oder Bulgarien etwa erhöhen den von der „Troika“ dramatisch verschärften Druck auf die Löhne zusätzlich. So wundert es nicht, dass auch im Mittelstand Unmut über die Politik aus Athen immer lauter geäußert wird.

Sinkende Touristenzahlen auch auf der Insel des Minos reduzieren den Verteilungsspielraum für alle am Tourismus Beteiligten. Erhöhte Steuern und Abgaben tun ihr Übriges. Die Kreter ballen die Fäuste, immer häufiger nicht nur in der Tasche: Bauern protestierten vor dem Gelände des Flughafens von Heraklion. An eines gilt es die Sparkommissare aus Berlin, Brüssel und New York zu erinnern: Die Kreter sind traditionell eher links als die anderen Griechen, bei den Juniwahlen 2015 löste SYRIZA hier die bislang dominante PASOK flächendeckend als erste politische Kraft ab.

Doch es gibt außer der Radikalisierung weitere Zeichen der Hoffnung: Immer mehr Solaranlagen werden gebaut, die Kreter besinnen sich auf ihre eigenen Stärken in der Landwirtschaft und im Tourismus. Regionale Produkte werden bevorzugt von Kunde und Verkäufer. Und die unglaubliche Gastfreundschaft umgarnt den Besucher sofort.

Kreta gab unserem Kontinent seinen Namen Europa, ohne die Kreter und die Griechen würde unser Erdteil eine seine Hauptwurzeln kappen. Es ist nicht Europa, das untergehen würde, sondern ein Wirtschaftssystem, das in seiner Maßlosigkeit und Vermessenheit an seiner eigenen Beerdigung mitwirkt. (Geschrieben auf Kreta)

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